Tagesarchiv für den 27. Juni 2011

Reif für die Insel – auf nach Sylt

27. Juni 2011

Der An- und Verlauf des HSV bleibt auch an diesem Tag geschlossen. Keine neue Namen, keine Entlassungen keine Gerüchte. Und am Konditionstraining am Vormittag nahmen auch nur 13 Spieler teil. Der „Rest“ der Mannschaft absolvierte in den Arena-Katakomben wieder Fitness-Tests. Der Kontrast aber zum Vortag war riesig: Waren am Sonntag noch über 3500 Zuschauer da, sahen heute (Montag) lediglich sechs Kiebitze zu. Und am Dienstag geht es dann mit Sack und Pack auf die Insel Sylt. Konditions-Trainingslager. Ob die Spieler dann immer noch begeistert sind? Heute waren sie es, dann als die Einheit beendet wurde, gab es Applaus für Günter Kern, der die Übungen vorgab. Ohne Beifall zu spenden ging Mladen Petric in die Kabine, als er um 10.45 Uhr von seinem Lauf durch den Volkspark zurück war. Und, wer es ganz genau wissen will, wie es nun weitergeht: Am Dienstag ist Abfahrt mit dem Bus um acht Uhr, um 10.30 Uhr soll mit dem Zug „rübergemacht“ werden, und für 16 Uhr ist dann das erste Training angesetzt.

So, dann folgt heute die letzte „Folge“ meiner Trainer-Serie. Ab morgen, Dienstag, wird „Scholle“ vom Sylter Trainingslager berichten (ich bin entmachtet worden – für alle die sich über eine solche Nachricht freuen würden). Gekommen war ich zuletzt bis Huub Stevens. Wobei ich heute beim Training einen Rüffel „eingefangen“ habe, denn der Mopo-Kollege Simon Braasch sagte mir, dass er es so empfand, dass Stevens bei mir zu schlecht weggekommen sei. Fand ich eigentlich nicht.

Irgendwie ehrt es den netten Herrn Braasch sogar, dass er so etwas sagt, denn er hatte unter Stevens einmal ganz besonders zu leiden. Ich muss das schnell noch erzählen dürfen: Uefa-Cup-Spiel in Bergen, es ging gegen Brann (25. Oktober 2007, 1:0 für den HSV). Am Tag vor dem Spiel die offizielle Pressekonferenz der Uefa. Da sitzt dann ein Herr der Uefa in der Mitte, links und rechts von ihm die beiden beteiligten Trainer. Als der Gast, nämlich Huub Stevens, das Wort erhielt, waren nicht nur alle ganz Ohr, es waren auch mindestens drei, vier Fernsehkameras auf den HSV-Coach gerichtet. Und was erzählt Stevens? Er beginnt nicht etwa mit Fußball, nein er sagt – in seiner typischen und knurrigen Art: „Hey, Junge, hast du kein Benehmen? Wir sind hier im Ausland. Da hat man seine Kappe abzusetzen. Also, benimm dich gefälligst.“

Mit „hey Junge“ war Braasch gemeint. Andere Kollegen lachten, aber Braasch blieb standhaft. Schließlich ist Stevens nicht sein Vater, auch nicht sein Erziehungsberechtigter, schon gar nicht sein Chef. Die Kappe blieb dort, wo sie war, auf dem Kopf des Mopo-Reporters. Eisern. Aber dieses „hey Junge“ von Stevens, das ist bis heute ein geflügeltes Wort unter den Hamburger Print-Journalisten geblieben. Und, um auch das noch anzufügen: Einige hatten noch bis vor kurzem einen ganz eigenartigen Klingelton, nämlich ein herzhaftes Lachen von Stevens. Und um diese aufnehmen zu können, mussten sie nicht mal mit dem Coach zum Lachen in den Keller gehen – es ist eben mal so passiert. Kann ja mal passieren.

So, nun aber zu Martin Jol. Er folgte zur Saison 2007/2008 auf Huub Stevens. Verrate ich eigentlich ein Geheimnis, wenn ich nun schreibe, dass sich beide Herren nicht gerade „grün“ waren? Und das ist noch geschmeichelt ausgedrückt. Ihr Unverhältnis rührte noch aus niederländischen Zeiten her, hatte also nichts mit der Bundesliga zu tun, er recht nichts mit dem HSV.

