Tagesarchiv für den 16. Juli 2011

Ende eines Trainingslagers

16. Juli 2011

Wieder in der Heimat. Einige Stunden vor dem HSV bin ich in Hamburg gelandet, aber der Übergang in die Normalität fällt mir immer noch sehr, sehr schwer. Der Todesfall von Schwaz hat mir eine schlaflose Nacht beschert, denn ich hatte ja geschrieben, dass die Frau, die nach dem HSV-Spiel gegen Al-Ahli im Stadion gestorben ist, für mich unbekannt war. Das stimmte leider nicht, wie ich gegen Mitternacht erfuhr. Ich hatte diese Frau, Michaela, vor einem Jahr beim HSV-Trainingslager in Längenfeld kennen gelernt, denn sie ist die Gattin des Organisators, der das gestrige Spiel gegen das Team aus Katar zustande gebracht hat. Ralph Sch. hat schon viele Testspiele für den HSV in Trainingslagern organisiert, so auch vor einem Jahr die Partie in Schwaz gegen München 1860. Der Mann ist mit HSV-Manager Bernd Wehmeyer befreundet, Ralph Sch. hat beste Kontakte in der Fußball-Szene, kennt sich auch im deutschen Fußball bestens aus, er ist mit vielen Stars bekannt und befreundet – und nun dieser schwere Schicksalsschlag. Ich kann es immer noch nicht fassen. Mein aufrichtiges Beileid, lieber Ralph, ich bin traurig, schwer geschockt und tief erschüttert.

Deswegen fällt es mir schwer, wieder zur Tagesordnung überzugehen und so zu tun, als wäre nichts geschehen.

Dennoch will ich noch einige Dingen vom HSV berichten. Die Mannschaft befindet sich nun auf dem Rückflug von München, die Spieler absolvierten heute am Vormittag noch eine Laufeinheit. Und Trainer Michael Oenning machte das, was ihm sein Co-Trainer Frank Heinemann vor der Partie gegen die Zillertal-Auswahl vorgemacht hatte – er sprang mit dem Tandem-Gleitschirm aus höchster Höhe in die Botanik von Mayerhofen. Eine Mutprobe der besonderen Art, Oenning hat sie genossen.
Wo ich gerade bei Training bin: Am Sonntag ist frei, am Montag zu 90 Prozent wohl auch. Und bevor jemand mault oder nörgelt, weil nun schon wieder freie Tage anstehen, so gebe ich zu bedenken, dass in Österreich so hart wie seit Jahren nicht mehr bim HSV geabrebietet und geschuftet wurde. Macht Euch keine Sorgen oder Gedanken, in diesem Fall ist es richtig – denn die Spieler haben alles gegeben und sind müde.

Als ich heute sehr früh mein vorerst letztes Frühstück im Sporthotel Stock einnahm, fiel mir die Serviette auf, die für mich auf dem Tisch lag. Jeden Morgen zierte ein anderer Spruch (des Tages) dieses weiche Stück Papier, heute stand folgende Weisheit darauf: „Mach dir den Tag doch niemals schwerer, ist er nicht Freund, so ist er Lehrer.“
Sehr nachdenkenswert.

Eine Sache war bislang noch offen, dass ist der Transfer von Alex Silva zu Flamengo Rio de Janeiro. Es stand immer noch die sporttaugliche Untersuchung, Teil zwei, aus, aber auch die hat der lange Brasilianer „gewuppt“, so dass er nun endgültig kein HSVer mehr ist. Ein langer Schrecken ohne Ende hat nun doch noch ein halbwegs versöhnliches Ende gefunden.

Und noch einmal das Thema Ende. Zum Ende eines jeden Trainingslagers macht fast ein jeder Sport-Journalist gerne die beliebte Beurteilung: Gewinner und Verlierer. Ich möchte das diesmal – wegen der eingangs geschilderten Verfassung – nicht so ausführlich machen. Ich möchte eigentlich nur einen Mann als Gewinner hervorheben, und das ist Gökhan Töre. Der Mann, der vom FC Chelsea zum HSV gekommen ist, bekam im ersten (Lauf.)Trainingslager auf Sylt von fast allen Hamburger Medien-Vertretern mächtig auf die Mütze. Zu selbstherrlich, wie ein Diva soll er sein, mit einem Hauch von Arroganz, dazu zu ballverliebt, und, und, und. Starker Tobak auf jeden Fall.

Nun war ich nicht mit auf Sylt, konnte mir also kein rechtes Bild über Töre machen. Die Kollegen, die ihn auf der Insel erlebt hatten und mit denen ich darüber sprach, bekräftigten aber dieses Urteil noch einmal in allen Punkten. Jetzt aber, jetzt wo das Trainingslager von Finkenberg und Hippach beendet ist, denken mit Sicherheit die meisten, ich würde fast wetten alle, anders über Töre. Denn das deutsch-türkische Kraftpaket, der gut und gerne auch „Meister Propper“ hätte doubeln können, hat sich im Zillertal von einer ganz anderen Seite präsentiert. Zurückhaltend, kein bisschen arrogant, er gab sich als absoluten Teamplayer – und er überzeugte fußballerisch. Der junge Mann gibt keinen Ball verloren, er wehrt sich mit seinen Bärenkräften, den schubst so schnell niemand um – und einen gepflegten Ball spielt er nebenbei auch noch. Wie gegen Al-Ahli, als er das HSV-Team immer wieder mustergültig nach vorne trieb. Bislang hieß es ja immer, dass sowohl Gökhan Töre als auch Michael Mancienne zunächst in der Regionalliga-Mannschaft von Rodolfo Cardoso spielen sollen, um dort Erfahrungen zu sammeln, aber mit solchen starken Leistungen wie am Freitag in Schwaz wird sich Töre auch von Trainer Michael Oenning nicht so leicht aus der Mannschaft „schubsen“ lassen. Was sehr, sehr schön, wäre, denn auf diese Art hätte der HSV ja einen vollwertigen Spieler für die Erste Liga hinzugewonnen.

Herr Arnesen, Kompliment, Ihr Auge scheint bestens zu funktionieren.

Wobei mich bei Mancienne nach dem Al-Ahli-Kick schon wieder leichte Zweifel beschlichen, aber das muss ja auch nichts Schlimmes bedeuten . . .

Zum Schluss noch dies: Die Postkarte der „Matz-abber“ (die Mädels und Jungs wissen, wer gemeint ist) ist noch nicht in Deutschland angekommen – in Österreich hat die Post offenbar einen anderen Akkord.

Danken möchte ich aber allen Matz-abbern, die im Zillertal dabei waren, die mir unheimlich viel Zuspruch gegeben haben – die einfach nur überragend waren. Danke für Eure großartige Unterstützung, danke für Eure Treue – danke für alles. Ich freue mich schon auf ein nächstes Mal. Ihr seid schon eine herrlich verrückte Truppe – mit Euch kann man Pferde stehlen – großartig.
Und solltet Ihr noch nicht wieder daheim sein, so wünsche ich Euch eine gute Heimreise, kommt gesund zurück.

PS: Ein spezieller Dank noch an Tim und Jörg – für Antonia. Werde ich in Ehren halten. Und nochmals ein Dankeschön an Fenja: Ich weiß es zu schätzen, dass ich als Erster schreiben durfte. Gutes Ding, nebenbei.

Allen „Matz-abbern“ ein schönes Wochenende – genießt das Leben.

17.23 Uhr