Monatsarchiv für Juni 2011

Reif für die Insel – auf nach Sylt

27. Juni 2011

Der An- und Verlauf des HSV bleibt auch an diesem Tag geschlossen. Keine neue Namen, keine Entlassungen keine Gerüchte. Und am Konditionstraining am Vormittag nahmen auch nur 13 Spieler teil. Der „Rest“ der Mannschaft absolvierte in den Arena-Katakomben wieder Fitness-Tests. Der Kontrast aber zum Vortag war riesig: Waren am Sonntag noch über 3500 Zuschauer da, sahen heute (Montag) lediglich sechs Kiebitze zu. Und am Dienstag geht es dann mit Sack und Pack auf die Insel Sylt. Konditions-Trainingslager. Ob die Spieler dann immer noch begeistert sind? Heute waren sie es, dann als die Einheit beendet wurde, gab es Applaus für Günter Kern, der die Übungen vorgab. Ohne Beifall zu spenden ging Mladen Petric in die Kabine, als er um 10.45 Uhr von seinem Lauf durch den Volkspark zurück war. Und, wer es ganz genau wissen will, wie es nun weitergeht: Am Dienstag ist Abfahrt mit dem Bus um acht Uhr, um 10.30 Uhr soll mit dem Zug „rübergemacht“ werden, und für 16 Uhr ist dann das erste Training angesetzt.

So, dann folgt heute die letzte „Folge“ meiner Trainer-Serie. Ab morgen, Dienstag, wird „Scholle“ vom Sylter Trainingslager berichten (ich bin entmachtet worden – für alle die sich über eine solche Nachricht freuen würden). Gekommen war ich zuletzt bis Huub Stevens. Wobei ich heute beim Training einen Rüffel „eingefangen“ habe, denn der Mopo-Kollege Simon Braasch sagte mir, dass er es so empfand, dass Stevens bei mir zu schlecht weggekommen sei. Fand ich eigentlich nicht.

Irgendwie ehrt es den netten Herrn Braasch sogar, dass er so etwas sagt, denn er hatte unter Stevens einmal ganz besonders zu leiden. Ich muss das schnell noch erzählen dürfen: Uefa-Cup-Spiel in Bergen, es ging gegen Brann (25. Oktober 2007, 1:0 für den HSV). Am Tag vor dem Spiel die offizielle Pressekonferenz der Uefa. Da sitzt dann ein Herr der Uefa in der Mitte, links und rechts von ihm die beiden beteiligten Trainer. Als der Gast, nämlich Huub Stevens, das Wort erhielt, waren nicht nur alle ganz Ohr, es waren auch mindestens drei, vier Fernsehkameras auf den HSV-Coach gerichtet. Und was erzählt Stevens? Er beginnt nicht etwa mit Fußball, nein er sagt – in seiner typischen und knurrigen Art: „Hey, Junge, hast du kein Benehmen? Wir sind hier im Ausland. Da hat man seine Kappe abzusetzen. Also, benimm dich gefälligst.“

Mit „hey Junge“ war Braasch gemeint. Andere Kollegen lachten, aber Braasch blieb standhaft. Schließlich ist Stevens nicht sein Vater, auch nicht sein Erziehungsberechtigter, schon gar nicht sein Chef. Die Kappe blieb dort, wo sie war, auf dem Kopf des Mopo-Reporters. Eisern. Aber dieses „hey Junge“ von Stevens, das ist bis heute ein geflügeltes Wort unter den Hamburger Print-Journalisten geblieben. Und, um auch das noch anzufügen: Einige hatten noch bis vor kurzem einen ganz eigenartigen Klingelton, nämlich ein herzhaftes Lachen von Stevens. Und um diese aufnehmen zu können, mussten sie nicht mal mit dem Coach zum Lachen in den Keller gehen – es ist eben mal so passiert. Kann ja mal passieren.

So, nun aber zu Martin Jol. Er folgte zur Saison 2007/2008 auf Huub Stevens. Verrate ich eigentlich ein Geheimnis, wenn ich nun schreibe, dass sich beide Herren nicht gerade „grün“ waren? Und das ist noch geschmeichelt ausgedrückt. Ihr Unverhältnis rührte noch aus niederländischen Zeiten her, hatte also nichts mit der Bundesliga zu tun, er recht nichts mit dem HSV.

Ich habe ja bis heute den Verdacht, dass aufgrund dieser beiderseitigen Abneigungen gewisse Personalien auch „geklärt“ wurden. Jol wollte einfach etwas anders machen als Stevens. Letzterer hatte Jerome Boateng zum Stammspieler gemacht, dafür aber den „kleinen Dribbelkünstler mit dem begnadeten Schussverhalten“ etwas lässig “abserviert“, nämlich auf die Bank gesetzt. Als Jol dann mit einem Trainingslager in Längenfeld (Österreich) begann, da hatte Piotr Trochowski noch EM-Sonderurlaub. Er hatte zwar nicht einen EM-Einsatz gehabt, aber er hatte Urlaub. Und Jol setzte schon zu jener Trochowski-Urlaubszeit voll auch den „kleinen Dribbelkünstler“. In Längenfeld sagte er, ohne jemals einmal Trochowski in einem Training gesehen zu haben: „Er ist aktueller deutscher Nationalspieler, er ist EM-Teilnehmer, deswegen baue ich natürlich auf ihn. Das ist für mich keine Frage.“

Auf der anderen Seite „maulte“ aber ab sofort Boateng, denn der hatte einen unglaublich schweren Stand bei Jol. Der Trainer warf ihm „Schwerfälligkeit“ vor, deswegen saß der Abwehrspieler auch oft draußen. Während, ich muss es noch einmal loswerden, der „kleine Dribbelkünstler“ nicht nur Stammspieler wurden, sondern wohl auch sein bestes halbes Jahr für den HSV spielte. Allerdings war es wirklich nur eine halbe Saison. Dann sortierte auch Jol Trochowski aus, entzog ihm das Vertrauen. Warum, wieso, weshalb? Mir wurde es nicht erklärt, „Troche“ selbst auch nicht, aber ich bin ganz sicher, dass hier 80 Prozent genau wissen, warum all das geschah . . .

