Tagesarchiv für den 5. Juli 2011

Keegan lobt, Skjelbred kommt, Pit ist verkauft

5. Juli 2011

Per Skjelbred (24) also. Der zentrale Mittelfeldspieler von Rosenborg Trondheim hat bereits den Medizincheck in der Hansestadt absolviert. Erfolgreich. Und er reist auch heute wieder ab. Denn: Auch wenn man dem Nationalspieler bei Rosenborg keine Steine in den Weg legen will, haben beide Klubs noch keine Einigung erzielt. Die Norweger wollen nach eigener Aussage erst einen Ersatz an Land ziehen. Zudem soll der einstige Gewinner einer Fußball-Casting-Show (er gewann damals eine Woche Probetraining beim FC Liverpool) erst noch die Qualifikation zur Champions League für die Norweger absolvieren. Als Ablösesumme sind 900000 Euro im Gespräch.

Dennoch dürfte nicht mehr viel schief gehen. Selbst auf der vereinseigenen Homepage Trondheims hat sich der sportliche Leiter der Norweger, Erik Hoftun, schon zu Wort gemeldet. „Wir verhandeln mit dem HSV“, sagt Hoftun, „und wir haben bereits angedeutet, dass wir nicht verkaufen wollen, bis wir einen Ersatz haben. Aber Per hat es verdient und beide Klubs sind sich einig, dass es eine tolle Chance für Per ist. Wir hoffen, dass er in ein par Jahren wieder zu uns zurückkommt.“

Beachtenswert ist insbesondere der Werdegang Skjelbreds. Nachdem er in der Probewoche beim FC Liverpool überzeugt hatte, bot ihm Liverpool einen Jugendvertrag an. Skjelbred lehnte ab und entschloss sich stattdessen für einen Profivertrag bei Rosenborg Trondheim. Dort debütierte er im Juni 2004 als Sechzehnjähriger, absolvierte aber ob der starken Konkurrenz im Mittelfeld lediglich ein weiteres Spiel. Ein Jahr später schaffte er es zum Stammspieler bei Rosenborg und brachte es bislang (hier variieren die Angaben allerdings) auf 12 Länderspiele für Norwegen.

Nichts mehr offen ist bei Jonathan Pitroipa. Am Sonntag war der Burkinabe gen Frankreich geflogen, um dort erfolgreich den Medizin-Check zu absolvieren. Am heutigen Mittwoch unterschrieb der pfeilschnelle Außenstürmer seinen neuen Vertrag bis 2013 plus Option auf ein weiteres Jahr. Dem HSV bleiben 3,5 Millionen Euro Ablöse zuzüglich einer Erfolgsprämie, sollte Rennes sich im Laufe der Saison wieder für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren. „Ich hatte eine tolle Zeit beim HSV“, sagt Pitroipa, „aber ich möchte auch immer spielen. Und das ist in Rennes vielleicht etwas wahrscheinlicher als in Hamburg.“ Immerhin drei Jahre lang hatte Pitroipa vergebens auf einen Stammplatz hingearbeitet. „Es waren drei identische Jahre. Ich habe gespielt – dann wieder nicht – und dann plötzlich doch wieder. Das war nicht das, was ich mir vorgestellt habe. Und es war nicht das, was der HSV wollte. Deshalb ist die Trennung letztlich die beste Lösung für alle.“ Was Pitroipa unerwähnt ließ ist, dass der HSV mit ihm vorzeitig verlängern wollte, der Außenstürmer aber mit 2,5 Millionen Euro per annum einen deutlich zu hohen Betrag aufrief.

Immerhin kann der HSV so wieder investieren. In Skjelbred – aber womöglich in noch einen weiteren offensiven Spieler. Glaubt man meinen hochgeschätzten und eigentlich immer sehr gut informierten Bild-Kollegen, ist Arnesen noch immer um die Dienste des Schweizers Xherdan Shaqiri vom FC Basel bemüht. Allerdings hatte ich gehört, dass der 19-Jährige sowohl im Gehalt als auch in seinen sportlichen Vorstellungen mit der HSV-Philosophie nicht vereinbar sein soll. Shaqiri soll sogar das Angebot einen Europa-League-Teilnehmers abgelehnt haben, weil er zumindest Champions League spielen will.

Ansprüche, die eine Qualität voraussetzen, die Kevin Keegan in seinen besten Tagen als Aktiver beim HSV allemal hatte. Grund genug, „Mighty Mouse“ dafür zu ehren. Keegan hinterließ dafür heute seinen Fußabdruck im HSV-Museum für den „Walk of Fame“. Dabei war Keegan eigentlich nur nach Deutschland gekommen, um seinen leider noch kranken Freund und früheren Masseur Hermann Rieger zu besuchen. „Hermann war meine erste Bezugsperson, als ich mit 27 Jahren 1977 nach Hamburg kam. Er als Bayer konnte zwar kein Deutsch – das hab’ ich ihm später beigebracht – aber er ist zu mir immer nett gewesen, hat mir geholfen, wie er es mit jedem Menschen um sich herum getan hat. Hermann ist einfach ein besonderer Mensch.“ Worte, denen ich nichts hinzufügen kann und möchte.

