Tagesarchiv für den 23. Juni 2011

Frei-Würstchen statt Frei-Bier

23. Juni 2011

Sonntag ist Trainingsstart beim HSV im Volkspark. Heute saßen deshalb schon mal die Trainer beisammen und erstellten das Programm der nächsten Tage und Wochen. Nichts wird dem Zufall überlassen. Ist jedenfalls nicht so, wie bei einem HSV-Trainer, der morgens in die Kabine gehechelt kam und in die Runde der Assistenten fragte: „Welchen Tag haben wir heute?“ Die Antwort kam blitzschnell: „Donnerstag.“ Daraufhin der Coach: „Dann bist du ja dran mit Programm machen . . .“ Und sah dabei einen seiner Assistenten ganz fest in die Augen. Überredet – woll’n mal sagen jetzt.

Da es heute – meines Wissens – keine An- und Verkäufe beim HSV gegeben hat und gibt (liegt wahrscheinlich daran, dass ich an Einfluss beim HSV verloren habe – wie ich in diesen Tagen gelernt habe!), will ich mit der Trainer-Serie fortsetzen. Das heißt, bei David Rozehnal hat sich in Sachen Verkauf an den französischen Doppelmeister Lille etwas getan (zu 99 Prozent perfekt), aber damit will ich nicht mehr langweilen. Aktuell gibt es ansonsten noch einen neuen Sponsor beim HSV: Hareico. Das Würstchen. Davon wirft der neue HSV-Partner am Sonntag 1500 Exemplare auf den Markt, wenn Training ist. Klub-Boss Carl-Edgar Jarchow und Vize Joachim Hilke sollen sich für diese Würstchen am Grill versuchen . . . Dann gibt es am Sonntag ein neues Motto. Fußballer grölen ja gern mal in die feuchtfröhliche Runde. „Wie trinken wir am liebsten? Umsonst!“ Wie essen wir aber am Sonntag am liebsten? Umsonst!
Bei uns da bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Volkspark-Wald . . .

So, nun aber zu Doll. Der ist der nächste in der Reihe der HSV-Trainer. Thomas Doll. Der inzwischen 45-jährige ehemalige Publikumsliebling in Hamburg will ja nicht mehr „Dolly“ genannt oder gerufen werden, und ich halte mich strikt daran. Doll hat in seiner Vergangenheit „aufgeräumt“ und möchte nicht mehr der liebe „Dolly“ von nebenan sein, sondern ein respektierter Trainer. Ich finde das auch sehr gut so.

Um es vorweg zu sagen: Ich halte Thomas Doll für einen guten, sogar sehr guten Trainer. Nun habe ich hier bei „Matz ab“ gelesen, dass alle HSV-Trainer bei mir gut sein sollen – das kann sogar sein. Nur haben die meisten von ihnen es nicht geschafft, aus dem vorhandenen „Material“ eine verschworene Einheit zu formen. Als Doll am 18. Oktober 2004 von Toppmöller übernahm, konnte er mit seiner forschen, netten, menschlichen und auch fachlichen Art gleich einiges bewegen. Doll brachte Leben in die Bude, er weckte die Begeisterung der Spieler, er war mit Leidenschaft bei der Sache – und er ging tatsächlich mit gutem Beispiel voran. Thomas Doll war morgens der erste Mann in der Arena, und abends meistens auch der letzte Mann der Profi-Abteilung, der nach Hause fuhr. Ich will damit sagen, dass er sich wirklich für den Klub eingesetzt hat, dass er kein „Schön-Wetter-Trainer“ war, sondern dass er Einsatz gezeigt hat.

Schon bei den Amateuren (in Ochsenzoll) war mir aufgefallen, wie gut sein Draht zur Truppe war. Wobei er nicht nur lieb und nett war, sondern auch gelegentlich kräftig „dazwischendonnern“ konnte. Wenn Doll laut wurde, dann wackelte die Heide. Aber er konnte das sehr gut dosieren, alles zu seiner Zeit.

