Tagesarchiv für den 9. Juni 2011

Arnesen reist – Gravesen bombt

9. Juni 2011

Es ist Ruhe. Mal wieder. Egal, wen man beim HSV sprechen will, derjenige ist im Moment nicht erreichbar. Der Vorstand nicht, weil er zu beschäftigt ist. Und die Spieler nicht, weil sie (berechtigt) ihren Urlaub in Ruhe genießen wollen. Dennoch bewegt sich das Transferkarussell weiter. David Rozehnal wird, das ist so gut wie sicher, an den OSC Lille verkauft. Alex Silva wechselt aller Voraussicht nach in den nächsten Tagen nach Brasilien und morgen reist Frank Arnesen aus Hamburg ab, ist fortan für einige Tage in auswärtigen Transferverhandlungen. Zuerst soll der Transfer des niederländischen Nationalspielers Jeffrey Bruma vollzogen werden. Parallel dazu der Verkauf von Joris Mathijsen, der sowohl von Ajax Amsterdam als auch aus der Bundesliga und Spanien Angebote vorliegen haben soll und dem HSV mitgeteilt hat, wechseln zu wollen.

Ansonsten ist es noch ruhig. Außer für Arnesen. Der steht in der Mitte, muss Transfers realisieren und kriegt es von beiden Seiten dicke. Zum einen werden in Hamburg Diskussionen geführt – auch hier – ob es seltsam sei, dass der neue HSV-Sportchef bislang nur Spieler von Chelsea zum HSV gelotst hat. Zum anderen reagieren Chelseas Fans in deren Foren äußerst gereizt darauf, dass Arnesen deren Talente zum HSV geholt hat und ja auch noch holen will.

Aber egal, vor einigen Wochen hatten wir uns hier darauf festgelegt, dem Dänen eine faire Chance zu geben. Und die gebietet, dass wir Geduld haben und abwarten, ob und wie die Neuen letztlich einschlagen. Deshalb kümmere ich mich im heutigen Blog lieber um einen anderen Dänen. Einen, der nicht mehr beim HSV ist. Denn, weil ich sie als Leser so genossen habe, möchte auch ich hier ein paar Nettigkeiten aus meinem im Vergleich zu Dieter natürlich noch sehr kurzen HSV-Reporterleben. Genau genommen sind es drei kurze Geschichten, die sich um eine einzelne Person drehen und die mich gleich in meinem ersten Reporterjahr begeisterten und damals noch an Mannschaftsgeist glauben ließen. Los geht es.

Es war ein heißer Sommertag 1999. Der HSV bereitete sich auf seine anschließend erfolgreiche Champions-League-Saison vor und Trainer Frank Pagelsdorf ließ fast durchgehend zweimal am Tag trainieren. Zwischen der Morgen- und der Nachmittagseinheit hatten die Spieler Freizeit und gingen zumeist gemeinsam essen. Allerdings blieb einer fast immer auf dem Trainingsgelände: Thomas Gravesen. Der extrovertierte Däne war fleißig und trainierte im Kraftraum.

Das dachten zumindest alle.

Denn sobald die Tür hinter dem letzten HSVer ins Schloss gefallen und Gravesen den damals neuen Trainingstrakt Ochsenzoll unbeaufsichtigt für sich allein hatte, ging es los. Einmal, und das haben mir anschließend unabhängig voneinander Spieler sowie der damalige Trainer erzählt, setzte die Humörbombe den knapp 20 Meter langgezogenen Kabinengang mit Arschbomben in die links und rechts des Ganges gelegenen Whirlpools so unter Wasser, dass er anschließend gegen seinen ebenfalls im Kabinentrakt verbliebenen Mannschaftskollegen, Landsmann und besten Freund Allan Jepsen ein Wettrutschen veranstaltete. Auf dem nackten Hintern glitten die beiden Durchgeknallten über den Flur. Wer am weitesten rutschte, hatte gewonnen. Und während der chancenlose Jepsen sich an einer Türkante einen Cut am Schienbein zuzog, den er anschließend als Trainingsunfall verkaufte, perfektionierte Gravesen die Disziplin noch, indem er das Wasser mit seinem Duschgel anreicherte, um so noch besser gleiten zu können. Allein, er hatte dabei vergessen, dass der Schaum schwerer wegzuwischen ist als einfach nur das Wasser zu trocknen. Und so kam, was kommen musste, Gravesen wurde beim Säubern (nackt!) von Trainer Frank Pagelsdorf erwischt, als dieser einmal früher als sonst wieder zum Trainingsplatz zurückgekehrt war.

