Tagesarchiv für den 8. Juni 2011

Manfred Kaltz und “sein HSV”

8. Juni 2011

Eine schöne Trikot-Frage: Wann hat Manfred Kaltz eigentlich sein erstes Bundesliga-Spiel für den HSV bestritten? Am 20. August 1971 – er war 18 Jahre alt. 18! Beim Spiel in Dortmund, es gab ein 1:1, das Tor erzielte Uwe Seeler. Und wann hat der „alte Kaltz“ sein letztes Erstliga-Spiel für den HSV bestritten?das war am 17. april 1991, es im Volkspark dank der Tore von Jan Furtok und dreimal Nando einen runden 4:0-Sieg gegen? Borussia Dortmund! So schließt sich der Kreis. Kaltz wurde in der 82. Minute für Thomas Stratos eingewechselt. Seit dieser Zeit ist er der erfolgreichste HSV-Profi aller Zeiten. Ich traf mich mit ihm, um über die damalige Zeit und um über die Zukunft des HSV zu sprechen.

Alle diejenigen, die nun wieder damit rechnen, dass Manfred Kaltz mit „seinem HSV“ hart ins Gericht geht, dass er an „seinem HSV“ kein gutes Haar lässt, die werden nun wahrscheinlich enttäuscht sein, denn: Der gute „Manni“ Kaltz hat seinen Frieden mit „seinem HSV“ geschlossen. Ich traute erst meinen Ohren nicht, dann aber, das gebe ich gerne zu, habe ich mich tierisch gefreut. Kaltz redet immer von „wir“, wenn er über „seinen HSV“ spricht. Von „wir“! Unglaublich, aber wahr. Da wächst wieder etwas zusammen, was auch eigentlich (längst wieder) zusammen gehört.

Wie war das damals, „Manni“ Kaltz, als die drei A-Jugendspieler Kaltz (TuS Altrip), Rudi Kargus (Wormatia Worms) und Caspar Memering (Werder Bremen) nach Hamburg und zum HSV kamen? Große Rosinen im Sack gehabt? Oder eher kleinere Brötchen gebacken? „Erst war ich da, dann haben Gerhard Heid und ich Rudi Kargus geholt, dann sind wir bei Nacht und Nebel nach Bremen gefahren und haben Memering aus dem Werder-Jugendinternat nach Hamburg geholt. Wir kannten uns ja alle aus der Jugend-Nationalmannschaft“, sagt Kaltz. Und er fügt hinzu: „Wir sind gleich für die Profi-Mannschaft geholt worden, da gab es keinen langen Umweg über die Amateure. Ich wollte schon immer und auch immer gleich ganz nach oben, dafür habe ich Gas gegeben.“ Damals gehörten noch Seeler, Willi Schulz, Harry Bähre, Bubi Hönig, Jürgen Kurbjuhn, Klaus Zaczyk, Georg Volkert und andere gestandene Spieler zur Liga. Und dazu eben die junge Garde.

Kaltz spielte zwei Jahre als „Amateur“ bei den Profis, weil er mit der Olympia-Nationalmannschaft an de Olympischen Spielen teilnehmen wollte. Er hatte einen Amateur-Vertrag und war dazu Angestellter im HSV-Ochsenzoll – so wurde das damals gemacht. Trick 17. Nach zwei Jahren erhielt er dann seinen ersten Profi-Vertrag. Da hatte er nach zwei Spielzeiten schon 65 (!) Erstliga-Spiele auf dem Buckel. Er hatte es auf Anhieb geschafft, sich einen Stammplatz beim HSV zu erkämpfen. Weil er Biss hatte. Von Beginn an. Er nahm alles mit, was ihn nach oben brachte. Die Olympia-Auswahl auch: „Das war damals ja was, da konnte man sich schon in den Vordergrund spielen, deswegen wollte ich da unbedingt mitmachen.“ Auch drei B-Länderspiele hat er absolviert: „Ich wollte nach oben, deswegen habe ich nichts ausgelassen.“

Kaltz hat offenbar alles richtig gemacht, um ganz nach oben zu kommen. Beim HSV war er sofort bestens aufgenommen. Nicht nur er, auch Kargus und Memering: „Wir mussten jeden Tag trainieren, das war zuerst ganz schön hart, eine riesige Umstellung. Aber es gab für mich nur eines: Gas geben. Ohne Ende. Und das Gute daran war: Die erfahrenen Spieler haben es uns bestens vorgelebt, die hatten alle eine vorbildliche Einstellung, da ließ sich keiner hängen, die gingen immer voran.“ Und dazu gab es mit Klaus Ochs einen Trainer, der auch mit bestem Beispiel voran ging – so Kaltz.

