Tagesarchiv für den 4. Juni 2011

Noch ein “Sala”, Wien und ein Nähkästchen

4. Juni 2011

Schön, dass sich einige HSV-Fans in diesen Tagen noch richtig freuen können. So wie am Freitag, als sich hier Häme gegenüber den Hamburger Sport-Journalisten breit machte: “Wie toll, sie kriegen ja rein gar nichts mehr mit!” Nur weil keiner in der Stadt vorher wusste, dass der HSV den 19-jährigen Jacopo Sala verpflichten will – und dann auch verpflichtet hatte. Ja, soweit ist es nun schon gekommen. Aber keine Angst, niemand wird (von den Journalisten) Ärger mit seinem Chef bekommen, denn wer kannte denn schon vorher den U-19-Spieler der Italiener? Sala? Um es gleich hier vorne zu schreiben: Am Montag kommt ein weiterer „Sala“ zum HSV, also ein junger und talentierter Spieler. So er denn den Medizin-Check besteht – aber da stecke ich ja nun nicht wirklich drin. Ich will hier mit keinem Namen spekulieren, aber so viel kann ich verraten, es soll sich um ein deutsch-türkisches Talent handeln. Nun rätselt mal schön, bis Montag ist Zeit.

Noch ein Wort zu den Einkäufen dieser „Jünglinge“. Erstens finde ich, dass es voran geht, zweitens haben wir uns doch irgendwie alle eine junge, hungrige HSV-Mannschaft in der Saison 2011/12 gewünscht – oder? Einig waren wir uns, dass es so, wie es in den letzten Jahren lief, nicht weitergehen soll und darf, dass nun eine junge Truppe aufgebaut werden soll. Auch wenn wir den einen oder anderen jungen Mann (noch) nicht kennen, so vertraue ich doch darauf, dass Frank Arnesen genau das weiß (und es auch in die Tat umsetzt), was dem HSV in dieser Situation gut tun wird. Und dann lassen wir uns alle mal überraschen, was am Ende dabei herausspringt. Nur gegen den Abstieg sollte der HSV nicht kämpfen müssen, alles andere wird von mir akzeptiert. Ruhe und Geduld, dazu neue Strukturen und eine neue Hierarchie in der Mannschaft, dann könnte der Umbruch gelingen . . .

Kurz noch „meinen Senf“ zum Länderspiel-Sieg in Wien. Ich saß heute am Vormittag in einem Cafe und hörte – unfreiwillig (weil zu laut) – die Unterhaltung zweier Fußball-Experten. Der eine sagte: „Ich habe schon bald zum Tennis umgeschaltet, weil mir unsere Herren gegen die Österreicher doch nur mit angezogener Handbremse spielten. Ich hatte das Gefühl, dass sich da nur keiner mehr verletzten wollte, denn dann müsste der ja auf seinen Urlaub verzichten – und das wäre ja nun wirklich peinlich . . .“

Nun ja, ich sehe das nicht ganz so dramatisch, aber ich gebe zu, dass mich das deutsche Spiel doch schon aufgeregt hat. Wenn ich allein den Mann aus Köln gesehen habe – das war ja nicht einmal Freundschaftsspiel-Niveau. Körperloser geht es ja gar nicht. Sechs, setzen. Auf die Bank. Obwohl ich irgendwie auch verstehen kann, dass die Luft bei fast allen raus ist. Trotz der Tatsache, dass die Jungs, wie mein Cafe-Nachbar noch von sich gab, ja „immerhin dafür, dass sie Fußball spielen dürfen, doch viel, viel Geld verdienen“ Aber so eine lange Pause zwischen Saisonende und den Länderspielen – das ist einfach nur der größte Quatsch. Wobei wir Deutschen jetzt einmal merken wie es ist, wenn man Quali-Spiele austragen muss, aber die Saison nicht (mehr) läuft. Der Norden Europas und Teiles im Osten müssen das, weil ihre Spielzeiten anders als unsere gelagert sind, schon seit vielen Jahren als gegeben hinnehmen. Also sollten wir nicht groß jammern.