Ich habe ja bis heute den Verdacht, dass aufgrund dieser beiderseitigen Abneigungen gewisse Personalien auch „geklärt“ wurden. Jol wollte einfach etwas anders machen als Stevens. Letzterer hatte Jerome Boateng zum Stammspieler gemacht, dafür aber den „kleinen Dribbelkünstler mit dem begnadeten Schussverhalten“ etwas lässig “abserviert“, nämlich auf die Bank gesetzt. Als Jol dann mit einem Trainingslager in Längenfeld (Österreich) begann, da hatte Piotr Trochowski noch EM-Sonderurlaub. Er hatte zwar nicht einen EM-Einsatz gehabt, aber er hatte Urlaub. Und Jol setzte schon zu jener Trochowski-Urlaubszeit voll auch den „kleinen Dribbelkünstler“. In Längenfeld sagte er, ohne jemals einmal Trochowski in einem Training gesehen zu haben: „Er ist aktueller deutscher Nationalspieler, er ist EM-Teilnehmer, deswegen baue ich natürlich auf ihn. Das ist für mich keine Frage.“

Auf der anderen Seite „maulte“ aber ab sofort Boateng, denn der hatte einen unglaublich schweren Stand bei Jol. Der Trainer warf ihm „Schwerfälligkeit“ vor, deswegen saß der Abwehrspieler auch oft draußen. Während, ich muss es noch einmal loswerden, der „kleine Dribbelkünstler“ nicht nur Stammspieler wurden, sondern wohl auch sein bestes halbes Jahr für den HSV spielte. Allerdings war es wirklich nur eine halbe Saison. Dann sortierte auch Jol Trochowski aus, entzog ihm das Vertrauen. Warum, wieso, weshalb? Mir wurde es nicht erklärt, „Troche“ selbst auch nicht, aber ich bin ganz sicher, dass hier 80 Prozent genau wissen, warum all das geschah . . .

Mein Verhältnis zu Martin Jol, das muss ich sagen, war sehr gut. Irgendwie schwammen wir (fußballerisch) auf einer Wellenlänge. Ich bin auch bis heute der Meinung, dass er sein sehr guter Trainer ist, mit allen Wassern gewaschen, ihm macht keiner etwas vor. Wenn man, diese kleine Einschränkung muss ich machen, wenn man ihn machen lässt. Was beim HSV aber nicht wirklich gut der Fall war. Jol verstand sich nicht wirklich gut mit Dietmar Beiersdorfer. Diejenigen, die nun jubeln, die werden das Folgende nun aber nicht so gerne lesen: Jol verstand sich auch nicht gut mit Bernd Hoffmann. Er, Martin Jol, hat es mir einmal erklärt: Waren alle drei Herren gemeinsam versammelt, dann herrschte eine seltsam angespannte Atmosphäre. War Jol aber mit einem Vorstandsmitglied allein, war alles, schien alles in Ordnung. Aber das war eben nur oberflächlich.

Da hier nicht wirklich alle an einem Strang zogen, musste auch dieses Unternehmen (HSV/Jol) scheitern. Und es scheiterte ja auch prompt.

Noch heute bin ich aber der Meinung, dass nicht Jol den HSV verließ, sondern dass er, Martin Jol, vom HSV verlassen wurde. Ich habe es hier ja schon geschrieben, wie damals die Sache mit dem Abgang zu Ajax Amsterdam lief (kann alles nachgelesen werden), deswegen will ich es nicht mehr wiederholen, aber wenn das keine „Entlassung“ war, dann habe ich jahrelang im falsche Film mitgespielt. Wobei es natürlich auch in diesem Fall 80 Prozent an Usern gibt, die es natürlich viel besser wissen – als ich. Obwohl ich damals noch am selben Tag seines Abganges von ihm selbst ganz genau und ganz ausführlich ins Bild gesetzt worden bin.

