Tagesarchiv für den 12. Juni 2011

Gerhard Krug ist heute verstorben!

12. Juni 2011

Leider muss dieser Bericht mit einer sehr, sehr traurigen Nachricht beginnen: Gerhard Krug ist gestorben. Der Verteidiger der Meistermannschaft von 1960 erlag im Alter von 74 Jahren seiner schweren Krankheit, wegen der er gerade vor zwei Tagen sein Aufsichtsratsamt niedergelegt hatte. Der HSV trauert um einen seiner größten Spieler, Krug war ein führender Kopf der Seeler-Truppe. Der Abwehrspieler war neben Jürgen Werner einer der klügsten Köpfe im Verein, Krug war nach seiner sportlichen Laufbahn noch über Jahrzehnte ein überaus erfolgreicher und überaus anerkannter Journalist, der unter anderem für den „Stern“ und für das MDR-Fernsehen arbeitete.
Gerhard Krug ist verstorben, der HSV hat einen ganz Großen verloren.

Da fällt es mir sehr schwer, zu dem zu kommen, was Alltag bei „Matz ab“ ist. Ich werde heute die Trainer-Serie fortsetzen – obwohl ich gestehen muss, dass ich wirklich sehr, sehr traurig bin. Das aber teile ich sicher mit vielen HSVern, eben telefonierte ich noch mit Horst Schnoor. Der Meister-Torwart von 1960 war geknickt und sagte traurig: „Ich bin geschockt, Gerd hatte mich kürzlich noch aus dem Krankenhaus angerufen, wirkte kämpferisch und war trotz seiner leisen Stimme optimistisch, dass er bald wieder ganz gesund werden würde. Leider, leider hat er es nicht mehr geschafft, meine Frau Gerda und ich sind sehr, sehr traurig.“

Nun aber zum Alltag:

Golz, Jakobs, Kaltz, Beiersdorfer, Kober, Hinz, Möhlmann, Kroth, Okonski, von Heesen, Labbadia. Nicht irgendeine HSV-Mannschaft, sondern die erste HSV-Mannschaft, die von Willi Reimann in ein Bundesliga-Spiel geschickt wurde. Das war am 14. November 1987, nach den 90 Minuten in der grauen Betonschüssel im Volkspark stand vor 35 000 Zuschauern und am 16. Spieltag ein 0:0 gegen Werder Bremen in den Statistiken. Fünf Siege hatte der HSV bis zu diesem Zeitpunkt eingefahren, viel zu wenig für die Hamburger Ansprüche, deswegen musste Trainer Josip Skoblar seine Koffer wieder packen. Und tschüs!

Wie Willi Reimann zu seinem HSV zurückkehrte? Ich glaube, das habe ich hier schon geschrieben. Aber erstens kommen täglich neue „Matz-abber“ hinzu, zweitens können alle „Matz-abber“ kontrollieren, ob ich in diesem Fall (auch in diesem Fall) die Wahrheit schreibe, denn: Ich schreibe das aus meinem Kopf, es sind Erinnerungen, keine Aufzeichnungen – das stammt alles aus meiner „HSV-Ecke“ in meinem kleinen Hirn.

Felix Magath war zu jenen Zeiten HSV-Manager. Und, Ihr wisst es fast alle (ich will damit nicht langweilen), er war ein Stammtisch-Bruder von mir. Zwölf Herren aus dem Raum Norderstedt hatten sich ein Jahr zuvor zu einem Stammtisch in der Kupferpfanne am Park (ist keine Schleichwerbung, sie gibt es längst nicht mehr) zusammengeschlossen. Das heißt, einige davon eher unfreiwillig. Darunter Magath. Und ich. Mein damaliger Abendblatt-Chef Horst Wisser war bei der Gründung, er hatte nicht so viel Zeit, also meldete er mich – ohne zu fragen – an. Und Magath wurde im Geiste von einem seiner Freunde „mitgebracht“. Beide „Unfreiwilligen“ willigten aber ein, waren danach noch lange Jahre Stammtisch-Brüder.

An einem Abend in der Kupferpfanne kam Felix Magath etwas später, fragte dann aber – total unaufgeregt – in die Runde, ob man einen neuen Trainer für den HSV wisse. Speziell mich fragte er danach etwas intensiver, denn ich hatte spontan Willi Reimann vorgeschlagen. Warum Reimann? Das wollte der Felix wissen. „Weil er beim FC St. Pauli einen sehr guten Job macht. Wie er die Herren Stars der Braunen, Demuth, Wenzel, Zander, Golke und Co im Griff hat, wie er auf Disziplin setzt, sich nichts vormachen lässt, sondern wie er konsequent seine strikte Linie durchzieht, das hatte mir imponiert. Deswegen empfahl ich Reimann.