Ein Jahr später kamen junge Leute wie Haltenhoff, Hochheimer, Krause, Nobs, Hidien, Eigl, Selke, Krobbach und andere. Die junge Garde geriet zwar mit dem HSV noch einmal (1972/73) in arge Abstiegsgefahr, aber alsbald ging es bergauf. Noch heute gilt diese Verjüngungskur als bestes Beispiel, wie sich ein Klub selbst an den Haaren aus dem Sumpf zieht, es gilt als eine Art Jugend-Wunder. Für Kaltz aber ist es kein Wunder: „Es gab den Gerhard Heid, und der hatte einen Blick für Talente, der holte nur gute Leute. So einfach war das zu erklären. Die ersten drei Jungen, die Heid geholt hatte, sind zum Beispiel alle Nationalspieler geworden.“

Und heute? Ist diese Art des Umbruchs von damals noch einmal wiederholbar? Kaltz^: „Unser Erfolg damals war ja auch damit zu begründen, dass wir nicht nur ein Jahr beim HSV geblieben sind. Wir waren ja über viele Jahre hier. Teilweise ein Jahrzehnt und mehr. Wo gibt es das heute noch? Diese Zeiten sind vorbei, und sie kommen auch nicht wieder.“ Und dann sagt er etwas Entscheidendes: „Wir sind auch deswegen als HSV aufgeblüht, weil wir eine Mannschaft waren.“ Leicht gesagt, schwer zu werden. Kaltz: „Heute hast du alle Nationalitäten im Team. Alle. Wie soll das funktionieren? Das kann nicht klappen. Die Charaktere sind doch viel zu verschieden. Wir waren uns damals alle einig, dass es nur miteinander geht. Und dazu hat sich dann auch jeder Spieler weiterentwickelt. Heute die Talente, die spielen eine halbwegs gute Saison, dann stagnieren sie – oder sie entwickeln sich zurück.“

Und was trieb ihn an? „Ich wollte immer nur spielen, spielen, spielen. Und Spaß haben beim Fußball. Mir musste auch keiner von den Alten in den Arsch treten, damit ich mal mache – ich habe von allein gemacht. Immer. Solche jungen Leute sind heute doch auch zu Raritäten geworden. Was aber nicht nur an den Jungen liegt, das sage ich auch ganz klar. Die Talente brauchen innerhalb der Mannschaft Vorbilder, die brauchen erfahrene Säcke, die mit bestem Beispiel vorangehen. Ich hatte die beim HSV immer um mich herum.“

Heute hält sich schnell ein jeder Spieler für einen Star, sobald er einmal drei Tore erzielt hat. Manfred Kaltz sagt klipp und klar: „Ich sehe schon lange keinen Star mehr beim HSV. Wer ist denn ein Star? Kevin Keegan war ein Star. Aber alle anderen, die danach kamen? Nein, nein, da ist kein Star mehr zu sehen. Ein Star ist auch nicht nur durch sein Star-Gehabe ganz vorne, sondern in erster Linie durch seine Leistungen. Und zwar in jedem Spiel. Und das ist heute beim HSV von niemandem zu sehen.“ Da spricht er einen wunden Punkt an: „Wenn ich lese, dass sich jetzt auch schon Spielerberater einschalten, um gegen den Klub Stimmung zu machen, dann fehlt mir jegliches Verständnis. Was haben die sich einzumischen? Das würde ich mir auch an Stelle des HSV verbieten. Die Spielerberater sollen ihre Spieler beraten, aber das tun sie ja auch nicht. Die halten immer nur ihre Hände auf, wenn es gilt, bei einem Wechsel Millionen zu verdienen . . . Eine schlimme Entwicklung.“

