Tagesarchiv für den 24. Juni 2011

Oenning: Kein Wort über Guy – und kaum Stürmer da

24. Juni 2011

Michael Oenning ist entspannt. Zum einen, weil er seinen (kurzen) Urlaub genießen konnte, zum anderen, weil „die Kaderplanung im Fluss ist“, wie der HSV-Coach versichert. „Wir fangen jetzt am Sonntag mal an und harren der Dinge, die da noch kommen.“ Beruhigend hierbei ist für mich erst einmal: es kommen noch Dinge. „Frank Arnesen weiß, was er macht“, lobt Oenning und beruhigt mich, „und bislang ist der Transfermarkt noch gar nicht richtig in Bewegung gekommen.“

Es wird also noch einiges passieren. Am Sonntag ist das zwar nur ein leichtes, nettes und mit Frei-Würstchen garnierter Aufgalopp eines Teils der Mannschaft, „aber ich freue mich, dass es endlich losgeht“, sagt Oenning, der eine Art Mängelverwaltung erwartet. Erst am Montag stoßen Marcell Jansen (landet erst Sonntagabend aus dem USA-Trainingslager) und Jeffrey Bruma (wenn er seinen Vertrag unterschrieben hat) dazu. Am Donnerstag folgt dann noch Eljero Elia, womit Oenning in den ersten Testspielen zumindest eine Alternative mehr für den Sturm hat. Dort fehlen Mladen Petric und Marcus Berg nach ihren Verletzungen noch einige Wochen (Petric 14 Tage, Berg voraussichtlich sechs Wochen) zudem ist Paolo Guerrero beim Südamerika-Cup. „Natürlich wäre es schön, wenn alle drei gesund hier wären, aber sie kommen ja. Und bis dahin haben wir ja auch Alternativen. Und für die ist das ‘ne Chance.“

Allerdings gilt das für nicht allzu viele. Heung Min Son, sowie die Aushilfsstürmer Eljero Elia und Änis Ben-Hatira sollen in den ersten Testspielen die Offensive richten. Und nicht zu vergessen: Tolgay Arslan, der wieder in Hamburg ist, bei dem aber noch nicht endgültig klar ist, ob er noch mal verliehen oder gar verkauft wird.

Wobei die Anzahl der Stürmer ja auch gar nicht so entscheidend sein muss, sollte die von Arnesen unlängst angesprochene Systemumstellung auf 4-3-3 vollzogen werden. Dann würden voraussichtlich Elia und Pitroipa auf den Außenbahnen nur noch einen zentralen Stürmer bedingen. Wie genau das aussieht, werden wir wahrscheinlich beim ersten richtigen Test am 3. Juli in Flensburg gegen Wolfsburg sehen, während am 1. Juli auf Sylt gegen eine Nordfriesland-Auswahl wahrscheinlich noch ziemlich bunt gewürfelt gespielt wird. „Es gibt keinen Anlass zu Sorgen“, sagt Oenning und wirkt motiviert: „Wir haben eine Menge Rückenwind, den wir mitnehmen wollen“,

Kein Wort wollte Oenning indes über Guy Demel verlieren. Mit dem hatte ich gestern gesprochen und für die Print-Ausgabe des HA ein Interview geführt. Hauptthema war natürlich die Ursache für das Zerwürfnis von Guy mit Oenning. Und während Guy bis heute nicht wissen will, weshalb der Trainer ihn aussortiert und damals als „lustlos“ betitelt hatte, sagte Oenning nur: „Das Thema ist für mich schon seit einigen Wochen keins mehr. Wenn Guy sich über die Presse äußern will, soll er das machen. Aber das ist nicht mein Weg.“

Muss es auch nicht. In diesem Fall stehen Aussage gegen Aussage. Während Guy nur mannschaftsdienlich gedacht haben will, als er unmittelbar vor der Abfahrt gegen Leverkusen absagte, hat Oenning Züge bei dem Ivorer ausgemacht, die er als schädlich oder zumindest nicht mehr passend für den HSV ansieht. Logische Konsequenz ist die Trennung. Wobei Guy weiß, dass auch er einen Fehler gemacht hat. Das sagt er auch. Allerdings war ihm am wichtigsten, den Fans mitzuteilen, wie sehr er die Zeit in Hamburg genossen hat. Und ich glaube, das ist ihm gelungen.

