Tagesarchiv für den 8. Juli 2011

Jarchow bleibt – Oenning bleibt hart

8. Juli 2011

Die Meldung ist sachlich, kurz und knapp: Carl-Edgar Jarchow bleibt Vorstandsvorsitzender des Hamburger Sport-Vereins. Dies beschloss der Aufsichtsrat am gestrigen Donnerstag. Jarchow, der den Vorsitz am 15. März 2011 übernommen hatte, erhält einen Vertrag bis zum 15. März 2013. Ernst-Otto Rieckhoff lobte im Namen des Aufsichtsrates die hervorragende Arbeit, die der Vorstandsvorsitzende in den vergangenen Monaten geleistet hat. „Das ist ein ganz wichtiger Schritt für den HSV. Carl Jarchow hat den HSV in einer schwierigen Situation übernommen und die Aufgaben voller Leidenschaft zusammen in einem sehr gut funktionierenden Team gelöst. Dafür gebührt ihm größte Anerkennung und das Vertrauen, den Weg weiter fortzuführen”, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende.

Jarchow, der von 1998 bis 2001 bereits stellvertretender Leiter der Abteilung Fördernde Mitglieder/Supporters Club und von 2001 bis 2004 Mitglied des HSV-Aufsichtsrates war, freute sich über die vorzeitige Verlängerung seines Vertrages. „Ich bedanke mich für das
Vertrauen, das der Aufsichtsrat in unsere gemeinsame Arbeit steckt. Wir werden unseren begonnenen Weg mit gleicher Intensität und Leidenschaft fortführen”, so der Vorstandsvorsitzende.

Otto Rieckhoff erklärte die zweijährige Verpflichtung wie folgt: „Zwei Jahre haben wir seinerzeit auch bei Vize Joachim Hilke so gemacht, und der Aufsichtsrat ist der Meinung, dass die Zusammenarbeit in der Klub-Führung jetzt ganz hervorragend funktioniert. Das Vorstandsteam mit Jarchow, Hilke, Oliver Scheel und Frank Arnesen hat uns überzeugt, wir sind mit der Arbeit der vier Herren sehr zufrieden. Carl Jarchow hat für den HSV eine beruhigende Wirkung gehabt, es ist jetzt sehr strukturiert im Vorstand, und deswegen gab es keinerlei Alternative – wir mussten und müssen nichts ändern.“ Rieckhoff in seinem Fazit: „Das passt alles zu dem, was wir mit Umschwung meinen, was wir mit Erneuerung meinen – und jetzt geht es kontinuierlich weiter. Alles andere wäre auch unlogisch gewesen.“

Jarchow freut sich über das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wird. Und er gab dem HSV schnell und eindeutig, wie er sagt, seine Zusage für die weitere Zusammenarbeit. Auch der Klub-Boss lobte die Zusammenarbeit, bezog damit auch das gute Verhältnis zum Aufsichtsrat mit ein: „Es war keine schwierige Entscheidung für mich, sondern eine leichte. Bei all dem, was wir in den zurückliegenden drei Monaten begonnen haben, und das ist ja erst ein kleiner Schritt, bin ich überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ Was aus seinem Bürgerschaftsmandat wird, ließ Jarchow erst einmal offen, er will sich erst jetzt Gedanken darüber machen. Obwohl er sagt: „Der Trend geht eindeutig zum HSV.“

Weil dort auch große Aufgaben auf ihn warten. Motto: Viel Arbeit, wenig Geld. Jarchow: „Die finanziellen Mittel sind eingeschränkt, das ist ja auch bekannt, daraus haben wir kein Geheimnis gemacht. Und es wird meiner Meinung nach auch eine gewisse Zeit brauchen, bis wir wieder ganz oben angreifen können und werden.“ Auf einen Zeitraum wollte sich Jarchow aber nicht festlegen: „Mittelfristig muss der HSV unter den ersten vier sein, nach meinem Verständnis, aber nicht nächstes und nicht übernächstes Jahr.“

