Tagesarchiv für den 4. Juli 2011

Jakobs und Stein: Gedanken zum HSV

4. Juli 2011

Alstertal/Langenhorn – Glashütte 11:2, Bramfeld – Hummelsbüttel 8:0, Buxtehude – Neu-Wulmstorf 1:8. Und HSV – VfL Wolfsburg 1:5. Das ist nur eine kleine Pleiten-Auswahl vom Wochenende. So viel ich weiß, stellt nun keine dieser Mannschaften, die ihr Testspiel so hoch verloren haben, den Betrieb ein. Und es ergibt sich auch keine noch vor dem ersten Punktspiel – Motto: Okay, wir haben die Bude voll gekriegt, wir steigen nun freiwillig ab. Ich habe heute mit zwei großen HSV-Profis gesprochen, die eine solche Klatsche entsprechend einordnen können. Weil auch sie früher davon nie verschont worden sind. Der frühere HSV-Kapitän Ditmar Jakobs erinnert sich: „Vor der Saison 1986/87 haben wir irgendeinen Fuji-Cup in Mönchengladbach gespielt. Vier Stück von Werder haben wir bekommen, fünf von Gladbach. Und dann haben wir im ersten Bundesliga-Spiel im Volkspark gegen Werder 3:0 gewonnen – und wurden Vizemeister. Also alles halb so wild, eine solche Pleite bewerte ich erst gar nicht.“

Und den zweiten „ganz Großen“ habe ich ebenfalls nach seinen Erfahrungen mit solchen Testspiel-Niederlagen gefragt: Uli Stein. Der frühere Nationaltorwart sagt wie aus der Pistole geschossen: „Ein solches 1:5 hat absolut nichts zu sagen. Schon der große Ernst Happel hat uns damals immer gesagt, dass ihm Ergebnisse in solchen Spielen zweitrangig sind. Er wollte nur, dass wir uns so bewegen, wie wir es von ihm angesagt bekommen hatten. Happel ging mit Niederlagen in Testspielen immer ganz relaxt um. Und auch heute ist es doch so: Von diesem 1:5 spricht übermorgen schon keiner mehr. Anders wäre es doch nur, wenn es ein 1:5 in der Bundesliga gegen Wolfsburg gegeben hätte . . .“

Uli Stein weilt seit heute in Hamburg, denn am Dienstag wird sein Fußabdruck genommen. Für den „Walk of fame“ an der Arena, gleich neben dem Fuß von „uns Uwe. Aus diesem Grunde ist übrigens auch Kevin Keegan hier – die beiden verdienten HSVer werden im Herbst für ihren Einsatz und ihre Groß-Taten für den HSV geehrt. Das nur am Rande. Natürlich habe ich mit Uli Stein auch über den HSV von heute gesprochen. Aber bevor wir dazu kamen, ging es noch ganz kurz zur Arminia aus Bielefeld. Dort könnte der Uli, der einst auch auf der Alm das Tor hütete, demnächst Präsident werden – wenn die Mitglieder es wollen. Er selbst will. Und ich muss sagen, ich hätte es auch ganz gut gefunden, wenn er, Uli Stein, mal irgendwann in irgendeiner Führungs-Funktion zum HSV gekommen wäre . . .

Wäre das nichts für ihn gewesen? Stein: „Ja, natürlich hätte ich so etwas gerne gemacht, aber ich bin nie gefragt worden. Der HSV, das wäre in der Tat eine reizvolle Sache, aber wie gesagt, es hat sich diesbezüglich nie etwas getan. Und was jetzt mit Arminia Bielefeld wird, das warte ich mal ab. Wir stellen gerade ein neues Team zusammen, und wenn es gut läuft, dann werde ich das wohl auch machen . . .“

Aber danach war nur noch der HSV das Thema. Und dieses 1:5 von Flensburg. Uli Stein: „Meistens ist es doch so gewesen: Verlief die Vorbereitung gut, dann klappte es garantiert in der Bundesliga nicht nach Wunsch. Deswegen ist es für mich besser, dass die Vorbereitung nicht so perfekt ist, denn dann gehen die Spieler in der Bundesliga konzentrierter zur Sache. Niederlagen helfen in dieser Phase mehr als Siege.“

Wobei ich mich an einen HSV-Trainer erinnere, der mir mal im Vertrauen gesagt hat: „Man braucht solche Testspiele auch dazu, um einigen Spielern die Grenzen aufzuzeigen. Diejenigen nämlich, die glauben, sie müssten hier Stammspieler werden, die werden dann aus allen Wolken gerissen. Und man hat als Trainer dann immer auch das Argument: Erinnerst du dich? 1:5 gegen Wolfsburg. Da hättest du zeigen können, was in der steckt – aber da kam damals nichts.“

