Tagesarchiv für den 13. Juni 2011

Schock – der Mann für RSH

13. Juni 2011

Folgende Meldung gab es heute, an diesem meldungsarmen Pfingstmontag, vom Sport-Informationsdienst:

Madrid, 13. Juni (SID) – Nationalspieler Mesut Özil hat Gerüchte dementiert, wonach er mit einem Wechsel von Spaniens Fußball-Rekordmeister Real Madrid zum englischen Champion Manchester United liebäugelt. Er habe keine Pläne, Real nach nur einer Saison wieder zu verlassen, ließ er über seinen Berater Reza Fazeli mitteilen, der in der Marca zudem versicherte: „Özil ist sehr glücklich bei Real.“

Manchester hat bei der Suche nach einem Nachfolger für Spielmacher Paul Scholes angeblich auch Özil ins Visier genommen. Ebenso wie der 22-Jährige werden aber auch Luka Modric (Tottenham Hotspur), Samir Nasri (FC Arsenal) und Wesley Sneijder (Inter Mailand) als mögliche Neuzugänge beim englischen Rekordmeister genannt.

Als ich das las, dachte ich sofort an Piotr Trochowski. Zu früh gebunden? Zu zeitig den Wechsel nach Sevilla öffentlich gemacht?

Achtung, Achtung, das ist in ganz kleiner Scherz über den kleinen Dribbelkünstler zu Pfingsten!

„Troche“ hätte doch in Manchester gut und gerne sein Vorbild Scholes ersetzen können . . . Nun gut, er hatte andere Pläne. Er hat am Sonnabend seine Freundin Melanie geheiratet. In Hamburg. In Hamburg-Nienbaum, wie der SID schrieb. Aber immerhin in Hamburg.

Da findet ja, wen wundert es, auch die diesjährige HSV-Saisoneröffnung statt. Am 2. August geht es im Volkspark gegen den FC Valencia. Die Partie gegen den Champions League-Teilnehmer soll um 19 Uhr angepfiffen werden. Am Wochenende zuvor trifft der HSV in der ersten DFB- Pokalhauptrunde beim VfB Oldenburg auf einen alten norddeutschen Bekannten aus Oberliga-Nord-Zeiten. „Mich freut es besonders, dass wir ein regionales Aufeinandertreffen haben. Das macht die Sache noch attraktiver. Natürlich gehen wir als klarer Favorit in die Begegnung und werden uns mit der notwendigen Konzentration darauf vorbereiten“, sagte der HSV- Vorstandsvorsitzender Carl-Egdar Jarchow nach der Auslosung der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Ein Vorteil könnte zudem sein, dass der Sechste der Oberliga bis zum 18. April von Torsten Fröhling trainiert wurde. Der 44-jährige Fröhling, ehemals HSV- und St.-Pauli-Spieler (ein HSV-Einsatz in der Bundesliga), wird in der kommenden Spielzeit die B-Junioren Bundesligamannschaft des HSV übernehmen.

So, bevor es hier nun mit der Trainer-Serie weitergeht, noch ein kleiner Abstecher in Sachen Profis: Macauley Chrisantus, zuletzt zwei Jahren an den KSC ausgeliehen, hat seinen Vertrag mit dem HSV um ein Jahr verlängert (bis 2013). Der 20-jährige Stürmer wird vorerst aber wohl nicht an die Elbe zurückkehren, sondern an den Zweitliga-Klub FSV Frankfurt ausgeliehen. Allerdings ist dieser Deal noch nicht in trockenen Tüchern, es sind noch einige kleinere Details zu klären.

Dann kommt der Schock. Gerd-Volker Schock. Ehemaliger HSV-Trainer, der am 5. Januar 1990 davon Willi Reimann übernahm. Ich gebe zu, dass ich bei dieser Verpflichtung meine Finger mit im Spiel hatte, aber es wäre zuviel des Guten, wenn ich darüber nun auch noch schreiben würde. Kurz nur: Ich wurde vom HSV-Präsidium gefragt, wen ich empfehlen würde, ich sagte Schock (er trainierte zu jener Zeit die Amateure) – und Schock wurde es dann auch. Immerhin hatte er es geschafft, mit Richard Golz und Carsten Kober zwei Eigengewächse in die Bundesliga zu bringen. Eine für heutige Verhältnisse sensationelle Quote . . .