Aber der ehemalige Deutsche Meister, der bis 1980 beim HSV spielte, hatte nicht nur für seinen besten Freund Hermann Rieger warme Worte, sondern auch für seinen ehemaligen Klub: „Der HSV hat ein ziemlich junges Team zusammengestellt. Ich wünsche der Mannschaft alles Glück der Welt und bin überzeigt, dass der Verein wieder an alte erfolgreiche Zeiten anknüpfen kann, wenn man hier Geduld hat.“ Das gelte auch für die beiden Neuzugänge Jeffrey Bruma und Michael Mancienne (steigt voraussichtlich morgen ins Training ein). „Die beiden kenne ich vom FC Chelsea. Zwei absolute Glücksgriffe für den HSV. Beide Spieler haben ihr Talent bereits nachgewiesen und machen mit dem HSV den nächsten Step. Sie kommen vom großen FC Chelsea – und sind beim großen HSV. Das ist auch kein zu großer Schritt. Und wenn die Fans, die naturgemäß Erfolg erwarten dürfen, sie sich entwickeln lassen und motivieren, werden sie zwei Verstärkungen bekommen.“

Keegan, der selbst keine Lust mehr auf ein Amt im Profifußball hat („Für mich gibt es inzwischen wichtigere Dinge im Leben“) und sich nur noch als ESPN-TV-Experte an den Wochenenden verdingt, ist gespannt. Er glaubt, dass die Verjüngung der richtige Weg ist, warnt aber auch: „Die Erwartungshaltung in Hamburg ist immer sehr groß. Nur wenn nach außen zu erkennen ist, dass die Mannschaft eine Entwicklung nimmt, reißt sie die Anhänger mit. Und darauf wird es ankommen.“

Worte, die Uli Stein, der sich seinerseits mit seinem Fußabdruck verewigte, nur unterstreichen kann. „Die Vorbereitung zählt nichts, auch nicht ein 1:5 gegen Wolfsburg. Vielmehr muss man abwarten, wie schnell die Mannschaft zusammenwächst. Denn der Saisonstart hat es in sich.“ An der Zusammenstellung des Kaders hat Stein nichts zu kritisieren. Im Gegenteil: „In den letzten Jahren hat man immer viele Stars geholt, ist aber nie eine Mannschaft geworden. Jetzt muss man eine gesunde Mischung finden aus jungen Spielern und dem Korsett erfahrener Profis, die den Rest führen. Und davon hat der Klub noch genügend.“ Zwar kenne er den neuen offensiven Mittelfeldspieler des HSV aus Norwegen auch noch nicht, „aber so ist auch die Erwartungshaltung nicht so hoch. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: der HSV gehört unter die ersten Sechs. Jedes Jahr. Aber als Fan verzeihst du der Mannschaft Fehler eher, wenn Du siehst, dass da gewillte Junge Spieler auf dem Platz alles geben und sich entwickeln. Und dafür ist es beim HSV vielleicht genau der richtige Zeitpunkt.“

Ebenso wie für Jaroslav Drobny, den der ehemalige Deutsche Meister mit dem HSV für einen würdigen Rost-Nachfolger hält. „Drobny ist ein Top-Mann, ein guter Torwart. Ich habe nie verstanden, weshalb der HSV vor der letzten Saison Rost hatte und damals trotzdem noch Drobny holte. Aber jetzt ist Drobny allemal in der Lage, in die Fußstapfen von Rost zu treten und ein Teil des erfahrenen Korsetts zu sein.“

In diesem Sinne, wenn so viele Ex-Weltklassespieler und Deutsche Meister so positiv gestimmt sind, muss doch was dran sein. Oder?

Scholle
19.40 Uhr

P.S.: Kleine Anekdote noch vom Keegan-Besuch: Im Sommer 2008 schien ein Wechsel Skjelbreds zu Newcastle United bereits sicher. Hätte damals nicht der damalige Newcastle-Manager – Kevin Keegan – einen Tag vor Ablauf des Transferfensters das Angebot zurückgezogen. „Daran erinnere ich mich nicht“, sagte Keegan heute. Erst als ihn norwegische Kameraleute auf den 24-Jährigen ansprachen, schien er sich zumindest an den Spieler zu erinnern. „Der HSV ist eine große Möglichkeit für ihn. Er ist 24, ein großes Talent – und der HSV ein Riesenklub. Allein die vielen Zuschauer werden ihn schon motivieren und eine tolle Entwicklung nehmen lassen.“

P.P.S.: Training ist morgen um 8.30 Uhr (wahrscheinlich nur Laufen) und um elf Uhr auf dem Platz. Am Abend um 18.30 Uhr spielen die Oenninger dann im Plambeck-Stadion in Norderstedt gegen eine Polizeiauswahl aus Hamburg und Schleswig-Holstein.