Tagesarchiv für den 18. Juni 2011

Pagelsdorf: guter Blick, klasse Händchen

18. Juni 2011

Wenn der „kleine Dribbelkünstler“ in der kommenden Saison auf „Lang-Hafer-Joris“ trifft, wenn dazu Ruud „van the man“ den Prominentenanstoß ausführen wird – dann wäre ich gerne im Stadion. Es kommt mir zwar alles sehr spanisch vor, aber diese Konstellation zeigt mir vor allem eines: Es kommt doch noch Bewegung in die Geschichte. Ich freue mich, dass der Neuanfang des HSV mit dem Verkauf von Mathijsen immer konkreter wird, ich freue mich auch für Mathijsen, denn nun wird er es nicht mehr nötig haben, die Bälle zwecks eines geeigneten Spielaufbaus 80 Meter nach vorne und damit ins Nirwana zu kloppen. Ab sofort übernehmen die Malaga-Profis schon in der eigenen Hälfte die Bälle von Mathijsen, der von den besseren Mitspielern in Spanien sicher nur profitieren kann. Und wenn ich so an seinen 30-jährigen Nebenmann Martin Demichelis denke – das wird eine Top-Abwehr, mit der spielt man (in Malaga) sicher um die Meisterschaft mit.

Aber gut, es ist so wie es ist. Und der HSV hat es ja auch genau so gewollt, als man Joris Mathijsen zu verstehen gab, dass er sich einen neuen Arbeitgeber suchen dürfe. Um es noch einmal klar zu sagen: Ich habe das absolut befürwortet. Jetzt dürfen sich eben die jungen Hüpfer – geführt von Heiko Westermann – versuchen. Und auch darauf haben wir ja irgendwie gehofft.

Um noch einmal auf Malaga zu kommen: Ich weine ja dem anderen „Hamburger“ die eine oder andere Träne hinterher: Ruud van Nistelrooy. Mit ihm werde ich noch lange nicht fertig sein, denn es war schon ein herausragendes Erlebnis, mit ihm zu tun zu haben. Fußballerisch war das zuletzt zwar nichts mehr, aber der Mensch van Nistelrooy – erste Sahne. Es gibt im Fußball-Geschäft nur wenige Menschen, denen ich an den Lippen hänge – weil sie nicht nur etwas zu sagen haben, sondern weil sie nur Super-Sachen zum Besten geben. An erster Stelle möchte ich für mich Günter Netzer nennen, dann kommt eine gewisse Zeit nichts, dann folgen in meiner persönlichen Hitliste Uli Hoeneß und, Ihr werdet vielleicht überrascht sein, aber es ist so: Thomas von Heesen. Was er mir über Fußball erzählt hat und immer noch erzählen kann, das ist großartig. Das aber nur mal am Rande.

Auf Platz vier folgt van Nistelrooy. Tolle Ansichten, keine Hirngespinste, kein Überflieger, nicht den kleinsten Hauch von Arroganz, sondern eher bescheiden und zurückhaltend – das hat einfach nur Spaß gemacht, diese Zusammenarbeit. Und für mich auf meine alten Tage noch einmal ein echte Highlight. Danke Ruud! Und viel Erfolg in Malaga, obwohl ich da so meine Zweifel habe.

Übrigens habe ich in den letzten Monaten zwei ausführliche Mails unterschlagen, die ich aus den Niederlanden erhalten hatte. Es schrieb mir ein Freund der Familie van Nistelrooy, der mich so darüber aufklärte, wie das mit Ruud, Real Madrid und dem HSV wirklich gelaufen ist. Ich habe davon extra null Gebrauch gemacht, weil dann hier im Blog so der Teufel los gewesen wäre, wie in der nun ablaufenden Woche. Nur so viel möchte ich verraten: Als Ruud van Nistelrooy zum HSV wechselte, soll er sich –mündlich – das Versprechen geben lassen haben, dass falls Manchester United oder Real kommen und ihn haben möchten, dass er dann (natürlich gegen eine entsprechende Ablöse) gehen könne. Dieser Absprache konnte man beim HSV damals beruhigt zustimmen, denn wer kauft noch einen „älteren Herren“, der zudem oft verletzt ist? Als dann Real tatsächlich kam, konnte oder wollte man sich beim HSV nicht mehr an die mündliche Vereinbarung erinnern.
Wobei ich bewusst keine Namen nennen möchte . . . Wegen des Teufels . . . Es ist ja auch Schnee von gestern. Mathijsen und van Nistelrooy genießen nun die spanische Sonne, und allein deshalb beneide ich sie.