Um es vorweg zu sagen: Ich mochte Schock, ich schätzte seine Arbeit, sein Fachwissen, sein Training, sein Umgang mit den Spielern – und mit uns. Und wer nun fragt, was eigentlich aus Gerd-Volker Schock geworden ist, dem muss ich leider entgegnen: ich weiß es nicht. Schock lebte jahrelang in der Nähe von Bad Oldesloe, heute soll er in Frankreich wohnen. Soll. Niemand im und um den HSV herum hört noch etwas von ihm. Selbst sein größter und bester Freund nicht, Horst Eberstein. Irgendwann bracht Schock seine Zelte in Deutschland ab – und ließ auch Eberstein im Regen stehen. Was ich total schade finde, denn die beiden waren wirkliche Freunde.

Schock war äußerlich ein knurriger Kerl, der in seiner Einsilbigkeit gelegentlich an Ernst Happel erinnerte. Ich aber behaupte, dass Gerd-Volker Schock auch ein ganz feiner Kerl war – wahrscheinlich auch heute noch ist. Er wollte mich, auch das schrieb ich wahrscheinlich hier schon einmal (?), zum HSV holen. Als Trainer. In echt. Er selbst war, als er Amateur-Coach beim HSV war, auch als Scout für Schleswig-Holstein und für Dänemark zuständig. Eines Tages sprach er in der montäglichen Präsidiumssitzung mit Ernst Naumann, Horst Becker und Ernst-Otto Rieckhoff über diese Position. Rieckhoff erzählte mir kurz nach der damaligen Sitzung: „Schock sagte uns, dass diese Position dringend neu besetzt werden müsste. Wir sagten ihm, dass er uns Vorschläge machen solle. Er sagte dann, dass er bereits einen Mann ausgeguckt hat. Wir sagten ihm, er solle uns den Namen nennen. Er: Dieter Matz. Becker sagte dann: Wieso sollten wir lachen? Wir wissen, dass Dieter Matz einen Trainerschein hat, und dass er auch Ahnung vom Fußball hat.“

So spielte sich das damals ab. Und zum Glück können Horst Becker und Ernst-Otto Rieckhoff das so bezeugen, dass es tatsächlich so war. Ich sollte Co-Trainer von Amateur-Trainer Benno Möhlmann werden, zugleich auch HSV-Scout in Schleswig-Holstein und in Dänemark. Mein Pech damals war: Ich musste, gerade bei Bild tätig, in den Osten der Republik, nach Dresden, um dort mitzuhelfen, eine Bild-Redaktion aufzubauen. Dadurch kamen die Verhandlungen mit dem HSV nicht so richtig in Gange. Und später, als ich wieder hier war, geriet Schock mit dem HSV in arge Abstiegsnöte, so dass er mich bat: „Dieter, lasse mich erst einmal mit deinem Thema in Ruhe, ich habe alle Hände voll damit zu tun, den HSV in der Bundesliga zu halten . . .“ Wenige Wochen danach schmiss er selbst das Handtuch, die „Sache Matz“ hatte sich damit von selbst erledigt. Schade eigentlich. Obwohl: Dann wäre ich sicherlich schon seit Jahrzehnten nicht mehr beim HSV. Und das wäre auch schade.

Nun gut, Schock. Sein erstes Bundesliga-Spiel unter seiner Regie endete 6:0. Welch ein Auftakt. Golz, Moser, Beiersdorfer, Kober, Ballwanz, Jusufi, Spörl, von Heesen, Eck, Furtok und Nando liefen in der Anfangs-Elf auf, Ballwanz, von Heesen, Furtok (2) und Nando (2) sorgten für die Tore – vor nur 14 100 Zuschauern. Am Saisonende hatte der HSV Platz elf inne. Und ein Jahr später Platz fünf!