Aber: Alles wird auch in großen Teilen von den Finanzen abhängig sein. Und die sind nun einmal mau. Ganz mau. Und ganz klar. Aber wie lange wird es dauern, bis sich seiner HSV von der „Finanzkrise“ erholt hat? Jarchow sagt einen Zeitraum von „sicherlich zwei Jahren“ vorher: „Das ist aber auch schwierig zu prognostizieren. Wir haben ja in den letzten Jahren sehr viel Geld ausgegeben. Dieses Jahr können wir es nicht. Und nächstes Jahr? Das hängt auch vom sportlichen Erfolg ab.“
Rieckhoff über die (finanziellen) Möglichkeiten, die der neue Sportchef vorfand: „Frank Arnesen hat, so denke ich, eingesehen, dass er auch dazulernen muss, dass er sich auch in unsere Möglichkeiten hineindenken muss. Das habe ich ihm im Vorfeld seiner Verpflichtung schon versucht klar zu machen, aber wenn es dann zur Wahrheit kommt, dann ist das gewiss nicht immer so einfach, das auch umzusetzen.“
Ergänzend dazu sagt Carl-Edgar Jarchow: „Frank Arnesen hat meiner Meinung nach die Umstellung von den großen Möglichkeiten, die ihm beim FC Chelsea geboten worden sind, hin zu den anderen Möglichkeiten, die er bei uns vorgefunden hat, sehr schnell geschafft. Da muss ich ihm ein Kompliment machen, das ist schon positiv. Ich weiß auch nicht, ob ihm das, was er hier nun erlebt, bei seiner Unterschrift wirklich klar war, aber er trägt es auf jeden Fall professionell.“

Noch kurz ein Schlenker auf die nun sehr gute Team-Arbeit in der HSV-Führung. Oliver Scheel sagte dazu: „Zunächst freue ich mich über die Entscheidung des Aufsichtsrates, mit Carl Jarchow zu verlängern. Und ohne nachtreten zu wollen: Für mich war es immer oberste Maxime, als Team zusammenzuarbeiten, und das habe ich auf jeden Fall seit dem 16. März 2011. Ich schaue dabei nur in die Zukunft und bin überzeigt, dass es auch in Zukunft so sein wird.“ Zu diesem Thema auch noch Vize Joachim Hilke: „Wir arbeiten hier alle super zusammen, wir arbeiten ganz eng miteinander, tauschen uns intensiv aus – in allen Bereichen. Für mich ist es deshalb ein Stück weit auch logische Konsequenz, dass wir als Team nun auch eine längerfristige Perspektive haben.“

Hilke und seine Mannen kassieren übrigens schon seit Wochen jede Menge Lobeshymnen. Weil es ihnen gelungen ist, gbroßartige Zahlen zu produzieren. Von 50 Logen ist nur eine noch nicht verkauft! Zum Beispiel. Von 4000 Busieness-Seats sind nur noch 350 zu haben. Der Innenraum ist komplett vermarktet, es gibt dort keine freie Weerbebande mehr. Der Hamburger Weg hat nun elf Partner gefunden, mehr geht nicht – es gibt da jetzt eine Art “Aufnahmestopp”. Und es gibt zudem neun Exklusiv-Werbepartner, zuletzt kam der südkoreanische Groß-Konzern Hanwha (SolarOne) hinzu. Und in Sachen Dauerkarten gibt es auch schon eine fast sensationelle Zahl: 31 000 sind verkauft. Im Vorjahr wurde der Verkauf bei 32 000 gestoppt! Das alles klingt wirklich hervorragend.

Nun aber ein ganz anderes Thema: Der alte Aufsichtsrat und der alte Vorstandsvorsitzende haben, nicht nur meiner Meinung nach, sehr eng und sehr freundschaftlich zusammengearbeitet, enger und freundschaftlicher, als es einst mal geplant war. Deswegen fragte ich in die Runde, ob es denn jetzt zwischen Jarchow und den Räten etwas distanzierter und mit etwas mehr Kontrolle über die Bühne geht? Der Klub-Chef: „Ich habe durchaus den Eindruck und das Gefühl, dass es eine Kontrolle gibt. Und es wird gerade in unserer jetzigen Situation verstärkt auf unsere Finanzen geachtet.“ Otto Rieckhoff ergänzend: „Das ist auch ein bisschen Legende, was da erzählt wird. Seit 14 oder 15 Jahren haben sich die Aufsichtsräte stets mit Kontrolle befasst, ich habe diverse Finanzausschusssitzungen mitgemacht. Und was wir jetzt machen, das ist, so glaube ich, exakt unser Satzungsauftrag.“
Na bitte!

