Monatsarchiv für Juli 2011

HSV-Fans für HSV-Stars?

31. Juli 2011

Nun ja. Der HSV hat nicht verloren. Der HSV ist immer noch im Pokal. Also ist ja noch gar nichts passiert. Was sollen denn Wolfsburger, Freiburger, Bremer und die Jungs aus Leverkusen sagen? Die sind arm dran. Oder ärmer auf jeden Fall. Und ich sehe diesen Sieg in Oldenburg auch nicht als eine Art Niederlage an. Gewonnen ist gewonnen. Vor ein paar Tagen erst 2:1 gegen die Bayern, nun 2:1 gegen den VfB Oldenburg. Zwei Erfolge. Und zwei HSV-Siege, mit denen man so, in dieser Form, nicht unbedingt rechnen konnte. Der erste Sieg wurde mit einer defensiven Marschroute, mit Engagement und viel Disziplin errungen, den zweiten Sieg gab es, weil sich letztlich die fußballerische Klasse gegenüber einem Fünftliga-Vertreter durchgesetzt hat. Beim zweiten 2:1 war der HSV gezwungen, das Spiel zu machen, nach vorne zu spielen – und damit hatten schon die HSV-Mannschaften der jüngsten Vergangenheit stets so ihre Schwierigkeiten.

Und am nächsten Wochenende ist ja nicht DFB-Pokal angesagt, sondern Bundesliga. Ich jedenfalls werde diesen neuen HSV nicht deshalb verdammen, weil er sich in Oldenburg zu einem 2:1-Sieg gequält hat. Und meine Zurückhaltung liegt nicht (nur) daran, dass ich mir mit meinem „Angst-und-bange“-Artikel kürzlich blauen Augen und rote Ohren abgeholt habe. Jeder Trainer, nicht nur der des HSV, verweist immer darauf, dass man erst nach den ersten zehn Saisonspielen einen Trend erkennen kann, dass man erst dann erkennt, wohin der HSV-Hase hoppeln wird – lasst uns also in aller Ruhe abwarten. Das wäre jedenfalls mein Vorschlag zur Güte. Spielt der HSV am Freitag in Dortmund so, wie er es in Mainz gegen die Bayern tat, so ist alles möglich. Alles.

„Wir sind zufrieden. So ist der Pokalfußball“, sagte Sportchef Frank Arnesen in Oldenburg. Und Michael Oenning befand: „Es war vielleicht ganz gut so, dass wir hier so richtig was auf die Socken gekriegt haben, obwohl ich schon dachte, dass wir das hier souveräner hinbekommen würden. Der Klassenunterschied hätte eigentlich viel deutlicher zu erkennen sein müssen.“ Und: „Die Abwehr muss stabiler werden, ruhiger und abgeklärter. Aber dieses Spiel war auch wie Steine klopfen . . .“ Mladen Petric gab zu: „Wir haben uns dieses Spiel viel zu schwer gemacht. Und man kann sagen, dass noch einiges nicht passte, da hat noch einiges gefehlt.“

Michael Oenning sagte auch noch einen sehr wahren Satz: „Nicht zufrieden sein kann ich mit der Grundeinstellung einige Spieler.“ Sehr richtig. Aber so etwas in diese Richtung sagen jetzt wahrscheinlich auch die Trainer in Wolfsburg, Bremen und Leverkusen. Und auch in Cottbus zum Beispiel. So ist das im Pokal. Jeder zweite Profi unterschätzt den „kleineren Gegenspieler“, nimmt ihn erst gar nicht für voll. Und wenn dann festgestellt wird, dass dieser „Kleine“ über sich hinauswächst, dass dieser „Kleine“ nicht nur zutritt wie ein Kesselflicker, sondern dass dieser „Kleine“ auch noch zutreten darf, weil er einen gewissen „Amateur-Bonus“ genießt, dann ist es meistens schon zu spät, an der „Grundeinstellung“ noch etwas zu ändern. Wobei sich dabei eine Frage fast von allein stellt: Wieso gelingt es Amateuren so häufig, den Profis durch Härte und einer gewissen Portion Unfairness (einige Oldenburger traten mehrfach nach, ohne dass es geahndet wurde) so dermaßen den Schneid abzukaufen? Das wird mir immer ein Rätsel bleiben. Liegt es wirklich nur daran, dass der Unparteiische gewisse Tretereien einfach durchgehen lässt? Motto: „Das sind kleine Amateure, so etwas müssen die Profis abkönnen, sonst sollten sie ihren Beruf wechseln.“

Fest steht, dass es solche Auftritte im Pokal immer wieder geben wird. Nicht nur vom HSV. Ganz klar. Und wenn ich gerade bei „Beruf wechseln“ war: Ich wurde gestern und auch schon heute von Freunden und Bekannten gefragt: „Was macht Heiko Westermann eigentlich beruflich?“ Wie unfair. Echt. Und wie böse, wie gemein, wie niederträchtig?

Nur weil der Noch-HSV-Kapitän den 1:1-Gegentreffer durch einen groben Schnitzer begünstigt hatte? Ich verstehe diese Hetzjagd nicht. Es muss aber wohl immer einen „schlimmen Finger“ geben, der niedergemacht werden muss. Zuletzt war es der „kleine Dribbelkünstler“, gelegentlich auch David Jarolim, und nun muss wohl Heiko Westermann in die „Bresche“ springen. Fürchterlich.

Natürlich war die HSV-Defensive nicht immer sattelfest, natürlich hat sich auch Westermann den einen oder anderen Klops erlaubt – aber wer nicht? Westermann macht Fehler, die Kollegen ebenfalls. Und selbst dann, wenn er nur dieses eine Tor verschuldet hätte, wäre er wohl wie die ärmste Sau durch das Dorf getrieben worden. Weil es zurzeit eben mal „in“ ist. Ein Wahnsinn.

Der HSV bekommt von den meisten seiner Fans jede Menge Chancen. Abwarten, geduldig sein, Ruhe bewahren – das wird schon. So habe ich es in diesen Tagen und Wochen gelesen. Und gehört. Gerade auch nach meinem „Angst-und-bange“-Artikel. Was gab es da für einen Aufstand! Aber bei Heiko Westermann, bei dem wird jetzt schon mal wieder so richtig Maß genommen. Der muss raus, weg, Ende, aus. Weil der HSV ja auch so viele Alternativen hat. Genug auf der Bank, genug auf der anderen Bank – nämlich die Finanzen. Dann holt man eben kurzerhand mal einen neuen Innenverteidiger. Basta. Nur weg mit Westermann. Wie billig ist das denn? Kritik ist ja erlaubt, Kritik soll auch sein – ber muss es gleich so radikal sein, dass man einen HSV-Spieler so restlos verdammt? Und, Eure Frage an mich, meine Frage an Euch: wem hilft das?

Es wäre schon toll, wenn HSV-Fans auch zu ihren HSV-Spielern stehen würden. Erst recht zu Beginn einer Saison. Auch das wurde mir ja vorgeworfen: Warum muss ich den HSV so schlecht schreiben und sehen – wem hilft das? So der immer wiederkehrende Vorwurf. Und? Was wird jetzt mit Westermann gemacht? Ist das besser? Hilft ihm das, die kommenden Aufgaben besser zu bewältigen? Es wäre wunderbar, wenn man hier irgendwann auch mal feststellen könnte: „HSV-Fans für HSV-Stars“!
Uneingeschränkt. Fast jedenfalls. Und gerade in der jetzigen Situation, wo es nicht einen Cent für neuen Spieler gibt. Nicht einen. Aber wenn ich zum Beispiel genau darüber schreibe und den Finger in die Wunde lege, dann gibt es hier ja auch den einen oder anderen kleineren Aufstand. Gut so.

Mir wurde ja verschiedentlich die Frage gestellt, warum ich Heiko Westermann in Oldenburg gut gesehen habe? Ich will das gerne erklären, obwohl ich durchaus weiß, dass ich damit nicht auf Verständnis stoßen werde. Egal: Habt Ihr HSV-Spieler gesehen, die während dieser 90 Minuten mal den Mund aufgemacht haben? Ich habe kaum mal einen gesehen. Außer Westermann. Der war bemüht, „Leben in die Bude“ zu bekommen. Ansonsten „Jupiter Jones“: „Still“. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt, keiner ruft mal zur Ordnung auf, keiner stachelt an, muntert auf, sortiert di eigenen Reihen. Das war in Oldenburg auch wieder einmal so herrlich zu sehen. Nur Westermann war in diesem Punkt wirklich bemüht. Und, weshalb ich ihn auch gut finde: Er macht zwar (immer wieder) einige Fehler, aber er gibt nicht nur nicht auf, er lässt sich nie hängen, er gibt 90 Minuten lang auch alles. Der Mann reißt sich den Hintern auf. Machen das in dieser Form wirklich alle HSV-Spieler? Wer oft am Ball ist, wer sich bemüht, immer Einfluss zu nehmen, der macht zwangsläufig auch den einen oder anderen Fehler (mehr). Ganz normal. Ist übrigens auch bei David Jarolim so. „Jaro“ und Westermann wollen stets Verantwortung übernehmen, sie übernehmen auch tatsächlich Verantwortung, aber wenn es dann mal nach hinten losgeht, dann wird über sie hergefallen. Schon bitter.

Um auch das noch einmal zu sagen: Natürlich war der Fehler, den Westermann vor dem 1:1 beging, ein ganz schwerer Patzer, keine Frage. Darf eigentlich nicht passieren, passiert aber. Er war gedanklich nicht darauf eingestellt, dass der VfB-Spieler Ferrulli hinter ihm lauerte – und dann nach vorne preschte. Aber ein solches Ding passiert. Auch deshalb, weil man die Situation scheinbar völlig im Griff zu haben scheint. Das aber passiert ja nicht nur Westermann. Viel schlimmer fand ich in diesem Spiel, dass der Fünftliga-Klub in Halbzeit zwei gleich zwei riesige Kopfballmöglichkeiten hatte. Dortmund nutzt solche Dinger, ganz sicher. Da hätte der HSV dann zurückliegen können, und ob es dann noch zu einem Sieg gereicht hätte? Da habe ich meine Zweifel. Und wenn jetzt einige sagen, dass ja auch an diesen Kopfball-Chancen des VfB Heiko Westermann beteiligt war, so mag das ebenfalls stimmen – nur gibt es auch außen Spieler, die solche Flanken verhindern sollten. Über die aber spricht hier niemand.

So, Thema Westermann ist abgehakt. Es gab ja aber auch Erfreuliches in Oldenburg. Gökhan Töre zum Beispiel. Der größte Gewinner der Vorbereitung. Klassemann, der wird in meinen Augen nicht so schnell aus der Mannschaft verdrängt werden können. Und das ist auch gut so. Töre ist ein echter Vollblut-Fußballer, der will, der ist heiß – und der kann auch. Weil er die nötige Entschlossenheit hat, seine gedanklichen Vorhaben auf dem Rasen in die Tat umzusetzen.