Nachfolger von Jol wurde dann Bruno Labbadia. Über jenen Herren habe ich hier oft genug schrieben, deshalb erspare ich mir jegliches Wort. Nur eines: Müsste ich eine Liste der HSV-Trainer erstellen, so wäre Bruno Labbadia mein persönliches Tabellenschlusslicht. Und Ende. Ihm folgte Armin Veh, der ganz sicher auch nicht fehlerfrei war, der aber das Pech hatte, eine Mannschaft übernehmen zu müssen, die „untrainierbar“ war. Soll heißen: Diese Truppe wollte nicht in der Lage sein, einen „richtige“ Mannschaft zu werden. Deshalb musste Veh so scheitern, wie er dann gescheitert ist. Ich bin wirklich sehr gespannt, wie er das nun mit Eintracht Frankfurt hinbekommen wird.

Ein anderes Thema: Heute sprachen wir mit einem HSV-„Neuling“. Mit Romeo Castelen. Also mit jenem Flügelflitzer, der seit 2007 HSV-Profi ist, der auch 15 Bundesliga-Spiele für den HSV absolviert hat, der es auch auf zehn Länderspiele für die Niederlande (ein Tor) gebracht hat, der aber schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr für den HSV gespielt hat. Weil er drei Knie-Operationen rechts hinter sich hat, und eine links (August 2010). Nun hofft „RC“ wieder. Er macht zurzeit alles mit, und er träumt von seinem Comeback. Seinen letzten Einsatz für den HSV hatte Romeo Castelen, der einer der nettesten Profis aller Zeiten ist, am 23. August 2009 in Wolfsburg. In dieser Partie war er in der 68. Minute für den „kleinen Dribbelkünstler“ (da ist er schon wieder!) gekommen – und erzielte beim 4:2-Sieg sogar ein Tor. Alles schien an diesem Tag wieder bestens, aber dann begann der Leidensweg, sein Leidensweg wieder einmal von vorn.

Das Wolfsburg-Tor, sein Wolfsburg-Tor sieht Romeo Castelen noch heute jeden Tag. Er hat es als Poster in seinem Eingang daheim hängen, er kommt also nie dran vorbei. Obwohl es schon wieder so lange her ist – an diesem Tag war wirklich restlos glücklich und zufrieden. Ein Zustand, der nicht lange anhielt, denn nur Tage später war er wieder schwer verletzt. Ich habe den erst 28-Jährigen gefragt, ob er bei all diesen grausamen Rückschlägen nicht auch schon mal ans Aufhören gedacht hat? Seine Antwort: „Das kam mir vielleicht einige Male ganz schnell in den Kopf, aber das war auch ebenso schnell wieder draußen. Der Wille, wieder Fußball zu spielen, der ist so groß, und ich bin kein Typ, der schnell das Handtuch schmeißt. Ich gebe jetzt noch einmal alles, denn das ist wichtig für mich, denn dann weiß ich, dass ich wirklich alles für mein Comeback getan habe. Falls es dann nicht klappen sollte, dann ist es eben so, aber im Moment gebe ich ganz einfach nur alles, um noch einmal wieder zu kommen.“ Und er ergänzt: „Für Leute, die das von außen betrachten, ist es natürlich schwieriger. Die werden es wohl auch kaum begreifen, dass ich es noch einmal versuche, aber mir hilft mein Glaube. Der ist tief in mir drin, der ist so stark, der wird mir bei diesem Kampf helfen, der wird auch dafür sorgen, dass ich es noch einmal schaffe. Das ist für mich auch der einzige Weg, dass das noch einmal klappt.“

Ich drücke ihm dabei die Daumen, und ich bin sicher, dass viele, viele HSV-Fans das ebenfalls tun werden. Weil sie es bislang auch schon immer getan haben.

PS: Der HSV beginnt an diesem Dienstag mit dem Kartenvorverkauf für die große Saisoneröffnungs-Party am 2. August in der Imtech-Arena. Zum ersten Auftritt des neuen HSV-Teams vor den eigenen Fans empfängt die Mannschaft von Trainer Michael
Oenning im Rahmen des “Summer of Champions” mit dem FC Valencia einen internationalen Top-Verein. Anstoß der Partie ist um 19.15 Uhr. Die Tickets sind ab Dienstag im HSV Service-Center und telefonisch (01805-478 478) erhältlich. Ab Donnerstag (30. Juni) gibt es die Karten dann auch im Online-Shop (www.hsv.de).

