Tagesarchiv für den 14. Juni 2011

Möhlmann und das eiserne Tor

14. Juni 2011

Wie erwartet: Jeffrey Bruma (19) wird in der neuen Saison den HSV verstärken, auch wenn die Unterschrift noch nicht geleistet worden ist – aber sie ist nur noch eine Formsache. Und auch das ist wie erwartet eingetroffen: Macauley Chrisantus wird vom Zweitliga-Klub FSV Frankfurt ausgeliehen. Der 20-jährige Stürmer war zuletzt zwei Jahre an den Karlsruher SC ausgeliehen – und beim Schreiben genau dieses Sachverhaltes beginne ich mit dem Grübeln: Der Kerl ist 20 Jahre jung. 20. Und er kam vor drei Jahren nach Hamburg, um HSV-Profi, vielleicht auch umjubelter Torjäger zu werden. Er kam aus Nigeria. Wie muss sich ein Knabe fühlen, der an der Elbe „abgesetzt“ wird, weder Land noch Leute noch den HSV kennt, der dann nur ein Mitläufer der Bundesliga-Mannschaft ist und total an den Rand gedrängt wird, der ein Jahr danach in Karlsruhe geparkt – und nun nach Frankfurt abgeschoben wird? Ganz so fröhlich ist das Profi-Leben dann offenbar doch nicht – zumindest dann nicht, wenn sich nicht irgendwann auch mal der Erfolg einstellt. Aber elf Tore in 48 Zweitliga-Spielen, das ist ja dann auch keine überragende Quote. Immerhin aber muss der HSV ja noch die Hoffnung auf eine Chrisantus-Explosion haben, denn der Vertrag mit dem U-17-Weltmeister wurde ja gerade bis 2013 verlängert. Wie heißt es so schön: „Eine Investition in die Zukunft“.

Und Jeffrey Bruma? Nach Michael Mancienne, Jacopo Sala und Gökhan Töre der vierte Mann vom FC Chelsea. Oder der fünfte, nimmt man Sportchef Frank Arnesen mit in diesen Kreis auf. Ich habe heute mit einem wirklich Großen des HSV gesprochen, der aber kein offizielles Gespräch mit mir führen wollte. Der äußerte aber arge Bedenken, ob der HSV mit seiner jetzigen Einkaufspolitik den richtigen Weg betreten hat. Der Alt-HSVer sagte mir, dass es zu Kaltz-, Kargus- und Memering-Zeiten zwar geklappt habe, dass der HSV damals von der jungen Generation bis hin zu Meisterschaften profitiert habe, aber er gab auch zu bedenken, dass es sich bei diesen Talenten um ausschließlich deutsche Spieler gehandelt habe. Auch deshalb konnte sich damals viel schneller eine Mannschaft finden – die ein echtes Team wurde. In der heutigen Konstellation aber dürfte dieses Unterfangen doch ein wenig schwieriger werden, das hat doch die Vergangenheit deutlich gezeigt, als viele, viele HSV-Trainer vergeblich versuchten, aus einem Kader mit einigen Stars eine Einheit zu formen . . .

Was ich schade finde: Deutschland war in der jüngsten Vergangenheit überall Europameister. U und U und U und so weiter. Überall Meister. Und wo spielen die deutschen U-Spieler heute? Okay, Jerome Boateng war mal da, und Dennis Aogo ist noch da, Änis Ben-Hatira auch – aber sonst? Von den erfolgreichen und meisterlichen U-Mannschaften darunter? Unterhalb der deutschen U-21-Mannschaft? Gebe ich nur mal so in die Runde. Wobei der HSV ja immer noch eine sehr gute Adresse im Fußball ist, in Deutschland und in Europa. Aber vielleicht wird es ja jetzt alles besser, wo Bastian Reinhardt das Sagen in Ochsenzoll übernimmt (der Schweizer Paul Meier, noch von Urs Siegenthaler installiert, wird wohl gehen müssen) – und dabei die Aufgabe hat, jene Hürden, die ein Talent auf dem Weg zur Profi-Mannschaft zu nehmen hat, aus dem Wege zu räumen. Ich bin gespannt, ich drücke dem „Basti“ aber auch die Daumen, denn in diesem Punkt hat der HSV riesigen, riesigen Nachholbedarf. Ach was, Nachholbedarf, in diesem Punkt bin ich total sauer auf den HSV. Nachholbedarf? Das trifft es doch nicht! Die fangen doch Jahr für Jahr wieder bei Null an. So sieht das doch aus – in der Realität. Wenn Uwe Seeler zuletzt (im Abendblatt-Interview) die HSV-Trainer-Situation als „Katastrophe“ bezeichnet hat, dann nenne ich das, was sich seit Jahrzehnten in Ochsenzoll abspielt, ebenfalls eine „Voll-Katastrophe“. Amateurhaft ist das alles. In dem Punkt gebe ich dem Ex Bernd Hoffmann absolut Recht: „Geldvernichtungsmaschine.“

