Tagesarchiv für den 17. Juli 2011

Oenning: “Das hat sehr viel Spaß gebracht”

17. Juli 2011

So schön und gut das ja für Paolo Guerrero ist, dass er mit Peru im Halbfinale der Copa America steht – für den HSV ist das sicher nicht von Vorteil. Verzögert sich jetzt doch die Rückkehr des Stürmers noch auf unbestimmte Zeit. Aber gut, der HSV ist ja ansonsten wieder da. Bis Dienstag auf jeden Fall. An diesem Sonntag und am Montag ist trainingsfrei, aber am Dienstag geht es wieder raus. Da wird bereits um 8 Uhr – nur der frühe Vogel fängt den Wurm – im Volkspark trainiert, und danach geht es nach Mainz, wo am Abend das Spiel gegen meinen großen Titelfavoriten ansteht: FC Bayern München. Eine erste Standortbestimmung?

Vielleicht eine ganz, ganz kleine. Aber auf jeden Fall keine, die schon die volle Aussagekraft hat, denn auch gegen die Münchner wird Michael Oenning noch nicht die beste, vielleicht die von ihm angedachte oder geplante Elf auf den Rasen bringen können. Da müssen sich die HSV-Fans noch in Geduld üben. Und so lange es nicht wieder ein 0:6 – wie beim letzten Mal – gibt, ist ja auch alles nur halb so schlimm. Wobei ein eben mitlesender Kollege sagt: „Nein, diesmal kein 0:6, das wird ein 0:7 . . .“ Schwarzhören und -sehen kommt teuer zu stehen – dem Kollegen jedenfalls.

Der „neue HSV“ ist mit jener Mannschaft, die sich diese 0:6-Klatsche bei den Bayern abholte, nicht mehr zu vergleichen. Und zwar in jeder Hinsicht. Es fehlen die Namen von Rang, es fehlt die Erfahrung – jetzt stehen die jungen Wilden auf dem Acker und in der Verantwortung, und die werden auf jeden Fall eines tun: sich den Hintern aufreißen. Und dabei können sie sich darauf verlassen, dass sie das auch volle 90 Minuten können, denn die konditionelle Grundlage dafür wurde in den beiden Trainingslagern auf Sylt und im Zillertal gelegt.

Michael Oenning hat ordentlich Gas gegeben. Und er sagt auch, dass erst mit den beiden Spielen beim T-Home-Cup die Vorbereitungsphase des HSV beendet ist. Der Trainer in seinem ersten Fazit: „Was wir auf Sylt und im Zillertal auf jeden Fall erreicht haben ist das, dass wir eine sehr hohe Arbeitsmoral an den Tag gelegt haben. Und dass wir es geschafft haben, möglichst viele Spieler auf ein ähnliches körperliches Leistungsniveau zu bringen. Das hat schon Spaß gebracht. Wenn ich sehe, wie engagiert und ohne Murren sich die Spieler haben bewegen lassen – das hat schon sehr viel Spaß gebracht.“

Es war auch ihm anzumerken. Für mich ist auch Oenning ein Gewinner dieses Trainingslagers, denn er wirkte in diesen Tage nicht nur enorm motiviert, er ging auch viel lockerer als noch in der vergangenen Saison durch diese Tage, wirkte viel offener, war auch aussagekräftiger. Er machte auf mich den Eindruck, dass er sehr genau weiß, was er will – und welchen Weg er beschreiten will, um seine Ziele zu erreichen. Und damit es dabei keine Missverständnisse gibt, hat der Coach auch alle seine Spieler entsprechend „eingenordet“. Keiner kann sich damit herausreden, nicht zu wissen, was die sportliche Leitung vorgegeben hat – und irgendwie habe ich den Eindruck, dass Oenning dabei restlos alles angesprochen und alle Eventualitäten aufgezeigt hat. Sogar der Umgang mit den Medien wurden den Spielern erklärt – und alles scheint bestens angekommen zu sein.

