Tagesarchiv für den 10. Juli 2011

Bruma mag die deutsche Disziplin

10. Juli 2011

Joe Cole soll zum HSV kommen. Habe ich hier in Österreich im Videotext gelesen. Und im Videotext stand auch, dass Cole beim FC Liverpool 100 000 Euro pro Woche verdient. Nur. Zum Glück ist das nicht eine Null mehr am Ende, denn eine Million pro Woche kann der HSV sicher nicht zahlen. 100 000 pro Woche schon. Oder? Wenn ja, dann könnte aber der zusätzlich geplante Transfer von Rafael van der Vaart doch noch scheitern . . . Nein, nein, liebe Freunde des HSV, bitte, bitte, bitte, werdet eines Tages doch zu Realisten. Es wird keinen Cole geben, keine van der Vaart zurück, und keinen anderen Weltstar. Die bittere Realität sieht anders aus: Die Kassen sind leer. Und wer das immer noch nicht begreift, wer das immer noch nicht wahrhaben will, der ist ein Träumer.

Aber 100 000 Euro die Woche sind ja jetzt auch nicht das Thema. Das ist dann doch eher das Trainingslager im Zillertal. „Ihr müsst laufen, wir könn’ saufen!“ So das Motto einiger HSV-Fans, die dieses Motto lauthals während der zweiten Einheit verkündeten. Und zwar immer dann, wenn die Spieler an ihnen vorbei laufen mussten. Das ist doch mal eine moralische Unterstützung, die sich hören lassen kann. Obwohl ein ranghoher HSVer heute hinter der vorgehaltenen Hand sagte: „Das ist sicher keine gute Werbung für den HSV.“

Aber genug zu diesem Thema. Es wurde am Nachmittag nämlich auch gejubelt. Bei den Torschussübungen. Da wurden beispielsweise Mladen Petric und David Jarolim gefeiert, wenn sie ins Tor trafen. Der Mann aber, der vor allem im Blickpunkt stand, war Heung Min Son. Wenn der Südkoreaner traf, und er traf nicht selten gegen Tom Mickel und Wolfgang Hesl (der viele gute Paraden zeigte!), dann flippte das Publikum aus – und auch Son. Er jubelte stets so, als hätte er soeben in der 89. Minute zum 2:1 gegen Bayern München getroffen. Herrlich. Und super diese Stimmung. Die Spieler müssen einiges tun, aber es mosert keiner, es lässt sich keiner hängen. Und ich kann es nur noch einmal sagen: Michael Mancienne, der im Training im Volkspark eher einen lauen Eindruck hinterlassen hat (auf mich), der zeigt sich hier ebenfalls sehr engagiert. Konnte doch auch nicht sein, dass er so einen Vertrag beim FC Chelsea erhalten hätte . . . Es war wohl das harte Training, das ihm so zugesetzt hat – und nun hat er sich (wohl) daran gewöhnt.

Beim zweiten Training in Hippach fehlte Jaroslav Drobny (Rippenprellung), zudem liefen Marcell Jansen und Änis Ben-Hatira nur einige Runden. Es fehlte auch Jeffrey Bruma, der unter einer Achillessehnenreizung leidet. Mit dem niederländischen Nationalspieler sprachen wir heute, er konnte in Ingolstadt, ich schreibe es gerne auch noch ein drittes Mal, auf Anhieb überzeugen. Und der 19-jährige Abwehrspieler war mit seiner Leiszung auch ganz zufrieden: „Die erste Halbzeit war gut, in der zweiten Halbzeit wurden einige Spieler aufgrund des harten Trainings dann müde. Wir sahen bei den beiden Gegentoren nicht gut aus, daran müssen wir arbeiten.“

Wobei es ja nicht nur die beiden FC-Tore waren, denn der Zweitliga-Klub hatte ja durchaus die eine oder andere große Möglichkeit mehr. Bruma hatte erstmalig beim HSV mit seinem ehemaligen Chelsea-Teamkollegen Mancienne in der Innenverteidigung gespielt. Kommentar von Trainer Michael Oenning: „Beide begannen ein wenig nervös, aber fingen sich nach den ersten gelungenen Aktionen. Das konnte sich durchaus sehenlassen.“