Und Magath griff zu. Das heißt, es war eher der neue HSV-Präsident Ernst Naumann, denn der bezahlte letztlich die „Ablösesumme“ für Reimann, denn St. Pauli wollte den Trainer nicht so ganz ohne Geld ziehen lassen. Naumann zahlte aus eigener Tasche, denn schon damals war die HSV-Kasse eigentlich permanent leer. Ernst Naumann war ein Ur-HSVer, er liebte die Raute über alles – er bezahlte später auch mindestens einen Spieler (Detlev Dammeier, den er von Hannover 96 holte) und zeigte sich auch darüber hinaus sehr spendabel. Naumann war Verleger (eines großen Verlages in Hannover), er war Millionär und wohnte in Ahrensburg. Ganz nebenbei bemerkt: Naumann war ein absolut netter Kerl, immer geradeaus, fair, ehrlich und mit einer fantastischen menschlichen Größe ausgestattet.

Willi Reimann und Felix Magath waren ja einst auch Teamkollegen, das musste also auch passen. Dachte ich, dachte man. Aber dem war nicht immer so. Der frühere Rechtsaußen war schon immer sehr eigen, und auch diese persönliche Komponente zog er eisern und in jeder Lebenslage durch. Was Magath nicht immer schmeckte. Reimann nahm nie ein Blatt vor den Mund, alles das, was ihn bewegte, das musste auch raus – und er ließ es auch raus. Nach dem Aus im DFB-Pokal-Halbfinale beim VfL Bochum (0:2) wetterte er über „seine“ Mannschaft: „Momentan habe ich keine Mannschaft, sondern einen undisziplinierten Sauhaufen. In dieser Truppe steckt keine Seele, und viele Spieler haben offenbar zu viel Selbstvertrauen – obwohl ich nicht weiß, woher sie das nehmen.“ Immerhin: Willi Reimann führt den einstigen Abstiegskandidaten HSV in der Saison 1987/88 noch auf den fünften Rang! Das war nach dem Skoblar-Start eine großartige Leistung. Wobei der Trainer auch in einer Sache konsequent war: Reimann setzte den Unglücksraben Mladen Pralija auch sofort (mit Amtsantritt) vor die Tür, der Coach holte Jupp Koitka zum HSV zurück.

Zum Verhältnis Reimann/Magath gibt es auch ein nettes Nähkästchen. Januar 1988, erstes HSV-Trainingslager mit Reimann auf Teneriffa. Herrlich. Ein echtes Highlight für mich. Unvergesslich. Wir Journalisten flogen mit der HSV-Mannschaft auf die Insel, mussten dann vom Süden in den Norden (Puerto de la Cruz). Das Wetter war mäßig, als wir vor dem Flughafen standen – und uns fragten: „Wie kommen wir in den Norden?“ M it den in den Bus?

Da stand Reimann vor! Niemals in den Bus. „Journalisten haben da nichts zu suchen.“ Die sollen sehen, wie sie nach oben kommen . . . Ein Wort gab das nächste, und wer es schließlich geschafft hatte, Reimann zu „überzeugen“, das weiß ich nicht mehr. Ich vermute Horst Becker. Egal. Die Journaille enterte den Bus, saß ganz hinten – und vorn der stocksaure und schmollende Reimann. Eine groteske Situation.

Da ein Magath-Freund und gleichzeitig auch Stammtisch-Bruder von uns mit war, saß ich nicht mit im Bus. Heiner Nack, damals Boss von TuRa Harksheide, wollte nicht auf „Reimanns Gnaden“ in den Norden, er charterte ein Taxi – und ich durfte mit.

Im Hotel Maritim angekommen, fuhren Reimann, Magath und der Hoteldirektor Schäfer (weiß ich wie heute, er kam aus Lübeck) zu den Sportplätzen, auf denen der HSV trainieren sollte. Und sie kamen völlig desillusioniert zurück – weil sie keine Boote dabei hatten. Auf den Plätzen auf Teneriffa nämlich hätte Reis gepflanzt werden können, sie standen alle einen Meter unter Wasser. Von Rasen nichts zu sehen. Oha!

Nicht nur von Rasen nichts zu sehen, auch vom Tor nicht. Der HSV hatte nämlich, so sah es der Vertrag mit den Gastgebern vor, die Pflicht, ein tragbares Trainingstor mit auf die Insel zu bringen. Dieses Tor hatte Ernst Naumann aus seiner Tasche gekauft und abgeschickt, aber es blieb im spanischen Zoll hängen. Um es vorweg zu nehmen: Das Naumannsche Tor wurde nie gesehen, es kam nie beim HSV an – und irgendein Verein auf Teneriffa wird es sich letztlich unter den Nagel gerissen haben.

So ging es weiter. Pleiten, Pech und HSV. Als Willi Reimann entgegen den Abmachungen feststellen musste, dass seine Mannschaft sowohl im siebten als auch im achten Stock des Hotel-Hochhauses wohnte, wurde er noch saurer. Abgemacht war, weil er als Trainer dann besser die Übersicht gehabt hätte, nur ein Stockwerk für den HSV. In Reimann staute sich etwas auf . . .

