Tagesarchiv für den 7. Juni 2011

Von Zebec, Ristic und Happel

7. Juni 2011

Marcelino García Toral ist der neue Trainer beim FC Sevilla, der 45-jährige Spanier darf sich ab sofort darin versuchen, den deutschen Nationalspieler Piotr Trochowski wieder in die Spur zu bekommen. Und: Der Niederländer Martin Jol ist neuer Trainer beim englischen Erstliga-Klub FC Fulham. Der 55 Jahre alte ehemalige HSV-Coach unterschrieb einen Zweijahresvertrag mit Option auf ein Verlängerungsjahr bei jenem Klub, der dem HSV einmal empfindlich wehtat. Und die Sache mit Jeffrey Bruma, der ja noch zum HSV kommen soll, nähert sich der Entscheidung. Eine positiven Entscheidung, so glaube ich. Das sind sie aber schon, die Neuigkeiten, die heute, am 7. Juni 2011, so aus der HSV-Richtung und aus dem Volkspark auf uns “einprasselten”. Da aber der nächste Chelsea-Spieler, den der HSV verpflichten wird, leider noch ein paar Tage auf sich warten lässt, herrscht Ruhe im Karton. Zeit für mich, mit der angekündigten Trainer-Runde zu beginnen.

Mit Branko Zebec kann ich leider noch nicht dienen. Zu seiner Zeit war ich noch kein Schreiberling. Dennoch habe ich ihn mehrfach erlebt, denn ich machte damals, als er HSV-Trainer war, meinen Trainerschein in Ochsenzoll. Wir zogen uns in jenem Hause um, in dem auch die HSV-Profi-Mannschaft beheimatet war, wir trainierten auch parallel auf einem Nebenplatz, wenn sich die HSV-Profis nach der Pfeife von Branko Zebec bewegen mussten. So habe ich am Rande auch mitbekommen, dass er seine Spieler Runde um Runde drehen ließ. Zebec saß am Rande im Gras, legte Stöckchen um Stöckchen vor sich, um so mitzählen zu können, wie viele Runden schon gedreht worden sind. Dass sich der eine oder andere Profi bei diesen Dauerläufen gern einmal ausklinkte (und sich hinter einem ganz dicken Baum versteckte), das bekam Zebec nicht mit. Weil er auch vor dem Training schon gelegentlich Alkohol zu sich genommen hatte.

Eines Tages stand Zebec in den Umkleideräumen in Ochsenzoll vor mir, die Gelegenheit, mir ein Autogramm geben zu lassen. Es war nicht geplant, deswegen hielt ich ihm ein Lehrgangsbuch (über die Trainerlehre) hin. Er sah sich das Buch an, sah mich an, dann sagte er: „Dann wünsche ich mal viel Erfolg, vielleicht sind Sie eines Tages mein Nachfolger . . .“ Das hat dann aber doch nicht so ganz geklappt, denn er war schneller weg beim HSV, als ich die B-Lizenz hatte. Dass ich später tatsächlich einmal ein Angebot des HSV bekommen sollte (was mir Gerd-Volker Schock unterbreitete), das war sicherlich reiner Zufall. Ist ja aber auch nichts geworden. Das nur am Rande.

Nachdem Zebec entlassen worden war, übernahm am 1. Januar 1981 Aleksandar Ristic als Interim-Coach. Da war ich dann schon Schreiberling bei einer kleinen Zeitung in Schleswig-Holstein, und ich durfte (oder musste) auch über den HSV berichten. Mit einem kleinen Fotoapparat bewaffnet musste ich auch Fotos „knipsen“. Weil das nicht so leicht war (damals), mogelte ich mich oft ein paar Meter auf den Platz. Sah das Ristic, so kam er leise fluchend auf mich so und schmiss mich mit unfeinen Worten vom Acker. Dazu muss man wissen: Es gab damals ja keine großen „Tüten“, mit denen die Fotografen auch aus der Ferne die tollsten Fotos schossen. Das war einfach nur schwer. Und weil das so war, durfte der Bild-Fotograf Boris Heller stets „mitspielen“. Der ältere Herr durfte, im Gegensatz zu mir, auf den Rasen, um seine Fotos zu machen. Oft stand er den Spielern im Wege, aber es wurde geduldet. Was ich damals irgendwie doch ungerecht empfand, aber es wurden eben gewisse Unterschiede gemacht.