Das war die erste Spielzeit mit Waldemar Matysik. Da darf ich mal aus dem Nähkästchen plaudern. Im Frühjahr wollte Schock nach Frankreich fliegen, um den Polen, der bei AJ Auxerre unter Vertrag stand, zu beobachten. Ich bekam Wind von der Geschichte, wusste alsbald, welchen Flieger Schock nehmen würde – und buchte (damals ebenfalls noch bei Bild) auch einen Flug nach Paris. Als Schock und ich am selben Gate auftauchten, roch er natürlich den Braten. Seine erste Reaktion – überraschte mich: „Du fliegst also mit, siehst dir auch das Spiel am Abend in Auxerre an, oder? Dann bezahlt die Bild auch den Leihwagen, und ich lasse den vom HSV bestellten Wagen wieder abbestellen.“ Kein Ärger, kein Tobsuchtsanfall – Schock wirkte irgendwie sogar erfreut darüber, dass er nicht allein fliegen musste.

Der Trip ging voller Harmonie über die Bühne, ich fuhr den Leihwagen nach Auxerre, wir machten alles gemeinsam – wohnten auch im Hotel Zimmer an Zimmer. Und abends saßen wir hoch unter der Tribüne in Auxerre, sahen uns an einem Dienstag ein Nachholspiel der französischen Liga an. Schock hatte nur Augen für Matysik – ich auch. Nach dem Spiel berieten wir dann, ob der Pole einer für den HSV wäre. „Waldi“ hatte nicht gerade überragend gespielt, aber solide. Ein Spieler, der Fußball „arbeitete“. Abends besuchten wir die Familie Matysik, aßen sogar gemeinsam mit ihnen. Und Matysik wurde dann ja auch vom HSV verpflichtet.

Schock war für mich, ich muss es noch einmal betonen, ein guter Trainer, in meinen Augen sogar ein sehr guter Trainer. Er hatte nur einen großen Fehler: Er konnte sich nur sehr, sehr schlecht „verkaufen“. Schauspielerische Leistungen hatte er überhaupt nicht drauf, er hatte nicht den kleinsten Hang zur Galerie – er galt in der Liga als knurrig, bärbeißig, sturköpfig, gradlinig. Ich erinnere an ein Spiel im Volksparkstadion, als oben auf der Pressetribüne Rolf „Töppi“ Töpperwien neben mir saß. Ich fragte ihn, warum Schock noch nie in das Aktuelle Sportstudio eingeladen worden ist. „Töppi“ lachte laut auf und entgegnete: „Nee, nee, Dieter, das wird auch niemals passieren. Schock ist kein Mann für das ZDF und für das Fernsehen, Schock ist eher ein Mann für Radio Schleswig-Holstein . . .“ Und lachte immer noch. In der tat blieb Schock der einzige HSV-Trainer, der sich nie an der ZDF-Torwand versuchen durfte. Alle seine Nachfolger, so denke ich (ohne es allerdings hundertprozentig genau zu wissen), haben irgendwann einmal ihre Visitenkarte in Mainz abgeben dürfen. Schock aber blieb draußen.

Und noch ein Novum gibt es im Zusammenhang mit Schock. Als er im Frühjahr 1992 sah, dass er die Mannschaft nicht mehr so erreichte, wie er sich das als Trainer immer vorgestellt hatte, da gab er von sich aus auf. Das war noch nicht das Novum (auch Kuno Klötzer zum Beispiel war einst von sich aus das Handtuch). Das Novum sah wie folgt aus: Schock schlug seinen Nachfolger selbst vor. Er empfahl dem damaligen HSV-Boss Jürgen Hunke, den Co-Trainer des FC Bayern, Egon Coordes zu verpflichten. Schock und Coordes hatten einst gemeinsam die Trainer-Lizenz erworben. Hunke nahm Coordes.

Und zu Coordes habe ich ja schon eine Menge geschrieben. Aber es gibt ja noch viel mehr. Auch eine Geschichte, die Schock und Coordes gemeinsam verbindet. Das war gegen Ende der Saison. Training in Ochsenzoll. Zum Abschluss sollte es ein Spielchen A gegen B geben, Coordes verteilte die roten und die grünen Hemden – da betrat, eine riesige Überraschung, Schock den Platz in Ochsenzoll. Dass ein ehemaliger HSV-Trainer sich noch einmal ein Training des HSV ansehen würde, das hatte niemand gedacht, hatte es zuvor und auch danach nie wieder gegeben.