Mein Verhältnis zu Martin Jol, das muss ich sagen, war sehr gut. Irgendwie schwammen wir (fußballerisch) auf einer Wellenlänge. Ich bin auch bis heute der Meinung, dass er sein sehr guter Trainer ist, mit allen Wassern gewaschen, ihm macht keiner etwas vor. Wenn man, diese kleine Einschränkung muss ich machen, wenn man ihn machen lässt. Was beim HSV aber nicht wirklich gut der Fall war. Jol verstand sich nicht wirklich gut mit Dietmar Beiersdorfer. Diejenigen, die nun jubeln, die werden das Folgende nun aber nicht so gerne lesen: Jol verstand sich auch nicht gut mit Bernd Hoffmann. Er, Martin Jol, hat es mir einmal erklärt: Waren alle drei Herren gemeinsam versammelt, dann herrschte eine seltsam angespannte Atmosphäre. War Jol aber mit einem Vorstandsmitglied allein, war alles, schien alles in Ordnung. Aber das war eben nur oberflächlich.

Da hier nicht wirklich alle an einem Strang zogen, musste auch dieses Unternehmen (HSV/Jol) scheitern. Und es scheiterte ja auch prompt.

Noch heute bin ich aber der Meinung, dass nicht Jol den HSV verließ, sondern dass er, Martin Jol, vom HSV verlassen wurde. Ich habe es hier ja schon geschrieben, wie damals die Sache mit dem Abgang zu Ajax Amsterdam lief (kann alles nachgelesen werden), deswegen will ich es nicht mehr wiederholen, aber wenn das keine „Entlassung“ war, dann habe ich jahrelang im falsche Film mitgespielt. Wobei es natürlich auch in diesem Fall 80 Prozent an Usern gibt, die es natürlich viel besser wissen – als ich. Obwohl ich damals noch am selben Tag seines Abganges von ihm selbst ganz genau und ganz ausführlich ins Bild gesetzt worden bin.

Nachfolger von Jol wurde dann Bruno Labbadia. Über jenen Herren habe ich hier oft genug schrieben, deshalb erspare ich mir jegliches Wort. Nur eines: Müsste ich eine Liste der HSV-Trainer erstellen, so wäre Bruno Labbadia mein persönliches Tabellenschlusslicht. Und Ende. Ihm folgte Armin Veh, der ganz sicher auch nicht fehlerfrei war, der aber das Pech hatte, eine Mannschaft übernehmen zu müssen, die „untrainierbar“ war. Soll heißen: Diese Truppe wollte nicht in der Lage sein, einen „richtige“ Mannschaft zu werden. Deshalb musste Veh so scheitern, wie er dann gescheitert ist. Ich bin wirklich sehr gespannt, wie er das nun mit Eintracht Frankfurt hinbekommen wird.

Ein anderes Thema: Heute sprachen wir mit einem HSV-„Neuling“. Mit Romeo Castelen. Also mit jenem Flügelflitzer, der seit 2007 HSV-Profi ist, der auch 15 Bundesliga-Spiele für den HSV absolviert hat, der es auch auf zehn Länderspiele für die Niederlande (ein Tor) gebracht hat, der aber schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr für den HSV gespielt hat. Weil er drei Knie-Operationen rechts hinter sich hat, und eine links (August 2010). Nun hofft „RC“ wieder. Er macht zurzeit alles mit, und er träumt von seinem Comeback. Seinen letzten Einsatz für den HSV hatte Romeo Castelen, der einer der nettesten Profis aller Zeiten ist, am 23. August 2009 in Wolfsburg. In dieser Partie war er in der 68. Minute für den „kleinen Dribbelkünstler“ (da ist er schon wieder!) gekommen – und erzielte beim 4:2-Sieg sogar ein Tor. Alles schien an diesem Tag wieder bestens, aber dann begann der Leidensweg, sein Leidensweg wieder einmal von vorn.

Das Wolfsburg-Tor, sein Wolfsburg-Tor sieht Romeo Castelen noch heute jeden Tag. Er hat es als Poster in seinem Eingang daheim hängen, er kommt also nie dran vorbei. Obwohl es schon wieder so lange her ist – an diesem Tag war wirklich restlos glücklich und zufrieden. Ein Zustand, der nicht lange anhielt, denn nur Tage später war er wieder schwer verletzt. Ich habe den erst 28-Jährigen gefragt, ob er bei all diesen grausamen Rückschlägen nicht auch schon mal ans Aufhören gedacht hat? Seine Antwort: „Das kam mir vielleicht einige Male ganz schnell in den Kopf, aber das war auch ebenso schnell wieder draußen. Der Wille, wieder Fußball zu spielen, der ist so groß, und ich bin kein Typ, der schnell das Handtuch schmeißt. Ich gebe jetzt noch einmal alles, denn das ist wichtig für mich, denn dann weiß ich, dass ich wirklich alles für mein Comeback getan habe. Falls es dann nicht klappen sollte, dann ist es eben so, aber im Moment gebe ich ganz einfach nur alles, um noch einmal wieder zu kommen.“ Und er ergänzt: „Für Leute, die das von außen betrachten, ist es natürlich schwieriger. Die werden es wohl auch kaum begreifen, dass ich es noch einmal versuche, aber mir hilft mein Glaube. Der ist tief in mir drin, der ist so stark, der wird mir bei diesem Kampf helfen, der wird auch dafür sorgen, dass ich es noch einmal schaffe. Das ist für mich auch der einzige Weg, dass das noch einmal klappt.“

Ich drücke ihm dabei die Daumen, und ich bin sicher, dass viele, viele HSV-Fans das ebenfalls tun werden. Weil sie es bislang auch schon immer getan haben.