Zurück zu Uli Stein. Sorgt er sich um „seinen HSV“? Er sagt spontan: „Natürlich, schon seit längerer Zeit. Ich habe mich in den letzten Jahren immer um den HSV gesorgt. Diese Rekord-Trainer-Entlassungen, das war ja der Wahnsinn. Da war ja nie Kontinuität zu sehen – und wenn, dann nur negative. Da gab es ja nichts Seriöses mehr, nichts Hanseatisches mehr, und das hatte doch den HSV über viele Jahrzehnte stets ausgezeichnet.“ Nun hat die Führung des Klubs aber gewechselt, und Uli Stein sagt dazu: „Ich drücke dem HSV die Daumen, dass jetzt alles besser wird, dass man jetzt ein glückliches Händchen hatte mit den Leuten, die den Klub nun führen. Wobei der Herr Jarchow ja wohl nur ein Übergangs-Boss sein wird.“

Letzteres ist nicht sicher. Es könnte, so sehe ich das, sehr gut sein, dass Carl-Edgar Jarchow nicht nur der Interims-Boss dem HSV sein wird, sondern über einige Jahre an der Spitze der Raute stehen wird. Grundsätzlich befindet Uli Stein: „Der HSV, das sage ich schon immer, sollte sich am FC Bayern orientieren. Da sitzen in den entscheidenden Stellen des Vereins Fußballer, und mit denen funktioniert das schon seit vielen, vielen Jahrzehnten am besten von allen deutschen Klubs. Warum also sollte das nicht auch beim HSV klappen können? Man sollte es einfach mal versuchen. Und: Der HSV bräuchte in meinen Augen eine absolute Persönlichkeit als Nummer eins an der Spitze. Deshalb kann ich es nur immer noch einmal wiederholen: Nehmt euch den FC Bayern als Maßstab, die haben es absolut perfekt gemacht.“

Ähnlich denkt auch Steins früherer Teamkollege Ditmar Jakobs. Der frühere Vize-Weltmeister macht sich auch gewisse Sorgen um den Klub: „Wenn der HSV in seinen Ansprüchen nun zurückrudert, wenn auch der Etat zurückgeschraubt wird, dann ist das in meinen Augen auch okay. Die Verjüngung ist vernünftig, ganz klar. Aber dann darf man nicht gleichzeitig davon sprechen, dass man am Ende der Saison auf Platz sechs oder besser stehen will. Das passt nicht. Diese Verjüngung, die nun vorgenommen wurde, die musste ja kommen, aber man darf die jungen Leuten dann nicht gleich wieder unter Druck setzen. Jetzt von Platz sechs zu reden, das halte ich für Blödsinn.“

Ditmar Jakobs sagt weiter: „Alle wissen es, dass der jetzigen Weg, den der HSV gegangen ist, gegangen werden musste. Es ging ja nicht anders, es musste genau das passieren. Das wusste die Führung, das wissen die Fans, das wissen sogar die Hamburger Medien. Und gerade sie begleiten diesen gewiss nicht einfachen Weg des HSV, so sehe ich das, sehr wohlwollend. Deswegen muss der HSV die Gunst der Stunde nutzen – und ganz ruhig dabei bleiben. Druck ist der völlig verkehrte Weg, jetzt kann es nur so sein, dass man sich die Mannschaft über drei, vier Jahre entwickeln lässt – und nichts von einem Platz in der Spitze als Saisonziel erzählt, das ist der völlig verkehrte Weg.“

Und wo hat der HSV noch Nachholbedarf? Auf welcher Position sieht „Jako“ noch eine gravierende Schwäche, die der HSV noch bis zum Saisonstart beheben muss? „Die Achse mit Petric, Jarolim, Westermann und Drobny ist schon gut, das sind alles erfahrene Leute. Darauf muss man nun bauen, und dazu müssen dann die jungen Leute herangeführt werden. Man muss die Talente nun fördern und fordern, und für jeden müsste der Kampf um einen Stammplatz offen sein.“

Aber genau diese jungen Leute haben ja auch schon gegen Wolfsburg gespielt – und das 1:5 nicht verhindert. Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass sie es noch nicht (oder immer noch nicht) packen? Jakobs: „Das ist absoluter Quatsch. Es haben doch noch viele Stammspieler wie zum Beispiel Petric oder auch Guerrero gefehlt. Das war in Flensburg eine sehr gute Lehrstunde für die jungen Talente, denn sie wissen nun ganz genau, dass sie noch viel tun und viel lernen müssen.“

