Monatsarchiv für Juli 2011

HSV-Fans für HSV-Stars?

31. Juli 2011

Nun ja. Der HSV hat nicht verloren. Der HSV ist immer noch im Pokal. Also ist ja noch gar nichts passiert. Was sollen denn Wolfsburger, Freiburger, Bremer und die Jungs aus Leverkusen sagen? Die sind arm dran. Oder ärmer auf jeden Fall. Und ich sehe diesen Sieg in Oldenburg auch nicht als eine Art Niederlage an. Gewonnen ist gewonnen. Vor ein paar Tagen erst 2:1 gegen die Bayern, nun 2:1 gegen den VfB Oldenburg. Zwei Erfolge. Und zwei HSV-Siege, mit denen man so, in dieser Form, nicht unbedingt rechnen konnte. Der erste Sieg wurde mit einer defensiven Marschroute, mit Engagement und viel Disziplin errungen, den zweiten Sieg gab es, weil sich letztlich die fußballerische Klasse gegenüber einem Fünftliga-Vertreter durchgesetzt hat. Beim zweiten 2:1 war der HSV gezwungen, das Spiel zu machen, nach vorne zu spielen – und damit hatten schon die HSV-Mannschaften der jüngsten Vergangenheit stets so ihre Schwierigkeiten.

Und am nächsten Wochenende ist ja nicht DFB-Pokal angesagt, sondern Bundesliga. Ich jedenfalls werde diesen neuen HSV nicht deshalb verdammen, weil er sich in Oldenburg zu einem 2:1-Sieg gequält hat. Und meine Zurückhaltung liegt nicht (nur) daran, dass ich mir mit meinem „Angst-und-bange“-Artikel kürzlich blauen Augen und rote Ohren abgeholt habe. Jeder Trainer, nicht nur der des HSV, verweist immer darauf, dass man erst nach den ersten zehn Saisonspielen einen Trend erkennen kann, dass man erst dann erkennt, wohin der HSV-Hase hoppeln wird – lasst uns also in aller Ruhe abwarten. Das wäre jedenfalls mein Vorschlag zur Güte. Spielt der HSV am Freitag in Dortmund so, wie er es in Mainz gegen die Bayern tat, so ist alles möglich. Alles.

„Wir sind zufrieden. So ist der Pokalfußball“, sagte Sportchef Frank Arnesen in Oldenburg. Und Michael Oenning befand: „Es war vielleicht ganz gut so, dass wir hier so richtig was auf die Socken gekriegt haben, obwohl ich schon dachte, dass wir das hier souveräner hinbekommen würden. Der Klassenunterschied hätte eigentlich viel deutlicher zu erkennen sein müssen.“ Und: „Die Abwehr muss stabiler werden, ruhiger und abgeklärter. Aber dieses Spiel war auch wie Steine klopfen . . .“ Mladen Petric gab zu: „Wir haben uns dieses Spiel viel zu schwer gemacht. Und man kann sagen, dass noch einiges nicht passte, da hat noch einiges gefehlt.“

Michael Oenning sagte auch noch einen sehr wahren Satz: „Nicht zufrieden sein kann ich mit der Grundeinstellung einige Spieler.“ Sehr richtig. Aber so etwas in diese Richtung sagen jetzt wahrscheinlich auch die Trainer in Wolfsburg, Bremen und Leverkusen. Und auch in Cottbus zum Beispiel. So ist das im Pokal. Jeder zweite Profi unterschätzt den „kleineren Gegenspieler“, nimmt ihn erst gar nicht für voll. Und wenn dann festgestellt wird, dass dieser „Kleine“ über sich hinauswächst, dass dieser „Kleine“ nicht nur zutritt wie ein Kesselflicker, sondern dass dieser „Kleine“ auch noch zutreten darf, weil er einen gewissen „Amateur-Bonus“ genießt, dann ist es meistens schon zu spät, an der „Grundeinstellung“ noch etwas zu ändern. Wobei sich dabei eine Frage fast von allein stellt: Wieso gelingt es Amateuren so häufig, den Profis durch Härte und einer gewissen Portion Unfairness (einige Oldenburger traten mehrfach nach, ohne dass es geahndet wurde) so dermaßen den Schneid abzukaufen? Das wird mir immer ein Rätsel bleiben. Liegt es wirklich nur daran, dass der Unparteiische gewisse Tretereien einfach durchgehen lässt? Motto: „Das sind kleine Amateure, so etwas müssen die Profis abkönnen, sonst sollten sie ihren Beruf wechseln.“