Jetzt zum Sportlichen. Einen Tag vor der Abreise ins zweite Trainingslager (9-Uhr-Flug nach München am Sonnabend, dann nachmittags das Spiel in Ingolstadt – und weiter ins Zillertal nach Hippach) stand uns Trainer Michael Oenning noch einmal Rede und Antwort. Es ging dabei auch um das zuletzt sehr harte Training. Für viele Kollegen der „härteste HSV“ seit vielen, vielen Jahren. Oenning verspricht: „Das wird auch in Österreich so sein, die Umfänge werden nicht kleiner. Es verändert sich nur die Art der Belastung. Wir werden jetzt an die Schnelligkeit gehen, aber dabei wird die Intensität eher noch höher.“ Oha, das wird schlauchen! Es bleibt auch bei dreimal Training am Tag – vorerst jedenfalls. Oenning: „Dabei habe ich nicht den Anspruch, den Preis für die härteste Vorbereitung bekommen zu wollen. Wenn ich so lese, was um uns herum passiert, dann sind wir durchaus in guter Gesellschaft. Ich halte es auch ganz einfach für sinnvoll, was wir da machen. Wir machen die Dinge, die wir wirklich brauchen.“

Michael Oenning lobte dabei schon jetzt, dass alle Spieler sehr, sehr gut mitziehen. Das war in den letzten Jahren nicht immer so zu sehen. Liegt es daran, dass es so viele junge Spieler gibt? Oenning: „Die jungen Spieler sind ungestümer, unbekümmerter. Ein David Jarolim, der weiß ganz genau, was zu tun ist, wann er sich voll engagieren muss. Die jungen Spieler aber die geben in jeder Situation immer Gas, weil die nicht wissen was noch auf sie zukommt. Ob das immer klug ist, das weiß ich auch nicht, aber man sieht, dass der Spaß dabei bei allen überwiegt.“ Härter geht es bei Michael Oenning auch dann zu, wenn gespielt wird. Hält ein Spieler zu lange den Ball, dribbelt er zu lange, dann wird abgepfiffen und der Ball wechselt zum Gegner. Der Trainer will auf diese Art das Spiel des HSV beschleunigen. Und er weiß: „Wenn der Spieler den Ball abgeben muss, dann tut ihm das richtig weh – aber das ist ein Lernprozess.“

Zum Schluss erkundigte ich mich auch noch ganz kurz zu dem handgreiflichen Ausrutscher von Dennis Aogo gegen Heung Min Son am Vortag. Michael Oenning dazu: „Das war unabsichtlich. Und Heung Min Son hatte ja auch nichts. Grundsätzlich geht es jetzt zu Beginn der Saison darum, dass habe ich den Spielern auch klar gemacht, dass nicht jedes Foul und nicht jedes Gerangel einen Pfiff ergibt. Das ist Ermessenssache von mir, und ich lasse das oft auch weiterlaufen. Daran müssen sich die Spieler gewöhnen, und sie müssen es nun lernen, dass man nicht nach jeder Aktion um den Weltfrieden streiten kann. Das lernen die Spieler auch schon immer besser, denn in den Bundesligaspielen gibt es ja auch diverse Situationen, die nicht geahndet werden. Und dann muss man auch mit Fehlentscheidungen umgehen können – das müssen sie lernen.“

Auch im Zillertal. Da soll nach Oenning mit dem Feinschliff begonnen werden. Und der Coach sagt auch: „Österreich ist dazu da, unsere Spielidee zu entwickeln.“ Das bedeutet auch, dass der HSV in der Lage sein muss, verschiedene System zu spielen. Oenning: „Unser Spiel wird aber immer getragen werden von schnellen Außenspielern. Wir müssen auch lernen, gut zu verteidigen und schnell umzuschalten.“

Fehlen wird dabei wohl doch wieder Romeo Castelen, der muskuläre Probleme hat – und wahrscheinlich nicht mit ins Zillertal genommen wird. Dafür kommt der bisherige A-Jugendspieler Ashton Götz mit, der (zurzeit) Rechtsverteidiger spielt – und von dem Michael Oenning sehr viel hält.