PS: Der HSV beginnt an diesem Dienstag mit dem Kartenvorverkauf für die große Saisoneröffnungs-Party am 2. August in der Imtech-Arena. Zum ersten Auftritt des neuen HSV-Teams vor den eigenen Fans empfängt die Mannschaft von Trainer Michael
Oenning im Rahmen des “Summer of Champions” mit dem FC Valencia einen internationalen Top-Verein. Anstoß der Partie ist um 19.15 Uhr. Die Tickets sind ab Dienstag im HSV Service-Center und telefonisch (01805-478 478) erhältlich. Ab Donnerstag (30. Juni) gibt es die Karten dann auch im Online-Shop (www.hsv.de).

Und einen habe ich noch, quasi ein kleiner Nachtrag zum Tobias-Homp-Abschiedsspiel (Sonnabend). Da hatte ich ja berichtet, dass der Vorsitzende des Schleswig-Holsteinischen Fußball-Verbandes, Hans-Ludwig Meyer, eine Rede gehalten hatte. Dass er nicht mit leeren Händen gekommen war, hatte ich unterschlagen. Meyers Spruch lautete in etwa so: „Der Onkel, der mit Geschenken kommt, ist beliebter als die Tante, die Klavier spielen kann.“ Er überreichte Homp einen Fußball und, nun kommt es, zwei Eintrittskarten für ein WM-Spiel. Ein WM-Spiel in Wolfsburg. Brasilien gegen Norwegen. Der Knüller. Dieser „Onkel“ machte sich in der Tat beliebt.

Und noch einen Satz in eigener Sache muss ich loswerden: Viele (nein, einige) hatten mich am Sonntag beim Trainingsauftakt vermisst. Und in der Tat bin ich bei den 3500 `Fans auch nicht untergegangen, sondern war wirklich nicht auf der Anlage. Das lag nicht etwa am zu harten Scooter-Konzert vom Vorabend (das war einfach nur erste Sahne!). Der wahre Grund: Im Februar bin ich zum ersten und bislang einzigen Mal Opa geworden (Frau M. wurde Oma), und an diesem Sonntag war Taufe – der Termin stand seit Monaten fest. Und da der HSV seinen Trainingsauftakt partout nicht verlegen wollte, musste ich der Veranstaltung im Volkspark ganz einfach fern bleiben. Ich hoffe, dass ich dafür nachträglich Euer Verständnis habe. Wenn nicht, so darf ich denen, die jetzt mit mir schimpfen, sagen, dass ich die Tauf-Feierlichkeiten dann doch früher als geplant verlassen habe, um für „Matz ab“ da zu sein. Allzeit bereit – wie die Pfadfinder. Aber eben alles zu seiner Zeit. Erst die Feier, dann die Arbeit. Mann muss auch Prioritäten setzen dürfen.

Eines muss ich jetzt, wo es auf 21 Uhr zugeht, einmal aufklären. Mit meiner Entmachtung habe ich mir einen kleinen Scherz erlauben wollen – ist offenbar ein wenig schiefgegangen. Sorry, ich entschuldige mich dafür. In aller Form. Zur Aufklärung: Mittlerweile erhalte ich täglich zwischen 30 und 50 Mails auf mein privates Postfach. Ich habe es wohl zu oft auch jenen Mennschen zugänglich gemacht, die nicht so ganz auf meiner Wellenlänge liegen. Das war ein großer Fehler, denn ich werde nun “zugemüllt” – in jeder zweiten Mail steht, was natürlich kaum einer weiß, wie unfähig wir sind, Scholle und ich. Grüß-Gottle lebt, kann ich nur sagen. Es wird sehr oft meine Ablösung gefordert, deswegen wollte ich jene Menschen einmal eine kleine Freude machen.
es ist leider in die falsche Richtung gelaufen, denn es haben mich viele besorgt angerufen und besorgt angemailt. Sorry, sorry, sorry.
Niemand muss Angst haben, ich bin nicht entmachtet worden, ich werde es auch nicht. Ich reise mit zum Trainingslager ins Zillertal – das nenne ich brüderlich (oder auch kollegial) geteilt. Hier Scholle, da ich.
Und noch eines: Ich bin nicht dünnhäutig, bin es auch nicht geworden, im Gegenteil, heute kann ich mich über diese Flut von Mecker-Mails echt totlachen. Es ist so! Ich lasse das gar nicht mehr an mich ran, also auch in diesem Punkt null Probleme, macht Euch keine Sorgen, alles ist gut.

Und wen ich hiermit nun wieder genervt habe, dem muss ich sagen: sorry. Es musste aber sein, weil einige (viele) Matz abber einfach nur besorgt waren.
Kommt nicht wieder vor, verspreche ich hiermit hoch und heilig.

17.18 Uhr (ergänzt um 20.52 Uhr)

Ein toller Tag!