Apropos: Wie mag sich Dennis Aogo gefühlt haben? Ich habe es nicht gewagt, ihn anzurufen, er könnte das als Veralberung aufgefasst haben. Er wurde aus „Zeitschindungs“-Gründen für einige Sekunden in der Nachspielzeit eingewechselt, hatte keine Ballberührung mehr – und durfte sich nur noch über den glücklichen Sieg mitfreuen. Egal, er hat nun ein Länderspiel mehr auf dem Konto, und dazu würde ich ihm, so ich ihn denn irgendwann wieder spreche, auch ehrlichen Herzens gratulieren. Wobei ich nicht verstehen konnte, dass er nicht von Anfang an gespielt hat. Aber das ist vielleicht auch der Unterschied zwischen einem Deutschen-Meister-Spieler und einem Profi vom Tabellenachten. Objektiv betrachtet muss ich aber sagen, dass mir der „Aogo-Ersatz“ hinten links nicht sonderlich gefallen hat. Der „Indianer“ aus Dortmund, der vielfach mit seinem Tüdelband um den Kopf zu kämpfen hatte, wirkte auf mich alles anderes als souverän. Aber gut, das ist ganz allein die Sache des Bundestrainers – würde ein berühmter Hamburger Fußballspieler sagen. Ich schließe mich seinen Worten an.

So, und da es heute nichts Aktuelles mehr vom HSV gibt, will ich kurz noch einmal in die Vergangenheit abtauchen. Da geht mir schon seit Wochen durch den Kopf. Bald stehen ja gleich zwei Trainingslager für den HSV an, aus Sylt und im Zillertal. Und da habe ich beim im Oberstübchen herumgekramt: Was gab es eigentlich mal an Besonderheiten im HSV-Trainingslager? Und da ich wiederholt (und auch oft) schon um ein neues „Nähkästchen“ gebeten wurde, gebe ich nun meinen Gedanken freien Lauf.

Es muss im Frühjahr 1991 gewesen sein, der HSV auf Gran Canaria. Trainer Gerd-Volker Schock. Und vom Präsidium war damals Schatzmeister ernst-Otto-Rieckhoff mit. Und der „Otto“ hatte auch seine Frau dabei. Beide Rieckhoffs hatten eine tolle Idee, um die triste Trainings-Stimmung aufzumischen: eine Rallye. Gedacht, gesagt, getan. Es wurden Autos angemietet, und es gab die Tour- Einmal quer über die Insel. Die meisten Profis murrten. Sie wären zwar für Ablenkung vom harten Training gewesen, aber eine Rallye musste es nun wirklich nicht sein. Aber: Sie murrten, doch sie fügten sich.

Und einige nahmen diese Rallye auch wirklich ganz, ganz ernst. Zum Beispiel Schock. Der gab richtig Gas. Und war doch meistens in der Verfolgerrolle. Ich saß bei Schock im Auto, mit mir Holger Ballwanz und als Beifahrer Detlev Dammeier. Es wurde gerast, es wurden Kurven geschnitten, es ging die Serpentinen rauf und wieder runter. Teilweise der reine Wahnsinn. Das hätte keine Versicherung der Welt versichert, wenn das jemand mitbekommen hätte. Vor uns – alles kleine und ganz kleine Autos – fuhr auch eine Vierer-Kombination. Ich erinnere nur, dass Ditmar Jakobs und Sascha Jusufi dabei waren. Wir rasten Stoßstange an Stoßstange hintereinander her, und plötzlich mussten wir bremsen und die Scheibenwischer betätigen, denn denen vor uns war ganz offenbar schlecht (durch die hohe Geschwindigkeit) geworden – sie erleichterten sich nach außen, der Fahrtwind trieb es direkt auf unsere Frontscheibe – Schock konnte für einige Sekunden nichts sehen!