Bruma spricht schon ganz gut Deutsch. Er hat es einst in der Schule gelernt. Er staunt im Moment über das harte Training beim HSV: „Das kenne ich nicht, dass man dreimal am Tag trainiert. Aber es ist gut, wir werden dadurch sicher sehr fit.“ Und er sagt: „In Deutschland wird viel Wert auf Disziplin gelegt, das kenne ich in dieser strikten Form auch nicht. In England musste niemand bezahlen, wenn er mal fünf Minuten zu spät kam. Ich finde es aber durchaus gut, diese Disziplin.“

Von meinen Kollegen wurde Bruma in Ingolstadt mit dem früheren HSVer Khalid Boulahrouz verglichen, seinem Landsmann, einige Fans sahen in Bruma aber auch einen „neuen Jerome Boateng“.

Den HSV hat Bruma in der vergangenen Saison mehrfach gesehen – als er wusste, dass er nach Hamburg wechseln könnte. „Die Bundesliga ist stark, es wird viel gelaufen“, sagt der WM-Teilnehmer von 2010 und ergänzt: „Ich will mir einen Stammplatz beim HSV erkämpfen, um mich weiter für die Nationalmannschaft zu empfehlen.“

Das wird ihm, die Leistung in Ingolstadt zum Maßstab genommen, wohl auch erreichen. Er spielt für sein Alter schon unglaublich abgeklärt, souverän und mit einem guten Blick für die Situation. Und er macht körperlich schon einen kräftigen Eindruck, Bruma ist kein Typ, der sich die Butter vom Brot nehmen lässt.

Aber genau deswegen hat ihn Frank Arnesen wohl auch zum HSV geholt. Der Sportchef ist mit ins Trainingslager gekommen, hatte ja zuletzt in Brasilien versucht, den Noch-HSVer Alex Silva zu verkaufen. Was noch immer nicht gelungen ist: „Ich bin noch müde von diesem Trip, wir haben viel geredet, aber es ist sehr kompliziert, Silva zu verkaufen.“ Weil vier Parteien mitreden wollen. Zwei Berater, dazu der Klub Flamengo und der HSV. Arnesen: „Das braucht noch seine Zeit, aber alle wissen, dass wir etwas tun müssen, denn am 22. Juli schließt das Transferfenster in Brasilien.“ Bis dahin muss also eine Entscheidung gefallen sein.

Noch kein Angebot gibt es für Guy Demel, der zurzeit bei der HSV-Regionalliga-Mannschaft trainieren muss. Ob Ciljan Skjelbred noch während des Sommers zum HSV kommen wird, hängt allein von Rosenborg Trondheim ab. Arnesen: „Rosenborg hat zehn Spiele im Juli, darunter die Champions-League-Qualifikation, deshalb wird er kaum vor August zu uns stoßen können. Skjelberg selbst will so schnell nach Hamburg kommen, er freut sich auf Hamburg, hat Lust, für den HSV zu spielen – und genau solche Spieler wollen wir ja. Spieler, die Lust haben für den HSV zu spielen.“

In Kontakt steht Arnesen, steht auch Michael Oenning mit den beiden Spielern, die an der Copa America teilnehmen. Paolo Guerrero ist einer der großen Stars bisher, weil er für Peru schon zwei Tore schoss, die drei Punkte bedeuteten. Und auch Tomas Rincon hat bislang viele gute, sogar überragende Kritiken erhalten. Vielleicht schafft er ja auch in dieser Saison den Durchbruch. Beim HSV natürlich. Schön wäre es ja.

So, zum Schluss noch einmal einen Blick zurück: Der 37-jährige Ze Roberto wollte ja gerne einen Zwei-Jahres-Vertrag (vom HSV, von anderen Klubs), jetzt hat er ihn. Der „große Ze“ wechselt nach Katar, spielt künftig für den Weltklub Al-Gharafa. Zwei Jahre. Mindestens.

Gute Nacht aus dem Zillertal

20.01 Uhr

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