So, ich werde schon wieder viel zu lang (aber ich melde mich morgen ja auch erst nach dem Spiel in Ingolstadt), doch einen kleinen Brief an mich möchte ich doch noch reinstellen. Es geht um Neuzugang Jeffrey Bruma. Ich habe ihn nun im Training beobachtet und muss sagen, dass mir dieser junge Mann sehr, sehr gut gefällt. Die bislang beste Verpflichtung von Arnesen, Bruma wird, so mein Empfinden, Stammspieler des HSV. Er ist körperlich am weitesten, er bewegt sich gut, ist schnell, erfasst auch die jeweilige Situation blitzartig – Bruma ist sicher ein sehr guter Griff. Wobei ich da kein Geheimnis verrate, denn der junge Mann ist ja immerhin A-Nationalspieler der Niederlande.

Ja, und weil ich nun mehrfach darauf aufmerksam gemacht worden bin, dass es sich eigentlich nicht um Jeffrey Bruma handeln kann, sondern um den Norweger Ciljan Skjelbred, denke ich nun auch, dass der gute Thomas K. eher diesen Neuzugang gemeint hat. Also geht es nun im Folgenden um Skjelbred.

Hier nun der Brief von User Thomas K.:

„Hallo Herr Matz,
aufgrund meiner doch noch recht zarten 22 Jahre ist die förmliche Ansprache wohl noch angebracht. Ich möchte mich zum einen für Ihren Blog bedanken, nach der Arbeit hat meine F5-Taste ordentlich zu tun, bis endlich der tagesaktuelle Blog auf meinem Bildschirm erstrahlt! Es ist schön, auf diese Weise seinem Verein ein Stück näher sein zu können. Zum anderen möchte ich Sie gerne auf meinen heutigen Blog-Kommentar aufmerksam machen. Ich teile absolut Ihre Meinung, wenn es um Geduld und Sachlichkeit in der Beurteilung der aktuellen Geschehnisse geht, was Sie meinem Beitrag entnehmen können.

Ich denke Sie haben im normalen Alttag genug zu schreiben und zu lesen, dennoch würde ich mich über eine kurze Antwort und Ihre Fach-Meinung sehr freuen.

Meine Meinung zu Ciljan Skjelbred:
Ich finde, was man bisher über ihn lesen kann, das ist doch recht ordentlich:

1. Marktwert laut „Transfermarkt.de“ 2,3 Mio. Ihn für knapp eine Million zu holen?
Mein wirtschaftliches Verständnis sagt: Top!

2. Ein Spieler, der nicht nur national Erfahrung sammeln konnte, sondern
auch in der Champions League und in der Nationalmannschaft.

3. Ein Spieler, der mehrere Angebote hochkarätiger Clubs ausgeschlagen
hat, scheint zumindest nicht im Besitz der so genannten (und auch von mir
kritisierten) Söldnermentalität. Er wird sich den HSV also wohl gut
angesehen haben!

4. Technisch beschlagen, läuferisch gut und aus meiner Sicht eine
Persönlichkeit auf dem Platz

Nebenbei: Ich finde es interessant und auch etwas traurig, in welcher Art teilweise hier, aber vorrangig in anderen Foren, über Verein und mögliche Neuzugänge gesprochen und geschrieben wird. Mal überlegen: Wem hat Schwarzmalerei bisher geholfen? Ach stimmt, niemandem! Nur um nachher sagen zu können: „Ich wusste es doch, der Typ ist eine Flasche“?

Ach kommt schon Leute!

Mit welchem Gefühl würdet ihr als junger Spieler nach Hamburg kommen, wenn ihr vorher lest, dass ihr unbekannterweise schon ad acta gelegt werdet? Welche Charakterstärke es erfordert es, dagegen anzuspielen, kann man sich ja vorstellen?

Warum nicht auf das Geschick der sportlichen Leitung vertrauen? Vielleicht müssen unser aller Ansprüche ja mal wieder geerdet werden, bevor man wieder von „unserem HSV“ sprechen kann! Ich freue mich schon wie ein kleines Kind auf diesen Tag!

Schönen Tag euch allen,
Thomas K.“

16.59 Uhr (ergänzt oder geändert um 0.53 Uhr)