„Aleks“ Ristic war mir aber allein deswegen immer nicht so geheuer. Das war ein unheimlich scharfer „Hund“, der nicht nur böse knurren und „bellen“ konnte, sondern auch sehr, sehr böse guckte. Wenn Blicke töten könnten . . . Ich würde heute garantiert nichts mehr schreiben können. Mit seiner Art setzte Ristic aber nur das fort, was Zebec ihm offenbar mit auf den Weg gegeben hatte. Disziplin ging über alles, Härte war gefragt, auch die Härte gegen sich selbst. Um einmal einen Vergleich zu wagen: Der später zum HSV kommende Egon Coordes war eigentlich ein Waisenknabe gegen Ristic.

Ein kleines Erlebnis noch am Rande: Als mein damals kleiner Sohn Andre einmal mit zum Training war, ging er den langen Gang von oben bis zum Trainingsplatz hinunter – Aleksandar Ristic hinter ihm. Weil es dem Trainer nicht schnell genug ging, oder weil es dem Trainer gerade mal in den Sinn kam, stellte er dem kleinen Knaben ein Bein. Andre kam ins Straucheln, Ristic konnte überholen – und freute sich über seinen „Geniestreich“ diebisch. Ja, er konnte schon giftig und auch ein wenig zynisch sein, der Mann vom Balkan.

Jahre, viele Jahre später hatte dann auch ich ein Aha-Erlebnis der besonderen Art. Der HSV weilte zu einem Turnier in Porec (Kroatien). 1999 muss das gewesen sein, ein Turnier mit Sturm Graz und Varteks Varazdin. Wir Hamburger Journalisten saßen abends im Hotel und sahen in der großen Halle an der Rezeption deutsches Fernsehen, als mich plötzlich jemand von hinten am „Schlawittchen“ packte – und mich dazu anraunzte: „Wenn du noch einmal etwas Böses im Doppelpass über Aleksandar Ristic sagst, dann lebst du nicht mehr lange . . .“ In Kroatien sah man ganz offenbar auch das DSF, und in der Tat hatte ich Wochen zuvor in München sitzend nicht gerade gut über den Trainer Ristic gesprochen. Und das sah man in seiner Heimat wohl nicht ganz so gern . . . Zum Glück für mich endete dieser Zwischenfall friedlich.

Was seinerzeit für Ristic sprach: Als im Sommer 1981 Ernst Happel verpflichtet wurde, ging Ristic wieder klaglos zurück ins zweite Glied, er blieb als Co-Trainer in Hamburg. Das macht ja nicht jeder. Einmal am Chef-Posten „gerochen“, dann gibt es eigentlich kein Zurück. Das war bei Ristic anders.

Aber ganz offensichtlich hatte dieser Aleksandar Ristic auch zwei Gesichter. Die meisten Spieler sprechen heute noch voller Respekt über ihn. So wie der damalige HSV-Torwart Jupp Koitka: „Menschlich war der Aleks voll in Ordnung, der war in seinen Entscheidungen einwandfrei. Klar, sachlich, kurz, hart und diszipliniert. Wenn man ihm auf diesem Weg folgte, hatte man es gut bei ihm.“

So, über den legendären Ernst Happel habe ich an dieser Stelle schon genügend geschrieben. So u. a. am 30. September 2009 – wer nachsehen will. Happels Verhältnis zu seinen Spielern war einmalig. Jeder, wirklich jeder von ihnen stand stramm, wenn der „Alte“ etwas gesagt hat. Mir war Happels großer Erfolg immer ein wenig schleierhaft, denn vom Training her machte er nichts anderes, als seine Vorgänger oder Nachfolger. Aber bei jeder Einheit von ihm lag etwas in der Luft. Das kann man nicht beschreiben. Als Zuschauer sah man nur, dass alle parierten, dass niemand wagte, aufzumucken. Wenn bei einem Trainer hundertprozentig konzentriert gearbeitet wurde, dann bei Happel. Der musste im Grunde genommen nur einmal scharf blicken, schon wusste jeder, was er zu tun und zu lassen hatte. Und wenn Happel mit dem Mund pfiff, ganz kurz, nicht besonders laut, dann war Gefahr im Verzuge. Der Pfiff war so, als wenn man mit zwei Finger im Mund pfeifen würde, aber Happel schaffte es ohne einen Finger! Dreimal pfiff er stets, ganz kurz, ganz knapp: „Pffft, pffft, pffft.“ Und schon blicken alle auf ihn. Voller Ehrfurcht.

Jeder Spieler, der heute über Happel spricht, gibt zu Protokoll, dass der Wiener einfach jene Ausstrahlung hatte, die ihn als unfehlbar erscheinen ließ. Happel sagte etwas, und niemand von seinen Jungs zweifelte an der Richtigkeit seiner Worte. Er sprach leise, aber immer eindringlich. Unerreicht. So einen gab es nie wieder beim HSV. Wird es wohl auch nie wieder geben. Wobei ich mich frage, ob ein Ernst Happel, so wie er sich in jenen HSV-Zeiten gab, heute noch in die Bundesliga passen würde? Ich habe meine Zweifel.