Und ein positiver Posten beim HSV war auch Dennis Aogo. Der Nationalspieler hatet ja einen Tag vor dem Spiel von sich gesagt, hundertprozentig konzentriert in dieses Spiel gehen zu wollen – und er tat es auch tatsächlich. Nur habe ich so während des Kicks gedacht: Was nützt es ihm, wenn er hundertprozentig konzentriert in dieses Spiel geht, wenn andere Kollegen diese Einstellung vermissen lassen? Dann kann Aogo noch so viel „röteln“, wenn er auf zu wenig Gegenliebe in den eigenen Reihen stößt, ist auch er machtlos. Immerhin hatte er viele, viele gute Szenen vor allem in der Offensive. Er schoss auch wie ein „Wilddieb“, nur traf er nicht so recht was. Das könnte, das darf, das muss besser werden. Wenn Aogo seinen Trainer auf das Spielfeld sprinten sehen will. Und Michael Oenning hat das ja versprochen. Er will auf den Platz stürmen, wenn Aogo mal ein Tor schießt. Hatte der Coach ja auch für einen Treffer von Dennis Diekmeier angekündigt – aber der traf inzwischen ja schon mal (Groningen). Und da Testspiel-Tore auch zählen, war Oenning auch auf dem Platz . . .

So, an diesem Montag ist trainingsfrei. Und am Dienstag soll morgens noch Training sein (10 Uhr), und am Abend findet dann die offizielle Saisoneröffnung im Volkspark statt. Gegen den FC Valencia. Mir, nur mir ganz persönlich, passt dieser Termin gar nicht – im Sinne des HSV, denn am Freitag steht dann ja schon wieder kein ganz so unwichtiges Spiel auf dem Programm. Aber gut, damit müssen wohl Profis auch umgehen können. Und ich denke einmal, dass sich am Dienstag dann auch jeder HSV-Spieler dem Publikum präsentieren darf. Auf dem Rasen, während des Spieles gegen den Champions-League-Starter. So dass dann auch nicht die ganze Kraft in dieses Freundschaftsspiel gesteckt werden muss.

PS: An diese Montag wird der HSV-Vorstandsvorsitzende Carl-Edgar Jarchow in der TV-Sportsendung Rasant (HH1, 20.15 Uhr) Auskunft über den neuen HSV geben – Uli Pingel (Sportchef HH1) und ich werden die Fragen an den HSV-Boss richten.

16.34 Uhr

Petric verhindert die Pokal-Blamage

30. Juli 2011

Eine schlechte Generalprobe ergibt meistens eine gelungene Premiere. So gesehen kann der HSV am nächsten Freitag ganz beruhigt nach Dortmund fahren – es kann nur besser werden. Gegen den Fünftliga-Vertreter VfB Oldenburg mühte, nein, quälte sich der große HSV zu einem enttäuschenden 2:1-Erfolg. Es war ein Kick wie kürzlich das Testspiel gegen Al-Ahli Doha, ein Muster ohne jeglichen Wert, diese 90 Minuten müssen ganz schnell abgehakt werden – von den Fans. Trainer und Mannschaft aber sollten diese grausame Vorstellung doch noch einmal in aller Ruhe aufarbeiten, denn es lief einfach zu viel falsch. Letztlich gab es einen Pflichtsieg, weil Mladen Petric mit seinem Tor die Pokal-Blamage verhinderte, aber dieser Erfolg wird die Skeptiker im Lager des HSV nicht allzu sehr beruhigen. Es muss bis Dortmund noch hart geackert werden – packt es wie die Profis an, HSV!

Der HSV wollte. Von Beginn an. Es wurde schnell nach vorne gespielt, es wurde druckvoll gespielt, es wurde nachgerückt – aber am VfB-Strafraum war meistens schon Endstation. Vorne wurden kaum Bälle „festgemacht“, so dass es lange, lange Zeit kaum mal eine gefährliche Aktion im Oldenburger Strafraum gab. Zumal die Amateure eine harte, gelegentlich sogar überharte, bissige, aggressive Gangart an den Tag legten, die nicht allen Hamburgern „schmeckte“. Natürlich ist Härte erlaubt, natürlich wird auch in der Bundesliga härter, vielleicht noch härter gespielt, dennoch ließ sich der HSV wohl auch von dieser „Spielweise“ des VfB beeindrucken.

Der HSV hatte naturgemäß mehr vom Spiel, hatte mehr Ballbesitz, selbstverständlich auch die besseren Einzelspieler, aber ein altes Pokalgesetz bewahrheitete sich auch hier wieder einmal: Kampfgeist kann Berge versetzen. Und wenn man nicht richtig dagegenhält, dann kann der Schuss auch schnell einmal nach hinten losgehen. Aber, wie schon gesagt, der HSV wollte schon. Nur war das Spiel in der Offensive zu harmlos, zu durchsichtig, teilweise auch zu pomadig. Motto: Wenn nicht jetzt, dann eben ein, zwei Minuten später.

Highlights in der ersten Halbzeit? Raritäten. Ein erstes war sicherlich eine viel zu hohe Rückgabe von Dennis Diekmeier auf Jaroslav Drobny. Und wer sagt, dass der Tscheche nicht mit dem Ball umgehen kann, der wurde eines Besseren belehrt. Drobny jonglierte mit der Kugel – und spielte sie im Dropkick auf Diekmeier zurück. Riskant, aber gut (17.). Übrigens hatte der HSV-Keeper Sekunden zuvor das 0:1 verhindert, indem er rasch sein Tor verließ und den Winkel geschickt verkürzte.

Ein Höhepunkt auch die 26. Minute. David Jarolim wurde von Ferrulli gefoult. Klar gefoult, um das einmal zu betonen. Gelbwürdig. Doch Schiedsrichter Peter Gagelmann „verzichtete“ auf die Gelbe Karte, es wäre Gelb-Rot für den Oldenburger gewesen. Den anschließenden Freistoß hob Dennis Aogo vor das Tor, dort stand Heiko Westermann (leicht im Abseits?) und köpfte zur 1:0-Führung für den großen Favoriten ein. Standesgemäß.

Die Weichen zum HSV-Sieg gestellt? Denkste.

Westermann ließ sich in der 34. Minute überraschen. Er glaubte offensichtlich, einen Ball ganz sicher am Fuß zu haben, doch von hinten kam Ferrulli, der eigentlich schon hätte draußen sein müssen (Gelb-Rot), und der nahm dem HSV-Kapitän den Ball vom Fuß, lief auf und davon – und tunnelte auch noch einmal Jaroslav Drobny. 1:1. Welch eine Ernüchterung.

Zwei Möglichkeiten gab es noch bis zur Pause. Gojko Kacar blieb bei seinem Sechs-Meter-Schuss zu harmlos, dann verzog Aogo aus zehn Metern. Wer Sekunden vor dem Pausenpfiff in das Gesicht von HSV-Trainer Michael Oenning blickte, der wird trotz dieses 1:1 eine gewisse Ruhe ausgemacht haben. Von Panik jedenfalls keine Spur, er strahlte Ruhe und Gelassenheit aus.

Hatte ich, gebe ich zu, zur Pause auch. Irgendwann, so meine Überlegungen, werden die Oldenburger schon noch nachlassen.

Erst einmal aber musste Hamburg zittern. Als der Kopfball in der 62. Minute am HSV-Tor vorbeiflog (und nicht, was eigentlich hätte passieren müssen, drin war!), da war Eppingen plötzlich wieder gegenwärtig. Zumal dann, aös Mladen Petric in der 68. Minute das vermeintliche 2:1 für den HSV erzielt hatte, doch der Treffer nicht zählte. Warum nicht? Es ist mir schleierhaft. Aber so etwas gibt es im Fußball (immer mal wieder), der Unparteiische hatte ein Foul eines Hamburgers gesehen, aber es gab in dieser Szene keines. Nicht mal im Ansatz war etwas Verbotenes erkennbar. Schade, schade.

Zum Glück für den HSV wurde diese Fehlentscheidung nicht bestraft. Vier Minuten später traf Petric tatsächlich zum 2:1. Jarolim hatte den Torjäger prächtig bedient, und der Kroate bewies einmal mehr seine Kaltschnäuzigkeit. Auch wenn er nicht so oft gesehen wurde, so zeigt er doch immer wieder dann, wenn es darauf ankommt, seine Vollstreckerqualitäten. Kompliment. Wenn ich Trainer des HSV wäre, dann hätte ich wohl schon gelegentlich häufiger weniger Geduld bewiesen . . . Zu Unrecht. Natürlich. Petric-Tore beweisen mir immer wieder das Gegenteil.

Der Beste Hamburger, um zu diesem Punkt zu kommen, war ein 20-jähriger Neuzugang: Gökhan Töre. Wenn mir einer sagt, dass der Deutsch-Türke zu ballverliebt sei, dass er sich viel, viel zu spät vom Ball trennt, dann werde ich nur noch lachend davonrennen. Töre dribbelt – und das ist auch gut so. Er ist einer, der es wenigstens versucht. Er spielt nicht nur Rasenschach, er spielt nicht nur gradlinig, er bringt Ideen ins Spiel des HSV, er schafft mit seinen Dribblings auch Räume, die die anderen nutzen könnten. In Oldenburg haben sie sie nicht genutzt, aber das lag nicht an Töre. An ihm werden wir alle noch viel, viel Freude haben – garantiert.

Gut war auch Diekmeier, über den auf der rechten Seite vor allem zu Beginn sehr, sehr viel lief. Westermann war bis auf seinen schweren Patzer beim 1:1 gut, ganz sicher gut – und 90 Minuten vorbildlich. Michael Mancienne war absolut okay, es war ja für jeden Abwehrspieler ein undankbares Spiel, der Engländer machte seine Sache gut. Das gilt auch für Aogo links, der sich diesmal in der Offensive sehr austoben konnte – und für meine Begriffe das eine oder andere Mal zu viel schoss.

Kacar und Jarolim vor der Abwehr – solide. „Jaro“ oft am Ball, beging auch einige Fehler, dennoch war er „einen Tick“ besser – weil bestimmender – als sein Nebenmann. Heung Min Son blieb blass, zu blass (es war wohl zu hart für ihn), Eljero Elia ließ seine Gefährlichkeit nur viel zu selten aufblitzen – dass ist gegen eine Amateur-Mannschaft zu wenig. Ja, und über Töre und Petric ist alles gesagt. Zum Schluss kamen noch Robert Tesche (für Kacar) und Marcell Jansen (für Son), aber es blieb alles in allem enttäuschend.

“Wir haben uns sehr schwer getan, es war ein kompliziertes Spiel – aber wir haben gewonnen. Es war aber sicher nicht so einfach, wie wir es uns vorgestellt haben”, sagte HSV-Trainer Michael Oenning. Er versprach, dass er sich diese 90 MInuten noch einmal in aller Ruhe anschauen wird. Und: “Einige Bundesliga-Klubs sind schon rausgeflogen, wir sind noch dabei.” Richtig. Und gut so. Und wie gesagt: Es kann nur besser werden. Sagt auch Oenning: “Ich bin mir sicher, dass wir in der Bundesliga eine ganz andere HSV-Mannschaft sehen werden.” Auch gut so.

