Tagesarchiv für den 3. Juni 2011

Ein Tor von Hertzsch – und ein Neuer

3. Juni 2011

Sommerpause! Aber irgendwas geht allerweil, heißt es im Süden. Irgendwo rollt ja immer noch der Ball. Heute in Osnabrück und in Wien, in dieser Woche rollte er auch noch in Sachsen. Da gab es das Finale um den Sachsen-Pokal. Warum ich das schreibe? Weil dort Rasen-Ballsport Leipzig das Endspiel gegen den Chemnitzer FC mit 1:0 gewonnen hat. Das allein ist ja nicht so spektakulär, aber wenn man genauer hinsieht, dann horcht man beim Namen des Torschützen doch auf: Ingo Hertzsch. Ja, genau, unser „Ingomann“, der von 1997 bis 2003 für den HSV 151 Bundesliga-Spiele bestritt – und dabei ein Tor erzielen konnte. Wäre doch einmal eine Trikot-Frage wert: Gegen wen schoss Ingo Hertzsch sein einziges Bundesliga-Tor? Ich sage es Euch – die „absoluten“ Experten werden es ohnehin wissen: Werder Bremen war es. 2:1 am 6. September 2000 im Volkspark gewonnen. Lang, lang ist es her.

Und dass der Ingo jetzt für RB Leipzig ein so wichtiges Tor schießt, das ist aus zweierlei Gründen erwähnenswert. Erstens spielen die Leipziger nun in der ersten DFB-Pokalhauptrunde mit, und zweitens war es sein letztes Tor in der „ersten Mannschaft“. Hertzsch, der im Juli 34 Jahre alt wird, beendete am Mittwoch mit dem Tor zum 1:0-Sieg seine Karriere. Mit Beginn der nächsten Saison geht er in der RB-Marketing-Abteilung, spielt dann aber noch ein wenig in der „Zweiten“ des Klubs. Er selbst hätte wohl gerne noch ein weiteres Jahr in der Regionalliga gespielt, aber der neue RB-Trainer Peter Pacult hatte offenbar andere Vorstellungen.

Aber wenn Hertzsch schon mal ein Tor schießt, dann, so dachte ich mir, kann man ihm ja auch mal gratulieren: Tor, Sieg, Pokal. Und bei der Gelegenheit spricht man dann natürlich auch über Hamburg und den HSV. Ingo, inzwischen Vater dreier Kinder (zwei Söhne, ein Mädchen), gibt zu: „Hamburg und der HSV, das war meine schönste Zeit im Fußball. Es ist der Traum eines jeden jungen Spielers, einmal Bundesliga-Profi zu werden, und ich bin es bei einem so großen Verein geworden – der Traum ist bei mir in Erfüllung gegangen.“ Zumal er noch mit zwei Länderspiel-Einsätzen gekrönt worden ist. Die Premiere gab es am 15. November 2000 in Kopenhagen, Teamchef Rudi Völler verlor mit seiner Mannschaft 1:2 gegen Dänemark, der zweite und zugleich letzte Einsatz im DFB-Trikot folgte am 21. August, es gab in Bulgarien ein 2:2.

Ein DFB-Trikot hängt unter Glas bei seinen Eltern, die immer noch bei Chemnitz wohnen. Er selbst hat aus seiner Hamburger Zeit noch einige HSV-Trikots als Andenken zu Hause. Er gibt zu: „Jetzt, mit dem Abstand den ich habe, kann ich es ja zugeben: Ich bin HSV-Fan, ich habe die Raute im Herzen. Und ich verfolgte den Klub noch immer sehr genau und gucke auch gerne bei den Spielen zu.“ Im Fernsehen. Und man macht sich so seine Gedanken. Ingo Hertzsch sagt zu sportlichen Seite des HSV: „Es ist keine Konstanz im Verein. Als ich damals nach Hamburg gekommen bin, gab es diese Konstanz noch, aber in den letzten Jahren war das ja nur ein einziges Kommen und Gehen. Da konnte sich nie eine Mannschaft entwickeln. Jedes Jahr ein neuer Trainer, der holte wiederum viele neue Spieler – das kann doch nicht gut gehen. Nirgendwo werden sich so auf Dauer Erfolge einstellen.“

Selbst viele Kilometer weit entfernt hat Ingo Hertzsch ein ganz besonderes Dilemma ausgemacht: „In meinen Augen kamen viele Spieler nur zum HSV, um den Klub als Sprungbrett für sich zu benutzen. Die wollten ein, zwei Jahren in Hamburg vorspielen und sich für andere Vereine interessant machen, und schon waren sie wieder weg. Da fehlte die Bindung zum HSV, so kann keine Einheit entstehen.“ Nun drückt er dem HSV die Daumen, dass es aus der Not heraus besser wird. Viele ältere Spieler sind gegangen, werden noch gehen, und das Geld ist knapp. Hertzsch: „Das ist auch die Chance des HSV. Jetzt kann man ein Gerüst aufbauen, man lässt junge Spieler über Jahre zusammenspielen, verstärkt sich nur noch gezielt – und dann kann der Verein vielleicht in zwei, drei Jahren wieder höhere Ziele anstreben.“