26. Juni 2011

Volksfeststimmung im Volkspark. Und das kann nicht nur an den 1500 Frei-Würstchen gelegen haben, das muss das HSV-Fieber sein. Der Trainingsplatz an der Arena meldete „ausverkauft“, über 3500 Fans waren zum Trainingsauftakt gekommen, um die neuen „Rothosen“ unter die Lupe zu nehmen. Noch fehlen die Nationalspieler, aber die Fans sind schon wieder heiß und wollen ihren HSV hautnah erleben. Das Wetter spielte mit, der gesamte Vorstand war anwesend, dazu auch einige Aufsichtsräte, die Spieler posierten für Fotos, schrieben viele Autogramme – es passte an diesem Sonntag schon alles. So kann, so darf es weitergehen. Medien-Chef Jörn Wolf brachte es auf den Punkt: „Ein toller Tag!“

HSV-Chef Carl-Edgar Jarchow zeigte sich von diesem Tag eins der neuen Saison sehr angetan: „Ich bin begeistert von der Resonanz, damit haben wir gar nicht gerechnet, dass so viele Leute kommen. Das zeigt aber, wie sehr der HSV den Leuten am Herzen liegt, zumal wir den Fans ja noch gar nicht so viele neue Spieler präsentieren konnten. Dieser Auftakt zeigt aber eine positive Grundstimmung in der Anhängerschaft, die Fans geben uns die Chance, bei Null anzufangen.“

Am Morgen hatte es ein gemeinsames Frühstück mit Mannschaft, Vorstand und Aufsichtsrat gegeben. Dabei gab es nicht nur die obligatorische Begrüßung, sondern auch wohl dosierte Worte in Richtung neuer Saison. In den Arena-Katakomben folgten danach erste Leistungstests, nicht dabei waren Jeffrey Bruma, Dennis Aogo und Jonathan Pitroipa, die erst am 30. Juni zur Mannschaft stoßen werden. Ebenso fehlten Michael Mancienne und Guy Demel, die am 6. Juli zum Team kommen werden, wobei es da bei Demel noch ein Fragezeichen gibt, ob er überhaupt noch kommen wird. Gefehlt hat auch noch Marcell Jansen, der erst am Montag von seinem Fitness-Training aus Amerika wieder nach Hamburg zurückkehren wird. Am Dienstag geht es dann ja bekanntlich zum Lauf-Trainingslager auf die Insel Sylt.

Zwei Stürmer waren heute zwar in der Arena, aber an Training ist noch nicht zu denken. Mladen Petric läuft aber bereits wieder, doch Marcus Berg, der eine Hüft-Operation hinter sich hat, fliegt am Montag wieder nach Schweden, wo er sich von der medizinischen Abteilung der Nationalmannschaft weiter behandeln lassen wird.

Carl-Edgar Jarchow sagte zur derzeitigen Situation: „Wir haben viele Spieler abgegeben, das ist für die jungen Spieler eine Chance, sich nun durchzusetzen. Es ist für sie wichtig, jetzt die richtige Einstellung zu finden. Und ich hoffe, dass sich die Truppe nun als Mannschaft findet, dass sie als Mannschaft auftritt und sich als Mannschaft entwickelt – das steht im Vordergrund.“

Bei seiner Ansprache am frühen Morgen hatte Jarchow den Spielern gesagt, dass der Vorstand geschlossen hinter Trainer Michael Oenning steht: „Und das werden wir auch dann unter Beweis stellen, wenn es mal sportlich nicht nach Wunsch laufen sollte.“ Jarchow schnitt vor dem Team auch ein weiteres wichtiges Thema an: „Ich habe gefordert, dass die Einzeltouren, die wir hier in den letzten Jahren hatten, aufhören müssen.“

Im ersten Trainingsspielchen der Saison gab es die Partie „Jung“ gegen „Alt“, das erste Tor schoss dabei ausgerechnet Torwart (und Heimkehrer) Wolfgang Hesl, der für „Alt“ spielte. 1:1 Heung Min Son, 2:1 Gökhan Töre, 2:2 Tolgay Arslan (für „Alt“), 3:2 Töre, 4:2 Daniel Nagy von der Regionalliga-Mannschaft. Erfreulich: Romeo Castelen spielte bei „Alt“ wie ein „Junger“ mit. Und: Einen sehr guten Eindruck hinterließ Neuzugang Töre, der nicht nur wegen seiner beiden Tore beeindruckte, sondern auch deshalb gefiel, weil er sich sehr dynamisch, trickreich und einsatzfreudig gab. Leider musste Töre das Training zehn Minuten früher abbrechen – muskuläre Probleme?

„Die Stimmung in der Kabine ist sehr gut, es gibt viele neue Gesichter bei uns, viele junge Spieler, jetzt müssen wir uns an die neuen Namen gewöhnen und sie uns einprägen. Und wir wollen an einem Strang ziehen, positiv angreifen, wir wollen die vergangene Saison hinter uns lassen“, sagte Kapitän Heiko Westermann zum Auftakt. Ob er die Spielführerbinde weiterhin tragen wird, ist noch offen, aber Westermann sagt zu diesem Thema: „Es interessiert mich herzlich wenig, ob ich die Binde auch weiterhin tragen werde. Unabhängig von der Binde werde ich alles für die Mannschaft geben, um ihr zu helfen, ich sehe mich als Führungsspieler und will vorneweg marschieren.“ Westermann weiter: „Wir sind ziemlich neu zusammengewürfelt, da gilt es jetzt, die richtige Mischung zu finden – in sechs, sieben Wochen werde ich mich dann auch fragen lassen, wie die Saisonziele aussehen können.“

Zum Thema Umbruch befand der Kapitän noch: „Ich bin sicher, dass unsere Fans das positiv begleiten werden, denn sie alle wussten ja, dass bei uns etwas passieren musste.“

So ist es. Das weiß natürlich auch Michael Oenning, der aber nicht damit rechnet, dass kurzfristig noch der eine oder andere Spieler verpflichtet wird. Fest steht, dass der HSV noch etwas tun wird, aber bis zum Trainingslager aus Sylt wird das noch nicht der Fall sein. Vielleicht klappt es ja dann im Zillertal . . . Oenning: „Mit den bisherigen Zu- und Abgängen bin ich zufrieden, wir haben angefangen, die Dinge so umzusetzen, wie wir sie besprochen haben. Wir wollten uns verändern, uns neu aufstellen, und in dieser Hinsicht sind wir schon einen großen Schritt weiter. Wir gehen in Vorlage mit der Verjüngung des Teams, und die Fans werden das positiv begleiten.“

So, dann haben wir zum Auftakt auch noch ein Interview geführt, und zwar mit „Altmeister“ David Jarolim. Es geht los:

Matz ab: Hey Jaro, es geht wieder los. Konntest Du überhaupt entspannen?