Bevor ich mich aber nun in Rage schreibe, komme ich doch lieber zur Trainer-Serie.

Am 23. September 1992 wurde Benno Möhlmann HSV-Trainer (als Nachfolger von Egon Coordes). Und wo ich gerade bei Talenten bin: In dieser Saison (92/93) gab es auch einige junge Leute, die voller Hoffnung verpflichtet worden waren: Lässig (Hansa Rostock), Bormann (Langelsheim), Schneider (Fürth), Woodring (Wiesbaden), Möller (SV Lurup), einige Zeit später auch Riccardo Baich (eigener Nachwuchs). Und? Wer erinnert sich noch? Diese Namen traten auf jeden Fall nicht den Weg von Kargus, Kaltz, Memering und Co an . . .

Möhlmann führte den HSV auf Platz elf, dann auf Platz zwölf, 1994/95 auf Rang 13. Auch eine Art von Kontinuität. Ich hatte trotz allem kein schlechtes Gefühl bei ihm, denn Benno Möhlmann war schon als Spieler ein erklärter „Liebling“ von mir. Kein Flachs, Möhlmann stand in meiner Gunst ganz oben, gemeinsam mit Jürgen Klopp (Mainz 05). Beide waren für mich in etwa gleiche Spielertypen: Die gaben während der 90 Minuten immer alles, die kämpften, kloppten, grätschten, rissen sich den Hintern für die Mannschaft auf – ohne groß zu glänzen. Möhlmann (auch Klopp) – der perfekte „Wasserträger“. Deswegen schätzte ich den neuen HSV-Trainer auch so.

Auch als Coach blieb er seiner Linie treu. Möhlmann ackerte emsig, aber wenn er damals gefragt worden wäre, dann hätte er sicher auch gesagt: „Der Star ist die Mannschaft.“ Der frühere Bremer arbeitete akribisch, still und leise vor sich hin. Und er war immer ehrlich, auch da ist er seiner Linie treu geblieben. Ich weiß noch genau, als ihn damals ein Kollege der Bild gesagt und gefragt, warum er dies so und jenes dann so gemacht habe, antwortete: „Mensch, ich weiß doch auch noch lange nicht alles, ich mache diesen Job zum ersten Mal, ich muss noch viel lernen . . .“ Stimmte ja, aber sagt trotz allem nicht jeder Trainer. Oder besser: kaum einer.

Dass Benno Möhlmann einem Spieler wie Harald „Lumpi“ Spörl mal vor das Schienbein trat, um ihn in der Halbzeitpause eines Bundesliga-Spiels aufzuwecken, dass hätte ich zwar nie für möglich gehalten, aber irgendwann platzt offenbar auch bei einem noch so reservierten Menschen der Kragen. Das war im Oktober 1993. Bei Spörl war das für Möhlmann wahrscheinlich auch ein wenig leichter, denn als HSV-Spieler hatten sie sich zuvor jahrelang bei Auswärtsreisen ein Hotelzimmer geteilt. Da lernt man sich dann doch so gut kennen, dass man dem Kollegen auch mal vor das Bein treten kann/darf. Oder auch mit Entlassung drohen darf. Wie das ein halbes Jahr später geschah, als Möhlmann nochmals mit dem „Lumpi“ aneinander geraten war. Aber sie vertrugen sich auch nach dieser etwas lauteren Unterhaltung dann doch wieder . . .

