Tagesarchiv für den 6. Juni 2011

Das große Schweigen – und ein Nähkästchen

6. Juni 2011

So, mit Gökhan Töre ist offensichtlich alles im Fluss, soll heißen, dass der gute Mann zum HSV kommen wird. Es soll, so habe ich erfahren, noch heute am Abend alles klargemacht werden mit dem Talent vom FC Chelsea. Und interpretiere ich es richtig, so ist der Deutsch-Türke tatsächlich erst einmal für Rodolfo Cardoso und die Regionalliga-Truppe vorgesehen. Das, obwohl Töre bis zuletzt noch von anderen Vereinen in Europa umworben worden ist. In diesem Falle aber zahlte es sich wohl aus, dass Frank Arnesen als „alter Bekannter“ die wesentlich besseren Karten gegenüber anderen Interessenten gehabt hat. Ansonsten ist noch kein weiterer Spieler im „Anflug“. Alle Namen (oder auch Nationalitäten), die in diesen Tagen oder auch Stunden gehandelt werden, sind für den HSV nicht relevant. Wir müssen uns also noch ein wenig gedulden, bis der nächste „Kracher“ kommt. Wobei mir auch schon wohler wäre, wenn der HSV den einen oder anderen Spieler jetzt doch schon bald verkaufen könnte. Ich denke da an Joris Mathijsen oder auch Guy Demel. Erst Spieler holen, dazu auch die ausgeliehenen Kräfte wieder eingliedern – und dann erst ans Verkaufen gehen, das ist aus finanziellen Gründen schon nicht gesund. Weiß doch dann jeder Interessent, dass der HSV verkaufen muss (!), weil er deutlich zu viele Spieler an Bord hat. Und das drückt in der Regel den Preis. Muss ja nicht sein.

Es gibt also noch viel, viel zu tun – für Frank Arnesen. Mit dem schon ein ganz anderes Zeitalter beim HSV eingeläutet wurde, denn: So richtig erfahren tut ja keiner mehr – vorher jedenfalls nicht. Früher wusste mal der oder auch mal der was, wohin der Sportchef geflogen ist. Welches Spiel er sich angesehen hat, welchen Spieler er beobachtet hat – all das passiert nun nicht mehr. Die Informanten sterben allmählich aus. Wobei es sich auch für die HSV-„Einkäufer“ auszahlt, dass der Aufsichtsrat nun nicht mehr über jeden Schritt, den der Sportchef macht, informiert wird. Ernst-Otto Rieckhoff hatte es bei der Informations-Veranstaltung vor Wochen im Volkspark schon angedeutet, dass er dem Vorstand geraten hat, den AR nun nicht mehr über alles und jeden zu informieren, und nach der Maxime wird nun auch gearbeitet. Zum Leidwesen, das gebe ich zu, aller Hamburger Sportjournalisten. Auch zu meinem Leidwesen, denn irgendwie waren die früheren Zeiten doch spannender. Aber gut, der „neue HSV“ will es eben einmal anders haben. Und ich stehe ja allem „Neuen“ aufgeschlossen gegenüber . . .

Und weil es derzeit nichts Neues gibt (außer Töre), habe ich mich entschlossen, noch einmal kurz aus dem Nähkästchen zu plaudern.

Beim „Durchkramen“ meiner Trainingslager-Erinnerungen kam ich auch an das Jahr 1992. Egon Coordes war HSV-Trainer. Ein ganz besonderer Mann. Mit dem ich in der Endphase doch einigen Ärger hatte, aber das steht auf einem andern Blatt.
Trainingslager in Eppan. Irgendwie hatte Coordes einen „Rochus“ auf Richard Cyron, den Mann aus Polen. Als das Training begann, beorderte der Coach Cyron auf die Laufbahn am Rande des Platzes und beschied ihm: „Laufen!“ Cyron lief und lief und lief – wie ein VW. Das gesamte Training über lief er am Rande, während seine Kollegen mit dem Ball auf dem Rasen herumtobten. Als Egon Coordes das Training beendete, dar aber keineswegs das Training von Richard Cyron beendet. Mannschafts-Betreuer (oder Mini-Manager) Horst Eberstein fragte den Trainer: „Und was ist mit Richard Cyron?“ Coordes einsenhart wie man ihn kennt: „Laufen!“ Die Mannschaft und der Trainer, sie alle rückten ab, zurück blieb der laufende Cyron. Der Pole würde wohl heute noch laufen, wenn Eberstein, der ebenfalls am Platz geblieben war, nicht eigenmächtig gehandelt hätte: „Richard. Laufen vorbei!“

Beide gingen ins Hotel, und als Coordes Cyron und Eberstein sah, fragte er den Betreuer: „Wieso läuft der nicht mehr?“ Eberstein: „Weil ich ihm das gesagt habe.“ Es gab, oh Wunder, keinen Ärger für Horst Eberstein, obwohl er es durch diese Eigenmächtigkeit geradezu heraufbeschworen hatte. Eberstein erinnert sich heute: „Irgendwie habe ich mich mit Coordes verstanden, ich war einer der wenigen, mit denen er keinen Ärger hatte.“ Warum Richard Cyron so lange einsam seine Runde drehen musste? Es blieb ein Rätsel. Egon Coordes klärte es nie auf.