David Jarolim: So gut wie noch nie. Ich war mit der Familie in Kroatien, habe wirklich mal zehn Tage lang entspannt und nichts gemacht.

MA: Nichts machen und Du – da stimmt doch was nicht…

Jarolim: Na ja, ein wenig Laufen und mein Programm habe ich natürlich durchgezogen. Aber 98 Prozent des Tages war Ruhe und Familie angesagt.

MA: Und jetzt geht es wieder los…

Jarolim: Ja, und ganz ehrlich: ich bin heiß. Die Pause war lang genug und wir
haben diesmal auch eine Menge Arbeit vor uns.

MA: Was weißt Du über die Neuen?

Jarolim: Ehrlich gesagt nicht viel. Ich weiß natürlich wer gegangen und wer neu dazu gekommen ist. Ich glaube auch, dass Frank Arnesen einen Plan hat, eine Strategie, die er verfolgt. Ich mache mir da keine Sorgen, im Gegenteil: wer bei Chelsea einen Vertrag bekommt, der muss Qualität haben. Und wenn mich nicht alles täuscht, soll ja auch noch was passieren.

MA: Welches Ziel hältst Du für realistisch?

Jarolim: Um darüber zu sprechen ist es noch viel zu früh. Klar ist aber, dass wir gute, junge Leute dazubekommen und viel Qualität in dem Kader haben, der letztes Jahr schon hier war. Wir müssen keine Angst haben, auch wenn das Auftaktprogramm ein echter Hammer ist. Gerade die Auswärtsspiele in Dortmund, München und Bremen sind gleich zu Saisonbeginn echte Gradmesser.

MA: Ist das Auftaktprogramm gut für Euch? Oder hättest Du lieber mit vermeintlich schwächeren Teams begonnen?

Jarolim: Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung, die wir in der langen Vorbereitung jeden Tag vor Augen haben werden. Die Schwere dürfte für jeden von uns Antrieb genug sein, noch mehr zu tun als bisher. Ich freue mich auf jeden Fall darauf.

MA: Du als dienstältester HSVer wirst eine zentrale Rolle auf und neben dem Platz übernehmen müssen.

Jarolim: Ja, aber das ist nicht neu. Das bin ich gewohnt. Ich muss auf mich achten, mich ständig selbst hinterfragen, um den Jüngeren ein gutes Beispiel sein zu können. Das ist eine Win-Win-Situation: um meiner Pflicht als Erfahrener nachzukommen, muss ich besser sein als andere – und das allein ist eine riesengroße Motivation für mich.

MA: Zuletzt wurde darüber spekuliert, wer Kapitän wird, oder ob Westermann es bleibt. Wäre das noch mal was für Dich?

Jarolim: Oha, was für eine Frage! Ich habe mich gerade damit abfinden müssen, nach zwei Jahren als Kapitän abgesetzt worden zu sein. Dazu musste ich mir in der Vorbereitung sagen lassen, dass der Trainer (Armin Veh, d. Red.) mich abgeben wolle. Das war ziemlich hart. Zumal ich schon so lange beim HSV bin. Aber, um die Frage zu beantworten: ich habe mich damit überhaupt nicht beschäftigt und glaube auch, dass Heiko einen sehr guten Job gemacht hat.

MA: Worauf wird es dieses Jahr besonders ankommen? Zuletzt war immer die Rede von Teambuildung und der Hoffnung, eine homogenere Mannschaft aufbieten zu können.

Jarolim: Wir müssen dieses Jahr geschlossener auftreten, das ist klar. Aber die letzte Saison hat gezeigt, dass die Mannschaften, die am meisten Kraft haben und die meisten Wege gehen können, am Ende oben standen, wie Hannover, Mainz und auch Dortmund. Ich bin mir sicher, dass wir eine harte, aber zielführende Vorbereitung vor uns haben. Sie wird wehtun, aber sie wird uns helfen, noch fitter in die neue Saison zu gehen als sonst. Wir müssen eine Menge Kraft tanken. Wenn uns das gelingt, dazu jeder eine erhöhte Bereitschaft hat und wir uns als Team verstehen, dann ist wirklich alles möglich.

MA: Dein Vertrag läuft 2012 aus. Normalerweise werden Spieler wie Du verkauft oder deren Verträge vorzeitig verlängert. Gab es diesbezüglich schon Gespräche?

Jarolim: Nein. Warum auch? Frank Arnesen kennt mich nicht und will sich erst mal ein Bild von mir machen. Das ist legitim und beunruhigt mich auch nicht. Ich kenne es ja gerade aus dem letzten Jahr noch zu gut, mich beweisen zu müssen. Aber das ist auch jetzt nicht das Thema. Wir fangen nach zwei Jahren ohne internationalen Wettbewerb gerade bei null an und haben wichtigere Dinge zu tun als über meinen Vertrag zu sprechen.

