Tagesarchiv für den 26. Juni 2011

Ein toller Tag!

26. Juni 2011

Volksfeststimmung im Volkspark. Und das kann nicht nur an den 1500 Frei-Würstchen gelegen haben, das muss das HSV-Fieber sein. Der Trainingsplatz an der Arena meldete „ausverkauft“, über 3500 Fans waren zum Trainingsauftakt gekommen, um die neuen „Rothosen“ unter die Lupe zu nehmen. Noch fehlen die Nationalspieler, aber die Fans sind schon wieder heiß und wollen ihren HSV hautnah erleben. Das Wetter spielte mit, der gesamte Vorstand war anwesend, dazu auch einige Aufsichtsräte, die Spieler posierten für Fotos, schrieben viele Autogramme – es passte an diesem Sonntag schon alles. So kann, so darf es weitergehen. Medien-Chef Jörn Wolf brachte es auf den Punkt: „Ein toller Tag!“

HSV-Chef Carl-Edgar Jarchow zeigte sich von diesem Tag eins der neuen Saison sehr angetan: „Ich bin begeistert von der Resonanz, damit haben wir gar nicht gerechnet, dass so viele Leute kommen. Das zeigt aber, wie sehr der HSV den Leuten am Herzen liegt, zumal wir den Fans ja noch gar nicht so viele neue Spieler präsentieren konnten. Dieser Auftakt zeigt aber eine positive Grundstimmung in der Anhängerschaft, die Fans geben uns die Chance, bei Null anzufangen.“

Am Morgen hatte es ein gemeinsames Frühstück mit Mannschaft, Vorstand und Aufsichtsrat gegeben. Dabei gab es nicht nur die obligatorische Begrüßung, sondern auch wohl dosierte Worte in Richtung neuer Saison. In den Arena-Katakomben folgten danach erste Leistungstests, nicht dabei waren Jeffrey Bruma, Dennis Aogo und Jonathan Pitroipa, die erst am 30. Juni zur Mannschaft stoßen werden. Ebenso fehlten Michael Mancienne und Guy Demel, die am 6. Juli zum Team kommen werden, wobei es da bei Demel noch ein Fragezeichen gibt, ob er überhaupt noch kommen wird. Gefehlt hat auch noch Marcell Jansen, der erst am Montag von seinem Fitness-Training aus Amerika wieder nach Hamburg zurückkehren wird. Am Dienstag geht es dann ja bekanntlich zum Lauf-Trainingslager auf die Insel Sylt.

Zwei Stürmer waren heute zwar in der Arena, aber an Training ist noch nicht zu denken. Mladen Petric läuft aber bereits wieder, doch Marcus Berg, der eine Hüft-Operation hinter sich hat, fliegt am Montag wieder nach Schweden, wo er sich von der medizinischen Abteilung der Nationalmannschaft weiter behandeln lassen wird.

Carl-Edgar Jarchow sagte zur derzeitigen Situation: „Wir haben viele Spieler abgegeben, das ist für die jungen Spieler eine Chance, sich nun durchzusetzen. Es ist für sie wichtig, jetzt die richtige Einstellung zu finden. Und ich hoffe, dass sich die Truppe nun als Mannschaft findet, dass sie als Mannschaft auftritt und sich als Mannschaft entwickelt – das steht im Vordergrund.“

Bei seiner Ansprache am frühen Morgen hatte Jarchow den Spielern gesagt, dass der Vorstand geschlossen hinter Trainer Michael Oenning steht: „Und das werden wir auch dann unter Beweis stellen, wenn es mal sportlich nicht nach Wunsch laufen sollte.“ Jarchow schnitt vor dem Team auch ein weiteres wichtiges Thema an: „Ich habe gefordert, dass die Einzeltouren, die wir hier in den letzten Jahren hatten, aufhören müssen.“

Im ersten Trainingsspielchen der Saison gab es die Partie „Jung“ gegen „Alt“, das erste Tor schoss dabei ausgerechnet Torwart (und Heimkehrer) Wolfgang Hesl, der für „Alt“ spielte. 1:1 Heung Min Son, 2:1 Gökhan Töre, 2:2 Tolgay Arslan (für „Alt“), 3:2 Töre, 4:2 Daniel Nagy von der Regionalliga-Mannschaft. Erfreulich: Romeo Castelen spielte bei „Alt“ wie ein „Junger“ mit. Und: Einen sehr guten Eindruck hinterließ Neuzugang Töre, der nicht nur wegen seiner beiden Tore beeindruckte, sondern auch deshalb gefiel, weil er sich sehr dynamisch, trickreich und einsatzfreudig gab. Leider musste Töre das Training zehn Minuten früher abbrechen – muskuläre Probleme?