Und wenn ich schon dabei bin. Coordes hatte, ich schrieb es glaube ich schon einmal, auch Ärger mit einem weiteren Polen beim HSV. Jan Furtok kam eines Tages (es war ein Freitag) den langen Gang aus der Kabine in Ochsenzoll auf mich zu. Ich stand dort ganz allein, alle Kollegen waren schon in ihre Redaktionen gefahren, ich aber brauchte noch eine Stimme, bevor der HSV per Bus in den Westen fuhr. Furtok kam also auf mich zu, schimpfte, meckerte und pöbelte laut vor sich hin – er ganz allein. Am Ende des Ganges fing ich ihn auf, nahm ihn in den Arm: „Jan, was gibt es denn so zu meckern?“ Furtok: „Dieser Trainer ist nicht ganz dicht.“ Ich: „Wieso das denn?“ Furtok: „Wir sitzen da alle beim Essen, plötzlich schreit der quer durch den Saal: Hey, Pole, nimm’ mal Hammer und Meißel zum Essen . . .“
Ich weiß jetzt ehrlich nicht mehr, ob Furtok Essen oder fressen gesagt hat, das schiebe ich hier schnell noch ein.
Jan sagte aber weiter: „Nur weil ich meinen Ellenbogen auf dem Tisch hatte und nur mit der Gabel aß.“ Völlig entrüstet sagte der polnische Nationalstürmer aber weiter: „Was will dieser Coordes? Bin ich hier zum Essen angestellt, oder doch eher zum Tore schießen?“

Letzteres, lieber Jan! Letzteres war es. ganz deutlich sogar. Obwohl ich Coordes, das verschwieg ich Furtok geflissentlich, doch auch ein wenig verstehen konnte, denn in meinen Augen geht die deutsche Esskultur ja immer mehr den Bach runter . . . Von wegen Ellenbogen auf den Tisch und nur mit einer Gabel im Essen herumfuhrwerken. Und, das will ich nicht verhehlen, vielleicht erinnert sich auch ein früherer Spieler von mir daran: Als ich junger Trainer war, flippte ich auch mal aus wie Coordes. Wir waren mit Hinschenfelde in der Heide, da aß einer meiner Jungs (um die 20 Jahre) in einem Restaurant auchganz ähnlich wie Furtok: Die eine Hand unter dem Tisch, die andere „kramte“ im Essen herum. Da sagte ich dem Spieler: „Thomas, lasse doch bitte mal den Hund los.“ Er erwiderte fragend: „Welchen Hund?“ Ich: „Den du da so krampfhaft unter dem Tisch festhältst.“ Es half. Der “Hund” bekam seine Freiheit, die zweite Hand landete immerhin auf dem Tisch. Die Hand, nicht der Ellenbogen!

So, dieser kleine Abstecher sei mir erlaubt, ich komme zurück zu Egon Coordes. Ich nannte ihn ja den „General“, denn er hatte immer einen mächtigen Befehlston (wie bei der Bundeswehr) am Leibe. Eines Tages ging es mit dem HSV in den Westen. Am Kamener Kreuz sollte gegessen werden. Alle Spieler raus aus dem Bus, rein ins Lokal. Und zuletzt Busfahrer Kurt Müller. Der beeilte sich sehr, überholte fast alle Spieler und stand als einer der ersten Profis im Lokal, um sein Essen in Empfang zu nehmen. Logisch: Müller wollte schnell fertig sein damit, um zum Bus zu gehen und jeden Spieler, der ebenfalls fertig war, wieder hinein zu lassen. Als Egon Coordes aber Müller („Hier kommt Kurt“) ganz vorne in der Schlange sah, wurde es laut: „Hey, Müller, was fällt dir ein? Bist du verrückt? Zurück, ganz nach hinten zurück, erst die Spieler, dann der Busfahrer.“

Müller ging. Ganz. Er verließ schmollend die Raststätte, wollte ganz weg von diesem vermaledeiten Ort. Horst Eberstein „roch den Braten“, ging hinterher, fragte Müller, was los sei. Müller klang entschlossen: „Es ist nichts mehr los, ich fahre den Bus jetzt nicht mehr weiter. So lasse ich mich nicht behandeln. Seht zu, wie ihr zum Spiel kommt, aber ich fahre nicht mehr weiter, Ich fahre jetzt nur noch allein nach Hause.“ Horst Eberstein musste alle seine Überredungskünste aufbringen, um diesen Eklat zu vermeiden. „Der HSV kam nicht nach Köln! Kampflos verloren! Busfahrer gab auf!“ So oder so ähnlich hätten die Schlagzeilen am nächsten Tag gelautet. Müller fuhr dann doch noch weiter, aber unter stillem Protest. Und ohne etwas gegessen zu haben . . .