Zwei Dinge noch schnell am Rande: Heute wird Kondition im Volkspark trainiert, und das nicht von allen HSV-Spielern. Ein komplettes Training wird also nicht stattfinden. Und: Am Sonnabend war ich in der Arena (mit Frau M.), als dort Scooter aufzog. Die Atzen, die Vorgruppe, hatten versprochen, dass es „hier heute den Total-Abriss geben wird“, aber die Arena steht noch. Sie wackelte aber bedenklich. Es war, genau genommen, die Hölle los im Volkspark, so habe ich das Stadion noch nie erlebt. Die beiden HSV-Fans und Dauerkartenbesitzer „Thommy“ und Beule“ sagten abschließend das, was auch ich dachte: „Eine solche Super-Stimmung wünschten wir uns mal, wenn der HSV hier einen Titel gewinnt . . .“

Packen wir es an! Alle.

19.09 Uhr

Über Retter Stevens und Vorbild Homp

25. Juni 2011

Der Ball läuft wieder. Am Sonntag jedenfalls. Trainingsauftakt beim HSV, um 14 Uhr soll die Mannschaft auf den Trainingsplatz gehen. Der Ball lief aber auch heute schon mal. Und zwar in Henstedt-Ulzburg. Da gab es das Abschiedsspiel von Tobias Homp. 80 Bundesliga-Spiele für den HSV, drei Tore – ich habe nicht eines in Erinnerung. Blamabel. Insgesamt schaffte „Hompi“ 206 Einsätze für den HSV, und zwar von 1985 bis 1989. Viele, viele HSVer sollten zum Abschied des 47-Jährigen kommen, aber leider gab es auch viele, viele Absagen. So ist das aber wohl im Fußball – Tobias Homp konnte damit gut leben.

Einige waren dennoch da. An erster Stelle Wolfgang Rolff, schon lange Co-Trainer bei Werder Bremen. Und Lothar Dittmer sowie Thomas Vogel. Organisiert, und zwar sehr gut mit Sternchen, hatte das alles Rhens Trainer Jens Martens. Der ließ sogar noch Hermann Rieger „einfliegen“. Und der gag: Bei einer Verletzungsunterbrechung stürmte plötzlich Hermann der Überraschungsgast auf den Rasen. Da staunten die etwa 400 Zuschauer Bauklötze – und es gab donnernden Applaus.

Den gab es auch, als der Vorsitzende des Schleswig-Holsteinischen Fußball-Verbandes, Hans-Ludwig Meyer eine Rede hielt – und er dabei Tobias Homp und die Leidenschaft für den Fußball hervorhob.

Unter den Fans am Rande auch Horst Eberstein, die lebende HSV-Legende. Er hatte einst Tobias Homp vom FC Homburg zurück zu den HSV-Amateuren geholt. Eberstein: „Er sollte die jungen Talente führen, das hat er auch noch drei Jahre lang hervorragend getan. Er war stets ein Sympathieträger des HSV, und er war immer ein Vorbild für jeden Spieler. 1996 aber wurde Tobi dann plötzlich aussortiert – zu alt, hieß es damals.“ Zu alt? Homp hat bis zum Ablauf der Saison noch in der Schleswig-Holstein-Liga gespielt – und war stets einer der Besten beim SV Henstedt-Rhen.

Von den HSV-Amateuren waren die früheren Spieler Marco Krausz, Tibor Nadj und Mijo Celebic zum Mitspielen gekommen – und von der zweiten Frauen-Mannschaft des HSV spielte Homp-Tochter Vera mit.

Lothar Dittmer, ein wneig breiter geworden, freut sich für die HSV-Altliga, denn sie bekommt nun mit Tobias Homp Zuwachs. Und Dittmer lobte seinen ehemaligen und zukünftigen Mitspieler: „Tobias war ein fleißiger Spieler, zuverlässig, hundertprozentig bei der Sache, ein Super-Kollege.“ Und zum HSV? Dittmer: „Ich hoffe das Beste für den HSV. Wenn sich das Jugendkonzept durchsetzt, dann kann es mal wieder bergauf gehen. Ich erhoffe mir aber auch trotz allem noch einen Kracher. Den brauchen wir noch.“ Und: „In meinen Augen hätten sie Joris Mathijsen behalten sollen, der war immer zuverlässig, dafür hätten sie lieber Paolo Guerrero gehen lassen sollen . . .“

Ist ja kein Wunschkonzert.

Wolfgang Rolff über Tobias Homp: „Er war immer ein großartiger Kollege, ist es bis heute geblieben, deswegen war es keine Frage, dass ich zu seinem Abschied komme.“ Vorbildlich – wie immer. Rolff weiter: „Tobi war immer ehrgeizig, hat immer sein Aufgaben erfüllt, und was ihn auszeichnet: Er ist immer topfit geblieben, das zeichnet ihn auch aus.“

Vom „Tiroler Friedl“ aus Lohbrügge gab es einen edlen Tropfen für den ehemaligen Links-Verteidiger, der mit dem HSV 1987 den DFB-Pokal gewann: „Das war mein sportlicher Höhepunkt.“ Seine beste Fußball-Zeit hatte Homp aber, der künftig die Rhener A-Jugend trainieren und betreuen wird, bei seinem Stamm-Verein Kilia Kiel. Sein Vorbild aber hat er beim HSV entdeckt: Wolfgang Rolff. Homp: „Die Art und Weise, wie Wolle sich auf das Training vorbereitet hat, wie er sich aufgewärmt hat, mit welchem Ehrgeiz und Engagement er bei der Sache war – das war einzigartig. Das habe ich mir zum Vorbild genommen. Er gab den jungen Spielern auch mal Tipps, was zum Beispiel Felix Magath oder auch Ditmar Jakobs nur dann taten, wenn man sie gefragt hat. Wolfgang Rolff aber ging auf uns junge Spieler von sich aus zu, und so müsste es auch überall sein.“