„Die Stimmung in der Kabine ist sehr gut, es gibt viele neue Gesichter bei uns, viele junge Spieler, jetzt müssen wir uns an die neuen Namen gewöhnen und sie uns einprägen. Und wir wollen an einem Strang ziehen, positiv angreifen, wir wollen die vergangene Saison hinter uns lassen“, sagte Kapitän Heiko Westermann zum Auftakt. Ob er die Spielführerbinde weiterhin tragen wird, ist noch offen, aber Westermann sagt zu diesem Thema: „Es interessiert mich herzlich wenig, ob ich die Binde auch weiterhin tragen werde. Unabhängig von der Binde werde ich alles für die Mannschaft geben, um ihr zu helfen, ich sehe mich als Führungsspieler und will vorneweg marschieren.“ Westermann weiter: „Wir sind ziemlich neu zusammengewürfelt, da gilt es jetzt, die richtige Mischung zu finden – in sechs, sieben Wochen werde ich mich dann auch fragen lassen, wie die Saisonziele aussehen können.“

Zum Thema Umbruch befand der Kapitän noch: „Ich bin sicher, dass unsere Fans das positiv begleiten werden, denn sie alle wussten ja, dass bei uns etwas passieren musste.“

So ist es. Das weiß natürlich auch Michael Oenning, der aber nicht damit rechnet, dass kurzfristig noch der eine oder andere Spieler verpflichtet wird. Fest steht, dass der HSV noch etwas tun wird, aber bis zum Trainingslager aus Sylt wird das noch nicht der Fall sein. Vielleicht klappt es ja dann im Zillertal . . . Oenning: „Mit den bisherigen Zu- und Abgängen bin ich zufrieden, wir haben angefangen, die Dinge so umzusetzen, wie wir sie besprochen haben. Wir wollten uns verändern, uns neu aufstellen, und in dieser Hinsicht sind wir schon einen großen Schritt weiter. Wir gehen in Vorlage mit der Verjüngung des Teams, und die Fans werden das positiv begleiten.“

So, dann haben wir zum Auftakt auch noch ein Interview geführt, und zwar mit „Altmeister“ David Jarolim. Es geht los:

Matz ab: Hey Jaro, es geht wieder los. Konntest Du überhaupt entspannen?

David Jarolim: So gut wie noch nie. Ich war mit der Familie in Kroatien, habe wirklich mal zehn Tage lang entspannt und nichts gemacht.

MA: Nichts machen und Du – da stimmt doch was nicht…

Jarolim: Na ja, ein wenig Laufen und mein Programm habe ich natürlich durchgezogen. Aber 98 Prozent des Tages war Ruhe und Familie angesagt.

MA: Und jetzt geht es wieder los…

Jarolim: Ja, und ganz ehrlich: ich bin heiß. Die Pause war lang genug und wir
haben diesmal auch eine Menge Arbeit vor uns.

MA: Was weißt Du über die Neuen?

Jarolim: Ehrlich gesagt nicht viel. Ich weiß natürlich wer gegangen und wer neu dazu gekommen ist. Ich glaube auch, dass Frank Arnesen einen Plan hat, eine Strategie, die er verfolgt. Ich mache mir da keine Sorgen, im Gegenteil: wer bei Chelsea einen Vertrag bekommt, der muss Qualität haben. Und wenn mich nicht alles täuscht, soll ja auch noch was passieren.

MA: Welches Ziel hältst Du für realistisch?

Jarolim: Um darüber zu sprechen ist es noch viel zu früh. Klar ist aber, dass wir gute, junge Leute dazubekommen und viel Qualität in dem Kader haben, der letztes Jahr schon hier war. Wir müssen keine Angst haben, auch wenn das Auftaktprogramm ein echter Hammer ist. Gerade die Auswärtsspiele in Dortmund, München und Bremen sind gleich zu Saisonbeginn echte Gradmesser.