Fest steht, dass es solche Auftritte im Pokal immer wieder geben wird. Nicht nur vom HSV. Ganz klar. Und wenn ich gerade bei „Beruf wechseln“ war: Ich wurde gestern und auch schon heute von Freunden und Bekannten gefragt: „Was macht Heiko Westermann eigentlich beruflich?“ Wie unfair. Echt. Und wie böse, wie gemein, wie niederträchtig?

Nur weil der Noch-HSV-Kapitän den 1:1-Gegentreffer durch einen groben Schnitzer begünstigt hatte? Ich verstehe diese Hetzjagd nicht. Es muss aber wohl immer einen „schlimmen Finger“ geben, der niedergemacht werden muss. Zuletzt war es der „kleine Dribbelkünstler“, gelegentlich auch David Jarolim, und nun muss wohl Heiko Westermann in die „Bresche“ springen. Fürchterlich.

Natürlich war die HSV-Defensive nicht immer sattelfest, natürlich hat sich auch Westermann den einen oder anderen Klops erlaubt – aber wer nicht? Westermann macht Fehler, die Kollegen ebenfalls. Und selbst dann, wenn er nur dieses eine Tor verschuldet hätte, wäre er wohl wie die ärmste Sau durch das Dorf getrieben worden. Weil es zurzeit eben mal „in“ ist. Ein Wahnsinn.

Der HSV bekommt von den meisten seiner Fans jede Menge Chancen. Abwarten, geduldig sein, Ruhe bewahren – das wird schon. So habe ich es in diesen Tagen und Wochen gelesen. Und gehört. Gerade auch nach meinem „Angst-und-bange“-Artikel. Was gab es da für einen Aufstand! Aber bei Heiko Westermann, bei dem wird jetzt schon mal wieder so richtig Maß genommen. Der muss raus, weg, Ende, aus. Weil der HSV ja auch so viele Alternativen hat. Genug auf der Bank, genug auf der anderen Bank – nämlich die Finanzen. Dann holt man eben kurzerhand mal einen neuen Innenverteidiger. Basta. Nur weg mit Westermann. Wie billig ist das denn? Kritik ist ja erlaubt, Kritik soll auch sein – ber muss es gleich so radikal sein, dass man einen HSV-Spieler so restlos verdammt? Und, Eure Frage an mich, meine Frage an Euch: wem hilft das?

Es wäre schon toll, wenn HSV-Fans auch zu ihren HSV-Spielern stehen würden. Erst recht zu Beginn einer Saison. Auch das wurde mir ja vorgeworfen: Warum muss ich den HSV so schlecht schreiben und sehen – wem hilft das? So der immer wiederkehrende Vorwurf. Und? Was wird jetzt mit Westermann gemacht? Ist das besser? Hilft ihm das, die kommenden Aufgaben besser zu bewältigen? Es wäre wunderbar, wenn man hier irgendwann auch mal feststellen könnte: „HSV-Fans für HSV-Stars“!
Uneingeschränkt. Fast jedenfalls. Und gerade in der jetzigen Situation, wo es nicht einen Cent für neuen Spieler gibt. Nicht einen. Aber wenn ich zum Beispiel genau darüber schreibe und den Finger in die Wunde lege, dann gibt es hier ja auch den einen oder anderen kleineren Aufstand. Gut so.