Manfred Kaltz sieht den HSV jetzt auf dem richtigen Weg. Der Umbruch musste auch für ihn kommen. Kaltz: „Ganz klar, wir müssen jetzt kleinere Brötchen backen, der Etat muss zurückgefahren werden, aber das werden wir überleben. So ist es nun einmal, denn zuletzt haben wir ja hier über unsere Verhältnisse gelebt, und nicht zu knapp. Und dabei wurde nichts gewonnen. Nun müssen wir erst einmal wieder versuchen, national nach oben zu kommen. Wenn uns das gelingt, dann wird das Internationale ganz von allein kommen. Aber erst einmal müssen wir unsere Hausaufgaben erledigen, müssen wir zwei, drei Jahre eine neue Mannschaft aufbauen.“ Das wurde allerdings auch Jahr für Jahr versucht. Und immer wieder gab es Rückschläge. Die Gründe dafür? „Manni“ Kaltz: „Jahrelang wurden Leute geholt, die nicht zum HSV passten. Es gab eine Einkaufspolitik, die war haarsträubend, da war keine klare Linie erkennbar. Und das, obwohl sich der HSV mit dem Stadion und mit dem Trainingsgelände so hervorragend entwickelt hatte.“

Jetzt plädiert er dafür, dem Trainer das Vertrauen auszusprechen, damit er in Ruhe arbeiten kann. Und dazu muss abgewartet werden, wie sich die jungen Spieler einfügen: „Es wird schon was passieren beim HSV, auch wenn wir bei Null anfangen. Aber Carl Jarchow ist ein guter Mann, ich halte auch viel von Frank Arnesen, auch von Michael Oenning – da kann sich etwas entwickeln. Dazu halte ich Hilke für den richtigen und für einen guten Mann in der Marketing-Abteilung, das scheint alles zu passen. Muss es auch, denn es muss von oben stimmen. Stimmt es da nicht, kann es auch keinen Erfolg in der Bundesliga geben. Doch ich glaube, dass der HSV da jetzt auf einem guten Weg ist.“

Hört, hört. Manfred Kaltz lobt den HSV. „Seinen HSV“. Gut zu hören, wirklich gut zu hören. Fachleute wie ihn kann der Klub bestens brauchen, und ganz offensichtlich will Kaltz das auch. Carl-Edgar Jarchow hatte ja Gespräche mit den alten Recken, mit den HSV-Legenden angekündigt, und offenbar verfehlt dieses Vorhaben nicht seine Wirkung. Es wird wohl nicht nur gequatscht, sondern auch etwas getan. Bravo! Fazit von Kaltz: „Jetzt gibt es keine Sprechblasen mehr, es wird gehandelt.“ Und er wird, davon bin ich nach diesem Gespräch überzeugt, ein Teil des Ganzen sein. Ein kleines Wunder. Obwohl er sagt: „Sauer war ich eigentlich nicht. Und das, was zwischen mir und dem HSV stand, das wurde nun ausgeräumt. Einzig wunder Punkt, der noch geblieben ist, das ist das fehlende Abschiedsspiel, aber das kann ja eventuell noch einmal nachgeholt werden – in irgendeiner Form.“ Wobei er es natürlich verdient hätte – als erfolgreichster HSV-Spieler aller Zeiten. Kommentar Kaltz: „Das lässt sich ja nun nicht leugnen, darum kommt keiner herum.“

Dabei sagt er auch: „Ich bin damals nicht angetreten, dass ich hier zehn Titel holen wollte. Das hat sich so ergeben. Aber die heutige Generation weiß doch gar nicht wie das ist, einen Titel zu holen. Titel holen aber, das will gelernt sein. Ich stand in allen Endspielen, habe alle auch einmal verloren, aber das bringt dich auch voran. Die reden heute immer alle vom Gewinnen, von Titeln, aber kaum einer ist bereit, dafür alles zu geben. Ich habe mit Felix Magath als Spieler trainiert, der hat alle und jeden mitgerissen – was ist der gelaufen im Training. Unfassbar war das. Ich glaube ja auch, dass heute zu wenig im Training getan wird.“ Er sagt weiter: „Wenn ich mich heute mit Felix darüber unterhalte, dann sagt er, dass es gar nicht möglich ist, so hart zu trainieren, denn viele Spieler kippen ja bei einer etwas größeren Belastung um wie die Fliegen. Die sind heute zu verweichtlich. Wenn ich aber im Training bis an meine körperlichen Grenzen gehen kann, dann kann ist es auch im Spiel. Siehe Dortmund, die können das. Und noch eines kam früher für mich hinzu: Ich wollte immer noch dazulernen. Selbst dann noch, als ich 28 oder 29 Jahre alt war.“

So, das war es zunächst – um nicht z lang zu werden.

Zwei Dinge noch am Rande: Der Verkauf von David Rozehnal an Frankreichs Meister (!) Lille nimmt Züge an, er wird wohl für 2,5 Millionen wechseln. Und bei Alex Silva deutet nun endlich alles auf ein Ende hin. Zum Glück.

15:25 Uhr