Tagesarchiv für den 14. Juli 2011

Jarchow möchte ins gesicherte Mittelfeld

14. Juli 2011

Es regnet Bindfäden im Zillertal. Ausgerechnet an jedem Tag, an dem am Abend das große „FFF“ steigen soll und wird, das große Freiluft-Fan-Fest. Am späten Nachmittag wird die Mannschaft erst trainieren, denn kommen die Spieler hinter das Lindenstadion, um den Fans Rede und Antwort zu stehen, um Autogramme zu geben und um für gemeinsame Fotos zu posieren. In jedem Trainingslager ein echtes Highlight, hoffentlich hat bis dahin der Wettergott noch ein Einsehen – und schließt die Schleusen. Morgen spielt der HSV übrigens gegen Al-Ahli. Anstoß der Partie in Schwaz in der Nähe von Innsbruck soll um 20.15 Uhr sein, die Partie wird live auf Sport1 übertragen. Um Gegner Al-Ahli hat es im Übrigen einige Verwirrungen gegeben. Welches Al-Ahli ist das denn überhaupt? Al-Ahli aus Dubai? Mit dem früheren Wolfsburger Grafite? Oder Al-Ahli Doha aus Katar? Letzterer Klub spielt nur in der Zweiten Liga – aber gegen diese Mannschaft geht es nun tatsächlich. Aber ein Zweitliga-Klub ist sicher allemal besser, als die Roten Bullen aus Salzburg – die Österreicher waren einst ja für diesen Freitag verpflichtet, dann aber vom HSV als Retorten-Klub und damit als „unpassenden“ Gegner abgelehnt worden.

Ins Zillertal nachgereist ist jetzt HSV-Boss Carl-Edgar Jarchow, der am späten Mittwoch eintraf. Wird er der entscheidende Mann, der grünes Licht für die nächsten HSV-Neuerwerbungen gibt? Der Klub-Chef sagte zum Thema Verstärkungen allerdings nicht viel Erhellendes. Eher nur Alt-Bekanntes: „Wir haben ja einen finanziell eingeschränkten Spielraum, was Neuzugänge betrifft. Das hat sich herumgesprochen.“ Also keine neuen Spieler (oder auch nur einen) mehr? Jarchow: „Wir haben nur dann einen finanziellen Spielraum für weitere Neuverpflichtungen, wenn wir weitere Spieler abgeben. Ein neuer Spielmacher ist nur dann möglich, wenn wir weitere Spieler abgeben werden.“ Und, um es zu verdeutlichen, fügte Jarchow noch an: „Für weitere Investitionen müssen wir unsere Fälle, die wir abgegeben wollen, geregelt haben.“

So wird zum Beispiel am Fall Guy Demel gearbeitet. Offiziell gibt es noch keine Angebote anderer Klubs, aber hinter den Kulissen wird schon eifrig gepokert. Und diesmal möchte der HSV nicht der Partner dafür sein, der den Kürzeren zieht. Soll heißen: Demel wird nicht fast verschenkt. Da soll schon noch Geld in die leere Kasse kommen.“

Und wenn das Geld „eingesackt ist, dann kommt noch der eine oder andere Star? Jarchow, der mit dem Mann aus Liverpool, der 100 000 Euro pro Woche kassiert, konfrontiert wurde, sagt nur charmant lächelnd: „Joe Cole? Das finde ich lustig.“
Aber dann doch Nicklas Bendtner, der Däne vom FC Arsenal? Jarchow: „Das sind Ablösesummen, mit denen wir uns derzeit nicht beschäftigen können . . .“

Wobei der Boss durchaus weiß, was Sache ist, denn er sagt selbst: „Wir müssen sehen, dass wir einen spielfähigen Kader zusammenbekommen.“ Und da werden die Herren vom HSV, allen voran Sportchef Frank Arnesen, wohl doch unter die Zauberer gehen müssen. Zuviel Geld ist in den letzten Jahren „verbrannt“ worden. Nur mal die vier Herren Alex Silva, Thiago Neves, Marcus Berg und David Rozehnal als Parade-Beispiele genommen. Carl-Edgar Jarchow sagt dann auch: „Ich habe nicht vergessen, dass wir für Herrn Silva und Herrn Rozenahl mal sehr viel Geld gezahlt haben . . .“