Mir wurde ja verschiedentlich die Frage gestellt, warum ich Heiko Westermann in Oldenburg gut gesehen habe? Ich will das gerne erklären, obwohl ich durchaus weiß, dass ich damit nicht auf Verständnis stoßen werde. Egal: Habt Ihr HSV-Spieler gesehen, die während dieser 90 Minuten mal den Mund aufgemacht haben? Ich habe kaum mal einen gesehen. Außer Westermann. Der war bemüht, „Leben in die Bude“ zu bekommen. Ansonsten „Jupiter Jones“: „Still“. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt, keiner ruft mal zur Ordnung auf, keiner stachelt an, muntert auf, sortiert di eigenen Reihen. Das war in Oldenburg auch wieder einmal so herrlich zu sehen. Nur Westermann war in diesem Punkt wirklich bemüht. Und, weshalb ich ihn auch gut finde: Er macht zwar (immer wieder) einige Fehler, aber er gibt nicht nur nicht auf, er lässt sich nie hängen, er gibt 90 Minuten lang auch alles. Der Mann reißt sich den Hintern auf. Machen das in dieser Form wirklich alle HSV-Spieler? Wer oft am Ball ist, wer sich bemüht, immer Einfluss zu nehmen, der macht zwangsläufig auch den einen oder anderen Fehler (mehr). Ganz normal. Ist übrigens auch bei David Jarolim so. „Jaro“ und Westermann wollen stets Verantwortung übernehmen, sie übernehmen auch tatsächlich Verantwortung, aber wenn es dann mal nach hinten losgeht, dann wird über sie hergefallen. Schon bitter.

Um auch das noch einmal zu sagen: Natürlich war der Fehler, den Westermann vor dem 1:1 beging, ein ganz schwerer Patzer, keine Frage. Darf eigentlich nicht passieren, passiert aber. Er war gedanklich nicht darauf eingestellt, dass der VfB-Spieler Ferrulli hinter ihm lauerte – und dann nach vorne preschte. Aber ein solches Ding passiert. Auch deshalb, weil man die Situation scheinbar völlig im Griff zu haben scheint. Das aber passiert ja nicht nur Westermann. Viel schlimmer fand ich in diesem Spiel, dass der Fünftliga-Klub in Halbzeit zwei gleich zwei riesige Kopfballmöglichkeiten hatte. Dortmund nutzt solche Dinger, ganz sicher. Da hätte der HSV dann zurückliegen können, und ob es dann noch zu einem Sieg gereicht hätte? Da habe ich meine Zweifel. Und wenn jetzt einige sagen, dass ja auch an diesen Kopfball-Chancen des VfB Heiko Westermann beteiligt war, so mag das ebenfalls stimmen – nur gibt es auch außen Spieler, die solche Flanken verhindern sollten. Über die aber spricht hier niemand.

So, Thema Westermann ist abgehakt. Es gab ja aber auch Erfreuliches in Oldenburg. Gökhan Töre zum Beispiel. Der größte Gewinner der Vorbereitung. Klassemann, der wird in meinen Augen nicht so schnell aus der Mannschaft verdrängt werden können. Und das ist auch gut so. Töre ist ein echter Vollblut-Fußballer, der will, der ist heiß – und der kann auch. Weil er die nötige Entschlossenheit hat, seine gedanklichen Vorhaben auf dem Rasen in die Tat umzusetzen.

Und ein positiver Posten beim HSV war auch Dennis Aogo. Der Nationalspieler hatet ja einen Tag vor dem Spiel von sich gesagt, hundertprozentig konzentriert in dieses Spiel gehen zu wollen – und er tat es auch tatsächlich. Nur habe ich so während des Kicks gedacht: Was nützt es ihm, wenn er hundertprozentig konzentriert in dieses Spiel geht, wenn andere Kollegen diese Einstellung vermissen lassen? Dann kann Aogo noch so viel „röteln“, wenn er auf zu wenig Gegenliebe in den eigenen Reihen stößt, ist auch er machtlos. Immerhin hatte er viele, viele gute Szenen vor allem in der Offensive. Er schoss auch wie ein „Wilddieb“, nur traf er nicht so recht was. Das könnte, das darf, das muss besser werden. Wenn Aogo seinen Trainer auf das Spielfeld sprinten sehen will. Und Michael Oenning hat das ja versprochen. Er will auf den Platz stürmen, wenn Aogo mal ein Tor schießt. Hatte der Coach ja auch für einen Treffer von Dennis Diekmeier angekündigt – aber der traf inzwischen ja schon mal (Groningen). Und da Testspiel-Tore auch zählen, war Oenning auch auf dem Platz . . .