17.36 Uhr

Mit Jarolim gegen Oldenburg

29. Juli 2011

Keine Angst vor großen Tieren. Obwohl es ja für den HSV erst einmal gegen die „kleinen Tiere“ geht, nämlich im DFB-Pokal gegen den VfB Oldenburg. Aber darum ging es im heutigen Abschlusstraining nicht vordringlich. Es war nur eine putzige Szene, die mich an die „Angst“ erinnerte: Als auf drei Stationen „Sechs gegen Zwei“ gespielt wurde, herrschte beste Stimmung auf dem Rasen, es wurde gelacht, gescherzt und geflucht. Letzteres von jenen Spielern, die in den Kreis mussten – um dort hinter dem Ball herzujagen. Bei acht Leuten war es besonders heiter und laut, das gab es mitunter das reinste „Indianergeheul“ zu hören: Eljero Elia, Romeo Castelen, Änis Ben-Hatira, Jaroslav Drobny, Ashton Götz, Janek Sternberg und Torwarttrainer Ronny Teuber. Und nun zu jener Szene mit „keiner Angst“. Als Drobny in der Mitte war, der Ball hoch oben in der Luft, da sprang der mindestens einen Kopf kleinere Ashton Götz dem langen Keeper so vehement in die Seite, dass der größte Mühe hatte, seinen körperlichen Vorteil auszunutzen. Keine Angst vor großen Tieren eben – der Kleine ging mächtig zur Sache. Machte er übrigens nicht nur in dieser Szene, ich hab den Eindruck, dass der 18-Jährige immer selbstbewusster wir und deshalb frisch und unbekümmert mit – und aufspielt. Und ich habe mir dabei gedacht: Da kommt mal wieder einer, bei dem man die Hoffnung hat, dass er sich bis ganz oben durchbeißt. Obwohl das sicher noch dauern wird.

Das Programm von heute: Erst wurde sich warmgelaufen, dann gab es Direktspiel, Pässe in den Fuß des Mitspielers, dann bat Konditionstrainer Günter Kern zum Hügel, an dem es fünf Minuten lang kurze Sprints gab – es folgte „Sechs gegen Zwei.“ Zum Abschluss wurden Spielzüge eingeübt, Standards geschlagen, die Abseitsfalle geübt (!) – und es gab auch ein Abschlussspielchen. Um 12.09 Uhr verteilte Trainer Michael Oenning die roten Hemden – für die Stammformation. Wobei alle Trainingskiebitze ganz genau hinsahen, ging es doch um die Frage: Robert Tesche oder David Jarolim? Nachdem Dennis Aogo, Mladen Petric und Heung Min Son ihre Hemdchen schon einkassiert hatten – gab es das „Rot“ auch für? And the winner is: „Jaro“. Vorläufig jedenfalls.

Zwei Szenen hatten vor dem Spiel noch für Erheiterung gesorgt: Als Son ein Abpraller vor die Füße flog, da flog ihm auch Drobny entgegen – der Torwart hatte einen Nachschuss des Südkoreaners erwartet. Son aber täuschte den Schuss nur an, Drobny flog „falsch“ – und Son schob den ball lässig in die Mitte, wo Petric vollendete. Die Fans lachten und freuten sich, am lautesten aber lachte Eljero Elia, der mit dieser Finte von Son wohl auch nicht gerechnet hatte. Gut gemacht! Und den Hoch-und-Weit-Preis des Tages gab es für Gojko Kacar, der den Ball aus kurzer Entfernung nicht nur über das Tor setze, sondern auch über den Fangzaun. Das war eine Kunst. Der Serbe hielt sich entsprechend die Hände vor sei Gesicht. Romeo Castelen hatte eine ähnliche Szene, schaffte es aber nicht, den großen Zaun zu überwinden, es fehlten ein, zwei Zentimeter.

Beim Spiel selbst schoss dann Mladen Petric (nach einem herrlichen Töre-Pass) das einzige Tor – indem er den Ball mit der Sohle an dem herausstürzenden Tom Mickel vorbeizog und aus spitzem Winkel einschoss. Da gab es donnernden Applaus von den Rängen.
Und gestaunt wurde auch noch danach, als es zur Entspannung ein kurzes, aber heftiges Scheibenschießen“ gab. Große Bewunderung erntete zuerst Janek Sternberg, der den Ball gegen Mickel in den oberen linken Winkel schlenzte – herrlich. Auch Petric gelang später noch ein ähnlicher Treffer.

Etwas zurückhaltender war an diesem Tag Heung Min Son. 18 Tore hat er in der Vorbereitung erzielen können, in Oldenburg soll diese Serie fortgesetzt werden. „Unsere Mannschaft ist bestens vorbereitet, wir haben ordentlich Gas gegeben – und wir haben trotzdem immer unseren Spaß gehabt, jetzt kann es losgehen“, sagt Son erwartungsfroh und führt an: „Ich weiß nicht, ob wir besser als in der vergangenen Saison werden, aber ich hoffe es.“ Hat er sich ganz sicher vorgenommen, weiterhin viele Tore für den HSV zu schießen, aber er hält den Ball flach: „Wichtig ist nicht, ob ich Tore schieße, sondern wichtig ist nur, dass wir als Mannschaft Erfolg haben. Ich hoffe, dass wir mit dem Gewinnen schon morgen beginnen.“

Vor einem Jahr hatte Son in der Vorbereitung auch ähnlich gut getroffen, und dann verletzte er sich im Saisoneröffnungs-Spiel gegen Chelsea schwer, zog sich einen Bruch des Mittelfußes zu. Diesmal kommt die Saisoneröffnung erst am Dienstag, im Spiel gegen den FC Valencia. Spielt er mit? Er sagt: „Natürlich, keine Frage. Daran, dass ich mich erneut schwer verletzen könnte, denke ich überhaupt nicht. Das wird nicht mehr passieren.“ Die Fans würde es sicherlich erfreuen, wenn Son fit und frisch in die Saison starten könnte, denn er ist inzwischen der Hamburger Publikumsliebling geworden. Er sagt: „Ich freue mich, wenn sich die Fans freuen, und wir spielen ja auch viel für sie, damit sie Spaß und Freude haben. Und ich will einfach nur Spaß haben, wenn ich Fußball spiele, das ist mir wichtig.“

Und das kann man auch sehen. Er gibt auch im Training immer alles – mit Spaß. Und es ist ihm egal, auf welcher Position er zum Einsatz kommt: „Ich spiele da, wo mich der Trainer hinstellt, und ich gebe dann mein Bestes. Ich habe kein Problem damit, wenn ich nicht in der Spitze spiele, ich kann es auch links oder rechts, oder auch hinter der Spitze. Alles kein Problem für mich.“

Hauptsache Spaß. Und Hauptsache Sieg.

So sieht es wohl auch bei Dennis Aogo aus. Der Nationalspieler gehört ja noch immer jenem Kreis an, aus dem der Trainer in der kommenden Woche den Kapitän bestimmen wird. Und ganz sicher ist es auch so, dass Aogo in der Hierarchie der neuen HSV-Mannschaft einen großen Sprung nach vorne gemacht hat. Der Mann hat einfach immer etwas zu sagen. Und ich finde das ausgesprochen gut so, denn je mehr Spieler Verantwortung übernehmen, umso besser ist es um den Teamgeist beim HSV bestellt. Und ich habe nicht erst seit der „Neuzeit“ beim HSV, die mit dieser Mannschaft Einzug gehalten hat, den Eindruck, dass sich Aogo um einen besseren Zusammenhalt in der Truppe bemüht.

Zum Pokalspiel an diesem Sonnabend sagt Aogo: „Über den Pokal gibt es den schnellsten Weg nach Europa, deswegen sollten wir uns da richtig gut drauf konzentrieren. Und nicht durch Leichtsinnigkeit früh ausscheiden. Ich nehme den Wettbewerb sehr, sehr ernst, ich nehme auch die kleinen Gegner sehr ernst, es wäre ja nicht das erste Mal, dass ein Großer an einem Kleinen scheitert. Deswegen gilt meine ganze Konzentration diesem Spiel. Die Spieler des VfB Oldenburg werden wie um ihr Leben kämpfen, das sollten wir wissen.“

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Es war schön zu sehen, wie Michael Oenning heute nach dem Training seine Mannen noch einmal um sich versammelte. Alle saßen (im Halbkreis) auf dem Hosenboden, Oenning kniete vor seinen Spielern – und erzählte (wohl) von dem, was er erwartet, was seine Mannschaft erwartet, vielleicht auch von der Wichtigkeit dieses Wettbewerbs. Wie schön wäre es, wenn alle, wirklich alle ganz genau zugehört hätten . . .

So wird der HSV morgen spielen: Drobny; Diekmeier, Mancienne, Westermann, Aogo; Kacar, Jarolim; Töre, Son, Elia; Petric.

So, schnell noch eine Nachricht des HSV (bezüglich der nächsten Woche):

Am kommenden Dienstag (Anstoß 19.15 Uhr) feiert der HSV seine offizielle Saisoneröffnung mit einem Testspiel gegen den FC Valencia. Für die Partie gegen den spanischen Champions-League-Teilnehmer wurden bislang 24 000 Tickets verkauft. An den Vorverkaufsstellen sind noch Karten in allen Kategorien verfügbar. Kinder zahlen im Vorverkauf auf allen Plätzen nur acht Euro, Erwachsene zwischen zehn und 35 Euro. An der Tageskasse wird es nur ein begrenztes Kontingent an ermäßigten Tickets geben, weshalb der HSV bittet den Vorverkauf zu nutzen.

Bei der Saisoneröffnung wird neben dem Fußball ein buntes Rahmenprogramm geboten. Bereits ab 16.00 Uhr findet auf der Westplaza eine Aktion vom neuen Exklusiv- und Hamburger Weg-Partner Hanwha Solar statt. Auf der NDR Bühne wird ein DJ schon vor dem Anpfiff für gute Stimmung sorgen. Zum Talk sind Spieler und Verantwortliche des HSV eingeladen. Nach dem Spiel wird Stadionsprecher Lotto King Karl eine gute halbe Stunde seine Songs zum Besten geben. Auch Exklusivpartner Entega beteiligt sich mit einer Eventfläche am Stadiongelände, auf der unter anderem eine Hüpfburg, eine Schussgeschwindigkeitsanlage und eine Torwand auf die Fans warten.

Und noch eine Nachricht vom HSV: Robert Tesche hat seinen bis Sommer 2012 laufenden Vertrag vorzeitig bis zum Jahre 2014 verlängert.

Allen Matz-abbern und Ihren Lieben ein wunderschönes (und erfolgreiches) Wochenende.

17.44 Uhr

Arnesen: “. . . dann sind wir komplett”

28. Juli 2011

Hochbetrieb im Volkspark. Was war da wieder los! Unglaublich. Na gut, es sind Ferien, und dazu ist das Wetter gut (gewesen?), dann füllt es sich schon mal. Aber irgendwie schon beängstigend, wenn sich die Massen (an Fans) wie auf Kommando so durch dieses ganz, ganz kleine Tor zum Trainingsplatz pressen. Aber was tut man nicht alles für den HSV, da nimmt man wohl auch solche körperlichen Strapazen in Kauf. Ist ja für die Raute. Und man sieht ja auch allerhand. Heute zum Beispiel erst einmal nichts, denn die Mannschaft kam erst eine halbe Stunde nach zehn Uhr auf den Trainingsrasen. Dafür ging das Programm dann aber auch bis 12.20 Uhr – für nichts. Niemand muss auch nur einen Cent dazubezahlen, außer beim Eismann.