Und noch ein Name eines Ex-HSVers ist mir in dieser Woche auf komische Art und Weise untergekommen: Jörg Butt. Der heutige Bayern-Torwart ist in England, so wurde es nun von einer Zeitung veröffentlicht, eine „unerwünschte Person“. Ich weiß allerdings nicht, warum? Ich kann mir da auch keinen Reim drauf machen. Für mich ist Jörg Butt einer der nettesten und liebenswürdigsten Profis überhaupt. Ich habe in den fast 32 Jahren HSV-Reporter viele, viele Spieler kommen und gehen sehen, Butt ist unter jenen Profis, die von mir am meisten geschätzt werden, ganz sicher unter den ersten fünf. Wenn nicht unter den ersten drei. Und das ist (auch) keine Provokation – von wegen: „Lass den Torwart gleich zu Hause . . .“

Um es noch einmal zu sagen: Als Butt damals den HSV verließ, ging er total sauer. Er war als kleiner, unbekannter Torwart vom VfB Oldenburg gekommen, war eigentlich nur die Nummer drei des HSV, wurde dann aber die Nummer eins. Und das hätte er gerne seinen Vertrag etwas aufgestockt gehabt – verständlich. Und als diese Zahlen dann plötzlich in einer Hamburger Zeitung „angeprangert“ standen, da hatte er die Nase voll vom HSV – und ging. Und? Wer hätte das denn nicht gemacht.

Aber das ist natürlich auch noch der viel, viel ältere Schnee . . .

So wie die Trainer-Serie, die ich vor ein paar Tagen begonnen habe, die ich nun aber nicht so akribisch fortsetzen möchte. Denjenigen Usern, die mich ob der schonungslosen Offenheit bepöbelt haben (was ich mittlerweile – ganz ehrlich – mit ganz großer Gelassenheit ertrage!), denen möchte ich sagen: Stimmt alles nicht, was ich geschrieben habe, war alles gelogen. Ich habe deshalb nicht nur – völlig berechtigt – Eure Schmähungen erhalten und gelesen, ich habe auch 18 Gegendarstellungen erhalten. Damit beschäftigt sich nun mein Anwalt. Eines noch: Wer meine sofortige Entlassung fordert, der sollte nicht mir schreiben (das liegt eigentlich auf der Hand!), denn ich kann mich nicht selbst entlassen, der sollte dann doch besser an den Springer Verlag oder an das Hamburger Abendblatt schreiben.
Danke.

Kurz noch zur Trainer-Serie: 1997/98 übernahm Frank Pagelsdorf vom Duo Magath/Schehr. Und der damalige Präsident Uwe Seeler gab „Pagel“ die Aufgabe, eine total neue Mannschaft aufzubauen. Es rollten die Köpfe. Doch so richtig gut ab ging es erst in der Saison 1999/00, als neben anderen Mehdi Mahdavikia, Niko Kovac und Roy Präger kamen, und Rodolfo Cardoso aus Argentinien zurückkehrte. Das war die Champions League. Und das nicht nur, weil die Mannschaft überragende Namen an Bord hatte, sondern weil die Mannschaft eine Mannschaft war.

Das hatte Pagelsdorf sehr gut hinbekommen, er hatte einen guten Blick und ein meistens erstklassiges Händchen für neue Spieler (für damals noch relativ wenig Geld). Wenn ich es bei Egon Coordes lobend erwähnt habe, so muss ich das auch bei Pagelsdorf tun. Sein Training war – vor allen Dingen in den ersten Jahren – sehr gut. Auch bei ihm fanden sich viele Hamburger Amateurtrainer in Ochsenzoll ein, um sich etwas abzuschauen. Das ist für mich immer auch ein Zeichen, dass sicher in der Stadt herumgesprochen hat, dass beim HSV „vernünftig“ trainiert wird.

Mein Verhältnis zu Frank Pagelsdorf war professionell-gut, so war es, wenn ich mir das erlauben darf zu sagen, wohl mit den meisten Kollegen von mir. Für mich ist „Pagel“ einer der besten HSV-Trainer, die ich mit und bei dem Klub erlebt habe. Dass es hin und wieder auch Ärger gab (auf den ich jetzt aber nicht mehr näher eingehen werde), das liegt in der Natur der Sache. Aber auch längst der Schnee von gestern – oder vorgestern.

Am 15. September 2001 musste Frank Pagelsdorf den HSV verlassen, nach einem 3:3 daheim gegen Mönchengladbach zog die Führung die Reißleine. In sechs Bundesliga-Spielen hatte es nur einen Sieg gegeben (2:0 gegen Stuttgart), das genügte den Hamburger Ansprüchen (natürlich, bin ich versucht zu schreiben) nicht. Für ihn übernahm Holger Hieronymus, der dann erst einmal Co-Trainer Armin Reutershahn (Freundschaftsspiel gegen Braunschweig, 1:4) und drei Tage später (5. Oktober 2001) Kurt Jara Platz machte. Mit dem Österreicher gab es dann im Freundschaftsspiel gegen Eintracht Frankfurt einen 3:0-Sieg.