Was den Rest betrifft: ich bin mir sicher, dass es nicht allein dieser eine Vorfall war, der zum Zerwürfnis zwischen Trainer und Spieler geführt hat. Guy galt noch bei jedem Trainer als schwierigerer Typ, weil er enorm sensibel ist. Geistig wie körperlich…
Aber auch das sollte jetzt egal sein. Das Thema ist so gut wie durch. Im Guten, wie ich hoffe. Denn auch Guy hat sich in den letzten Jahren mehr als verdient gemacht. Bei allem, was man ihm jetzt vielleicht vorwerfen mag, er war ein Teil des großen Aufschwungs von 2005 bis heute. Und sobald sich ein Verein gefunden hat, der noch rund 1,5 Millionen Euro auf den Tisch legt, kann Guy gehen. Dem Vernehmen nach gibt es im Moment die interessantesten Offerten aus England. Aber fix ist hier noch (lange) nichts.

Gleiches gilt bei Pitroipa. Denn obwohl der Außenspieler von Stade Rennes seit Wochen umworben wird und die Franzosen unlängst angekündigt hatten, ein verbessertes Angebot zu unterbreiten, hat beim HSV noch niemand ein offizielles Angebot erhalten. Im Gegenteil. Bei der Interessenbekundung, die Arnesen bestätigt hatte, sollen bislang Zahlen von 1,5 bis zwei Millionen Euro im Raum gestanden haben. Zahlen, für die der HSV noch nicht einmal das Faxgerät anschalten würde. Im Gegenteil: Oenning plant aktuell mit Pitroipa, sieht den Burkinaben als Alternative für den Sturm, solange die erste Reihe noch fehlt.

In die erste Reihe will auch unbedingt Wolfgang Hesl. Der zuletzt verliehene Torwart soll vom österreichischen SV Ried nach Hamburg zurückkehren. Zumindest dann, wenn er sich dem sportlichen Vergleich mit dem von Trainer und Sportchef öffentlich bereits mehrfach favorisierten Jaroslav Drobny stellen will. „Ich habe mich mit ihm getroffen“, sagt Oenning, „und wir hatten ein längeres, nettes, ehrliches Gespräch.“ Ob Hesl bleibt? „Darüber soll er sich jetzt erst einmal Gedanken machen. Wir haben uns vereinbart, in zwei Tagen noch mal über das Thema zu sprechen und uns bis dahin Gedanken zu machen.“

Wäre ich Hesl, und ich kenne Wolfgang als sehr loyalen, ehrgeizigen Menschen, ich würde alles daran setzen, den HSV zu verlassen und woanders als Nummer eins anzuheuern. So oft wie Arnesen und Oenning zuletzt betont hatten, dass Drobny die Eins wird, hat Hesl nur im Verletzungsfall des Tschechen realistische Chancen. Und darauf wird er nicht spekulieren. Im Gegenteil: ich bin mir relativ sicher, dass Hesl bei Arnesen und Oenning eine Vertragsauflösung oder wenigstens einen Leihtransfer als Lösung vorschlagen wird.

Ansonsten kamen zuletzt mal wieder Gerüchte auf, der HSV sei an dem Talent Shaqiri dran. Das stimmt. Es stimmte zumindest, denn der Schweizer gilt beim HSV noch immer als ein Spieler, der helfen würde. Allerdings ist der 19-Jährige zu teuer. „Er ist für uns wohl kaum zu bezahlen“, sagt Oenning, der in der Schweizer Zeitung „Blick“ noch etwas offensiver zitiert worden war. Oenning dazu: „Eun alter Bekannter hatte mich angerufen und gefragt, was ich von dem Spieler halte. Darüber, dass wir ihn aktuell verpflichten wollen, habe ich nie gesprochen. Im Gegenteil: Shaqiris Position auf der Außenbahn ist nicht unsere Priorität. Wir suchen weiter in der zentrale einen- wie Frank so schön formulierte – Box-to-Box-Spieler.“ Soll heißen: einen zentral offensiven Spieler.

In diesem Sinne, ansonsten war es heute mal wieder ein sehr ruhiger Tag beim HSV (O-Ton Jörn Wolf: „Es ist wirklich gar nichts passiert“). Morgen meldet sich Dieter wieder bei Euch.

Habt ‘nen schönen Freitagabend,

Scholle
19.10 Uhr