Und was erwartet „Hompi“ vom HSV 2011? Er sagt: „ Es wird auf jeden Fall eine ganz schwierige Saison, aber andererseits haben viele Verein es auch vorgemacht, dass es mit jungen Leuten gehen kann. Ich wünsche dem HSV Geduld, dass sie Michael Oenning auch mal die Chance geben, hier etwa zu entwickeln. Die letzten Jahre mit den schnellen Trainer-Entlassungen waren ja zum Davonlaufen. Das Personal wurde viel zu für ausgewechselt, aber nun muss man Geduld und Ruhe aufbringen. Und es sollte noch ein Führungsspieler kommen, der ist dringend nötig.“ Er sagt auch warum: „Heiko Westermann ist ein solider Bundesliga-Spieler, aber er ist kein Kapitän. Und in der Führung gibt es nun ein Vakuum, denn Frank Rost haben sie radikal klein gemacht und dann ja auch weggejagt. Das wird sich noch als Fehler erweisen.“

Tobias Homp ist schon immer ein „kluges Kerlchen“ gewesen, er macht sich immer auch Gedanken über den HSV. Bei dem er besonders David Jarolim schätzt: „Ich weiß, dass er nicht bei allen gut ankommt, weil er so oft fällt, aber erstens ist das viel weniger geworden, zweitens ins Jaro ein Mann, der für den Mannschaft 90 Minuten lang alles gibt. Davon gibt es nicht so viele.“

Thema-Wechsel:

Zur Trainer-Serie, die sich nun dem Ende zuneigt. Heute ist Huub Stevens dran. Vorweg gleich einmal eines: Ich danke Huub Stevens für die einmalige Rettung des HSV. Ihm ist es zu verdanken, dass der Dino nie abgestiegen ist. Deswegen werde ich dem knurrigen Niederländer ewig dankbar sein. Stevens hat – für mich – damals ein Fußball-Wunder vollbracht, und irgendwie weiß ich bis heute nicht, wie ihm das gelungen ist. Die Null muss stehen – das allein kann es nicht gewesen sein, war es mit Sicherheit auch nicht. Schon damals sagten die Spieler über den Trainer, dass er nicht nur größten Wert auf Disziplin gelegt habe, sondern dass er auch stets und in jeder Situation ehrlich mit ihnen umgegangen ist. Stevens hat alle gleich und alle immer korrekt behandelt, das war sicher eine Eigenschaft, die ihm dabei half, dem HSV die Klasse zu retten.

Meine persönlichen Erinnerungen an Stevens sind, das gebe ich auch zu, nicht die besten. Was natürlich absolut zweitrangig ist, denn es ging bei der Aktion „Klassenerhalt“ ja nicht um mich. Schon das erste Aufeinandertreffen mit Huub Stevens aber war denkwürdig. Wir Journalisten standen in der Bushalle der Arena, zwischen uns und der Profi-Abteilung war stets eine von Ordnern bewachte Barriere aufgebaut. So konnten wir nicht zu jenen Spielern (oder Trainern), die nicht mit uns reden wollten.

Als sich die Tür der Kabine öffnete und Huub Stevens gemeinsam mit Medien-Chef Jörn Wolf auf uns zuging, da streckten wir dem Coach die Hände entgegen – um „Guten Tag“ zu sagen. Stevens aber erwiderte diese Geste nicht. Er hielt seine Hand in der Tasche und sagte nur: „Das sage ich Ihnen gleich, ich gebe Ihnen nicht die Hand. Nie. Das mache ich aus Prinzip so. Und wir werden darüber auch nicht weiter diskutieren, das bleibt auch so.“

Als ich ihm dann entgegnete, dass es doch auch ein symbolischer Akt wäre, fragte er warum? Ich: „ Wenn Sie mir zum Beispiel die Hand geben, dann weiß ich, dass zwischen uns alles in Ordnung ist. Wenn nicht, dann werden wir darüber reden müssen, was ich für einen Mist geschrieben habe . . .“ Stevens nahm es zwar zur Kenntnis, blieb aber dabei: er gab nie die Hand. Ich habe mich dann mal bei meinen Kollegen in Gelsenkirchen und Berlin erkundigt, die haben sehr wohl gesagt, dass er ihnen die Hand gereicht hätte. Von wegen Prinzip. Er hat es wohl nur in Hamburg mal eben schnell eingeführt dieses (sein) Prinzip. Aber auch das ist egal, denn es ging ja nicht um irgendwelche Händedrückerei, sondern um den Klassenerhalt für den HSV.

Huub Stevens kam, als der HSV in 19 Spielen nur eines (!) gewonnen hatte. Er begann – im „Blindflug“ – am 3. Februar 2007, und er startete mit einer unglaublich unglücklichen 1:2-Niederlage in Berlin gegen die Hertha. Für die schoss Mineiro in der 90. Minute das Siegtor, aber bis dahin hätte der HSV längst schon uneinholbar in Führung liegen müssen. Das Besondere an diesem Spiel: Stevens war aus Eindhoven nach Berlin geflogen, hatte bis dahin noch absolut keinen Kontakt zu „seiner“ neuen Mannschaft gehabt. Ein Novum. Das hat es meines Wissens nie gegeben, dass ein HSV-Trainer seine Tätigkeit nicht in Hamburg begonnen hat, sondern direkt mit einem Auswärtsspiel.

Dann kam der 28. April 2007. Bayern München gegen den HSV. Paolo Guerrero schoss in der 77. Minute das Siegtor, und damit war für mich, nur für mich, die Klasse schon gerettet. Das war am 31. Spieltag. Nach dem Spiel folgte, wie üblich, die Pressekonferenz, und als diese beendet war, ging ich auf Huub Stevens zu. Bevor er etwas denken konnte, suchte meine Hand seine – und ich drückte sie mit dem Satz: „Heute muss es einmal sein, heute muss ich Ihnen ganz einfach die Hand geben – herzlichen Glückwunsch, Sie haben den HSV vor dem Abstieg bewahrt.“ Stevens war total perplex, aber er ließ mich gewähren. Ein einmaliger Ausrutscher meinerseits. Der aber sein musste!