So, das war die Sache mit dem Trainer für heute. Aktuell gibt es vom HSV heute nichts, es ist Wochenende. Vielleicht nur die Tatsache, dass sich die Trennung von Jonathan Pitroipa immer mehr abzeichnet, Stade Rennes will den „schmalen Dribbelkünstler“ wohl unbedingt haben. Ich hätte, offen gesagt, nichts dagegen. Wer sich daran erinnern kann: „Piet“ kam am letzten Tag der Saison (am Tag nach dem Gladbach-Spiel) gleich mit drei großen Tüten beladen aus der Kabine, darin waren offenbar alle seine persönlichen Sachen. Damals habe ich schon gesagt: Das sieht ganz nach einem endgültige Abschluss aus – und so wird es nun kommen.

Aktuell kann ich nu vom Verbandstag des Hamburger Fußball-Verbandes berichten. Weil dort der Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes sprach, Wolfgang Niersbach. Er machte das locker-leicht aus der Hüfte, ohne einen Spickzettel – er weiß immer ganz genau, wovon er spricht. Und alles hat immer Sinn und Verstand. Für mich jedenfalls. Und ich schreibe hier ja auch ein wenig darüber.

Niersbach sprach u. a. über die vielen, vielen Talente in Deutschland, die nicht so einfach vom Himmel fallen. Er sagte: „Früher haben wir Deutsche neidisch zu den Fußballschulen nach Frankreich geblickt, und sprachen auch voller Neid und Anerkennung von der Talentschmiede, die Ajax Amsterdsam weltberühmt gemacht hat. Das hat sich lange verändert. Heute müssen wir nicht nach Frankreich oder Amsterdam fahren, heute kommen sie uns an den Grenzen entgegen, weil sie zu uns kommen um zu fragen, wie wir das machen.“

So ändern sich die Zeiten. Niersbach nicht ohne Stolz: „Was wir hier aufgebaut haben, das kann sich nicht nur sehenlassen, das ist vorbildlich. 130 Stützpunkte haben wir im ganzen Land verteilt, darunter sechs in Hamburg. Dort werden die Zehn- bis 14-Jährigen zusätzlich zu ihrem Vereinstraining geschult, und zwar von qualifizierten Trainern. Das ist wirklich eine wunderbare Geschichte. Und die besten Spieler kommen dann nicht nur in unsere Auswahlmannschaften, die mit der U 15 beginnt, sie gehen auch in die Leistungszentren der Lizenzvereine, wo sie optimal betreut werden. Und sie kommen in die Eliteschulen. Hier in Hamburg gibt es das Gymnasium Heidberg, dort hat zum Beispiel Nationalspielerin Kim Kulig vom HSV ihr Abitur gebaut, und auch Eric-Maxim Choupo-Moting.“

Wolfgang Niersbach nennt noch weitere Beispiele: „Mario Gomez und Sami Khedira haben solche Eliteschulen besucht, um nur zwei Namen zu nennen – alle Spieler, die heute in der Nationalmannschaft spielen, haben einen solchen Weg hinter sich. Darauf können wir stolz sein, es hat sich in den letzten Jahren viel beim DFB getan. Deutschland hat mittlerweile perfekte Strukturen, obwohl man sich, das gebe ich auch zu, innerhalb solcher Strukturen auch immer noch weiter verbessern kann. Man kann zum Beispiel immer noch qualifizierte Trainer anstellen, aber insgesamt ernten wir nun die Früchte unserer Arbeit.“ Dann ergänzte Niersbach noch: „Unsere Nationalmannschaft hat bei der WM 2010 in Südafrika nicht nur wegen des dritten Platzes begeistert, sondern auch dadurch, dass sie hervorragenden Fußball gespielt hat. Und das war damals die jüngste deutsche WM-Mannschaft aller Zeiten. Und zuletzt, der Sieg in Baku, war die jüngste deutsche Nationalmannschaft aller Zeiten.“

20 Millionen Euro lässt sich der DFB das Thema Ausbildung pro Jahr kosten, das Geld ist sinnvoll investiert – und hat sich schon bezahlt gemacht. Der DFB hat 6,8 Millionen Mitglieder (1,2 Millionen davon sind weiblich), es wird in den nächsten Jahren mit acht Millionen gerechnet. „Unser Fußball ist stark, unser Fußball wird stark bleiben, und unser Fußball bleibt auch Woche für Woche spannend“, versprach Wolfgang Niersbach und lobte zum Abschluss extra und ganz besonders alle Ehrenämtler. Und dann schloss der Generalsekretär mit einem Spruch des zeitgenössischen Philosophen Mehmet Scholl, der über die Kameradschaft in einer Mannschaft einst sagte: „Kameradschaft ist, wenn der Kamerad schafft.“

Für seine launige und hoch interessante Rede erntete Niersbach viel Beifall.

PS: Seit Monaten habe ich mich nicht mehr zu meiner persönlichen Situation geäußert, ich wollte es auch nicht mehr (will mich jetzt wieder dran hakten), möchte mich aber nicht nur über den Pöbel äußern, sondern auch ausdrücklich allen danken, die mir Lob und viele dankenden Worte schenkten. Das tat sehr gut! Danke!

17.42 Uhr