Und einen habe ich noch, quasi ein kleiner Nachtrag zum Tobias-Homp-Abschiedsspiel (Sonnabend). Da hatte ich ja berichtet, dass der Vorsitzende des Schleswig-Holsteinischen Fußball-Verbandes, Hans-Ludwig Meyer, eine Rede gehalten hatte. Dass er nicht mit leeren Händen gekommen war, hatte ich unterschlagen. Meyers Spruch lautete in etwa so: „Der Onkel, der mit Geschenken kommt, ist beliebter als die Tante, die Klavier spielen kann.“ Er überreichte Homp einen Fußball und, nun kommt es, zwei Eintrittskarten für ein WM-Spiel. Ein WM-Spiel in Wolfsburg. Brasilien gegen Norwegen. Der Knüller. Dieser „Onkel“ machte sich in der Tat beliebt.

Und noch einen Satz in eigener Sache muss ich loswerden: Viele (nein, einige) hatten mich am Sonntag beim Trainingsauftakt vermisst. Und in der Tat bin ich bei den 3500 `Fans auch nicht untergegangen, sondern war wirklich nicht auf der Anlage. Das lag nicht etwa am zu harten Scooter-Konzert vom Vorabend (das war einfach nur erste Sahne!). Der wahre Grund: Im Februar bin ich zum ersten und bislang einzigen Mal Opa geworden (Frau M. wurde Oma), und an diesem Sonntag war Taufe – der Termin stand seit Monaten fest. Und da der HSV seinen Trainingsauftakt partout nicht verlegen wollte, musste ich der Veranstaltung im Volkspark ganz einfach fern bleiben. Ich hoffe, dass ich dafür nachträglich Euer Verständnis habe. Wenn nicht, so darf ich denen, die jetzt mit mir schimpfen, sagen, dass ich die Tauf-Feierlichkeiten dann doch früher als geplant verlassen habe, um für „Matz ab“ da zu sein. Allzeit bereit – wie die Pfadfinder. Aber eben alles zu seiner Zeit. Erst die Feier, dann die Arbeit. Mann muss auch Prioritäten setzen dürfen.

Eines muss ich jetzt, wo es auf 21 Uhr zugeht, einmal aufklären. Mit meiner Entmachtung habe ich mir einen kleinen Scherz erlauben wollen – ist offenbar ein wenig schiefgegangen. Sorry, ich entschuldige mich dafür. In aller Form. Zur Aufklärung: Mittlerweile erhalte ich täglich zwischen 30 und 50 Mails auf mein privates Postfach. Ich habe es wohl zu oft auch jenen Mennschen zugänglich gemacht, die nicht so ganz auf meiner Wellenlänge liegen. Das war ein großer Fehler, denn ich werde nun “zugemüllt” – in jeder zweiten Mail steht, was natürlich kaum einer weiß, wie unfähig wir sind, Scholle und ich. Grüß-Gottle lebt, kann ich nur sagen. Es wird sehr oft meine Ablösung gefordert, deswegen wollte ich jene Menschen einmal eine kleine Freude machen.
es ist leider in die falsche Richtung gelaufen, denn es haben mich viele besorgt angerufen und besorgt angemailt. Sorry, sorry, sorry.
Niemand muss Angst haben, ich bin nicht entmachtet worden, ich werde es auch nicht. Ich reise mit zum Trainingslager ins Zillertal – das nenne ich brüderlich (oder auch kollegial) geteilt. Hier Scholle, da ich.
Und noch eines: Ich bin nicht dünnhäutig, bin es auch nicht geworden, im Gegenteil, heute kann ich mich über diese Flut von Mecker-Mails echt totlachen. Es ist so! Ich lasse das gar nicht mehr an mich ran, also auch in diesem Punkt null Probleme, macht Euch keine Sorgen, alles ist gut.

Und wen ich hiermit nun wieder genervt habe, dem muss ich sagen: sorry. Es musste aber sein, weil einige (viele) Matz abber einfach nur besorgt waren.
Kommt nicht wieder vor, verspreche ich hiermit hoch und heilig.

17.18 Uhr (ergänzt um 20.52 Uhr)