Zum Trainingsprogramm: Laufschule a la Günter Kern, dann ein Spiel ohne Tore (Direktspiel), auf einem Areal von 30 mal 30 Metern, dann wurden die Gruppe getrennt. Talente rechts, Stammspieler links. Die Jünglingen flankten, schossen und köpfte, die „Erwachsenen“ übten Standards, die vorzugsweise von Eljero Elia und Gökhan Töre in die Mitte gebracht wurden. Wobei ich mir dachte (ganz leise!): „Mensch, der gute Eljero, der wird heute, am Ende dieser Einheit, auch wissen, woran er noch zu üben hat.“ Wie gesagt, ganz, ganz leise gedacht, hat niemand gehört. Zum Abschluss gab es dann noch ein Spielchen (zwölf gegen zwölf!) über 20 Minuten. Sören Bertram schoss, nachdem zuvor Hanno Behrens aus einem Meter nur die Torlatte getroffen hatte, das 1:0 für die Talente (die mit Romeo Castelen spielten), aber die „Herren“ drehten das Spiel noch und gewann durch Tore von Marcell Jansen (wunderbarer Heber mit rechts!), Änis Ben-Hatira und Mladen Petric noch mit 3:1. Und Ende. Am Rande trainierte Jeffrey Bruma mit Reha-Coach Markus Günther (und auch schon wieder mit Ball!), und Marcus Berg, der zuerst mit der Mannschaft gelaufen war, drehte noch einige Runde für sich allein – bevor er früher in die Kabine ging.
Noch ein Satz zu Bruma, weil es viele nicht abwarten können, ihn wieder bei der Mannschaft zu sehen: Für das Spiel in Oldenburg wird der Niederländer, das steht fest, noch keine Rolle spielen, aber es ist geplant, dass er nächste Woche wieder ins Mannschaftstraining einsteigt.

Und noch einmal zurück an den Spielfeldrand: Dort gab heute Sportchef Frank Arnesen das wohl längste Fernsehinterview seines Lebens. Und wenn es nicht seines Lebens gewesen sein sollte (was ich mir nicht vorstellen kann), dann war es auf jeden Fall meines Lebens. Gefühlte 30 Minuten wurde der Däne befragt. Und er hielt eisern durch, behielt die Nerven und die Contenance. Kompliment. Zumal der Sportchef auch anschließend noch bei uns Halt machte – obwohl ein Mann mit Aktentasche unter dem Arm schon an der nächsten Ecke auf ihn wartete . . .

„Vor dreieinhalb Monaten bin ich beim HSV angefangen, nun geht es am Sonnabend mit dem Pokalspiel los. Ein sehr wichtiges Spiel für uns, und ich freue mich, dass es nun beginnt. Ich habe Vertrauen in die Mannschaft, es wurde gut trainiert, wir haben eine gute Atmosphäre – ich hoffe, dass wir das auch in diesem Spiel rüberbringen können“, sagt Frank Arnesen. Und wenn nicht? Hat er schon die eine oder andere Pokal-Überraschung der negativen Art erlebt? „Nein, ich nicht, aber das passiert. Man muss nur mal nach Frankreich blicken, das standen schon Klubs aus der fünften und vierten Liga im Pokalfinale. Im Fußball darf man niemanden unterschätzen, das ist die erste Pflicht.“

Es gibt auch heute nichts Neues von der Ein- und Verkaufs-Front. Guy Demel muss warten, der HSV muss warten. Und Mickael Tavares muss warten, der HSV ebenfalls. Bitter, bitter. Aber es gibt auch Erfreuliches: Am Dienstag werden Tomas Rincon und Paolo Guerrero wieder mit der HSV-Mannschaft trainieren, und am Donnerstag kommt dann Per Ciljan Skjelbred nach Hamburg. Arnesen: „Und dann sind wir komplett.“ Stand heute. Vielleicht gibt es ja aber doch noch Millionenden für Demel . . .

Apropos: Wenn jetzt Jonathan Pitroipa nach tritt, dann, so muss ich zugeben, kommt das für mich schon überraschend. Von jedem hatte ich es erwartet, aber nicht von dieser zarten Person. Und irgendwie hatte ich doch gehofft, dass er sich besser einschätzen kann, doch das ist wohl ein tragischer Irrglauben. Selbstkritik ist zwar schön und gut, Kritik an anderen ist besser. Dass der gute „Piet“ jetzt die Schuld für sein Scheitern in Hamburg und bei Michael Oenning sucht, ist fernab jeglicher Realität. Er selbst hat sich in diesem Jahr einen solchen Mist zusammengekickt, dass man beim HSV kaum noch um ihn kämpfen konnte.

Themenwechsel. Hier bei „Matz ab“ wurde nach dem Fan-Fest in Hippach (Video rechts) viel getuschelt – über Konditionstrainer Günter Kern. Der soll einigen „Matz-abbern“ gesagt haben, dass die „Engländer schlecht trainiert, nicht austrainiert sind“. Deshalb haben sich hier schon einige gefragt, wie er das gemeint haben könnte, denn Manchester United, Chelsea und Arsenal spielen doch ganz oben in Europa mit. Und dann schlecht trainiert? Nicht austrainiert? Wie kann Günter Kern das gemeint haben?

Ich habe ihn heute gefragt. Und er ist natürlich falsch verstanden worden. Er hatte nicht den englischen Fußball gemeint – natürlich nicht. Er hatte speziell Bruma und Töre gemeint, die in der letzten Saison einige Zeit verletzt waren, die deshalb um den Anschluss im konditionellen Bereich kämpfen müssen. Nur darum ging es. Ansonsten hat Kern eine ganz, ganz hohe Meinung vom englischen „Tempo-Fußball“ – und er sagte mir: „Wie die auf der Insel trainieren, das kann ich gar nicht beurteilen, weil ich dort noch kein Training gesehen habe. Aber die werden schon sehr gut trainieren, denn sonst könnten die nicht so einen Power-Fußball spielen.“ So ist es. Und ich hoffe: Thema erledigt. Oder nicht?

Und noch eines gibt es aufzuklären. Mich erreichte während des Trainings ein „Matz-abber“ (per Telefon), der sich besorgt darüber erkundigte, warum Fran Arnesen „so auf den Platz stürmte, um dann mit Michael Oenning wild gestikulierend zu sprechen“? Der Anrufer: „Da muss doch etwas im Busch sein. Wird Guerrero doch noch verkauft? Oder was ist da los?“

Ich habe den Trainer danach befragt, hier seine (gebührenfreie) Auskunft: „Alles ganz harmlos. Er hatte Sehnsucht und ist deshalb zu mir gekommen. Nein, im Ernst, es gab viele kleine Sachen zu besprechen, aber es war nichts Hektisches dabei, im Gegenteil, es war ein ganz positives Gespräch, und ich habe ihn, da er gestern frei hatten, schnell noch einmal auf den neuesten Stand gebracht.“ Also, alles ganz harmlos. Und auch das wurde jetzt nebenbei schnell aufgeklärt.

Zum Spiel am Sonnabend in Oldenburg. Heiko Westermann wird, das verriet Oenning schon einmal, die Mannschaft auf das Feld führen. Was nicht bedeutet, dass er auch in Dortmund der HSV-Kapitän sein wird. Die Entscheidung darüber fällt in der kommenden Woche – Mladen Petric hat also noch einige Tage Zeit, seinen Vertrag zu verlängern. Macht er es, hat der Kroate wohl beste Chancen auf die Binde . . .

Ich freue mich, das gebe ich zu, auf Tomas Rincon. Der soll ja eine ausgezeichnete Copa gespielt haben – vielleicht hat er sich ja mit diesem Turnier „freigeschwommen“. Was ich ihm wünschen würde. Und wenn hier zuletzt ein kleiner (großer?) Kampf um die Sechs oder Doppel-Sechs entstanden ist, so tauchte sein Name dabei eigentlich nie auf. Hat ihn Michael Oenning auf dem Zettel? Der Coach: „Warum sollte ich ihn nicht auf dem Zettel haben? Ich finde es ja toll, dass mit Peru und Venezuela zwei Mannschaften im Fokus standen, die vorher niemand auf der Rechnung hatte. Und dass die beiden HSV-Spieler so im Blickpunkt standen, ist doch höchst erfreulich. Und nun gucken wir mal, wie sie die ganzen Eindrücke verarbeitet haben, und dann bin ich von beiden überzeugt, dass sie sicherlich Ansprüche haben, in der ersten Formation zu stehen. Die Möglichkeiten sehe ich für beide durchaus gegeben, aber ob es dann auch so kommt, das werden wir sehen.“

Und wo ich gerade beim Kampf um die Sechs bin: Da mischt ja auch in diesen Tagen „Robert Tesche Fußballgott“ mit. Michael Oenning über den „Spätstarter“: „Robert ist ein junger deutscher Spieler, der sich hier durchgebissen hat, der jetzt in einem Alter ist, wo er sehr wertvoll werden kann. Ich erhoffe mir von ihm, dass er nun den Durchbruch schafft, dass er nun der Mannschaft weiterhelfen kann.“ Der Trainer weiter: Er hat jetzt einen großen Sprung nach vorne gemacht, seine größte Qualität ist sein Kopfballspiel. Er hat eine enorme Sprungkraft, da ist er von allen wohl der Beste, da kann er uns sehr helfen, sowohl offensiv als auch defensiv. Er ist zudem grundsolide ausgebildet, er ist beidfüßig, hat einen präzisen Schuss, er ist groß – er hat alles, was ein Fußballer braucht.“

Bislang aber hat sich Robert Tesche in meinen Augen ein wenig „versteckt“. Angst vor großen Namen? Oenning: „Er braucht Erfahrung und Selbstvertrauen, das ist etwas, was ihm vielleicht gefehlt hat, aber das kommt nun immer mehr zur Geltung. Er kann für uns ganz wichtig werden, es liegt nun an ihm, denn er steht in einem harten Konkurrenzkampf.“

Eines aber steht fest: Tesche ist einer der Gewinner der Vorbereitung. Er blüht in diesen Wochen auf, er mischt sich ein, er mischt mit, er zeigt seine fußballerischen Qualitäten. Und sagt über seine derzeitige Situation: „Der Trainerwechsel tat mir gut, der war wichtig. Und es sind viele alte Spieler gegangen, es wird auf die jungen Spieler gesetzt – das ist auch gut für mich.“ Er hat wohl unter dem einen oder anderen „Alten“ gelitten. Ich selbst habe es gesehen, wie Tesche im Training von einem „Arrivierten“ nicht gerade freundlich behandelt wurde, im Gegenteil, regelrecht „untergebuttert“ wurde. Joris Mathjsen trat ihn einige Mal um, und als Tesche endlich am Boden lag, da gab es für ihn auch noch die folgende Drohung zu hören: „Pass bloß auf, dich erwische ich auch noch mal . . .“ Obwohl er in schon schwer erwischt hatte.

Robert Tesche kann sich daran erinnern, sagt dazu rückblickend: „Ich weiß nicht, warum das damals geschah, aber es war so. Aber du hast Joris doch auch gekannt . . .“
Ja, habe ich.