Wichtig, ganz wichtig, das Wichtigste überhaupt ist aber die sportliche Seite. Und auch da hat der Trainer – natürlich – klare und präzise Vorstellungen: „Wir müssen uns nicht mehr damit aufhalten, was in der vergangenen Saison war. Wir müssen uns damit beschäftigen, was wir mit den Spielern, die wir nun zur Verfügung haben, spielen wollen. Wir wollen eine eigene Spielidee entwickeln. Dazu müssen wir zunächst einmal alles überprüfen. Ich glaube, dass wir es schaffen müssen, dass die jungen Spieler erst einmal den gleichen taktischen Stand haben.“ Und Oenning sagt weiter: „Die Spieler müssen ein Gefühl dafür bekommen, was wir spielen wollen. Wir wollen möglichst schnell Fußball spielen, aber das ist natürlich auch mit das Schwierigste. Deswegen müssen wir auch da wieder Strategien entwickeln: wie bekommt man das hin. Wie bekommt man es hin, in bestimmten Situationen keine Fehler in seinem Spiel zu machen? Da sind viele Spieler noch ein wenig zu unbedarft. Das muss wachsen, das muss sich entwickeln. Deswegen müssen wir viele, viele Trainingsreize setzen, um das immer weiter zu automatisieren.“

Wie gesagt, Michael Oenning hat klare Vorstellungen von dem, was er will, was auf den HSV und sein Team zukommen wird.

Wobei der Mannschaftsgeist keine unwichtige Rolle spielen soll, sondern eine ganz wichtige. Der HSV soll endlich einmal wieder eine echte „Mannschaft“, eine verschworene Gemeinschaft werden – und ist schon auf dem besten Weg, das auch hinzubekommen. Ich habe es schon oft in den vergangenen Tagen erwähnt, ich kann es jetzt nur wiederholen: da entwickelt sich was. Schön zu sehen, dass dabei nicht nur die Spieler unter sich bleiben. Am vorletzten Abend in Finkenberg konnte ich folgende Szene am Büfett beobachten: Eljero Elia stand vor den Speisen und konnte sich nicht so recht entscheiden, was er nehmen will. Er stand da, und plötzlich stand Frank Arnesen neben ihm. Was machte der Däne? Er legte in aller Ruhe den rechten Arm auf die Schulter des Niederländers, sprach und flachste einige Sekunden lang mit ihm. Eine Geste, die mir signalisierte: Hier ziehen wirklich alle, tatsächlich alle, gemeinsam an einem Strang. Endlich.

Kann man nur hoffen, dass es auch so bleiben wird, wenn es den einen, den anderen oder auch mehrere Rückschläge gibt. Auf die Reaktion der Mannschaft bin ich heute schon gespannt. Und auch darauf, wie der eine oder andere Spieler reagieren wird, wenn er erfährt, dass er zunächst nicht in der Anfangsformation steht. Ob es dann ungemütlicher im täglichen Umgang untereinander wird?

Kommentar Michael Oenning zu diesem Komplex: „Wenn wir es schaffen, eine echte Mannschaft zu werden, dann wird es ein bisschen leichter.“ Und: „Was mir aber schon aufgefallen ist, dass die Kommunikation in der ganzen Truppe sehr gut ist, darum ist jeder bemüht. Die Spieler gehen alle sehr offen miteinander um, und dabei muss ich nicht nur die Spieler nennen, sondern wirklich alle. Auch jeder Funktionsträger ist darum bemüht.“
Der Trainer ganz allgemein zur Lage der Liga und zur Rolle, die sein HSV in dieser Saison spielen kann: „Ich glaube, dass wir für alle eine unbekannte Größe sind, dass die Konkurrenz nicht genau weiß, was sie mit uns anfangen soll. Und wenn wir es dann schaffen, möglichst viele zu ärgern, dann wäre es doch wunderbar.“

