Tagesarchiv für den 7. Juli 2011

Oenning zieht die Zügel an

7. Juli 2011

Der Dienstplan wollte es so – ich sah heute mein erstes HSV-Training der neuen Saison. Und ich war, das muss ich zugeben, baff. So jung hatte ich mir den Dino der Bundesliga nicht vorgestellt. So jung dann doch nicht. Das passiert, wenn man, wie ich, einigermaßen gedankenlos zum Training pilgert. Ich hätte es doch wissen, auf jeden Fall ahnen können. Mir fiel nicht mal ein älterer Herr in der HSV-Rasselbande auf – der Herr heißt David Jarolim. „Jaro“ fiel weder auf noch ab, er mischte wie ein junger Dachs mit. Aber wenn beim HSV Alt gegen Jung spielt, dann ist das schon unglaublich, jung Alt ist: Jarolim, Dennis Aogo, Robert Tesche, Gojko Kacar, Muhamed Besic, Dennis Diekmeier und Änis Ben-Hatira. Bei „Jung“ mischten neben anderen auch Eljero Elia und Jeffrey Bruma mit.

Die Verjüngungskur, so hörte ich auch heute unter den Trainingskiebitzen, musste sein, sie ist richtig – und nun müssen wir alle die Daumen drücken, dass alles gut geht. Dem schließe ich mich vorbehaltlos an. Jetzt muss tüchtig an der neuen HSV-Mannschaft gearbeitet und gefeilt werden. Gefahr erkannt – Gefahr gebannt. So hieß früher ein Werbeslogan, in dem vor Arbeitsunfälle gewarnt wurde. Ich würde diesen Spruch zunächst noch einmal mit einem Fragezeichen versehen. Die Erklärung für dieses Fragezeichen: Es wird zwar absolut hart und konzentriert trainiert, darüber freue ich mich ausdrücklich! Ich aber kann dann nur die Daumen drücken, dass die jungen Dachse später, in den Bundesliga-Spielen, nicht nur Luft für 90 bis 100 Minuten haben, dass sie nicht nur kämpfen und grätschen können, sondern ihren Mann auch taktisch und spielerisch stehen.

Das wird sich wirklich erst unter harten Wettkampfbedingungen erweisen, bis dahin hoffe ich – und zwar ganz dringlich.

Was mich schon einmal sehr zufrieden stellt ist die Tatsache, dass im Volkspark geschwitzt wird. Dreimal Training am Tag. Michael Oenning, der ja schon gegen Ende der Saison erkannt hatte, dass mehr getan werden muss, lässt Gas geben. Ich habe es hier schon einige Male geschrieben, dieser HSV war in den letzten Jahren nie so fit, dass er einen Gegner in Grund und Boden laufen konnte, dass er einen Gegner nach allen Regeln der Kunst niederringen konnte. Okay, das kann heute kaum noch eine Mannschaft, denn fast alle sind heute körperlich auf einem fast gleichen Level, aber ich hatte immer das Gefühl (zumindest in den letzten zehn Jahren), dass der HSV gegen Ende eines Spiels höchst selten noch einmal zulegen konnte.

Und ich habe in dieser Zeit wirklich einige ältere HSV-Spieler, die ihre Karriere längst beendet haben und nur zu Besuch beim Training waren, gefragt, ob zu ihrer Zeit härter trainiert wurde, und alle antworteten mit einem klaren und deutlichen: „Ja.“ Und schon der „alte Felix“ hatte ja immer behauptet: „Qualität kommt von Qual.“

Dreimal Training ist deswegen schon sehr gut. Von dieser Seite gesehen wird sich der HSV dann keine Vorwürfe machen können, sich auch keinerlei Vorwürfe wird gefallen lassen müssen. Konditionell, allgemein körperlich wird der HSV, so wie es jetzt aussieht, bei 100 Prozent sein. Die Frage ist, wie oben schon geschrieben, ob es reicht. Ich sprach heute darüber während des Trainings mit „Scholle“. Und seine Antwort verblüffte mich schon ein wenig. Er sagte: „Du gewinnst heute kein Bundesligaspiel nur allein dadurch, dass du Kraft und Kondition für 90 Minuten hast. Hast du Kraft und Kondition für 90 Minuten, dann hilft es dir allenfalls, dass du das Spiel nicht verlierst.“
Musste ich mir erst auf der Zunge zergehen lassen, aber könnte tatsächlich was dran sein.