Jetzt aber ist die Situation eine andere geworden. Tesche selbstbewusst: „Die Noch-Erfahreneren sind noch weniger geworden, ich habe jetzt ein bisschen mehr in dieser Mannschaft zu sagen. Die Stimmung in der Mannschaft ist besser geworden, und nun müssen wir eine neue Hierarchie finden. Wir müssen natürlich auch als Mannschaft besser arbeiten, als in der vergangenen Saison. Der HSV ist ein großer Klub, hat große Zeiten erlebt, ich will dazu beitragen, dass wir auf jeden Fall wieder bessere Zeiten erleben, als im letzten Jahr.“ Und er sagt weiter: „Wir haben jetzt weniger Individualisten, wir müssen mehr als Team arbeiten, und da bin ich ganz zuversichtlich, dass das auch klappen wird.“ Über das „jetzt“, über seine neue Situation sagt er nur: „Ich fühle mich wohl. Ich habe auch gemerkt, dass ich in der Vorbereitung gut gearbeitet habe, dass mir viel gelungen ist – es wäre schön, wenn es so weitergehen würde. Ich hoffe das natürlich, das muss auch so sein. Ich werde mich auf jeden Fall durchsetzen.“
Ja, so klingt er, der neue Tesche, der andere Tesche.
Ihr werdet es erleben, wie er in dieser Saison aufblühen wird.
Er will auch daran arbeiten, auf dem Platz lauter zu werden. Auch wenn er sagt: „Man kann das sicher lernen, aber das geht nicht von jetzt auf gleich. Das wird eine Umstellung für mich. Aber ich will das machen. Wenn man acht Spieler hat, die jünger sind als ich, dann muss man vorangehen. Dann muss ich sie auch führen. Das ist auch ein Ziel von mir.“

Kurz noch einmal zurück zum VfB Oldenburg. Die Niedersachsen waren früher auch mal ein unangenehmer Gegner für den HSV. Ganz früher. Und heute? Oenning: „Man kann in einem solchen Spiel nicht viel gewinnen, und dem musst du Sorge tragen. Aber ich glaube, dass da immer noch ein Bundesliga-Klub gegen einen Fünftliga-Vertreter spielt.“ Soll wohl heißen, dass nur der HSV diese Partie gewinnen kann. Oder auf jeden Fall sollte. Michael Oenning hat auf jeden Fall auch schon ein negatives Pokal-Erlebnis zu verkraften. Das war als Co-Trainer von Borussia Mönchengladbach: „Pokal-Halbfinale in Aachen. Wir stellten die Mauer falsch und kassierten so das entscheidende Tor. Aber zuvor hätte es zwei Handelfmeter für uns geben müssen, doch der Schiedsrichter pfiff sie nicht. Das werde ich nie vergessen, das war ganz bitter.“ Der Unparteiische war Edgar Steinborn, er pfiff dieses Spiel im März 2004 – es war das Ende (s)einer großen Karriere.

Am Freitag wird um 12 Uhr im Volkspark trainiert. Danach geht es per Bus nach (zuerst) Bad Zwischenahn.

19.02 Uhr

Lotto schwärmt vom neuen HSV!

27. Juli 2011

„Man muss sich vielleicht gar keine so großen Gedanken um den HSV machen, so wie du es beschrieben hast.“ Hat mir heute Lotto King Karl gesagt. Im Rückblick auf meinen Sonnabend-Artikel im Abendblatt, der hier bekanntlich ein großes Schlachtfest zur Folge hatte. Lotto, nicht nur als Kult-Sänger einer meiner Helden, sondern auch deshalb, weil er ein unglaubliches Fußball-Wissen hat (und das ist ernsthaft gemeint!), sieht die Situation des HSV positiv – und das ist höchst erfreulich. Er sagt über die bisherige Vorbereitung auf die Saison: „Man wusste ja nicht, was da auf uns zukommt, worauf das hinausläuft, aber ich bin über das bisherige Auftreten des HSV wirklich positiv überrascht.“

Lotto, der alle HSV-Vorbereitungsspiele, die bislang im Fernsehen übertragen wurden, gesehen hat, macht das vor allen Dingen an der Bayern-Partie fest: „Ich habe vorher gedacht, dass der HSV in diesem Spiel richtig einen auf die Nuss bekommen würde, und dann hielt diese junge Mannschaft so super dagegen – alle Achtung. Die Bayern hatten offensiv alles dabei, was ihnen den nächsten Meistertitel herausschießen soll, aber wie der HSV diese Offensive im Griff hatte, das war großartig.“ Lotto weiter: „Wir erinnerten uns vorher doch noch an das letzte Spiel in München, 0:6 verloren, eine richtige Klatsche abgeholt, wobei sich die gesamte Mannschaft als Hühnerhaufen präsentierte. Und dann dieser Auftritt des HSV in Mainz, das konnte sich sehen lassen.“ Natürlich kennt Lotto auch die „Gegenseite“, die Fans die etwas anders denken: „Nach dem HSV-Sieg haben mir einige gesagt, dass es Zeiten gab, da hatten die Bayern die Hosen voll, wenn es gegen den HSV ging. Das mag ja auch stimmen, aber die vergessen dabei, wie lange diese Zeiten schon vorbei sind – das war vor Jahrzehnten.“

Nun gibt es einen ganz anderen HSV, einen ganz neuen HSV. Und Lotto hat dabei offenbar einen neuen HSV-Liebling gefunden: Michael Mancienne. „Der hat mich wirklich überzeugt. Er ist kein Daniel-van-Buyten-Typ, aber er ist jung, schnell, beweglich, hat ein gutes Auge – der hat mir imponiert“, sagt Lotto und ergänzt: „Dabei ist Mancienne ja nicht einmal einer derjenigen HSV-Spieler, auf den man vorrangig gesetzt hat, auf den man vor allem baut. Aber das ist ein Typ, der uns noch viel Frede bereiten wird.“

Wobei Lotto auch noch einen anderen „Jüngling“ auf dem Zettel hat: „Der Gökhan Töre, der kann eine echte Granate werden. Hoffentlich bekommen diese Jungs nicht gleich zu Beginn der Saison eine schwere Verletzung. Wenn sie durchspielen können, dann können die sich bestens entwickeln.“

Lotto erhofft sich viel von dem neuen Norweger Per Ciljan Skjelbred („Wenn sie ihm den Weg freimachen, dann hat er seine Möglichkeiten für sein Spiel“), und er setzt auch darauf, dass in dieser Saison einiges an Offensivkraft aus der Viererkette kommt: „Dennis Diekmeier und Dennis Aogo laufen viel, setzen auch vorne Akzente – das kann alles etwas werden . . .“

Eindeutig: Lotto King Karl freut sich auf die neue Saison. Weil er dem verjüngten HSV einiges zutraut: „Die Talente sind gut, sie scheinen zu passen, Trainer Michael Oenning scheint bestens zu funktionieren, jedenfalls höre ich immer wieder nur Gutes, und über die Alten aus der Vergangenheit hört man im Gegensatz dazu nicht die besten Sachen, sie sollen mit dem Teamgeist ja nicht viel im Sinn gehabt haben . . .“

Das, so Lotto, wird in dieser Saison wohl ganz anders sein. Lotto: „In den bisherigen Spielen hatte ich das Gefühl, dass da eine HSV-Mannschaft auf dem Rasen steht, die Spaß am Spiel miteinander hat, die auch Bock auf den HSV hat. Die Mannschaft, so mein Eindruck aus der Ferne, kommt bestens miteinander klar, da gibt es einen herrlich natürlichen Umgang miteinander, das lässt hoffen. Und ich habe diesmal auch nicht das Gefühl, dass da ein Spielerberater irgendetwas aus der Ferne inszeniert, nur damit sein Schützling im Mittelpunkt steht. Diesmal wirkt auf mich alles natürlich, wirkt es wirklich.“ Und wenn sich das tatsächlich bewahrheitet, dann scheint der HSV ein riesiges Problem bewältigt zu haben.

Es liegt natürlich auch daran, dass die Klub-Führung gewechselt ist. Es herrscht nun mehr Ruhe im Klub, und das tut auch der Mannschaft gut. Lotto lobt: „Alle Leute, die jetzt für den HSV arbeiten, die machen auf mich einen vernünftigen Eindruck.“ Und: „Wir alle müssen das Beste aus der jetzigen Situation machen, da gibt es ja nicht viele Alternativen. Wenn einer eine bessere Lösung hätte, dann würde ich sagen, er soll es machen – aber ich sehe derzeit keine bessere.“ Lotto sagt auch noch: „Ich bin für den HSV, also bin ich auch für die Jungs.“

Egal was passiert. Und es könnte immerhin ja auch kein Start nach Maß geben – bei dem Auftaktprogramm. Dazu Lotto: „Das wird sicher eine ganz schwierige Phase. In Dortmund muss man wohl eine Packung einkalkulieren, dann kommt ein unangenehmer Aufsteiger, danach geht es zu den Bayern. Das könnte dann die Überraschung geben, wenn wir dort etwas holen, und das halte ich nach dem 2:1-Sieg in Mainz sogar für möglich.“ Doch was ist, wenn es diese positive Überraschung nicht gibt? Herrscht dann Unruhe im Verein? Unter den Fans? In der Stadt? Lotto: „Das wäre völlig falsch, wirklich völlig falsch. Denn es gibt ja keine wirklichen Alternativen zu dem, was in den vergangenen Wochen hier abgelaufen ist. Wir stehen jetzt da, was wir uns im Moment leisten können, und jetzt müssen wir alle zusammenhalten. Es gibt nichts zu experimentieren mit großen Stars, mit alternden Stars, jetzt wird hier auf junge Leute gesetzt, und zu diesen Talenten muss man ganz einfach Vertrauen haben.“

Viele – oder einige – haben je die fehlenden Stars beim HSV kritisiert, hatten gehofft, dass es noch den einen oder anderen Star geben wird, aber daraus wird wohl nichts. Lotto sieht das anders: „Ich weiß nicht, ob es wirklich keine Stars beim HSV gibt. Dennis Aogo ist einer, er ist aktueller Nationalspieler. Zum Beispiel. Es gibt hier schon noch ein paar Spieler, die für mich Stars sind. Mladen Petric, zudem der Torschützenkönig der Copa America, Paolo Guerrero, nein, nein, es gibt schon noch einige Stars. Für mich jedenfalls.“

Und es können ja auch mal neue Stars beim HSV und in Hamburg „geboren“ werden. Töre zum Beispiel. Oder Heung Min Son. Lotto über den Südkoreaner: „Er ist ja der Mann der Vorbereitung, ich drücke ihm auch die Daumen, dass er diese Form in der Bundesliga zeigen kann – aber ich weiß nicht passiert, wenn ihn der Gegner ausrechnen kann. Oder wenn er mit seiner unbekümmerten Art des Fußballs, mit seiner Art, sich ein wenig anders, ein wenig verrückt zu bewegen, auf Granit stößt. Dann hoffe ich für ihn, dass er sich mehr und mehr behaupten kann.“