So, an diesem Montag ist trainingsfrei. Und am Dienstag soll morgens noch Training sein (10 Uhr), und am Abend findet dann die offizielle Saisoneröffnung im Volkspark statt. Gegen den FC Valencia. Mir, nur mir ganz persönlich, passt dieser Termin gar nicht – im Sinne des HSV, denn am Freitag steht dann ja schon wieder kein ganz so unwichtiges Spiel auf dem Programm. Aber gut, damit müssen wohl Profis auch umgehen können. Und ich denke einmal, dass sich am Dienstag dann auch jeder HSV-Spieler dem Publikum präsentieren darf. Auf dem Rasen, während des Spieles gegen den Champions-League-Starter. So dass dann auch nicht die ganze Kraft in dieses Freundschaftsspiel gesteckt werden muss.

PS: An diese Montag wird der HSV-Vorstandsvorsitzende Carl-Edgar Jarchow in der TV-Sportsendung Rasant (HH1, 20.15 Uhr) Auskunft über den neuen HSV geben – Uli Pingel (Sportchef HH1) und ich werden die Fragen an den HSV-Boss richten.

16.34 Uhr

Petric verhindert die Pokal-Blamage

30. Juli 2011

Eine schlechte Generalprobe ergibt meistens eine gelungene Premiere. So gesehen kann der HSV am nächsten Freitag ganz beruhigt nach Dortmund fahren – es kann nur besser werden. Gegen den Fünftliga-Vertreter VfB Oldenburg mühte, nein, quälte sich der große HSV zu einem enttäuschenden 2:1-Erfolg. Es war ein Kick wie kürzlich das Testspiel gegen Al-Ahli Doha, ein Muster ohne jeglichen Wert, diese 90 Minuten müssen ganz schnell abgehakt werden – von den Fans. Trainer und Mannschaft aber sollten diese grausame Vorstellung doch noch einmal in aller Ruhe aufarbeiten, denn es lief einfach zu viel falsch. Letztlich gab es einen Pflichtsieg, weil Mladen Petric mit seinem Tor die Pokal-Blamage verhinderte, aber dieser Erfolg wird die Skeptiker im Lager des HSV nicht allzu sehr beruhigen. Es muss bis Dortmund noch hart geackert werden – packt es wie die Profis an, HSV!

Der HSV wollte. Von Beginn an. Es wurde schnell nach vorne gespielt, es wurde druckvoll gespielt, es wurde nachgerückt – aber am VfB-Strafraum war meistens schon Endstation. Vorne wurden kaum Bälle „festgemacht“, so dass es lange, lange Zeit kaum mal eine gefährliche Aktion im Oldenburger Strafraum gab. Zumal die Amateure eine harte, gelegentlich sogar überharte, bissige, aggressive Gangart an den Tag legten, die nicht allen Hamburgern „schmeckte“. Natürlich ist Härte erlaubt, natürlich wird auch in der Bundesliga härter, vielleicht noch härter gespielt, dennoch ließ sich der HSV wohl auch von dieser „Spielweise“ des VfB beeindrucken.

Der HSV hatte naturgemäß mehr vom Spiel, hatte mehr Ballbesitz, selbstverständlich auch die besseren Einzelspieler, aber ein altes Pokalgesetz bewahrheitete sich auch hier wieder einmal: Kampfgeist kann Berge versetzen. Und wenn man nicht richtig dagegenhält, dann kann der Schuss auch schnell einmal nach hinten losgehen. Aber, wie schon gesagt, der HSV wollte schon. Nur war das Spiel in der Offensive zu harmlos, zu durchsichtig, teilweise auch zu pomadig. Motto: Wenn nicht jetzt, dann eben ein, zwei Minuten später.

Highlights in der ersten Halbzeit? Raritäten. Ein erstes war sicherlich eine viel zu hohe Rückgabe von Dennis Diekmeier auf Jaroslav Drobny. Und wer sagt, dass der Tscheche nicht mit dem Ball umgehen kann, der wurde eines Besseren belehrt. Drobny jonglierte mit der Kugel – und spielte sie im Dropkick auf Diekmeier zurück. Riskant, aber gut (17.). Übrigens hatte der HSV-Keeper Sekunden zuvor das 0:1 verhindert, indem er rasch sein Tor verließ und den Winkel geschickt verkürzte.