Aber egal wie, im Moment wird jedenfalls tüchtig „gebüffelt“ beim HSV. Das begann am frühen Morgen um 8.30 Uhr, das ging mittags mit der zweiten Einheit weiter, und endete mit dem dritten Teil um 17 Uhr. In der mittleren Einheit begannen die Spieler mit Passübungen, dann folgte in einem Quadrat (geschätzt 25 mal 25 Meter) ein Spiel acht gegen acht ohne Tore, dafür aber mit Aufgaben (einmal berühren, zweimal berühren). Es folgte ein Spielchen über den halben Platz – mit den Torhütern Tom Mickel und Wolfgang Hesl. Die Nummer eins, Jaroslav Drobny, trainierte abseits mit Keeper-Coach Ronny Teuber.

Das Spiel „Alt gegen Jung“ ging über drei Drittel. Die „Jünglinge“ gingen durch ein Eigentor in Rückstand, glichen aber durch ein prächtiges Tor von Heung Min Son, der gegen die Polizei-Auswahl noch der „Chancentod“ war, aus. Der Südkoreaner spielte Mickel mit einer gekonnten Körpertäuschung und mit einer großartigen und engen Ballführung aus. Im Mitteldrittel fielen keine Tore, dann trafen Ben-Hatira, Jarolim und Diekmeier für „Alt“ zum 4:1-Sieg.

Auffälligkeiten bei diesem Spiel: Elia hatte, ich möchte sagen in Son-Manier, Mickel bereits aussteigen lassen, traf dann aber nicht ins leere Tor, sondern nur das Außennetz – und erntete, während er sich ob seiner Minusleistung schämte und grämte, einige hämische Lacher. Als Ben-Hatira einmal eine klare Chance ausgelassen hatte, hielt er sich – theatralisch – die Hände vor das Gesicht, anstatt sofort umzuschalten. Co-Trainer Frank Heinemann riss den Mittelfeldspieler dann aus allen Träumen, denn er herrschte ihn laut an: „Hey, hey, hier geht es weiter, nicht erst lange da vorne stehenbleiben . . .“ Das saß.

Wie auch in einer anderen Szene. Da ging es zwischen Son und Aogo mächtig zur Sache. Letztlich landete die Hand des deutschen Nationalspielers im Gesicht des Südkoreaners, und der landete dann auf dem Rasen. Recht unsanft. Und hielt sich vor Schmerzen das Gesicht. Und Aogo ging von dannen, ohne sich zu entschuldigen – aber ich möchte ein leicht schlechtes Gewissen erkannt habe. Vielleicht, so habe ich bei mir gedacht, ist das auch eine Art „Erziehungsmaßnahme“, denn der gute (junge) Son muss (und soll wohl) lernen, wie ein Mann zu spielen und zu trainieren.

Das allerdings, so hatte ich das Gefühl, hat Heung Min Son schon ganz gut drauf. Er wirkte auf mich austrainierter, geschmeidiger, durchsetzungsfähiger und auch entschlossener, wenn es um den Abschluss geht. Hoffentlich bleibt das keine Momentaufnahme.

Elia ging ein wenig unter bei „Jung“, was mich aber positiv stimmte: Er winkte nach dem 3:1 von Jarolim enttäuscht ab. Der Niederländer hatte nichts mit diesem Tor zu tun, aber er ärgerte sich immerhin, und das werte ich mal als positives Zeichen. Der Ehrgeiz scheint (wieder) da zu sein.

Allgemein herrschte im Training ein gutes und sehr konzentriertes Klima. Gutes Klima deswegen, weil alle, wirklich alle, emsig bei der Sache waren (und sind), weil sich gegenseitig unterstützt und auch lautstark angefeuert wird. Auch das macht Hoffnung, irgendwie scheint schon jetzt mehr Leben als zuletzt in der Bude zu sein.
Und irgendwie habe ich zwischendurch auch gedacht, ob nicht Robert Tesche eine positive Überraschung in dieser Saison werden kann. Warum eigentlich nicht? Er hat jetzt lange genug gelernt, er wirkt auf mich schon wie ein „Alter“, wirkt auch abgeklärter in seinen Aktionen – und wird vielleicht nicht mehr so „runtergebuttert“, wie in der vergangenen Saison (im Training) oft genug erlebt. Da traten und meckerten die „Alten“ (wie zum Beispiel Joris Mathijsen) oft genug mit ihm herum, aber jetzt ist ja fast kein „Alter“ mehr da. Ein Ansporn für Tesche, jetzt mehr Verantwortung übernehmen zu wollen? Hoffen wir es mal.