Hoffentlich – kann ich nur sagen. Und hoffentlich zieht auch jeder seine entsprechenden Lehren aus dieser Pleite. Und sucht nicht nur die Schuld bei den Nebenleuten.
Es wird auch an Trainer Michael Oenning liegen, dass ein solches 1:5 entsprechend bei seinen Spielern ankommt – und entsprechend richtig gewertet wird. Oenning muss es ihnen vermitteln. Der Coach sagt übrigens nachträglich dazu: „Wir haben auf Sylt nur körperlich gearbeitet, nicht taktisch. Und es haben viele junge Leute gespielt, die so noch nie miteinander gespielt hatten. Wie zum Beispiel Besic und Sternberg.“ Beide hatten in den letzten 20 Minuten in der Innenverteidigung gespielt. Oenning sagt aber auch: „Die Frage, die man sich stellen kann ist die: War es sinnvoll, nach nur sieben Tagen Training schon ein Spiel gegen Wolfsburg zu bestreiten?“

War es wohl nicht so ganz.

Was allerdings nichts mit den Verletzungen zu tun hat, die sich Tolgay Arslan und Heiko Westermann bei diesem Testkick in Flensburg zugezogen haben. Arslan hat einen dicken Knöchel, es ist aber zum Glück kein Band gerissen – nur eine Prellung. Ähnlich verhält es sich beim Kapitän, auch er hat sich nur die Wade geprellt, aber nicht den befürchteten Riss erlitten.

Und zu den Spekulationen des Tages: Rasmus Elm (23) von Alkmar soll es laut HSV nicht sein, auch Tomas Rosicky nicht. Und der Name Miralem Pjanic (bosnischer Mittelfeldspieler in Lyon) ist beim HSV unbekannt – und wird es auch bleiben (so die Auskunft, die ich erhielt). Es darf also weiter fleißig gerätselt werden.

PS: Heute kein Training im Volkspark. Obwohl dort auch heute schon schwer geschuftet wurde. Mladen Petric und Reha-Trainer Markus Günther waren dort am Werke.

Und noch ein PS: Ich wollte es eigentlich nicht schreiben (und kommentieren), aber ich kann die Finger nicht davon lassen: Frauen-WM. Über das Niveau will ich nichts sagen und nichts schreiben,. das ist für mich tabu. Aber die Schiedsrichterinnen. Oha! Oha-oha! Diese Damen haben es ja nun echt drauf. Die lassen Fußball wieder Fußball sein. Da gibt es keine “Verweichlungen”mehr. Da werden keine Festnahmen getätigt, da da gibt es nur hopp oder topp. Und im Zweifel wird von der 23. Dame eben nur smart gelächelt und angezeigt: Ball gespielt. Das ist dann diese kreisrunde Bewegung, die immer wieder sehr, sehr gerne genommen wird. So lässt sich ja auch alles erklären. Selbst dann, wenn sich eine Frau einmal einen Fehlgriff geleistet hat – und einen Ball, nur weil er gegen das Aluminium geprallt war, kurzerhand gefangen hat. Weiterspielen. Dazu müsste dann nur noch diese kreisunde Bewegung kommen: Ball gespielt. Stimmt doch auch. Das “Wie” ist dabei gar nicht mal so entscheidend. Und wenn es mal nur auf die Knochen geht, und es ging dieser Tage schon oft auf die Knochen, dann: Ball gespielt. Und die kreisrunde Bewegung. Herrlich.

Diese Schiedsrichterinnen (Ausnahme unsere Bibiana Steinhaus!) sind von jeglicher Ahnung ungetrübt.

Und was sagt unser Ober-Fußball-Boss zu allem? Doktor Theo Zwanziger sagt: “Es geht hier um eine Fußball-Weltmeisterschaft, nicht um ein Schaulaufen in einem Mädchen-Pensionat.” Richtig. Und dazu dann die kreirunde Bewegung. Und: Ball gespielt.

Es ist schon herrlich, diese WM zu sehen. Und ich sehe Alles. Wirklich alles. Eben weil es so herrlich ist. Wie dieser kreisrunde Ball gespielt wird. Kreisrund jetzt. Herrlich, herrlich, herrlich. Einfach nur herrlich. Oder sollte ich besser schreiben: Fraulich?

17.59 Uhr