Tagesarchiv für den 22. Juni 2011

Arnesen: “Uns fehlt noch ein Kreativer”

22. Juni 2011

Dunkle Anzughose, hellblaues Hemd und ein fröhliches Lächeln auf dem Gesicht – Frank Arnesen sah heute mal wieder genau so aus, wie wirklich immer, wenn wir ihn zu Gesicht bekommen. Das Einzige, was fehlte, war sein Jackett mit den Flicken an den Ärmeln, wie mein Kollege Matthias Linnenbrügger (Linne, entschuldige!) völlig berechtigt anmerkte. Neu waren allerdings einige Dinge, die er uns heute offenbarte.

Zuerst ging es natürlich darum, inwieweit der HSV-Sportchef mit dem bisherigen Verlauf der Transfers zufrieden ist. Und er antwortete, er sei grundsätzlich zufrieden, da er bei seiner Vertragsunterschrift in Hamburg im Klaren darüber gewesen sei, dass viele Spieler gehen würden, demnach auch viele Neue geholt werden müssten und er damit vor einem Mammutwerk stünde. „Bislang sind acht Spieler gegangen und vier Neue geholt. Also: Wir wollen auf jeden Fall noch etwas machen.“

Muss der HSV auch. Das sieht auch Arnesen so. „Bislang haben wir junge Leute geholt. Drei davon sind gerade mal 19 Jahre alt. Sala und Töre brauchen sicherlich noch ein Jahr, um sich optimal zu entwickeln. Das müssen wir ihnen geben, mit ihnen Geduld haben. Insgesamt wird unser Kader deutlich jünger. Und ich denke, dass das gut so ist.“ Ob es auch schon gut genug ist, um Ziele zu formulieren? „Wir nehmen ein hohes Risiko – aber ich habe Vertrauen“, so Arnesen, der insbesondere auf Michael Oenning als Cheftrainer setzt: „Er hat in den letzten zehn Jahren bewiesen, dass er mit jungen Spielern arbeiten kann.“

Arnesen hat einen Plan. Das merkt man. Gestern hat er intensiv mit Eljero Elias Berater gesprochen und deutlich gemacht, dass der HSV den Niederländer nicht abgeben will und wird. „Ich hatte auch vor der Sommerpause mit Eljero selbst telefoniert und er hat mir gesagt, dass er zu 100 Prozent zum HSV steht. Er weiß, dass wir ihn nicht abgeben wollen.“

Und da auch Romeo Castelen vom Mannschaftsarzt als 100-prozentig fit erklärt wurde und einen neuen, leistungsbezogenen Einjahresvertrag bekommt, sieht sich Arnesen gewappnet. „Wir sind defensiv und auf den Außenbahnen gut aufgestellt. Wir suchen jetzt in erster Linie noch einen Kreativen, haben da einige Kandidaten.“ Sogar einen, der in die ganz enge Auswahl kommt. „Aber bevor ich hier einen Namen nenne, muss ich erst mit dem abgebenden Verein sprechen.“ Klar sei, dass der HSV künftig offensiver spielen, attraktiver spielen will. „Unser System wäre bei der Besetzung fast logisch ein 4-3-3-System“, so Arnesen, der dieses auch in der Jugend spielen lassen will. „Ich habe mit Paul Meier gesprochen und wir sind uns einig, ein 4-3-3-System mit einem Zehner spielen lassen zu wollen.“ Denn, und das ist Arnesens Hintergedanke, „jeder Flankenspieler kann auch im Mittelfeld spielen – aber nicht jeder Mittelfeldspieler kann auch die Außenbahn spielen“.

Und wo wir gerade bei der Jugend sind, hier gibt’s doch noch eine kleine Überraschung. Zuletzt galt der noch von Urs Siegenthaler inthronisierte Schweizer Paul Meier als Jugendchef als gescheitert. Jetzt aber die Wende: „Ich habe lange mit Paul gesprochen und gesehen, dass er einen sehr guten Plan hat“, sagt Arnesen, „wir werden uns das jetzt in den nächsten Monaten ansehen und dann noch mal unterhalten.“ Dafür soll Meier jetzt im Gegensatz zur bisherigen Zeit beim HSV auch sonnabends in Hamburg weilen, dafür sonn- und montags seine Familie in der Heimat besuchen können. „Das ist auch noch nicht ganz optimal, aber okay“, so Arnesen.

Was aus Bastian Reinhardt wird, der ja eigentlich gerade erst zum Jugendchef berufen wurde? Arnesen diplomatisch: „Basti wird sich um die technischen Dinge kümmern und die Schnittstelle zwischen U19 und U23 bilden.“ Denn Letztgenannte werden jetzt definitiv ab dem 1. August neben den Profis an der Imtech-Arena trainieren. „Basti kümmert sich um Verträge und die Koordination, Paul Meier ist für die sportliche Ausbildung von Spielern und Trainern verantwortlich“, erklärt Arnesen.