Nach dem Drei-Drittel-Spiel war übrigens noch kein Schluss, denn dann bat Konditionstrainer Günter Kern die Herren noch an den kleinen Hügel im Trainingsgelände. Es gab Läufe mit einem Hindernis. Ein Spieler hatte einen Kollegen im Rücken, und der hielt den Vordermann mit einem Band fest. Und in dieser Konstellation ging es dann immer den Berg rauf . . . Ja, es wird etwas getan. Und das ist, ich wiederhole mich gerne, auch gut so.

Gefehlt haben heute auf dem Rasen Mladen Petric, Heiko Westermann, Tolgay Arslan und Marcell Jansen. Sie arbeiteten im Kraftraum. Am Freitag kommen dann Guy Demel und auch Mickael Tavares zurück, sie aber werden – jedenfalls vorerst – nicht mit den Profis trainieren, auch nicht mit ins Zillertal fahren, sie werden erst einmal bei Rodolfo Cardoso und der Regionalliga-Mannschaft trainieren. Und nebenbei sollen neue Verein für sie gefunden werden.
Merke: Es wird nicht nur hart trainiert, es wird auch hart durchgegriffen.
Auch das finde ich schön.
Die Zeiten scheinen sich zu ändern.

Komme ich noch kurz zum Thema Mladen Petric. Er trainiert schon wieder mit Ball, aber er wird im Zillertaler Trainingslager (Beginn am Sonnabend – mit dem Spiel in Ingolstadt) nicht gleich von Anfang an mit der Mannschaft trainieren. Er lässt es nach seiner Leisten-Operation noch langsam angehen. Was mir deshalb Sorgen macht, weil er, wie auch Paolo Guerrero, so nicht die gesamte Vorbereitung mitgemacht hat. Ist das ein nicht ganz so unwichtiges Handicap?

„Gesundheitlich ist aber alles gut, ich werde die Belastungen täglich steigern“, sagt Petric und fährt fort: „Ich hatte keinen leichten Eingriff an den Leisten, aber ich bin froh, dass es gemacht wurde, denn ich hatte immer Probleme damit. Nun hoffe ich, dass diese Probleme vorbei sind.“
Ich hoffe da mal ganz stark mit, denn:
Auf den routinierten Mladen Petric ruhen jetzt viele Hamburger Hoffnungen. Wie beurteilt der Torjäger die derzeitige Verjüngungskur des HSV? Petric: „Als Spieler muss man optimistisch sein. Es war ein großer Umbruch, zehn Spieler sind gegangen, aber die viele jungen Spieler, die neu zu uns gekommen sind, die ziehen super mit im Training. Wir sind aber auf dem richtigen Weg, die Spieler brauchen aber auch ihre Zeit, um sich einzuleben – aber ihre Qualität hat man durchaus schon gesehen.“

So weit, so gut. Bleibt nur abzuwarten, wie es mit Mladen Petric selbst weitergehen wird? Sein Vertrag läuft noch eine Saison. Wird er beim HSV verlängern? So wie es sich der Klub wünscht? Oder sucht er doch das Weite – vielleicht im nächsten Jahr, dann ohne Ablöse für den HSV? Petric zur derzeitigen Situation: „Ich finde es schon schön, dass jetzt auf einer Wellenlänge gesprochen wird. Das wurde zuletzt in den Gesprächen deutlich. Es wird aber von meiner Seite keine spontane Entscheidung geben, denn ich bin jetzt 30 Jahre alt, werde nicht mehr so viele Verträge mehr unterschreiben – es könnte sein, dass meine nächste Entscheidung ist, die bis ans Karriereende andauern wird“ Mladen Petric sagt dann auch: „Ich werde abwarten, wie sich die Mannschaft entwickelt. Und das komplette Paket muss stimmen, auch im Umfeld.“
Und damit ist sicher auch die gesamte Führung des HSV gemeint. Ende offen. Und zwar auf beiden Seiten.

18.58 Uhr