Ein Höhepunkt auch die 26. Minute. David Jarolim wurde von Ferrulli gefoult. Klar gefoult, um das einmal zu betonen. Gelbwürdig. Doch Schiedsrichter Peter Gagelmann „verzichtete“ auf die Gelbe Karte, es wäre Gelb-Rot für den Oldenburger gewesen. Den anschließenden Freistoß hob Dennis Aogo vor das Tor, dort stand Heiko Westermann (leicht im Abseits?) und köpfte zur 1:0-Führung für den großen Favoriten ein. Standesgemäß.

Die Weichen zum HSV-Sieg gestellt? Denkste.

Westermann ließ sich in der 34. Minute überraschen. Er glaubte offensichtlich, einen Ball ganz sicher am Fuß zu haben, doch von hinten kam Ferrulli, der eigentlich schon hätte draußen sein müssen (Gelb-Rot), und der nahm dem HSV-Kapitän den Ball vom Fuß, lief auf und davon – und tunnelte auch noch einmal Jaroslav Drobny. 1:1. Welch eine Ernüchterung.

Zwei Möglichkeiten gab es noch bis zur Pause. Gojko Kacar blieb bei seinem Sechs-Meter-Schuss zu harmlos, dann verzog Aogo aus zehn Metern. Wer Sekunden vor dem Pausenpfiff in das Gesicht von HSV-Trainer Michael Oenning blickte, der wird trotz dieses 1:1 eine gewisse Ruhe ausgemacht haben. Von Panik jedenfalls keine Spur, er strahlte Ruhe und Gelassenheit aus.

Hatte ich, gebe ich zu, zur Pause auch. Irgendwann, so meine Überlegungen, werden die Oldenburger schon noch nachlassen.

Erst einmal aber musste Hamburg zittern. Als der Kopfball in der 62. Minute am HSV-Tor vorbeiflog (und nicht, was eigentlich hätte passieren müssen, drin war!), da war Eppingen plötzlich wieder gegenwärtig. Zumal dann, aös Mladen Petric in der 68. Minute das vermeintliche 2:1 für den HSV erzielt hatte, doch der Treffer nicht zählte. Warum nicht? Es ist mir schleierhaft. Aber so etwas gibt es im Fußball (immer mal wieder), der Unparteiische hatte ein Foul eines Hamburgers gesehen, aber es gab in dieser Szene keines. Nicht mal im Ansatz war etwas Verbotenes erkennbar. Schade, schade.

Zum Glück für den HSV wurde diese Fehlentscheidung nicht bestraft. Vier Minuten später traf Petric tatsächlich zum 2:1. Jarolim hatte den Torjäger prächtig bedient, und der Kroate bewies einmal mehr seine Kaltschnäuzigkeit. Auch wenn er nicht so oft gesehen wurde, so zeigt er doch immer wieder dann, wenn es darauf ankommt, seine Vollstreckerqualitäten. Kompliment. Wenn ich Trainer des HSV wäre, dann hätte ich wohl schon gelegentlich häufiger weniger Geduld bewiesen . . . Zu Unrecht. Natürlich. Petric-Tore beweisen mir immer wieder das Gegenteil.

Der Beste Hamburger, um zu diesem Punkt zu kommen, war ein 20-jähriger Neuzugang: Gökhan Töre. Wenn mir einer sagt, dass der Deutsch-Türke zu ballverliebt sei, dass er sich viel, viel zu spät vom Ball trennt, dann werde ich nur noch lachend davonrennen. Töre dribbelt – und das ist auch gut so. Er ist einer, der es wenigstens versucht. Er spielt nicht nur Rasenschach, er spielt nicht nur gradlinig, er bringt Ideen ins Spiel des HSV, er schafft mit seinen Dribblings auch Räume, die die anderen nutzen könnten. In Oldenburg haben sie sie nicht genutzt, aber das lag nicht an Töre. An ihm werden wir alle noch viel, viel Freude haben – garantiert.