Er führte den HSV nach zunächst verkorkstem Saisonstart (unter Toppmöller) noch auf Platz acht: UI-Cup-Teilnahme, UI-Cup-Gewinn und Start im Uefa-Pokal. Und noch besser kam es im nächsten Jahr: Platz drei in der Bundesliga, Start in der Champions League.

Ich kenne Thomas Doll als zugänglichen, liebevollen und stets netten Menschen. Der voller Optimismus an die ihm gestellten Aufgaben heran ging. Eine Momentaufnahme des lieben und herzensguten „Dolly“? Als er eines Tages nach der Arbeit (Training) aus der Kabine der Arena trat, standen dort am Zaun, wo sich sonst stets viele Autogrammjäger herumdrängeln, nur drei kleine Knaben. Die wollten zweifellos ebenfalls Autogramm sammeln. Aber beim Trainer? Da trauten sie sich nicht. Also ging Doll vorbei. Aber fragte so unschuldig in die Runde: „Na?“ Keine Antwort der Knaben. Als der Coach vorbei war, sagte er vor sich hin: „Ich steige nun in mein Auto . . .“ Er kommentierte quasi jeden seiner Schritte. Als er in sein Auto stieg, hieß es: „Jetzt fahre ich gleich nach Hause . . .“ Noch immer keine Reaktion der drei kleinen HSV-Fans. Doll schloss die Tür, ließ aber das Seitenfenster runter: „Jetzt bin ich gleich weg . . .“ Keine Reaktion hinter der Barriere. Dann stieg Thomas Doll wieder aus dem Auto aus, ging auf die Knaben zu und fragte, was sie nicht fragen wollten: „Wollt ihr ein Autogramm?“ Jetzt freuten sich die Jungs, sie strahlten über das ganze Gesicht – und nickten. Doll fragte nach jedem Namen, schrieb Autogramme mit Widmung (fast so lang wie ein Buch), und stieg dann freudig in den Wagen – und weg: Na bitte, es geht doch.

Den „anderen“ Thomas Doll erlebte ich beim Champions-League-Spiel bei ZSKA Moskau. Der HSV war nicht schlechter als die Russen, aber er verlor 0:1. Auch deshalb, weil sich niemand in der Truppe so richtig aufraffen konnte, Einsatz und etwas mehr Leben zu zeigen. Zur Erinnerung: Damals begann folgende HSV-Mannschaft: Wächter, Mahdavikia, Reinhardt, Kompany, Mathijsen, de Jong, Jarolim, Wicky, Sorin, Ljuboja, Sanogo. Doll war nach dieser überflüssigen Niederlage völlig am Boden, einige im Umfeld des HSV-Teams machten sich im Laufe der Nacht schon Sorgen, dass etwas Unvorhergesehenes mit dem Trainer passieren könnte . . . Egal was. So aber, so wie an diesem 26. September 2006, so habe ich Thomas Doll nie wieder erlebt. Er war down, er hing einfach nur total durch, weil er absolut (und völlig zu recht) von seiner Truppe enttäuscht war. Der sonst so eloquente Herr Doll, in dieser Nacht sagte er gar nichts mehr, da war er nur noch stumm wie ein Fisch . . .

Es gab in jener Saison, seine letzte beim HSV, einfach zu viele Verletzte im HSV-Kader. Zudem war die Truppe schon zu jenem Zeitpunkt keine Einheit mehr, sie begann zu bröckeln, jeder kochte sein eigenes Süppchen – und keiner hatte mehr so richtig Lust, dem Trainer zu folgen. Der Absturz kam unweigerlich, der HSV hielt bis zuletzt zu Thomas Doll – bis es nicht mehr ging. Ich gebe zu, an jenem 2. Februar 2007, als Huub Stevens den HSV als Tabellenletzter übernahm, habe ich nicht mehr an den Klassenerhalt geglaubt. Dass letztlich noch Platz sieben erreicht wurde, das war ein Verdienst der Herren Stevens und Rost. Dazu an anderer Stelle mehr.