Da der HSV nicht trainieren konnte (wegen der Wasserplätze), arrangierte Felix Magath immerhin einen „halben Platz“. Von Bayer Leverkusen. Die logierten auch im Maritim, hatten einen Trainingsplatz am Meer, da war das Wasser besser abgelaufen. Es war schon kurios: Leverkusen und der HSV hatten ein Trainingslager auf einem Platz, beide Teams trainierten zur selben Zeit! Heute absolut unvorstellbar.

Willi Reimann war so frustriert, dass er eine Sitzung anberaumte. Mit von der Partie: Magath und Becker. Sinn der Sitzung: „Abreise!“ Und zwar sofort. Reimann wollte sofort wieder weg. Aber was wäre das für ein Drama geworden? Der HSV wäre das Gespött der Bundesliga gewesen. Also wurde zwar gemeckert, gemeutert und geschmollt, aber es wurde ausgeharrt. Doch das Verhältnis Reimann/Magath war auf dem tiefsten Tiefpunkt, da gab es keine Gemeinsamkeiten mehr. Zumal es gleich wieder eskalierte. Jede Tour mit dem Bus zum Trainingsplatz wurde mit Verspätung angetreten. Und auch vom Training weg. Die Spieler saßen teilweise am Straßenrand und warteten, warteten, warteten. Und Reimann, der solche Unpünktlichkeit hasst, fuhr innerlich mehrfach aus der Haut. Was Magath zum Anlass nahm, abzureisen. Und zwar sofort. Allein. Er wollte sich diesen schlecht gelaunten Trainer nicht länger antun. Was an der Unpünktlichkeit der spanischen Busfahrer allerdings nichts änderte, sie blieben sich bis zuletzt ihrer Linie treu . . .

Es war schon etwas los, auf Teneriffa. Bei der Gelegenheit: Ernst Naumann war mit seiner Frau eingeflogen, logierte auch im Maritim – und lernte so den smarten Erich Ribbeck, Trainer von Leverkusen, kennen. Als der HSV letztlich nach zehn Tagen abreiste (immer nur Training auf einem halben Platz!), blieben Leverkusen und die Naumanns noch einige Tage länger – und so kam es, dass Naumann Ribbeck als kommenden Sportdirektor für den HSV verpflichtete. Das lasse ich einmal unkommentiert stehen.

Dicke Luft, dass sei auch noch erwähnt, herrschte noch nach dem zweiten Spiel auf der Insel. Nach dem 1:1 gegen Leverkusen gab es eine 0:1-Niederlage gegen Teneriffa. Und zwei Rote Karten für den HSV. Miroslav Okonski und Ditmar Jakobs wurden vom spanischen Schiedsrichter Brito vorzeitig zum Duschen geschickt. Willi Reimann kochte vor Wut – diesmal mehr auf den Schiedsrichter. Und ich konnte das auch nachvollziehen.

Mein Verhältnis zu Willi Reimann war, das gebe ich zu, nicht gerade gut. Der Trainer war nie ein Freund der Journalisten, er konnte mit Kritik kaum umgehen. Einmal hatte er mir gesagt: „Ich habe nichts gegen Kritik, aber sie muss oberhalb der Gürtellinie angebracht sein.“ Da habe ich zu Reimann gesagt: „Was nützt es, Herr Reimann, wenn Sie den Gürtel gleich unter dem Kopf tragen?“ Reimann hasste Journalisten, machte einen großen Bogen um sie – ich kenne kaum einen HSV-Trainer, der genau so war wie er. Vielleicht Huub Stevens und Bruno Labbadia?

Der HSV wurde 1988 Bundesliga-Sechster unter Willi Reimann, danach (1989) -Vierter. In der dann folgenden Saison aber ging es wieder bergab. Und als es am 16. Dezember 1989 eine 0:3-Niederlage in Stuttgart gegeben hatte, war Reimanns Ende beim HSV gekommen. Die Mannschaft und der Trainer waren längst keine Einheit mehr, da gab es null Gemeinsamkeiten. Ich hatte Trainingseinheiten in Ochsenzoll erlebt, die Willi Reimann pünktlich um neun Uhr anpfiff, die er aber auch pünktlich um 10.30 Uhr wieder abpfiff – und zwar auf die Minute genau. Und zwischendurch hatte er kaum einmal mit der Mannschaft gesprochen. Das habe ich in der Form nie zuvor und auch niemals danach so erlebt. Es herrschte Eiszeit beim HSV. Da mir Spieler zudem berichteten, dass der Trainer auch in der Kabine nicht mit ihnen sprach (Aufstellungen und Kader gab es kommentarlos an der Tafel!), war es eine Frage von Tagen, wann die Entlassung vollzogen würde. Es war dann der 27. Dezember, drei Tage nach Weihnachten (und Reimanns Geburtstag). Der Nachfolger hieß Gerd-Volker Schock. Über den Amateur-Coach werde ich dann in der nächsten Folge berichten.

Für heute aber bin ich erst einmal nur traurig.

18.31 Uhr