Gut war auch Diekmeier, über den auf der rechten Seite vor allem zu Beginn sehr, sehr viel lief. Westermann war bis auf seinen schweren Patzer beim 1:1 gut, ganz sicher gut – und 90 Minuten vorbildlich. Michael Mancienne war absolut okay, es war ja für jeden Abwehrspieler ein undankbares Spiel, der Engländer machte seine Sache gut. Das gilt auch für Aogo links, der sich diesmal in der Offensive sehr austoben konnte – und für meine Begriffe das eine oder andere Mal zu viel schoss.

Kacar und Jarolim vor der Abwehr – solide. „Jaro“ oft am Ball, beging auch einige Fehler, dennoch war er „einen Tick“ besser – weil bestimmender – als sein Nebenmann. Heung Min Son blieb blass, zu blass (es war wohl zu hart für ihn), Eljero Elia ließ seine Gefährlichkeit nur viel zu selten aufblitzen – dass ist gegen eine Amateur-Mannschaft zu wenig. Ja, und über Töre und Petric ist alles gesagt. Zum Schluss kamen noch Robert Tesche (für Kacar) und Marcell Jansen (für Son), aber es blieb alles in allem enttäuschend.

“Wir haben uns sehr schwer getan, es war ein kompliziertes Spiel – aber wir haben gewonnen. Es war aber sicher nicht so einfach, wie wir es uns vorgestellt haben”, sagte HSV-Trainer Michael Oenning. Er versprach, dass er sich diese 90 MInuten noch einmal in aller Ruhe anschauen wird. Und: “Einige Bundesliga-Klubs sind schon rausgeflogen, wir sind noch dabei.” Richtig. Und gut so. Und wie gesagt: Es kann nur besser werden. Sagt auch Oenning: “Ich bin mir sicher, dass wir in der Bundesliga eine ganz andere HSV-Mannschaft sehen werden.” Auch gut so.

17.36 Uhr

Mit Jarolim gegen Oldenburg

29. Juli 2011

Keine Angst vor großen Tieren. Obwohl es ja für den HSV erst einmal gegen die „kleinen Tiere“ geht, nämlich im DFB-Pokal gegen den VfB Oldenburg. Aber darum ging es im heutigen Abschlusstraining nicht vordringlich. Es war nur eine putzige Szene, die mich an die „Angst“ erinnerte: Als auf drei Stationen „Sechs gegen Zwei“ gespielt wurde, herrschte beste Stimmung auf dem Rasen, es wurde gelacht, gescherzt und geflucht. Letzteres von jenen Spielern, die in den Kreis mussten – um dort hinter dem Ball herzujagen. Bei acht Leuten war es besonders heiter und laut, das gab es mitunter das reinste „Indianergeheul“ zu hören: Eljero Elia, Romeo Castelen, Änis Ben-Hatira, Jaroslav Drobny, Ashton Götz, Janek Sternberg und Torwarttrainer Ronny Teuber. Und nun zu jener Szene mit „keiner Angst“. Als Drobny in der Mitte war, der Ball hoch oben in der Luft, da sprang der mindestens einen Kopf kleinere Ashton Götz dem langen Keeper so vehement in die Seite, dass der größte Mühe hatte, seinen körperlichen Vorteil auszunutzen. Keine Angst vor großen Tieren eben – der Kleine ging mächtig zur Sache. Machte er übrigens nicht nur in dieser Szene, ich hab den Eindruck, dass der 18-Jährige immer selbstbewusster wir und deshalb frisch und unbekümmert mit – und aufspielt. Und ich habe mir dabei gedacht: Da kommt mal wieder einer, bei dem man die Hoffnung hat, dass er sich bis ganz oben durchbeißt. Obwohl das sicher noch dauern wird.

Das Programm von heute: Erst wurde sich warmgelaufen, dann gab es Direktspiel, Pässe in den Fuß des Mitspielers, dann bat Konditionstrainer Günter Kern zum Hügel, an dem es fünf Minuten lang kurze Sprints gab – es folgte „Sechs gegen Zwei.“ Zum Abschluss wurden Spielzüge eingeübt, Standards geschlagen, die Abseitsfalle geübt (!) – und es gab auch ein Abschlussspielchen. Um 12.09 Uhr verteilte Trainer Michael Oenning die roten Hemden – für die Stammformation. Wobei alle Trainingskiebitze ganz genau hinsahen, ging es doch um die Frage: Robert Tesche oder David Jarolim? Nachdem Dennis Aogo, Mladen Petric und Heung Min Son ihre Hemdchen schon einkassiert hatten – gab es das „Rot“ auch für? And the winner is: „Jaro“. Vorläufig jedenfalls.