Nur noch einen kurzen Satz zu Thomas Doll. Er war zuletzt in der Türkei tätig, hat bei Genclerbirligi einen wirklich guten Job gemacht (der Klub war immer ein Abstiegskandidat) und ist nun zurzeit arbeitslos. Vor Wochen war er bei Eintracht Frankfurt im Gespräch, schade, dass das nicht geklappt hat – ich häte es ihm gegönnt. Auch dshalb, weil er ein sehr guter Trainer ist. Und weil er sich geändert hat. Kein “Bruder Leichtfuß” mehr, sondern ein ernsthafter Trainer. Deswegen hoffe ich für ihn, dass er schon bald einen neuen Klub bekommt. Damit er es allen zeigen kann. Der Thomas Doll.

So, und zum Abschluss des heutigen Tages nun noch ein Beitrag von Euch. Folgende Zeilen haben mich erreicht, die ich Euch nicht vorenthalten möchte.

„Hallo Dieter,
falls noch ein Sommermärchen gebraucht wird, hier ist eines:

Wie ich zum HSV kam? Ich bin in Hamburg-Altona geboren und aufgewachsen. In der Grundschule hatte ich einen Klassenkameraden, Helmut B., mit dem ich häufig auf dem Schulhof Fußball gespielt habe. Sein großer Bruder war auch dabei, und das Spiel ging so: Zwei Tore standen auf gleicher Linie nebeneinander, die Torpfosten bestanden aus Jacken, Schultaschen o. ä. Der mittlere Torpfosten war zugleich der rechte bzw. linke Pfosten der beiden Tore. Helmut und ich hüteten jeweils ein Tor und Helmuts großer Bruder schoss abwechselnd auf die beiden Tore. Es ging dabei auch um Sieg oder Niederlage.

Helmut „war“ dabei Altona 93, das wäre ich auch gerne gewesen . . . Ich fragte ihn dann: „Und welcher Klub bin ich?“ Helmuts großer Bruder darauf: „Du bist HSV.“ Da war ich vielleicht sieben oder acht Jahre alt, und so wurde mein Fan-Dasein früh festgelegt.
Und im Laufe der Jahre festigte sich die Bindung zum HSV mehr und mehr.

Da das Geld zu Hause knapp war, bin ich auch schon mal von Altona (ich wohnte gleich am Bahnhof) zu Fuß zum Rothenbaum gelaufen, um ein Heimspiel des HSV zu sehen. Und das ging auch schon mal ohne eine Eintrittskarte. Leider war das Spiel ausverkauft, ich glaube es ging gegen Werder, aber ich wusste mir zu helfen. Ich bin in eines der Miethäuser an der Rothenbaumchaussee gegangen und habe im obersten, im vierten Geschoss geklingelt und gefragt, ob ich auf dem Balkon das Spiel sehen dürfe. Ich durfte, der Balkon war zwar schon gut besetzt, aber ich kleiner Purks passte noch mit drauf.

Ich gehörte auch zu denen, die mal in der Rothenbaum-Arena über die Köpfe der Besucher hin weg nach unten befördert wurde, damit ich gut sehen konnte.

Als ich in das Teenager-Alter kam, hatte ich das Glück, auf dem Allee-Sportplatz in Altona mit Gert Dörfel zu kicken (wir sind etwa ein Jahrgang), später kam auch sein Bruder Bernd dazu. Und noch später konnte ich Charly dann am Rothenbaum bewundern.
Ich erinnere mich auch an Heinz Spundflasche und seinen Tabakladen in der Bahrenfelder Straße.

Wenn man so früh auf einen Verein geprägt wird, legt man das später nicht wieder ab (das will ich auch gar nicht). Zum Glück ist meine Frau, die beste aller Ehefrauen, ebenfalls an Fußball interessiert – und natürlich Fan des HSV. Wir haben seit vielen Jahren Dauerkarten. Und bei unseren beiden Jungs ist diese HSV-Saat ebenfalls früh gelegt worden.

Ich nutze den Matz-ab-Blog von Anfang an, habe auch hin und wieder Stellung genommen. Ich freue mich, dass es diese Möglichkeit des Fan-Austausches gibt.

Danke, Dieter, für die Mühe und Geduld,
Theophil.“

18.07 Uhr