Was vielleicht auch eine Sache der Erfahrung ist. Und da hat der HSV in dieser Saison sicher eher einen Schritt zurück gemacht. Was für Lotto King Karl nicht von großer Bedeutung ist, denn er sagt: „In meinen Augen hat der HSV genug Erfahrung, mehr sogar, als nötig ist, denn wir spielen im Moment ja nicht international. Die Erfahrung wird ja nur in der Bundesliga gebraucht, und das gibt es doch Erfahrung genug. Vereine wie Mainz, Hannover oder auch Dortmund haben es doch zuletzt vorgemacht, die haben auch keine so große Erfahrung gehabt, haben aber in der Liga für Furore gesorgt, indem sie wunderbaren Fußball gespielt haben. Und auch Freiburg und Kaiserslautern zähle ich dazu. Und die Erfahrung dieser Klubs, die hat der neue HSV allemal.“

Ein Spieler mit viel Erfahrung ist ja bekanntlich auch David Jarolim. Wie in den vergangenen Jahren steht er auch diesmal in der Diskussion. Soll „Jaro“ spielen, oder soll er es nicht mehr? Lotto hat da seine ganz eigene Meinung: „Ich traue, das muss ich klar sagen, ihm einen Stammplatz zu. Grundsätzlich aber gilt doch eines zu beachten: Der HSV hat einen neuen und einen großen Kader, hat also viele Optionen. Auch im Mittelfeld. Und es geht ja nicht darum, nur elf Stammspieler zu haben, sondern 14, 15 oder 16. Es gibt jetzt einige gute Spieler, und deshalb könnte es eng werden für Jarolim, er wird ja auch älter. Es kann also sein, dass er einige Spiele zu Beginn auf der Bank sitzen wird, es kann aber auch sein, dass er eine grandiose Saison spielt – alles ist möglich.“

Lotto weiter: „Und man muss sich ja auch mal die Frage stellen, wer Jaro denn ist? Er hat 100 Prozent Einstellung zu seinem Beruf, er hat 100 Prozent Einstellung zum HSV – was will man mehr? Sein Alter aber spielt sicher eine Rolle. Erstens deshalb, weil er eine enorme Erfahrung besitzt, zweitens, weil die jungen Spieler nachdrängen – alles ganz normal. Ich finde diese Diskussion um Jarolim absolut überflüssig, denn ich finde es toll, dass es einen solchen Typen, einen solchen vorbildlichen Fußballer beim HSV gibt. Und dass ein solcher Typ alles für die Raute gibt. Nein, eine Diskussion um ihn brauchen wir wirklich nicht, es ist gut, dass er da ist – und dann sollten wir alle mal abwarten, was die Saison so bringt.“

Lotto, der Fußball-Experte. Er besitzt, wie eingangs schon geschrieben, ein großes, ein ganz hervorragendes Fußballwissen. Kompliment. Und er ist ja auch für die „Praline“ der Fußball-Chef. In seinem Kommentar musste er kürzlich (natürlich) auch einen Meister-Tipp abgeben. Er sagte mir: „Grundsätzlich bin ich immer für den HSV, ich setze auch immer auf den HSV – aber es muss, wenn ich solche Kommentare abgebe, ja auch realistisch sein . . .“ Also wird der HSV wohl kein Meister. Aber wer wird es denn? Lotto: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Bayern nicht Meister werden. Gerade mit dem Trainer Jupp Heynckes, der wird es schon richten. Beim FC Bayern wird bestimmt nicht alles richtig gemacht, aber die Bayern machen in meinen Augen weniger falsch als alle anderen.“ Super gesagt. Und es stimmt wohl auch.

Übrigens: Lotto hatte einst, gemeinsam mit Franz Beckenbauer, den VfL Wolfsburg als Meister getippt. Und er hatte im vergangenen Jahr auch Dortmund große oder die größten Titelchancen eingeräumt. Eben ein absoluter Experte. Danke Lotto für dieses Gespräch!

Und wer heute etwas Aktuelles vom HSV vermisst, dem muss ich leider sagen, dass es nichts gibt. Es gab kein Training, es gab auch keinerlei Transferaktivitäten – jedenfalls so viel ich weiß.

So, mein Kollege Scholle hat in dieser Woche für das ZDF eine Geschichte über Frank Rost gemacht, die Ihr hier nun auch lesen könnt. Viel Spaß dabei, es geht los:

Frank Rost: Ein Tormann in New York

Der Routinier auf den Spuren des Kaisers

Ein alter Bekannter, der Frank Rost einst fast zum BVB vermittelt hätte, ist der Auslöser für den Wechsel des ehemaligen Schalkers nach New York. Er bot dem Torwart die Gelegenheit, sich doch noch den großen Wunsch zu erfüllen.
Am Ende ging alles ganz schnell. Zumindest bei der Entscheidungsfindung. Der ehemalige HSV-Profi und heutige Manager der Red Bulls aus New York, Erik Soler, hatte bei Frank Rost angeklingelt und gefragt, ob der Torwart nicht Lust hätte, nach New York zu wechseln und dort in der Major League Soccer (MLS) aufzulaufen.

„Für mich war das schnell entschieden”, so Rost heute, nachdem er bereits drei Spiele (0:0, 1:4 und 2:2) für sein neues Team absolviert hat. Nur die Beschaffung der Arbeitserlaubnis hatte den 38-Jährigen beinahe mehr Nerven gekostet als seine zuvor absolvierten 555 Bundesligaspiele zusammen. „Der Amerikaner überlässt eben nichts dem Zufall”, sagt Rost und kann heute darüber schmunzeln.

Rost ist endlich angekommen. „Ich hatte nicht mehr viele Wünsche im Fußball”, erzählt die neue Nummer eins von Red Bull New York, „aber einmal im Ausland zu spielen, einmal selbst ein Ausländer im Team zu sein – das wollte ich unbedingt.” Bis November 2011 läuft der Vertrag des ehemaligen HSV-Keepers in der MLS, bis dahin bleibt Rost allein in New York. „Meine Frau und meine Tochter kommen mich für drei Wochen besuchen. Aber unser Lebensmittelpunkt soll Hamburg bleiben, das haben wir festgelegt.”

Dennoch ist nicht ausgeschlossen, dass aus dem Spontan-Engagement in New York ein längeres wird. „Erik Soler und ich kennen uns schon Ewigkeiten. Er wollte mich vor meinem Engagement beim FC Schalke eigentlich zum BVB vermitteln, was ja zum Glück nicht geklappt hat”, lacht Rost und erzählt: „Er hat mich inzwischen auch schon gefragt, ob ich nicht auch länger in New York bleiben könnte. Aber ich will erst mal sehen, wie sich das alles hier entwickelt und mich dann in Ruhe und mit der nötigen Übersicht entscheiden.”

Zumindest die nötige Aussicht hat Rost bereits. Er wohnt im berühmten „Starwood-Hotel”, direkt am Pier mit Blick auf Manhattan. Eine Lage, für die andere Tausende Dollar zahlen müssen. Und der Weg zur Arbeit ist kurz. Auch ohne Auto. Einfach per Fähre und anschließend zu Fuß. „Das wäre hier völlig fehl am Platz. Zu Fuß oder auch mal mit der Bahn ist man hier einfach schneller als mit Auto”, erzählt Rost, der die ersten Tage seit seiner Ankunft vor zehn Tagen nutzte, um sich per Sightseeing mit seinem neuen Arbeitsumfeld vertraut zu machen. „Die Stadt ist großartig. Es scheint nichts zu geben, was es hier nicht gibt.”

Ob das auch sportlich gilt? Immerhin scheint die Liga eine gewisse Anziehung auf europäische Fußballstars auszuüben. David Beckham bei den L. A. Galaxy oder auch Thierry Henry waren schon vor Rost in der Liga. Und auch Bremens Torsten Frings zog es 2011 zum kanadischen MLS-Klub Toronto FC nach Nordamerika. „Allerdings darf man nie sagen, dass Torsten in Amerika spielt”, verrät Rost, „das mögen die Amerikaner hier gar nicht. Hier wird strikt getrennt.”

Auch innerhalb der Mannschaften. Der Salary Cap, eine von der Liga festgelegte Gehaltsobergrenze, sorgt zwar für eine gewisse Gleichbehandlung der Spieler, doch die Mannschaften dürfen jeweils zwei so genannte „Designated Players” engagieren. Bei ihnen liegt die Gehaltsobergrenze bei 335 000 Dollar – und jeder Cent darüber hinaus muss von den Vereinen getragen werden, ohne dass sie dabei den zum jeweiligen Saisonbeginn nachgewiesenen Mannschaftsetat antasten.

So verdient David Beckham rund 6,5 Millionen Dollar per annum, während sich die bisherigen Red-Bull-Stars Henry und der Mexikaner Rafael Marquez (ehemals Real Madrid) mit 5,5 Millionen Euro besolden lassen. Sollte auch Rost über die Saison hinaus bleiben und einen Millionenvertrag erhalten, darf sich Red Bull diesen dritten „Designated Player” via Zahlung von 225 000 Dollar an die MLS erkaufen.

„Ein Problem hier ist, dass sich dadurch innerhalb der Mannschaften automatisch große, teilweise vielleicht auch zu große Unterschiede ergeben. Das ist innerhalb einer Mannschaft schwierig”, sagt Rost. Zudem ist das bisherige System mit der College-Liga kontraproduktiv für die US-amerikanischen Nachwuchsstars. Statt sich im Jugendbereich der Profiklubs auf die MLS vorbereiten zu können, spielen fast alle einheimischen Top-Spieler mit Stipendien bei den renommiertesten Colleges.

„Die spielen da bis sie 21, 22 Jahre alt sind. Da sind zweifellos richtig gute Jungs dabei, aber der Sprung in die MLS ist dann noch mal riesig. Dadurch ist die Spanne von Weltklassespieler bis hin zum – ich sag’s mal salopp – ‚Azubi’ in jedem Team gegeben. Aber ich bin mir ganz sicher, dass die Amerikaner, die hier bei den Spielen alles vorher bis ins letzte Detail perfekt organisieren, das hinbekommen. Man merkt der Liga an, dass sie sich im Aufbruch befindet. Baseball und Basketball sind nicht zu schlagen – aber dann kommt schon der Fußball. Bald schon vor American Football und sicher schon vor Eishockey.”

Dass die Anfänge dafür schon vor knapp 30 Jahren in der North American Soccer League gemacht wurden, wo Legenden wie Pelé oder auch der erste bekannte Deutsche in den USA, Franz Beckenbauer, kickten, weiß Rost. Er ist sich der langen Tradition, die in Karl-Heinz Granitza 1978 ihren Anfang nahm und mit Lothar Matthäus im Jahr 2000 (damals wechselte der Rekordnationalspieler zu den NY Metro Stars) aus deutscher Sicht ihren letzten Höhepunkt hatte, bewusst. Eine Tradition, die Rost fortsetzen möchte. Obgleich er seine eigene Geschichte starten will: „Immerhin bin ich der erste Ostdeutsche in der MLS” – und obendrein glücklich darüber, seinen letzten großen Fußball-Traum verwirklicht zu haben.

18.09 Uhr

Die Mannschaft findet sich – Chapeau, Herr Töre!

26. Juli 2011

Ich bin also ein Fan von Dennis Diekmeier. Sagt zumindest „alnipe“ hier im Blog. Und ich widerspreche dem nicht einmal, weil ich den Jungen tatsächlich richtig gut finde. „Er ist ein super ehrlicher, geradliniger, mannschaftsdienlicher und mit einem unbändigen Willen ausgestatteter Spieler. Und er bringt sportlich alles mit. Er ist eben ein Rechtsverteidiger modernster Prägung.“ Worte, denen ich mich anschließe. Dennis ist ein extrem sympathischer, mannschaftsdienlicher Spieler mit enormem Potenzial. Hatte ich bei seinen ersten Auftritten vor einem Jahr in Österreich noch meine Befürchtungen, dass es fußballerisch bei dem pfeilschnelle Außenverteidiger reicht, sind diese Bedenken inzwischen großer Zuversicht gewichen.