So ist es. Und dazu noch die üppige Gehaltserhöhung für Paolo Guerrero – das waren noch prächtige HSV-Zeiten (die noch gar nicht so lange her sind), in denen mächtig und üppig wie bei einem europäischen Spitzen-Klub aus dem Vollen geschöpft werden konnte. Aber das ist ja, wie wir alle längst wissen, der Schnee von gestern.
In der Gunst seiner Fans hat der HSV aber nicht groß gelitten. Fast 32 000 Dauerkarten sind verkauft, nur noch eine Loge ist noch offen. Zudem ist das Gehaltsniveau der Profi-Mannschaft um ein Drittel gesenkt worden, von 48 Millionen Euro auf 32 Millionen Euro. Die Weichen zur Konsolidierung sind gestellt. Jetzt muss es „nur“ sportlich gut laufen, dann könnte es auch schnell wieder bergauf gehen mit den drei großen Hamburger Buchstaben. Jarchow scheint optimistisch, denn er sagt: „Ich habe den Eindruck, dass sich so langsam eine Struktur in der Mannschaft bildet. Jetzt müssten wir nur von großen, langwierigen Verletzungen verschont bleiben.“

Natürlich beobachtet Carl_edgar Jarchow und sein HSV-Team den „Markt“. Und die Konkurrenz. Über die ebenfalls finanziell klammen Bremer sagt der HSV-Vorstandsvorsitzende: „Werder muss auch erst mal verkaufen, bevor die etwas holen dürfen. Und unsere Situation ist durchaus vergleichbar mit Werder Bremen. In Bremen haben noch viele Spieler Gehälter auf Champions-League-Niveau . . .“ Jarchow blickt auch schon mal nach Gelsenkirchen: „Schalke hat viel größere finanzielle Probleme als wir. Wir müssen nur zusehen, dass wir da nicht hinkommen.“ Aber das scheint ausgeschlossen, denn in Hamburg wird ja inzwischen wieder auf jeden Euro geachtet. Wobei nicht nur Hamburg auf die Finanzen zu achten scheint. Jarchow über die allgemein angespannte Finanz-Lage in der Bundesliga: „Es werden nur noch wenige große Summen auf dem Transfermarkt investiert – mal abgesehen vom FC Bayern.“ Und: „Auch der VfB Stuttgart hatte ein höheres Gehaltsvolumen als wir. Und das können die Schwaben eigentlich nur aufrechterhalten, wenn sie europäisch spielen.“

Ob der VfB das schafft, ist nicht das Problem der Hamburger. Der HSV muss da in erster Linie auf sich blicken, doch in nächster Zeit scheint ein europäischer Startplatz in weite Ferne gerückt zu sein. Und sprach Carl-Edgar Jarchow vor Wochen davon, dass es Glücksfall wäre, wenn der HSV schon wieder um Platz sechs mitspielen könne, so hat er seine Erwartungen doch schon etwas zurückschrauben können: „Ich bin froh, wenn wir uns im gesicherten Mittelfeld aufhalten.“

Einverstanden.

Und das Sportliche soll und wird Michael Oenning richten. Der Trainer macht nach wie vor einen zufriedenen Eindruck („Die Spieler reagieren auf hohe Intensität sehr gut“), denn nach wie vor ziehen alle Spieler bestens mit. Der Coach: „Sie fangen auch an damit an, zu begreifen, wie wir Fußball spielen wollen. Nämlich mit wenigen Ballkontakten zu versuchen, immer wieder schnell in die Tiefe zu kommen – da kann man schon einiges sehen.“

Im Moment befindet sich der HSV mitten im Schnelligkeitstraining, demnächst folgt die kurze Form: vier gegen vier, drei gegen drei, zwei gegen zwei. So richtig spannend aber dürften erst die nächsten Wochen werden, wenn es gilt, eine Stammformation zu finden. Im Moment lässt Oenning mit der 4:3:3-Taktik spielen, er selbst sagt dazu, dass er ja auch nur eine Spitze zur Verfügung hat: Heung Min Son. Mladen Petric ist noch leicht angeschlagen (es steht noch nicht fest, ob er morgen spielen kann), Paolo Guerrero ist bei der Copa America, Marcus Berg kehrt von seiner Reha in Schweden erst Anfang der Woche zurück nach Hamburg. Es könnte später also durchaus sein, dass Oenning auch mal mit zwei Spitzen stürmen lässt.