Und noch einen echten Coordes. Punktspiel in Dresden. Die Mannschaft flog, das Präsidium auch, der Bus stand am Flughafen und sollte den Tross abholen. Dem HSV-Präsidium gehörten Jürgen Hunke (als Boss) und Manhard Gerber als Schatzmeister an. Hunke, das muss man wissen, sitzt immer und überall vorne links. Im Flugzeug ist das so, im Bus auch. Also setzten sich beide Herren vorne links, hinter Fahrer Kurt Müller, hin. Dort saß aber immer der Trainer. Als Coordes den Bus betrat, fragte der demonstrativ – hörbar bis in die letzte Reihe -, ob „sich hier jetzt jeder auf den Platz setzen dürfe, der ihm genehm ist“? Hunke und Gerber fühlten sich nicht angesprochen, sie blieben sitzen. Und Coordes blieb stehen. Und Müller wollte nicht fahren. Er sagte: „So lange jemand steht, darf ich nicht fahren.“ Der Platz neben Horst Eberstein war noch frei, aber Coordes tat den Teufel. Er blieb stehen. Patt-Situation nennt man wohl so etwas. Schließlich gab sich Kurt Müller einen Ruck, denn es stand ja am nächsten Tag ein Bundesliga-Spiel auf dem Plan. Müller fuhr dann doch mit dem stehenden (aus stillem Protest stehenden) Trainer Egon Coordes in Richtung Dresdner Hotel. Und die Spieler lachten sich klammheimlich einen ins Fäustchen . . .
Fußball-Bundesliga!
Herrlich!
Das war am 20. August 1992, tags darauf spielte der HSV 1:1 bei Dynamo, das Tor erzielte der eingewechselte Florian Weichert. Zu dem ich übrigens auch noch ein Nähkästchen habe, aber das folgt dann mal an anderer Stelle.

So, zum Schluss noch ein Brief an mich. Ich gebe ihn hier in verkürzter Form zum Besten, weil er – bis auf die veröffentliche Schlussphase – aus großen Lobeshymnen bestand, und mit denen möchte ich Euch nicht langweilen. Aber der Rest, den Ihr nun lesen könnt, regt zum Nachdenken an.

„Sehr geehrter Herr Matz,

. . . ich glaube, dass es wirklich erst dann wieder erfolgreiche Zeiten für den HSV geben kann, wenn nicht
nur die Vereinsführung gute Arbeit macht, sondern wenn auch die Basis wirklich zum Verein steht.

In diesem Sinne hoffe ich mal auf eine ruhigere Saison als die letzten. Dass es mal ein ganzes Jahr
keine Diskussionen über Trainer und Vorstände gibt und dass uns einige der jungen Talente in der 1.
Mannschaft ankommen und uns mit einigen schönen Momenten verzaubern.

Mit freundlichen Grüßen,
Sascha D.“

Das, was hier von Sascha beschrieben wird, ist meiner Meinung nach ein Grundübel. Die vielen Trainerwechsel, die sofortige Unruhe („Trainer raus!“), wenn es einmal nicht so läuft, wie erwartet. Das geht doch alles viel zu schnell. Wie soll sich so Kontinuität aufbauen? Geht gar nicht!
Ich habe mir mal so meine Gedanken gemacht, welche Trainer ich schon beim HSV alles erlebt habe, und das ist eine ganze Menge. Ich werde Euch in nächster Zukunft, so habe ich für mich beschlossen, mit meiner Sicht der jeweiligen Trainer-Dinge langweilen – auch als eine Art Nähkästchen. Ich werde das schreiben, was ich mit den Trainer seit Aleksandar Ristic und Ernst Happel alles erlebt habe, wie ich jeden von ihnen einschätze. Ist nicht nur ein Nähkästchen, sondern auch eine Art „Sommergeschichten.“ Und wenn Ihr dazu etwas beisteuern könnt, so dürft Ihr das sehr, sehr gerne tun – eventuell habt Ihr ja auch ganz besondere Erlebnisse mit dem einen oder anderen HSV-Trainer gehabt, die Ihr hier zum Besten geben könntet.
Dann mal los!
An die Gewinnspiel-Adresse.

18.33 Uhr