Schock sah mich am Rande stehen, Schock kam zu mir. Wir standen so ein, zwei, drei Minuten, als Coordes das sah. Schock und Matz? Das ging ja gar nicht. Weil Coordes gerade total sauer auf mich war hatte ich es doch gewagt, ihn leicht zu kritisieren (im Abendblatt). Also reagierte er. Höchst ungewöhnlich. Coordes schrie aus dem Anstoßkreis heraus: „Volker, geh’ weg von dem Schmierfinken!“ Schock fragte mich: „Meint er dich?“ Ich glaube ja. Schock blieb neben mir stehen. Coordes kam näher, so auf die halbe Distanz zwischen Anstoßkreis und Außenlinie – und er wiederholte lautstark: „Volker, geh’ weg von diesem Schmierfinken . . .“ Schock blieb eisern neben mir stehen. Da passierte dann etwas ganz Kurioses. Coordes brach das erst soeben begonnene Trainingsspielchen – beim Stande von 0:0 (natürlich!) – wieder ab und schickte die Spieler in die Kabine. Ein NDR-Fernsehteam packte daraufhin ebenfalls die Sachen – tschüs und weg.

Nur der Mopo-Kollege Buttje Rosenfeld blieb bei uns stehen, als Coordes zu Schock und damit auch zu mir an den Rande kam. In Richtung seines Vorgängers sagte er laut und sauer: „Volker, was willst du von diesem Schmierfinken? Komm’ lass’ uns gehen, ich will mit dem nichts mehr zu tun haben – und du solltest dir das auch überlegen. Der schreibt nur Mist.“ Schock aber blieb stehen, so dass Egon Coordes zu ihm –und damit auch ganz zu nah zu mir – kommen musste. Er gab Schock zur persönlichen Begrüßung die Hand – und nebenbei bepöbelte er mich ganz heftig. Plötzlich standen wir dann sogar Nase an Nase, er schrie mich wie von Sinnen an, so der Art nach: „Dich erwische ich auch noch, sieh dich bloß vor, ich warne dich . . .“ Dabei waren wir gar nicht per Du. Bevor es noch heftiger werden konnte (ich blieb die Ruhe selbst, habe ganz still und andächtig zugehört), bevor es eventuell auch noch zu Handgreiflichkeiten kommen konnte, schritt Schock ein, er packte Coordes am Arm und zog ihn weg von mir. Und der Kollege Buttje Rosenfeld kann das bis heute so herrlich nachmachen, er trifft genau den Schockschen Ton: „Egon, Egon, Egon Egon, Eeeeeeeeeeeeeeegon! Nun komm schon, wir gehen, lass’ den Matz in Ruhe, der ist kein Schmierfink.“ Coordes aber wiederholte seine Pöbeleien bei seinem lauten, unfreiwilligen (weil Schock ihn zog!) und auch ungebührlichen Abgang, er drohte mir dabei immer mit dem Zeigefinger: „Dich erwische ich auch noch!“

Wie herrlich wäre es gewesen, so haben wir später (Buttje und ich) immer gesagt, wenn das NDR-Fernsehen nicht so früh die Sachen gepackt, sondern diesen Ausraster des Trainers gefilmt hätte. Dieser Auftritt war bühnenreif und legendär. Hatte aber keine Folgen für mich, denn Coordes erwischte mich nicht mehr. Am 23. September 1992 war seine Mission in Hamburg auch schon wieder beendet. Wobei ich ganz neutral sagen muss: Vom Training her, von dem Programm her, was Coordes in Ochsenzoll trainieren ließ, war er ein sehr guter Fußballlehrer. Das sahen fast alle so, das erkannte ich auch daran, dass sich plötzlich wieder viele Hamburger Amateurtrainer beim HSV-Training tummelten, weil sie etwas für ihre Vereine lernen wollten. Das konnten sie von Coordes durchaus, aber der ehemalige Bremerhavener hatte eben einige Defizite im Umgang mit der Mannschaft: zu laut, zu schroff, zu pöbelig, zu hemdsärmelig, zu kodderig. Das passte so nicht zu Hamburg und zum HSV.

So, das war es für heute. Die Trainer-Serie wird fortgesetzt.

Kurz noch zum plötzlichen Tode von Gerhard Krug, der am Sonntag im Alter von 74 Jahren gestorben ist. Ich möchte mich bei Euch für die vielen Beileidsbekundungen bedanken, das war großartig, das war und ist menschlich und zeigt, dass es doch eine, nein, die ganz große HSV-Familie gibt. Danke.

16.52 Uhr