Und wenn der Teamgeist stimmt, wenn Kraft und Kondition ausreichend (für 90 Minuten und etwas mehr) vorhanden sind, und wenn auch das Tempo erstligareif ist, dann geht es noch um das taktische Spielverständnis eines jeden Spielers, und auch um Lust und Laune, vor allem auch um die fußballerischen Künste eines jeden Profis. Leute, die mit der Kugel umgehen können, die hat der HSV sicherlich immer noch (obwohl der „kleine Dribbelkünstler“ ja fort ging – ein kleiner Scherz am Rande), nur haperte es in der Vergangenheit oftmals daran, dass diese spielerischen Qualitäten auf dem Rasen im Dienste der Mannschaft gezeigt wurden. Wer solche Qualitäten besitzt, das wird Oenning nun jedem Mann klarmachen, der muss sie, sonst wäre es verschenktes Potenzial, nun auch endlich einmal für 90 Minuten und möglichst in jedem Pflichtspiel zeigen – nicht nur sporadisch.

Michael Oenning weiß, dass es dran (nicht nur gelegentlich) haperte: „Wir brauchen Individualismus in unserem Spiel. Wir brauchen zum Beispiel, wenn ein schnelles Dribbling erforderlich ist, Eljero Elia. Er ist in der Lage, mit hohem Tempo an den Gegenspielern vorbeizukommen. Aber ich brauche keine Spieler, die nicht an den Gegenspielern vorbeikommen . . .“ Wobei er sehr wohl Spieler braucht, die es immer wieder einmal versuchen. Denn wenn es niemand versucht, weil er Angst hat, den Ball zu verlieren (um danach ausgewechselt zu werden), dann ist das nichts mit dem Individualismus im HSV-Spiel. Ein sehr schmaler Grat, auf dem sich die Profis bewegen . . . Felix Magath, fällt mir spontan ein, würde nun sagen: „Deswegen sind sie ja Profis geworden, sonst hätten sie es bleiben lassen sollen.“

Wenn Per Ciljan Skjelbred (im Juli noch für Rosenborg Trondheim tätig – danke für den Hinweis!), Tomas Rincon und auch Guerrero (beide noch bei der Copa America) demnächst zur Mannschaft stoßen werden, dann ist der HSV komplett. Und hat dann auch meiner Meinung nach genügend Spieler. So sieht das (wohl) auch Oenning: „Wir haben dann eine gewisse Breite. Da kann man drüber diskutieren, ob sie gut genug ist oder nicht, aber wir haben eine hohe Leistungsdichte. Und das ist eigentlich gut, weil man damit auch immer wieder Ausfälle kompensieren kann. Schlimm wäre es erst, wenn wir bestimmte Positionen hätten, wo wir sagen, dass da auf keinen Fall etwas passieren darf.“

Ausfälle hat es bislang zwar reichlich gegeben, aber keine längerfristigen Verletzungen. Hoffentlich. Mladen Petric kämpft sich nach seiner Adduktoren-Operation allmählich wieder heran, das Bayern-Spiel am Dienstag aber dürfte noch zu früh für ihn kommen. Ähnlich sieht es bei Jaroslav Drobny (Rippenprellung) aus, der noch kein Spiel bestritten hat. Und bei Heiko Westermann dürfte es auch noch nicht für 90 Minuten reichen. Ganz sicher nicht dabei sind Tolgay Arslan (Oenning: „Ich hätte nicht gedacht, dass das mit ihm so lange dauert“) und Jeffrey Bruma, der nach wie vor Achillessehnenschmerzen hat. Ob der Niederländer schon bald wieder trainiert, bleibt offen, der HSV möchte auf jeden Fall vermeiden, dass diese Verletzung chronisch wird. Noch gar nichts zu sehen war bislang von Jacopo Sala, aber der Italiener wird wegen eines Muskelbündelrisses auch noch lange fehlen.
Bei Arslan soll einen Kernspintomografie Aufklärung darüber geben, wie schwer die Knöchel-Verletzung ist. Unklar ist noch, ob Gojko Kacar doch noch am Knöchel (Kalkablagerungen) operiert werden muss. Eine Entscheidung darüber wird zu Beginn dieser Woche fallen.

17.51 Uhr