Das mit dem Vertragen war aber so seine Sache. Benno Möhlmann war der erste Mann (Spieler/Trainer), der mir das Du wieder entzog. Mir und dem Mopo-Kollegen Buttje Rosenfeld. Dem Kollegen der Bild übrigens nicht, obwohl der HSV-Trainer damals quer über eine ganze Seite gelegt worden war: links der Kopf von Möhlmann, rechts der Kopf von Möhlmann. Und dazwischen eine Wurst. Darüber stand: Bratwurst-Benno.

Ich war, das gebe ich zu, nach dem entzogenen Du noch Jahre sauer. Weil ich für mich dachte: wenn, dann alle. Aber da machte der HSV-Coach dann doch eine Verbeugung. Vor der größten Zeitung. Wobei Möhlmann fortan nur in der dritten Person mit mir sprach. Er vermied jenes „Sie“, was er mir ja aufgezwungen hatte, strikt. Ich habe aber noch Jahre danach, wenn wir uns über den Weg liefen, „Sie“ und „Herr Möhlmann“ gesagt. Bis zu einem Hallenturnier von Horst Peterson, dem Ratsherrn-Cup in Hamburg. Damals startete Greuther Fürth in Alsterdorf, Trainer war Benno Möhlmann. Und als ich in den VIP-Raum kam, standen dort der Fürther Coach und St. Paulis Holger Stanislawski und Andre Trulsen. Beide „Braunen“ begrüßten mich so, wie es unter alten Freunden üblich ist – Möhlmann dann auch. Er nahm mich in den Arm und sagte: „Dieter, Mensch, du immer noch dabei . . .“ Da mochte ich dann nicht mit einem eiskalten „Sie“ ja auch antworten, also waren wir ab diesem Tag wieder per Du.

Der Höhepunkt der Möhlmannschen Erfindungen war allerdings nicht das Du und das Sie. Das war dann doch der verrammelte HSV-Trainingsplatz. Weil der gute Benno die Nase voll davon hatte, dass die Journalisten, die ihn immer so heftig kritisierten, ihm kostenlos beim Training zusehen konnten, ließ er auf Höhe Tennishalle in Ochsenzoll kurzerhand eine eiserne Tür installieren: Eintritt verboten! Der HSV – vor allem Möhlmann – wollte nur noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainieren. Was natürlich die Presse in Alarmstimmung versetzte – und die Rentner, die täglich als Kiebitze in Ochsenzoll dabei waren. Die Presse konnte so viel protestieren wie sie wollte, sie blieb draußen. Die Rentner aber, die ließen sich nicht so leicht abschütteln. Das heißt, sie ließen sich gar nicht abschütteln. Sie standen jeden Morgen vor dem Tor – und bettelten den Trainer an. Und der erhörte die „Jungs“, sie durften – quasi handverlesen – mit rein. Wer von der Rentner-Gang pünktlich war, der schlenderte mit den Spielern Richtung Platz, danach fiel die Tür zu, wurde abgeschlossen – und alle anderen Fans (und Journalisten) durften bis zum Trainingsende warten. Obwohl: Einige Kollegen von mir schlug es in die Büsche außerhalb des HSV-Geländes und konnten so von dort zusehen. Not macht erfinderisch.

Für Benno Möhlmann war dann am 5. Oktober 1995 das Ende der Fahnenstange erreicht, dann löste ihn Felix Magath ab. Es hatte bis zu diesem Zeitpunkt in acht Spielen zwar nur zwei Niederlagen gegeben, aber auch keinen Sieg. Deswegen erfolgte der Wechsel des Trainers, Magath war bis dahin der Assistent von Möhlmann gewesen. Und mit Magath kam der HSV in er Endabrechnung auch noch auf Rang fünf.

Darüber aber demnächst mehr.

18.25 Uhr