Aber als die Scheibe wieder frei war, ging es brutal weiter. Wie die Kinder sind die Gören . . . Wir kamen plötzlich an eine Kreuzung, an der weder die vorne noch wir dahinter wussten, wie es weiterging. Rechts oder links? Bevor diese Frage vor uns geklärt wurde, schrie Schock seinen Beifahrer, der die Karte auf dem Schoß hatte, an: „Dammeier, rechts oder links? Was ist nun? Mach schon, mach schon! Aber wenn du mir die falsche Straße sagst, das schwöre ich, dann machst du bei mir nie wieder auch nur ein Spiel . . .“ Der Druck auf Dammeier wuchs. Und er sagte, ohne es genau zu wissen: „Links.“ Schock raste los. Und wie. Und wie falsch. In der Ferne konnte man schon das Ende der Klippen sehen. Zum Glück sah der Trainer das auch. Rückwärtsgang einlegen – und auf Dammeier eine Hasstirade noch der anderen ablassen, das war eins. Herrlich.

Wie ich diese tollkühne Fahrt überlebt habe? Das frage ich mich auch noch immer. Wo ich doch der schlechteste Beifahrer aller Zeiten bin, was meine Kollegen von den anderen Zeitungen nur zu gerne bestätigen würden, denn sie sind oft schon mehr als nur am Verzweifeln . . .

Apropos: Zum Verzweifeln war die Pause bei dieser Gran-Canaria-Rallye. Wir trafen uns ganz oben im Norden der Insel, dort war – von den Rieckhoffs – ein Lokal angemietet worden – und ein Essen bestellt. Vielen aber war der Appetit vergangen, sie murrten nicht nur, sie maulten nun auch ganz offen – und sie kriegten tatsächlich keinen Bissen runter. Vor allem die Spieler, die im Wagen vor uns saßen . . .

Da die Ralley länger dauern würde, als bei der Abfahrt gedacht, hatten wir Journalisten ein ein ganz anderes, und zwar auch ein riesiges Problem: Wie sollen wir unseren heutigen Text per Telefon noch rechtzeitig zum Andruck nach Hamburg bekommen? In diesem angemieteten Lokal gab es kein Telefon (!), im Ort gab es nicht eine Telefonzelle (!) – und von einem Handy wagte damals noch niemand zu träumen. Guter Rat war teuer. Bis plötzlich der Mopo-Kollege (Dirk Andresen) gut gelaunt von einem Rundgang aus dem Dorf zurückkehrte: „Ich habe meinen Text gesendet.“ Toll. Und wie? “Ich habe so lange im Dorf gefragt, bis mir einer sagen konnte, wer dort ein Telefon hat.” Danke. Ich lief ebenfalls zu dieser alten Dame, andere Kollegen auch – sie hat wahrscheinlich nie wieder so viel Geld verdient, wie an diesem Nachmittag, als der HSV dort seine Visitenkarte abgegeben hatte. Natürlich riefen wir nur mit einem Lockanruf in Hamburg an, die Redaktion rief dann zurück, aber weil die kleine “Mutti” uns ihre dunkle und miefig riechende Kammer zur Verfügung gestellt hatte, gab es reichlich Geld für die Frau, die für mich eine Schwester von Inge Meisel (in der Endphase) hätte gewesen sein können.

So, ich will und möchte Euch nicht überfordern, schon gar nicht bei diesem herrlichen Wetter, also ende ich hier. Fortsetzung mit einem Trainingslager-Nähkästchen folgt aber, versprochen. Und denjenigen, die keine Bock darauf haben, denen sei gesagt: Bitte genießt die Sonne. Und zwar in vollen Zügen. Nicht meckern, sondern nur die Sonne genießen. Und sich über die vielen Neuerwerbungen des HSV freuen. Viel Spaß dabei.

PS: Detlev Dammeier spielte danach dennoch wieder für den HSV, natürlich, Schock hielt seinen Schwur nicht ein. Das nur – scherzhaft – am Rande. Und die Rieckhoffs, die es ja nur gut gemeint hatten mit der Rallye, die schworen sich: Nie wieder eine Rallye für die Fußball-Profis organisieren. Sie haben bis heute Wort gehalten. Obwohl sie damals nur leise – und leicht enttäuscht – sagten: “Wir haben es doch nur gutgemeint . . .” Natürlich.

18.02 Uhr