Aber damit nicht genug. Ein paar Tage zuvor, das erzählte mir ein damals völlig perplexer Bernd Hollerbach, hatte Gravesen ein noch viel irreres Ding abgezogen. Hollerbach, damals bekannt dafür, mit seinem 350-PS-Porsche rein zum Spaß auf die Autobahn zu fahren und noch jede Geschwindigkeitsbegrenzung zu überschreiten, kam via A7 zum Trainingsauftakt und war total niedergeschlagen. Hintergrund: Auf der Fahrt aus Richtung Dänemark gen Hamburg war er rechts von einem Motorradfahrer überholt worden. „Der fuhr mit mehr als 260 Sachen einfach so vorbei“, erzählte „Holler“, für den das einer Majestätsbeleidung glich. Zumal der Motorradfahrer in kurzer Hose, T-Shirt und Badelatschen fuhr. „Nicht ganz dicht sei der Typ, so Holler – der seine Meinung auch nicht änderte, als er die besagte Maschine auf dem HSV-Parkplatz wiederentdeckte und sich Thomas Gravesen als dessen Besitzer und Fahrer in Badelatschen outete.

Die verrückteste, und eigentlich als Geheimsache verplombte Geschichte ist aber aus dem Winter 1999. Zur Jahreswende hatte sich Gravesen, Kindskopf wie er damals einer war, bis über beide Ohren mit Knallkörpern eingedeckt. Sogar mit mehr, als er am Silvesterabend „verböllern“ konnte. Deshalb machte sich – wer sonst?! – Gravesens Busenfreund Jepsen auch keine Gedanken, als der defensive Mittelfeldspieler ihn mit ein paar Knallkörpern in der Hand in einer Trainingspause zum hinteren Trainingsplatz lockte. „Besondere Böller“ hatte Gravesen damals angekündigt.

Und damit hatte er nicht zu viel versprochen.

Der Trainingsplatz hinter dem einzigen damals mit Rasenheizung ausgestatteten Platz auf der Anlage Ochsenzoll lag etwas abgelegener, mit einem großen freien Feld dahinter. Genau der richtige Ort für Gravesen, seine „besonderen“ Böller zu zünden. Also buddelte er ein kleines Loch, steckte die beiden Knallkörper hinein und überließ Jepsen die ehrenvolle Aufgabe, die Knallkörper anzuzünden. Der tat auch wie befohlen und wunderte sich nicht schlecht, als er sah, wie Gravesen im Vollsprint abzog. „Er sagte nur, ich solle mich besser beeilen“, erzählte Jepsen damals, „und ich tat das dann auch.“

Denn, und das hatte Gravesen verschwiegen, es waren wirklich „besondere“ Knallkörper. Eben solche, die man nicht im freien Handel einfach so kaufen kann, sondern Dynamit. Zwar nur kleinere Mengen – aber eben Dynamit. Gravesens größtes Problem damals war, den rund einen Meter großen und etliche Zentimeter tiefen Krater unauffällig zu schließen. Und während Gravesen damals behauptete, er hätte alles so geschafft, dass es keiner gemerkt hätte, behauptete Trainer Frank Pagelsdorf damals, er hätte es bemerkt, sei aber nicht weiter vorgegangen.

Egal wie, Gravesen hatte damals nicht nur auf dem Platz für eine Menge Zündstoff gesorgt. Und obgleich sich der Verein damals damit brüstete, seinen Dänen mehrmals mit Geldstrafen sanktioniert zu haben, behauptete Gravesen damals – und das schwor er uns Reportern bei seinem Abschied – er habe nie auch nur einen einzigen Pfennig Strafe an den Verein bezahlt. Er habe es einfach nicht eingesehen, so seine einfache Begründung.

Egal wie, das Beispiel Gravesen ist für mich eines, das sicher grenzwertig ist. Allerdings war er es auch, der in der Mannschaft für Reibungspunkte sorgte und fast immer sportlich vorwegmarschierte. Gravesen verlieh der Mannschaft von damals, die mit vergleichsweise durchschnittlichen Spielern wie Groth, Panadic, Wojtala, Straube, Fischer oder auch Trejgis anschließend Siebter wurde, Leben. Er verließ sich nicht allein auf sein individuelles Können und kassierte sein Gehalt, sondern er war ein Typ. Ein Durchgeknallter zwar – aber allemal ein liebenswerter und gern gesehener Mannschaftskamerad. Einer, wie ich ihn in Hamburg lange nicht mehr gesehen habe.

Aber vielleicht bringt Arnesen ja den nächsten Gravesen noch mit. Zumindest mit Dänen wird sich der HSV-Sportchef auskennen.

In diesem Sinne, fahrt vorsichtig und einen explosivem Donnerstagabend,

Scholle
17.50 Uhr

P.S.: Sollten sich heute überraschenderweise doch noch Neuigkeiten ergeben, werde ich sie hier unter „P.S.“ hinzufügen und oben in der Überschrift mit „Ergänzung“ kennzeichnen.