So sah es Oenning mit deutlich mehr Weitblick schon in der vergangenen Saison. Und auch heute lobt er seinen Filius nach einer starken Vorbereitung in den höchsten Tönen. Selbst der Schritt in die A-Nationalmannschaft sei nicht mehr weit, so Oenning gestern. Worte, die der Gehuldigte sicherlich gern hört, die ihm aber fast ein wenig peinlich sind. Zumindest wirkte er darauf angesprochen leicht verlegen. „Oha, von der Nationalmannschaft zu sprechen ist sehr früh. Ich habe eine Saison lang fast nur pausiert. Jetzt muss ich erst mal die Vorbereitungstendenz in die Bundesliga retten und dort konstant bringen, bevor ich über irgendwas anderes rede.“ Dabei betonte Diekmeier aber auch, dass er natürlich die Nationalmannschaft als ein großes Ziel betrachte.

Dass auf dem Weg dahin Oenning eine besondere Person für ihn darstellt, daraus macht Diekmeier keinen Hehl. Im Gegenteil, er sieht in Oenning so etwas wie seinen fußballerischen Entdecker, seinen sportlichen Ziehvater. „Der Trainer kennt mich von klein auf, hat mich damals von Werder Bremen weggeholt und in Nürnberg in den Profibereich eingeführt. Und er hat mich nach meiner langen Verletzung in der letzten Saison gleich wieder reingeschmissen. Das ist auch nicht selbstverständlich. Aber wir kennen und vertrauen uns.“

Und sie pushen sich. So hat Diekmeier mit dem Cheftrainer eine Wette laufen. Er muss demnach bei seinem ersten Bundesligator einen Mannschaftsabend springen lassen. Auf der anderen Seite muss Oenning beim direkten Torjubel bis auf den Platz laufen. Eine für den eigentlich fast immer sehr gefassten Trainer nicht unbedingt einfache Sache… Und sollte zudem der ebenfalls nicht für seine Torgefahr bekannte linke Außenverteidiger Dennis Aogo zusammen mit dem rechten verteidiger, Diekmeier, in einem Spiel treffen, dürfen beide sofort im Anschluss an den Torjubel zur Belohnung den Platz gemeinsam verlassen. „Da traut uns jemand wohl nicht so viel zu“, scherzte Diekmeier heute und der vorbeigehende Aogo ergänzte: „Der wird sich noch wundern.“

Es ist diese Stimmung, die mich positiv in die Saison blicken läst. Sportlich gibt es noch nicht den großen Anlass, auf große Erfolge zu setzen, hier ist es bislang eben „nur“ Hoffnung. Aber wenn man sich ansieht, wie selbst der anfänglich auf Sylt divenhaft auftretene und von uns (mir inklusive) sehr hart dafür kritisierte Gökhan Töre inzwischen auftritt, zeigt das, dass diese Mannschaft einen Teamgeist hat, den wir schon lange nicht mehr hatten. „Wir haben eine überragende Harmonie im Team“, freut sich Diekmeier, der – so sagen es zumindest seine Kollegen – seinen Teil dazu beiträgt, „und das stimmt mich wie alle anderen sehr positiv für die neue Saison.“

Auch Töre. Der junge Deutsch-Türke hatte sich zuletzt öffentlich bewusst rar gemacht, weil er nach Sylt ziemlich verrissen wurde und sich attackiert fühlte. Diese Sensibilität rührt aus einer schlechten Erfahrung, die er als damaliges Riesentalent bei Bayer Leverkusen schon mal mit Medien machen musste. Dennoch stellte er sich heute und beantwortete unsere Fragen. Zurückhaltend zwar. Aber ehrlich.

Er deutete dabei auch an, selbst einen Fehler gemacht und daraus gelernt zu haben. „Wir haben in der Vorbereitung sehr hart an uns gearbeitet. Und ich auch an mir“, so der technisch versierte Zugang vom FC Chelsea, ehe er sich auf das Sportliche bezieht. „Die Mannschaft hat sich technisch, taktisch, konditionell und spielerisch stark verbessert. Wir sind deutlich stärker als zu Beginn der Vorbereitung“, so der 19-Jährige, der intern sogar eine Art Führungspersönlichkeit für die neuen vom FC Chelsea darstellt. Denn sowohl der weiter angeschlagene Jeffrey Bruma als auch Jacopo Sala und Michael Mancienne orientieren sich nicht selten an dem kantigen Mittelfeldspieler. „Ich weiß nicht genau“, antwortet Töre auf die Frage nach dem Warum, „wir kennen uns eben schon sehr lange.“ So schnell kann das eben manchmal gehen: Von der jungen Diva zum Hoffnungsträger mit Führungsqualitäten binnen weniger Wochen.

Chapeau, Herr Töre!

Dennoch schießt auch das noch keine Tore, werden die Kritiker unter Euch jetzt wahrscheinlich sagen. Und damit haben sie Recht. Aber sowohl der letzte Test gegen Groningen sowie das Turnier in Mainz waren sicher Gratmesser, die Aufschluss geben über die momentane Leistungsstärke der Mannschaft. „Unsere letzten Test waren sehr ordentlich“, befindet Diekmeier, der ob seiner Achillessehnenprobleme der Vorsaison noch immer mit Watte-Polsterung in den Schuhen spielt und der im DFB-Pokalspiel am Sonnabend in Oldenburg den nächsten Prüfstein sieht. „Das ist das erste Mal richtiger Wettkampf“, so der 21-Jährige, der selbst noch nie bei einem Pokalendspiel in Berlin war. Weder als Zuschauer noch als Spieler. „Den zu gewinnen ist unser nächstes Ziel“, so Diekmeier forsch. Es wäre immerhin der erste richtige Titel (ohne Uefa-Cup-Quali und Liga-Cup etc.) seit dem Pokalsieg 1987. Und damit auch der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Und eine ähnlich große Überraschung wie der Meistertitel Borussia Dortmunds 2010/2011.

Gefeiert wird unterdessen schon Paolo Guerrero. Der ebenso talentierte wie eigenwillige Angreifer konnte mit drei Treffern für Peru im Spiel um den dritten Platz der Copa America noch mal ein riesiges Ausrufungszeichen setzen. Und er rief angebliche Interessenten auf den Plan. So soll sich zuletzt auch Atletico Madrid um den 27-Jährigen bemüht haben. Allerdings weiß beim HSV noch niemand etwas davon. Bislang ist – wie in den bisherigen fünf Jahren in Hamburg – beim HSV kein Angebot für Guerrero eingegangen. Und auch wenn es hier einige gern hätten: die Wahrscheinlichkeit, dass ein Klub kommt, der für Guerrero nicht nur vier Millionen Euro Jahresgage raushaut sondern zudem auch dem HSV noch eine ordentliche Ablösesumme anbietet, ist mehr als gering.

Da ist die Wahrscheinlichkeit, dass der bei der Copa ähnlich auffällige Tomas Rincon noch verkauft wird. Der gilt als äußerst günstiger Spieler. Und ganz entgegen der Bewertung von „Transfermarkt.de“ glaube ich, dass sich sein Marktwert nicht gesenkt hat, sondern weiter ansteigt. Immerhin war der defensive Mittelfeldspieler mit großem Kämpferherz stark an dem Halbfinaleinzug Venezuelas beteiligt. Und er wurde von den Fans zum besten Spieler des Turniers gewählt. „Beide kommen mit ordentlich Rückenwind zurück“, freut sich Oenning über die beiden Akteure, die am kommenden Montag zum Team stoßen sollen, während Neuzugang Per Skjelbred erst am 4. August, einen Tag vor dem ersten Saisonspiel in Dortmund, in Hamburg erwartet wird.

Egal wie, ich habe es im beruflichen wie auch im privaten Kreis schon des Öfteren gesagt: diese Mannschaft dieses Jahr ist vorher so schwer einzuschätzen wie lange kein HSV-Team mehr. Da ist von Platz sechs (Bayern, Dortmund und Leverkusen sind nicht zu holen, Schalke und ich glaube dieses Jahr auch wieder Wolfsburg auch nur sehr schwer) bis hin zum Abstiegskampf alles drin. „Es hängt sehr viel an einem guten Start“, warnen die HSV-Profis samt Trainer unisono. Seit Wochen. Und auch dem stimme ich zu 100 Prozent zu. Es ist ein schmaler Grat zwischen der proklamierten und offenbar auch gelebten Aufbruchstimmung sowie dem Frust, sollte es gleich zu Beginn nicht so laufen sollte), wenn sich eine Mannschaft derart neu formiert. Deshalb sind sowohl die Optimisten als auch die Pessimisten mit genügend Argumenten für ihre Thesen ausgestattet.

Und wer sich hier auch übers Wochenende im Blog aufgehalten hat, der weiß, was ich damit sagen will. Denn ohne hier eine Diskussion neu aufmachen zu wollen – bitte, bleibt kritisch. Das ist gut, sehr gut sogar. Davon lebt der Blog, das ist für uns alle fruchtbar. Aber bleibt dabei immer auch sachlich, nicht beleidigend. Schon gar nicht persönlich. Denn nur dann ist es konstruktiv. Und wenn wir von der Mannschaft erwarten, dass sie als Team sportlich wie menschlich harmoniert und folglich auch funktioniert, dann sollten wir das von unserer insgesamt noch immer überdurchschnittlich harmonischen Blog-Gemeinde allemal verlangen dürfen. Dazu zählt eben auch, Meinungen gelten zu lassen, die einem nicht oder auch mal überhaupt nicht gefallen. Jeder kann und darf sich doch irren. Der HSV, Ihr, Dieter und ich. Wir alle. Und: Wie sehr man sich irren kann, hat mir persönlich Dennis Diekmeier gerade bewiesen.

In diesem Sinne, machen wir einfach weiter und hoffen wir auf einen guten Saisonstart. Denn, und das könnt Ihr mir glauben, den wollen wir alle. Der Verein, Ihr Blogger, die restlichen Fans und wir Blogschreiber.

Scholle (19.28 Uhr)

Kurz notiert:

– Am Mittwoch ist trainingsfrei.

– Neben Mladen Petric (mit Kroatien am 8. August zum Freundschaftsspiel ggen Irland) wurden auch Heung Min Son und Muhamed Besic für ihre Nationalmannschaften nominiert. Besic für das Testspiel von Bosnien und Herzegowina gegen Griechenland und Son für die Partie Südkoreas gegen Japan (beide Spiele finden am 10. August statt). Allerdings hatte Son schon vor Tagen bei Michael Oenning angesagt, dass er für einen optimalen Bundesligastart seiner Nationalelf absagen wolle.