Zwei Szenen hatten vor dem Spiel noch für Erheiterung gesorgt: Als Son ein Abpraller vor die Füße flog, da flog ihm auch Drobny entgegen – der Torwart hatte einen Nachschuss des Südkoreaners erwartet. Son aber täuschte den Schuss nur an, Drobny flog „falsch“ – und Son schob den ball lässig in die Mitte, wo Petric vollendete. Die Fans lachten und freuten sich, am lautesten aber lachte Eljero Elia, der mit dieser Finte von Son wohl auch nicht gerechnet hatte. Gut gemacht! Und den Hoch-und-Weit-Preis des Tages gab es für Gojko Kacar, der den Ball aus kurzer Entfernung nicht nur über das Tor setze, sondern auch über den Fangzaun. Das war eine Kunst. Der Serbe hielt sich entsprechend die Hände vor sei Gesicht. Romeo Castelen hatte eine ähnliche Szene, schaffte es aber nicht, den großen Zaun zu überwinden, es fehlten ein, zwei Zentimeter.

Beim Spiel selbst schoss dann Mladen Petric (nach einem herrlichen Töre-Pass) das einzige Tor – indem er den Ball mit der Sohle an dem herausstürzenden Tom Mickel vorbeizog und aus spitzem Winkel einschoss. Da gab es donnernden Applaus von den Rängen.
Und gestaunt wurde auch noch danach, als es zur Entspannung ein kurzes, aber heftiges Scheibenschießen“ gab. Große Bewunderung erntete zuerst Janek Sternberg, der den Ball gegen Mickel in den oberen linken Winkel schlenzte – herrlich. Auch Petric gelang später noch ein ähnlicher Treffer.

Etwas zurückhaltender war an diesem Tag Heung Min Son. 18 Tore hat er in der Vorbereitung erzielen können, in Oldenburg soll diese Serie fortgesetzt werden. „Unsere Mannschaft ist bestens vorbereitet, wir haben ordentlich Gas gegeben – und wir haben trotzdem immer unseren Spaß gehabt, jetzt kann es losgehen“, sagt Son erwartungsfroh und führt an: „Ich weiß nicht, ob wir besser als in der vergangenen Saison werden, aber ich hoffe es.“ Hat er sich ganz sicher vorgenommen, weiterhin viele Tore für den HSV zu schießen, aber er hält den Ball flach: „Wichtig ist nicht, ob ich Tore schieße, sondern wichtig ist nur, dass wir als Mannschaft Erfolg haben. Ich hoffe, dass wir mit dem Gewinnen schon morgen beginnen.“

Vor einem Jahr hatte Son in der Vorbereitung auch ähnlich gut getroffen, und dann verletzte er sich im Saisoneröffnungs-Spiel gegen Chelsea schwer, zog sich einen Bruch des Mittelfußes zu. Diesmal kommt die Saisoneröffnung erst am Dienstag, im Spiel gegen den FC Valencia. Spielt er mit? Er sagt: „Natürlich, keine Frage. Daran, dass ich mich erneut schwer verletzen könnte, denke ich überhaupt nicht. Das wird nicht mehr passieren.“ Die Fans würde es sicherlich erfreuen, wenn Son fit und frisch in die Saison starten könnte, denn er ist inzwischen der Hamburger Publikumsliebling geworden. Er sagt: „Ich freue mich, wenn sich die Fans freuen, und wir spielen ja auch viel für sie, damit sie Spaß und Freude haben. Und ich will einfach nur Spaß haben, wenn ich Fußball spiele, das ist mir wichtig.“

Und das kann man auch sehen. Er gibt auch im Training immer alles – mit Spaß. Und es ist ihm egal, auf welcher Position er zum Einsatz kommt: „Ich spiele da, wo mich der Trainer hinstellt, und ich gebe dann mein Bestes. Ich habe kein Problem damit, wenn ich nicht in der Spitze spiele, ich kann es auch links oder rechts, oder auch hinter der Spitze. Alles kein Problem für mich.“

Hauptsache Spaß. Und Hauptsache Sieg.