Sensationell war dann am Ende nicht nur der Klassenerhalt, sondern Platz sieben in der Abschlusstabelle. Huub Stevens war ein Zauberer. Der HSV hatte noch die Uefa-Cup-Qualifikation erreicht. Am 17. Mai 2008 nahm Stevens dann seinen Hut. Mit einem 7:0-Sieg im Volkspark gegen den KSC. Tags darauf verabschiedete sich Huub Stevens dann in einer kleinen Feier auch von den Hamburger Journalisten. Ich ging nicht zu diesem Treffen, erstmalig zog ich mich zurück. Wie gesagt, mein Verhältnis zu Stevens war nie gut, trotz der unglaublichen Rettung, aber ich hätte als dienstältester Journalist eine Abschiedsrede halten müssen, hätte mich für die gute Zusammenarbeit mit dem Trainer bedanken sollen – die aber gab es für mich nicht. Stevens war beim kleinsten Hauch von Kritik immer auf Krawall gebürstet, und dieser Zustand ist mit „knurrig“ noch sehr, sehr sanft umschrieben. Er hatte nie ein gutes Verhältnis zu schreibenden Journalisten (mit Ausnahme des damaligen WAZ-Chefs), er wird auch nie eines bekommen – deswegen blieb ich seinem Abschied fern. Diese Rede sollte ein anderer Kollege halten, aber nicht ich.

Trotz allem, das wiederhole ich sehr, sehr gerne, danke ich Stevens bis an mein Lebensende für die Rettung des HSV. Das hätte kein anderer Trainer geschafft, eigentlich müssten sie ihm hier in Hamburg ein Denkmal setzen. Wobei mir einfällt, dass ich dieses Denkmal auch einmal in einem Gespräch mit Hans Meyer (für die Rettung von Borussia Mönchengladbach) erwähnte. Meyer zu mir: „Ich will kein Denkmal, bloß nicht, da pinkeln alle Hunde dran . . .“

Oft bin ich gefragt worden, warum Huub Stevens damals von sich aus ging? Lag es nur an seiner schwer erkrankten Ehefrau Toss? Ich glaube das nicht. Ich weiß es nicht, aber ich glaube viel mehr, dass Stevens damals mit dem HSV-Umfeld nicht mehr klar gekommen ist. Er ist dann ja später auch wieder aus den Niederlanden weg gegangen – nach Salzburg. Und da ging es seiner Frau immer noch nicht so gut. Aber auch das ist Schnee von gestern – und damit erledigt.

So, dann hat mich dieser Tage noch eine private Mail erreicht, die ich gerne an Euch weitergeben möchte. Ich darf es auch, weil der Absender es mir erlaubt hat, der Mann ist mir namentlich bekannt. Es geht los:

„Guten Morgen Herr Matz,

an erster Stelle möchte ich mich als treuer Leser Ihres Blogs für die topaktuelle und jeden Tag wieder interessante Berichterstattung zum Geschehen im und um den Hamburger Sport-Verein bedanken.

Weshalb ich mich heute per eMail an Sie wende hat folgenden Grund:

In letzter Zeit ist das Thema „HSV-Nachwuchsförderung” in aller Munde, auch Sie schreiben immer wieder ausführlich dazu. Durch Zufall habe ich heute Morgen einen der vier Regionalscouts für Hamburg, die der HSV beschäftigt, getroffen, und was er mir berichtete, das macht mich angesichts der laufenden Nachwuchsdebatte ehrlich gesagt sprachlos.

Alle vier Verträge der Scouts laufen am 30. Juni aus. Die vier Herren bringen teilweise bis zu 30 Jahre Verbandserfahrung mit in ihre Scouting-Tätigkeit und sind nicht nur im Hamburger, sondern auch im gesamtdeutschen Kinder- und Jugendfußball bestens vernetzt.

Herr XY hat mir nun berichtet, dass er seit Wochen versucht, an diejenigen Verantwortlichen beim HSV heranzukommen, die für Vertragsverlängerungen in seinem Bereich zuständig sind. Ob Herr Arnesen selbst oder eher Herr Congerton hierfür zuständig sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber dass weder diese beiden Herren noch der für den Nachwuchsbereich “neunominierte” Bastian Reinhardt auf die vier Scouts zugekommen sind, um über die Vertragssituation zu reden, kommt einer Beleidigung gleich.

Was haben die Herren vor? Ich bin mir sicher, dass beim FC Chelsea von den 48 (!) fest angestellten Scouts auch einige im Kinder- und Jugendbereich tätig waren. Zu glauben, man könne beim HSV diesen Bereich „kaputtsparen” (wobei wir hier über einen Betrag von € 20 000 Euro im Jahr reden, den die vier Scouts ZUSAMMEN für ihre Arbeit bekommen) oder mit neuen, externen Mitarbeitern auffüllen, bedeutet sicherlich eine Entscheidung für den klassischen Holzweg. Denn die Erfahrung, die die vier momentan aktiven HSV-Scouts im Kinder- und Jugendbereich haben, ist sicherlich nur schwer ersetzbar. Und ein Wegfall des Scouting in diesem Bereich käme nach den vollmundigen Ankündigungen der letzten Wochen einer Bankrotterklärung gleich, bevor die neue Nachwuchsarbeit beim HSV über an Fahrt aufgenommen hat.

Ich denke, „HSV-Nachwuchsförderung” zu sagen und zu meinen sind zwei Paar Schuh. Ich bin gespannt, ob noch ein ganzer Schuh draus wird.

Nur der HSV!

Mit kollegialen Grüßen.“

17.14 Uhr

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