MA: Ist das Auftaktprogramm gut für Euch? Oder hättest Du lieber mit vermeintlich schwächeren Teams begonnen?

Jarolim: Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung, die wir in der langen Vorbereitung jeden Tag vor Augen haben werden. Die Schwere dürfte für jeden von uns Antrieb genug sein, noch mehr zu tun als bisher. Ich freue mich auf jeden Fall darauf.

MA: Du als dienstältester HSVer wirst eine zentrale Rolle auf und neben dem Platz übernehmen müssen.

Jarolim: Ja, aber das ist nicht neu. Das bin ich gewohnt. Ich muss auf mich achten, mich ständig selbst hinterfragen, um den Jüngeren ein gutes Beispiel sein zu können. Das ist eine Win-Win-Situation: um meiner Pflicht als Erfahrener nachzukommen, muss ich besser sein als andere – und das allein ist eine riesengroße Motivation für mich.

MA: Zuletzt wurde darüber spekuliert, wer Kapitän wird, oder ob Westermann es bleibt. Wäre das noch mal was für Dich?

Jarolim: Oha, was für eine Frage! Ich habe mich gerade damit abfinden müssen, nach zwei Jahren als Kapitän abgesetzt worden zu sein. Dazu musste ich mir in der Vorbereitung sagen lassen, dass der Trainer (Armin Veh, d. Red.) mich abgeben wolle. Das war ziemlich hart. Zumal ich schon so lange beim HSV bin. Aber, um die Frage zu beantworten: ich habe mich damit überhaupt nicht beschäftigt und glaube auch, dass Heiko einen sehr guten Job gemacht hat.

MA: Worauf wird es dieses Jahr besonders ankommen? Zuletzt war immer die Rede von Teambuildung und der Hoffnung, eine homogenere Mannschaft aufbieten zu können.

Jarolim: Wir müssen dieses Jahr geschlossener auftreten, das ist klar. Aber die letzte Saison hat gezeigt, dass die Mannschaften, die am meisten Kraft haben und die meisten Wege gehen können, am Ende oben standen, wie Hannover, Mainz und auch Dortmund. Ich bin mir sicher, dass wir eine harte, aber zielführende Vorbereitung vor uns haben. Sie wird wehtun, aber sie wird uns helfen, noch fitter in die neue Saison zu gehen als sonst. Wir müssen eine Menge Kraft tanken. Wenn uns das gelingt, dazu jeder eine erhöhte Bereitschaft hat und wir uns als Team verstehen, dann ist wirklich alles möglich.

MA: Dein Vertrag läuft 2012 aus. Normalerweise werden Spieler wie Du verkauft oder deren Verträge vorzeitig verlängert. Gab es diesbezüglich schon Gespräche?

Jarolim: Nein. Warum auch? Frank Arnesen kennt mich nicht und will sich erst mal ein Bild von mir machen. Das ist legitim und beunruhigt mich auch nicht. Ich kenne es ja gerade aus dem letzten Jahr noch zu gut, mich beweisen zu müssen. Aber das ist auch jetzt nicht das Thema. Wir fangen nach zwei Jahren ohne internationalen Wettbewerb gerade bei null an und haben wichtigere Dinge zu tun als über meinen Vertrag zu sprechen.

Zwei Dinge noch schnell am Rande: Heute wird Kondition im Volkspark trainiert, und das nicht von allen HSV-Spielern. Ein komplettes Training wird also nicht stattfinden. Und: Am Sonnabend war ich in der Arena (mit Frau M.), als dort Scooter aufzog. Die Atzen, die Vorgruppe, hatten versprochen, dass es „hier heute den Total-Abriss geben wird“, aber die Arena steht noch. Sie wackelte aber bedenklich. Es war, genau genommen, die Hölle los im Volkspark, so habe ich das Stadion noch nie erlebt. Die beiden HSV-Fans und Dauerkartenbesitzer „Thommy“ und Beule“ sagten abschließend das, was auch ich dachte: „Eine solche Super-Stimmung wünschten wir uns mal, wenn der HSV hier einen Titel gewinnt . . .“

Packen wir es an! Alle.

19.09 Uhr