Nun denn, zurück zum Profibereich. Hier gibt es noch viele Baustellen. Eine davon wird oder wurde vielleicht sogar schon abgearbeitet: David Rozehnal wechselt zum OSC Lille und unterschreibt bei den Franzosen einen vertrag bis 2014. Glückwunsch dafür an David! Auch an den HSV? „Ja“, sagt Arnesen, „wir kriegen zwar nicht viel, aber es ist okay. Und wir brauchen jeden Cent. Deshalb sind wir zufrieden.“

Und auch bei Alex Silva hofft Arnesen auf baldigen Geldsegen. „Ich habe mich am Dienstag mit seinem Berater getroffen und es gibt drei Interessenten in Brasilien“, erklärt Arnesen, „und er will gern in Brasilien bleiben.“ Zwar liegt Silvas aktueller Klub Sao Paulo im Clinch mit dem Innenverteidiger und hat von einem Kauf inzwischen Abstand genommen, dennoch ist ein Verkauf des Defensivmannes nach Brasilien nicht unwahrscheinlich. Im Gegenteil: „Priorität hat weiterhin ein Verkauf“, so Arnesen, der damit allerdings auch einen weiteren Verleih nicht ausschließt. Geklärt sein muss das allerdings bis zum 15. Juli (obwohl Silva bis zum 31. Juli einen Vertrag bei Sao Paulo hat), weil dann in Brasilien die Transferperiode endet.

Eine weitere Baustelle ist Guy Demel, für den es jetzt drei Angebote aus England geben soll. „Ich habe mich lange mit Guys Berater unterhalten und er hat mir von den Interessenten berichtet“, sagt Arnesen, „es ist nicht ausgeschlossen, dass er noch vor dem Trainingsstart einen neuen Klub findet.“ Für die entsprechende Ablösesumme wohlgemerkt.

Sollte die stimmen, dürfte auch der Transfer von Jonathan Pitroipa schnell über die Bühne gehen. Arnesen bestätigte die Anfrage von Stade Rennes, „aber ein offizielles Angebot liegt uns bis heute nicht vor“. Und da der HSV den pfeilschnellen Außenstürmer nicht unbedingt abgeben will, ist auch dessen Verbleib nicht mehr gänzlich ausgeschlossen. „Kommt nichts, ist das auch nicht schlimm“, sagt Arnesen, wohlwissend, dass die Millionen bei der Suche nach einem Kreativspieler helfen würden.

Auch deshalb gilt für den HSV: abwarten. „Noch hat sich wenig bewegt auf dem Transfermarkt“, sagt Arnesen, der auch den Kauf eines arrivierten Spielers ins Auge gefasst hat – dafür aber wie erwähnt erst noch Geld durch Verkäufe einholen will/muss. „und dann müssen wir im richtigen Moment am richtigen Fleck sein.“

Und dann gab Arnesen – fast nebenbei – das Saisonmotto aus: „Die älteren, erfahrenen Spieler wie Drobny, Jarolim, Aogo, heiko Westermann und Mladen Petric sind unsere Achse. Sie müssen stehen, während die jungen Spieler immer wieder lernen dürfen müssen und Fehler machen dürfen.“

Selbst der harte Saisonstart stört Arnesen nicht. Im Gegenteil, er macht auf Optimismus. „Das erste Spiel zu haben, wo nur wir und keiner sonst spielen, ist fantastisch. Vor 80000 in Dortmund, dazu 8000 eigene Fans im Stadion – besser geht’s kaum.“ Dass ein solcher Start auch Druck ausübt, ist für den Alt-Internationalen kein besonderes Thema. „Wir haben immer Druck, ganz klar. Aber wir dürfen nicht darüber sprechen, sondern müssen mit ihm umgehen. Und das bedeutet, Druck in Energie umzusetzen.“

Klingt gut. Wie so ziemlich alles, was Arnesen bislang von sich gibt.

In diesem Sinne, bis Freitag. Morgen ist Dieter für Euch da.

Scholle
17 Uhr

P.S.: Der Vollständigkeit halber: Mickael Tavares darf ablösefrei wechseln. „Es gibt Interessenten“, so Arnesen, der hofft, den Transfer schon in den nächsten Tagen abwickeln zu können.

P.P.S.: Der Termin für den Saisonauftakt steht. Am Sonntag um 14 Uhr (an oder in der Imtech-Arena) wird Oenning die erste Einheit der neuen Saison leiten.