So sieht es wohl auch bei Dennis Aogo aus. Der Nationalspieler gehört ja noch immer jenem Kreis an, aus dem der Trainer in der kommenden Woche den Kapitän bestimmen wird. Und ganz sicher ist es auch so, dass Aogo in der Hierarchie der neuen HSV-Mannschaft einen großen Sprung nach vorne gemacht hat. Der Mann hat einfach immer etwas zu sagen. Und ich finde das ausgesprochen gut so, denn je mehr Spieler Verantwortung übernehmen, umso besser ist es um den Teamgeist beim HSV bestellt. Und ich habe nicht erst seit der „Neuzeit“ beim HSV, die mit dieser Mannschaft Einzug gehalten hat, den Eindruck, dass sich Aogo um einen besseren Zusammenhalt in der Truppe bemüht.

Zum Pokalspiel an diesem Sonnabend sagt Aogo: „Über den Pokal gibt es den schnellsten Weg nach Europa, deswegen sollten wir uns da richtig gut drauf konzentrieren. Und nicht durch Leichtsinnigkeit früh ausscheiden. Ich nehme den Wettbewerb sehr, sehr ernst, ich nehme auch die kleinen Gegner sehr ernst, es wäre ja nicht das erste Mal, dass ein Großer an einem Kleinen scheitert. Deswegen gilt meine ganze Konzentration diesem Spiel. Die Spieler des VfB Oldenburg werden wie um ihr Leben kämpfen, das sollten wir wissen.“

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Es war schön zu sehen, wie Michael Oenning heute nach dem Training seine Mannen noch einmal um sich versammelte. Alle saßen (im Halbkreis) auf dem Hosenboden, Oenning kniete vor seinen Spielern – und erzählte (wohl) von dem, was er erwartet, was seine Mannschaft erwartet, vielleicht auch von der Wichtigkeit dieses Wettbewerbs. Wie schön wäre es, wenn alle, wirklich alle ganz genau zugehört hätten . . .

So wird der HSV morgen spielen: Drobny; Diekmeier, Mancienne, Westermann, Aogo; Kacar, Jarolim; Töre, Son, Elia; Petric.

So, schnell noch eine Nachricht des HSV (bezüglich der nächsten Woche):

Am kommenden Dienstag (Anstoß 19.15 Uhr) feiert der HSV seine offizielle Saisoneröffnung mit einem Testspiel gegen den FC Valencia. Für die Partie gegen den spanischen Champions-League-Teilnehmer wurden bislang 24 000 Tickets verkauft. An den Vorverkaufsstellen sind noch Karten in allen Kategorien verfügbar. Kinder zahlen im Vorverkauf auf allen Plätzen nur acht Euro, Erwachsene zwischen zehn und 35 Euro. An der Tageskasse wird es nur ein begrenztes Kontingent an ermäßigten Tickets geben, weshalb der HSV bittet den Vorverkauf zu nutzen.

Bei der Saisoneröffnung wird neben dem Fußball ein buntes Rahmenprogramm geboten. Bereits ab 16.00 Uhr findet auf der Westplaza eine Aktion vom neuen Exklusiv- und Hamburger Weg-Partner Hanwha Solar statt. Auf der NDR Bühne wird ein DJ schon vor dem Anpfiff für gute Stimmung sorgen. Zum Talk sind Spieler und Verantwortliche des HSV eingeladen. Nach dem Spiel wird Stadionsprecher Lotto King Karl eine gute halbe Stunde seine Songs zum Besten geben. Auch Exklusivpartner Entega beteiligt sich mit einer Eventfläche am Stadiongelände, auf der unter anderem eine Hüpfburg, eine Schussgeschwindigkeitsanlage und eine Torwand auf die Fans warten.

Und noch eine Nachricht vom HSV: Robert Tesche hat seinen bis Sommer 2012 laufenden Vertrag vorzeitig bis zum Jahre 2014 verlängert.

Allen Matz-abbern und Ihren Lieben ein wunderschönes (und erfolgreiches) Wochenende.

17.44 Uhr

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