Oenning: „Ich glaube, Mladen verlängert”

25. Juli 2011

Stimmungslagen sind bei ihm nicht immer leicht erkennbar. Michael Oenning zählt zur ruhigen Sorte, er ist einfach schwer aus der Ruhe zu bringen. Zumal dann, wenn es wie im letzten Test gegen den FC Groningen sportlich vernünftig läuft. Mit 4:0 hatten Rückkehrer Mladen Petric und Co. die Niederländer im Ablösespiel für Marcus Berg bezwungen. Und dabei ausreichend Ansätze zur Verbesserung, aber eben noch mehr positive Erkenntnisse geliefert. Insbesondere auf der Torwartposition kam dank einer starken Leistung von Jaroslav Drobny nach dessen langer Verletzungspause endlich Entwarnung. „Allerdings habe ich mir nie Sorgen gemacht“, lässt sich Oenning auch diesmal nicht aus der Reserve locken, „und ich finde, Jaro hat das gezeigt, was wir uns alle erhofft hatten. Wer den Beweis brauchte, der hat ihn gestern geliefert bekommen.“

Drobny agierte dabei sicher. Er beherrschte den Strafraum – sogar bei einem zweifelhaften Foulelfmeter, den er entschärfte – und gefiel mit lauten Ansagen. Die er ansonsten auch tätigt, wie er betont: „Jetzt habt ihr es nur endlich mal selbst gehört, weil da nur ein paar Tausend waren. In Dortmund vor 80000 heißt es dann wieder: ‚Der Drobny ist zu ruhig’. Dabei bin ich immer der gleiche Jaro.“

Einer, der in die neue junge Mannschaft passt. Der Tscheche mit der Schuhgröße jenseits menschlicher Maße ist ein Mann des trockenen Humors fernab von Allüren. Im Gegenteil: Drobny bringt sich ein, nimmt sich selbst nicht zu wichtig und stellt die Mannschaft vor sein Ego. Als Indiz dafür ist das hervorragende Verhältnis zu seinen beiden Torwartkonkurrenten Tom Mickel und Wolfgang Hesl ebenso zu sehen wie die Tatsache, dass der als neue Nummer eins geholte Torwart zuletzt eine ganze Saison lang ruhig blieb und loyal als Nummer zwei hinter Frank Rost agierte. „Drobo ist ein Typ, wie ihn jede Mannschaft braucht“, lobt Drobnys Freund und Landsmann David Jarolim, „er hat übermäßig sportliche wie menschliche Qualität.“

Klingt gut. Genau so, wie Drobny gegen Groningen gehalten hat. „Wenn ich dazu addiere, dass Tom Mickel und Wolfgang Hesl in der Vorbereitung ihre Sache ebenfalls gut bis sehr gut gemacht haben, kann ich konstatieren, dass wir auf der Torwartposition kein Problem haben“, freut sich Oenning, der auf die Frage nach der Nummer zwei ausweichend reagiert, allerdings einmal mehr Mickel lobt. So sei die vor Wochen angekündigte Suche nach „einem jungen, deutschen Torhüter mit Perspektive“ mit dem 21-jährigen Mickel abgeschlossen: „Er hat das sehr gut gemacht.“ Zudem sei diese Personalie auch „eine Sache der Möglichkeiten“, wie Oenning ergänzt. Und da heißt es: sparen, wo es geht. Deshalb ist Mickel ab sofort die Nummer zwei. Auch wenn Oenning das nicht direkt bestätigen will, kündigt er an, es Mickel und Hesl in diesen Tagen selbst sagen zu wollen. Oenning: „Die Torhüter brauchen Klarheit.“

Die wird es auch in Sachen Kapitänsfrage geben. Allerdings noch nicht in dieser Woche. Erst wenn alle Spieler zusammengekommen sind, soll hier eine Entscheidung gefällt werden. Im Lostopf sind neben dem aktuellen Kapitän Heiko Westermann auch Führungsspieler wie Dennis Aogo und Mladen Petric. Allerdings dürfte bei dem Kroaten entscheidend sein, ob er beim HSV verlängert. Hierüber soll noch bis Saisonbeginn am 5. August eine Entscheidung fallen. „Ich habe mich nach dem Spiel gegen Groningen lange mit ihm unterhalten. Ich habe den Eindruck, dass er ich hier sehr wohlfühlt“, wagt sich Oenning weit vor: „Und ich glaube, dass er verlängern wird. Auch wenn das nur eine Wasserstandsmeldung ist.“ Und: Sollte dem nicht so sein, würde Mladen keine große Rolle in POennings Kapitänsüberlegungen spielen.

Allein fürs Sportliche ist Petric weiter das Maß der Dinge beim HSV. „Er hat den letzten Pass, die letzte Aktion“, lobt Oenning die Qualitäten des Kroaten, der ggen Groningen sein erstes Spiel in der Sommervorbereitung absolvierte und noch Rückstand hat. „Bis er die komplette Wettkampfhärte hat, wird es noch dauern.“ Dennoch spielt Petric eine zentrale Rolle: „Er ist clever. Er ist so klug, dass er seine Stärken ausspielen wird.“ Und die beschränkeb sich weitgehend auf die letzte Aktion vor dem gegnerischen Tor. Oenning: „Mladen soll nicht links und rechts rumlaufen, dafür haben wir andere.“

Die Laufarbeit soll stattdessen Heung Min Son übernehmen, der in der Vorbereitung neben Dennis Diekmeier auffälligste Spieler. Ob Oenning sich auch vorstellen kann, mit Petric, Son sowie dem zurückkehrenden Paolo Guerrero zu spielen? „Klar.“ Ob er dafür Son auch außen spielöen lassen würde? „Theoretisch möglich. Aber die 18 Tore in der Vorbereitung sprechen eine deutliche Sprache und man muss überlegen, ob Sonni außen nicht verschenkt wäre.“ Deshalb ist Oenning auch in Sachen Spielsystem noch nicht hundertprozentig festgelegt.

Festgelegt hat sich der neue HSV allerdings taktisch. Wie in den Tests zu sehen, machen nicht mehr die Oenning-Männer das Spiel, sondern überlassen dies zumeist dem Gegner. Dafür funktioniert allerdings das schnelle Umschalten immer besser, wie gegen den FC Bayern und zuletzt Groningen deutlich zu sehen. Einzig die Defensive bereitet noch etwas Sorgen. Jeffrey Bruma, der als Sofortverstärkung für die Innenverteidigung gedacht war, ist durch seine andauernde Verletzungspause noch nicht voll integriert. Michael Mancienne macht seine Sache bislang sehr ordentlich, während Heiko Westermann daneben noch etwas wackelig wirkt.

Das wiederum ganz im Gegenteil zu den beiden Außenverteidigern Dennis Aogo und Dennis Diekmeier. Insbesondere Diekmeier wusste in der Vorbereitung positiv zu überraschen und gilt neben Son – wie oben bereits erwähnt – als einer der großen Gewinner der Vorbereitung. „Dennis hat hervorragend gearbeitet“, lobt Oenning seinen Filius, den er schon seit dessen 17. Lebensjahr unter seinen Fittichen hat. „Den hab ich mir von klein auf ausgesucht“, freut sich Oenning, „und er ist inzwischen ein Rechtsverteidiger modernster Prägung. Er hat den unbändigen Willen, ist ein ganz sympathischer, bescheidener Kerl, der sich immer voll in den Dienst der Mannschaft stellt. Dazu ist er sehr reif und mutig geworden. Er hat eine Schnelligkeit, mit der nur wenige Gegenspieler etwas anfangen können und eine sehr gute Flanke“, lobt Oenning und sieht seine Entdeckung auf dem Weg gar auf dem Weg zur A-Nationalmannschaft: „Wenn er eine konstante Saison spielen kann, wird er sich auch für höhere Aufgaben empfehlen können.“

Nicht besonders erfreut hat Oenning indes David Jarolims beleidigte Reaktion, nachdem er mit den Jungspielern zunächst das Kurzturnier spielte und am, Sonntag gegen Groningen erst in der 65. Minute für Robert Tesche eingewechselt wurde. Zudem gefällt Oenning die Zentrale im Mittelfeld defensiv noch nicht. „Wir haben insgesamt noch immer zu viel zugelassen“, fasst er Abwehr und Mittelfeld zusammen und signalisiert, dass sich personell auf der Sechserposition noch nichts entschieden hat. Auch nicht für arrivierte Spieler wie Jarolim. „Ich bin kein Freund von Stammplätzen“, so Oenning, „brauche ich zentral zwei Offensive oder zwei Defensive – bei mir hängt die Aufstellung am jeweiligen Schwerpunkt.“ Dass Jarolim leicht angesäuert reagierte, beeindruckt Oenning indes wenig: „Heute war er schon wieder ganz normal. Es ist mir lieber, er grummelt ein bisschen, als dass er sich verweigert. Auch Jaro wird das lernen. Da bin ich mir sicher.“ Zumal die Auswahl auf der Sechs groß ist. Mit Kacar, Tesche, dem zurückkehrenden Rincon sowie natürlich dem Zugang Per Skjelbred stehen inklusive Jaro gleich fünf potenzielle Kandidaten parat. Muhamed Besic, der sich selbst gern auf der Sechs sieht, mal als reinen Verteidiger gerechnet…

Gerechnet werden müsste auch für den Fall, dass es ein gutes Angebot für Paolo Guerrero geben sollte, der sich nicht zuletzt dank seiner drei Treffer im Spiel um Platz drei bei der Copa America empfohlen hat. Trotzdem sagt Oenning: „Im Moment gibt’s da gar nichts zu diskutieren.“ Dennoch schränkt auch er ein: „Kommen plötzlich 20 Millionen, müssen wir darüber nachdenken. Das ist im Fußball ja immer so. Aber selbst dann würde das für mich nicht automatisch bedeuten, dass wir ihn gehen lassen.“

Gerade erst richtig angekommen ist – und damit schließt der Blog – Drobny. Der setzte sich heute zu uns, beantwortete in aller Geduld unsere Fragen. Er wirkte so ruhig, wie man es sich von einem Torwart erhofft. Er lobte seine Torwartkollegen und ließ sich nicht aus der Reserve locken – stattdessen umschiffte er geschickt die von uns angefragte Saisonprognose. „Es ist hier nichts mit dem letzten Jahr zu vergleichen“, so seine überlegte Antwort, „und darüber zu sprechen, was wir erreichen, bringt auch nichts. Wir schauen von Spiel zu Spiel – und wollen den maximalen Erfolg. Und ich bin von der neuen Mannschaft überzeugt.“

Eben so wie wir – zumindest meine Kollegen und ich – von ihm.

In diesem Sinne, morgen wird um 10 und voraussichtlich 16 Uhr (je nachdem wie die Fototermine verlaufen) trainiert.

Bis morgen,

Scholle (18.50 Uhr)

P.S.: Für die nächsten drei Wochen absolvierte der ehemalige Dortmund-Profi Jörg Heinrich beim HSV sein Praktikum, das er für den Lehrgang zum Fußballlehrer benötigt. „Ich wollte in meiner Heimatstadt Berlin bleiben, aber dort war bei Hertha kein Platz“, so der ehemalige Nationalspieler, „deshalb war Hamburg für mich am nächsten.“ Zumal er zum HSV eine besondere Beziehung hat: „Als Kind war ich HSV-Fan. Das relativierte sich zwar ein wenig, als ich selbst als Profi für andere Klubs spielte. Aber ganz wird man so etwas eben nie los…“

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