Aber das ist nur ein Fragezeichen. Ein zweites: Welche Rolle wird Marcell Jansen spielen? Er selbst, sagt der Coach, sieht sich als Linksverteidiger. Dann müsste Jansen also Dennis Aogo verdrängen, und das scheint im Moment doch fast ausgeschlossen. Der Trainer setzt auch eher auf einen „vorderen“ Jansen: „Er kann uns mit seiner Offensivqualität, so glaube ich, eher helfen.“

Zu einem anderen Spieler: Gojko Kacar. Der Serbe soll am Knöchel operiert werden, er leidet dort an Kalkablagerungen. Operation ja? Operation nein? Oenning: „es gibt so viele unterschiedliche Arten von Operationen, manche sind nicht so dramatisch, wie es sich anhört. Wir wussten ja, dass er diese Probleme hat, wir hatten uns aber entschieden, ihn nicht vorher behandeln zu lassen, damit er die Vorbereitung mitmachen kann. Wenn wir nach Hamburg zurückkehren, dann werden wir vielleicht einen Eingriff machen lassen, aber dieser Eingriff wird ihn dann nicht groß zurückwerfen.“ Kacar selbst hatte von cirka drei Wochen gesprochen, die er fehlen wird, Michael Oenning hofft offenbar auf viel weniger und sagt: „Bei seinem Temperament glaube ich nicht an eine so lange Zeit.“

Kein „Sorgenkind“ ist in diesem Jahr David Jarolim. Zuletzt war „Jaro“ bei jedem Trainer stets ein Wackelkandidat, einige wollten ihn schlicht und ergreifend loswerden. Das ist nun nicht mehr der Fall. Michael Oenning plant mit dem Tschechen, er baut auch auf ihn.

Der 32-jährige Jarolim ist schließlich auch ein Mann, der den jungen Talenten den „Musterprofi“ bestens vorleben kann. Und zudem ist Jarolim ein echter Teamplayer. Kein Unruheherd. Von jener Sorte hatte der HSV zuletzt zu viele, doch diese Zeiten sind vorbei. Der Umbruch ist im vollen Gange, und Oenning sagt: „Wir müssen es schaffen, eine gesunde Mischung auch in der Hierarchie auszubilden, da sind die Spieler auf einem guten, da sind wir auf einem Super-Weg, weil sie alles versuchen, miteinander zu entwickeln. Das ist ein Mannschafts-Prozess, den wir bewusst angeschoben haben, und nun hoffen wir, dass wir das auch auf dem Platz so hinbekommen wie wir uns das denken.“

Zu David Jarolim befindet Oenning: „Ich glaube, er wird wieder jünger. Ich glaube nicht, dass er auf den Platz läuft und denkt, dass er der Älteste ist. Ich glaube eher, dass er Spaß an der Sache hat. Wenn man sich als junger Spieler an David Jarolim orientiert, dann kann man nichts falsch machen. Ich bin froh, dass ich ihn habe, er ist einer derjenigen, die stets positiv zum Arbeiten stehen.“ Was aber nicht gleich zu setzen mit einem Freifahrtschein ist. Der Trainer sagt auch: „Er spielt aber nicht deswegen, weil er der Älteste ist, das weiß Jaro auch. Alle müssen sich aber immer wieder durchsetzen.“ Und: „Aber natürlich ist er immens wichtig für uns.“ Dann gibt es noch kurz eine Richtungsweisung für Jarolim von Onening: „Er ist ja ein Fußballer, dem man nichts mehr beibringen muss, er ist sehr, sehr ballsicher, ist auch sehr passsicher, aber natürlich hat er über die Jahre seinen Stil entwickelt, der darauf ausgelegt war, Bälle zu schleppen, zu halten, Freistöße zu provozieren – und das wollen wir im Moment gerade nicht. Und er wird sich deshalb umstellen müssen.“ Was er aber auch schon eindrucksvoll getan hat, denn er trennt sich nun schneller, viel schneller vom Ball.

So, kurz noch zu den angeschlagenen Spielern: Heiko Westermann trainierte heute mit, gefehlt haben dagegen immer noch Jeffrey Bruma (Achillessehne) und Tolgay Arslan (Prellung aus dem Wolfsburg-Spiel). Im Fall Bruma, das vergaß ich, habe ich den Tipp, den die „Matz-abber“ von einem Wanderer erhalten hatten, noch nicht an Michael Oenning weitergegeben: Murmeltier-Fett. Werde ich noch nachholen. Der Wanderer schwört darauf – und Hermann Rieger ebenfalls. Dann muss es doch helfen.

PS: Zwei prominente Besucher gab es heute im Sporthotel Stock in Finkenberg zu begrüßen: Sky-Reporter Marcel Reif und der frühere HSV-Trainer Kurt Jara.

So, nun aber schnell zum Training (läuft schon) und zum Fan-Fest. Dort lässt Michael Oenning (wie er im Scherz sagte) die neue Form des Beifallsspenden üben. Während des Trainings hatten einige HSV-Fans ihre Bäuche „freigelegt“ und hauten immer rauf auf den Speck – Applaus der besonderen Art.

17.08 Uhr