Wie ich ihn damals kennen gelernt habe, warum er damals (zum Schluss seiner HSV-Zeit) nicht mehr mit Journalisten sprach – das alles habe ich schon ausführlich geschrieben. Die „rote Zora“ und so. Mein Verhältnis zu Ernst Happel war aber besser, als zum Beispiel mein Verhältnis zu Huub Stevens. Happel, der nachts auch vor dem eingeschalteten Fernseher dass und sich das Testbild ansah (er sah einfach alles!), sprach auch in jenen Zeiten mit mir, als er offiziell schon schwieg. Er wusste genau, dass ich davon nichts schreiben würde. Und daran habe ich mich auch stets gehalten.
Man konnte schon auch nett plaudern mit ihm – wenn er bei Laune war. Und er hatte, was ihm viele nicht zutrauten, unheimlich viel Witz, er konnte auch herzhaft lachen – aber alles zu seiner Zeit. Oft genug grantelte er auch wirklich, diesem Ruf wurde er oft gerecht. Dann waren alle Luft für ihn. Und eines steht auch fest: So richtig nah ran an sich ließ er niemanden. Nur zwei, drei, vier Leute aus seinem näheren Umfeld hatten es immer gut bei ihm: Die Zeugwarte zum Beispiel. Oder auch Busfahrer Willi Meier. Und vor allem sein Kartenspiel-Partner Rudi Guthmann (eine Art Hilfszeugwart). Den nannte er fast liebevoll den „G’stauchten“, weil er so klein war.

Was Ernst Happel vor allen Dingen ausmachte, das war seine große Erfahrung, seine großen Erfolge im europäischen Fußball – und seine einmalige Konsequenz. Die zog er ohne große und ohne laute Worte eisern durch, ohne Rücksicht auf Verluste. Manni Kaltz schickte er vor einem Training nach hause („Bring’ erst deine privaten Dinge in Ordnung, dann kannst du wiederkommen“), Jürgen Milewski nannte er einen „Parasiten“, Peter Lux, Dieter Schatzschneider und Wolfram Wuttke stauchte er regelmäßig zusammen, und, und, und.

Aber er blieb stets gerecht. So auch im Kampf der Torhüter: Uli Stein und Jupp Koitka. Die hatten beide so ihre „Schreiberlinge“, die für sie Partie ergriff – öffentlich. Diese beiden Kollegen waren sogar bei einer Zeitung. Einer schrieb pro Stein, der andere pro Koitka. Also holte sich Happel beide Keeper zu sich in die Kabine und sprach: „Derjenige, der als nächster quatscht, der kann seine Koffer packen.“ Und Ende.

Dann passierte folgendes: Der Pro-Stein-Schreiber kramte ein altes Koitka-Zitat hervor, stellte es in die Zeitung. An jenem Tag klingelte bei Jupp Koitka das Telefon: „Hier Günter Netzer. Jupp, du trainierst ab sofort bei den Amateuren und kannst dir auch einen neuen Verein suchen.“ Das war hart. Koitka war wie vom Blitz getroffen, denn er hatte nach Happels Warnung „natürlich nichts mehr gesagt“. Aber es half alles nichts, er musste zu den Amateuren.

Allerdings klingelte in dieser Sache nach drei Wochen noch einmal das Telefon bei Koitka. Am anderen Ende der Leitung Ernst Happel: „Jupp, du kommst wieder zurück zu uns, ich habe nun erfahren, wie und was da gelaufen ist . . .“ Koitka heute: „Das fand dich natürlich hoch anständig von ihm, dass er da so über seinen Schatten springen konnte.“

Ja, so war Ernst Happel. Eine absolute Persönlichkeit. Und ich wiederhole mich gerne: So einen wird es nie wieder geben in Hamburg.

So, die Trainer-Galerie (meine HSV-Trainer-Galerie) wird fortgesetzt.
Eine kleine Kuriosität am Rande: Am Sonnabend schrieb ich ja, dass der HSV am Montag einen Deutsch-Türken verpflichten würde. Am Montag rief mich erst ein Kollege der Mopo an und sagte: „Danke für den Tipp, das war leichtes Arbeiten.“ Eine halbe Stunde rief mich ein Kollege der Welt an und fragte: „Wieso steht im Abendblatt-Internet, dass nach Mopo-Informationen Gökhan Töre zum HSV kommt?“ Gute Frage. Aber in allen Videotexten stand auch: „Nach Mopo-Informationen verpflichtet der HSV Gökhan Töre.“ So spielt das Leben. Aber auf das „Dankeschön“ des Mopo-Kollegen bin ich trotzdem stolz . . .

17.17 Uhr