Kontakt zum HSV gibt es nur noch per Telefon, ab und an spricht er mit Teammanager Jürgen Ahlert. Dann kommen ganz sicher auch Erinnerungen an bessere HSV-Zeiten auf. Mit Ingo Hertzsch ging es im Jahre 2000 in Champions League. Der HSV hatte Jörg Butt im Tor, davor räumten mit Andrej Panadic, Nico Hoogma und Ingo Hertzsch drei harte Jungs ab. Der Wahl-Leipziger klärt auf, warum es damals so gut lief: „Rechts vor uns spielte Martin Groth, links vor uns Bern Hollerbach, in der Mitte Niko Kovac und Rodolfo Cardoso. Diese Spieler hatten ein Auge für die jeweilige Situation, die dachten nach vorne und nah hinten, die haben uns da hinten mit ihrem großen Spielverständnis viel, viel Arbeit abgenommen. Der Gegner wurde früh attackiert und unter Druck gesetzt das System war ideal für uns.“

Vorne lauerten mit Mehdi Mahdavika, Anthony Yeboah und Roy Präger drei Flitzer, die auch mal steil geschickt werden konnten: „Da hatte es jeder Gegner schwer, uns zu stoppen.“ Ingo weiter: „Daran sieht man auch, dass sich der Fußball verändert, weiterentwickelt hat. Heute brauchst du ganz einfach viele schnelle Leute im Team, sonst wird es kaum Erfolge geben. Wenn ich so nach Dortmund blicke, dann muss ich sagen, dass dort nur schnelle und technisch starke Spieler unter Vertrag stehen, die Borussia ist völlig verdient Meister geworden.“

Der HSV zur Jahrtausendwende hatte vielleicht von den Namen her nicht die beste Mannschaft, aber er hatte eines: ein Team. Diese Truppe hielt zusammen, da war jeder für den Nebenmann da. „Wir sind nach dem Training oft noch zusammengeblieben, haben geklönt. Da ist kaum einer mal aus dem Volkspark weggefahren und hat sofort vom HSV und vom Fußball abgeschaltet. Das war wirklich super, die Typen haben bestens zueinander gepasst“, sagt Ingo und fügt hinzu: „Das lag natürlich auch daran, weil wir uns gut untereinander kannten. Da wurde nicht jedes Jahr gewechselt, jeder wusste eigentlich von seinem Kollegen, wie er tickt. Das hat uns stark gemacht. Und es kam hinzu, dass wir viele Deutsche in der Truppe hatten. Da gab es kaum einmal Verständigungsprobleme – so wie das heute sicherlich der Fall ist. Die Kommunikation untereinander ist jetzt bestimmt deutlich schlechter geworden.“

Der Trainer damals hieß Frank Pagelsdorf. Der Abwehrmann über den routinierten Coach: „Die meisten seiner Einkäufe waren top, und sie haben vor allem menschlich auch gut gepasst. Da hatte er schon ein glückliches Händchen.“

Auf ein solches hatte auch RB Leipzig vor der nun beendeten Saison gehofft, denn eigentlich war mit der Großstadt und einem WM-Stadion im Rücken der Durchmarsch in Liga drei als Ziel ausgegeben worden. Viele Fans wird es gefreut haben, dass RB den Aufstieg verpasst hat, denn sie sind grundsätzlich gegen Retorten-Klubs eingestellt, aber ich denke, dass es gut für den Fußball-Osten gewesen wäre. Ingo Hertzsch kann die eine wie die andere Seite verstehen: „Wenn sich ein Fan darüber aufregt, dass da ein Geldgeber kommt, um sich mal eben eine Mannschaft zusammenzukaufen, dann ist das sicher nicht jedermanns Geschmack, dem stimme ich zu. Gerade aber für den Osten gilt doch eines: Hier gibt es keine Erstliga-Mannschaft mehr, auch deswegen, weil es an Sponsoren fehlt. Die besten Spieler des Ostens wandern in den Westen ab, weil dort das Geld sitzt. Gerade deswegen halte ich es für gut, wenn sich ein Sponsor wie Red Bull für den Osten interessiert und hier einen Leuchtturm installiert. So haben wir bald vielleicht mal wieder die Chance, die eigenen Talente auch bei uns zu halten. Und: Dass es ohne Geld nicht geht, das zeigt ja die Vergangenheit überdeutlich; die Leute hier haben es doch über Jahre vergeblich versucht, die haben immer wieder alles probiert, wieder in die Erste Liga zu kommen, doch es war ohne Chance.“

Vor diesem Problem, nämlich in die Erste Liga zu kommen, stand er HSV noch nie. Und wir bitten wohl alle darum, dass das auch so bleibt. Und darum bemüht sich auch derzeit der neue Sportchef Frank Arnesen ganz intensiv. „Scholle“, der nun krank das Bett hüten muss (gute Besserung!). hat davon zuletzt ausführlich berichtet. Was mich aufhorchen ließ, war die Passage mit Bastian Reinhardt. Der soll ja nach der Aussage von Arnesen ganz eng mit Lee Congerton in Sachen Nachwuchs und Talente-Eingliederung und -Heranführung zusammenarbeiten. Das ist auch gut so. Was ich mich aber frage: Was wird eigentlich aus den Leuten, die der Fast-HSV-Sportchef Urs Siegenthaler hier schon installiert hat? Paul Meier und Co – werden sie nun gehen müssen? Schwer vorstellbar, dass sie nebeneinander arbeiten sollen, die Meier-Fraktion sowie das Duo Congerton/Reinhardt. Zumal das ja auch eine finanzielle Frage sein dürfte . . .

Dass es ist im Profi-Fußball gelegentlich nicht nur ums Finanzielle geht, sondern auch um die menschliche Seite, das zeigte mir der Vatertag. Da las ich im Videotext, dass Guy Demel beim HSV bleiben soll. Und irgendwo stand dazu auch zu lesen, dass sich der „Giiiiiieee“ darüber freuen würde. Er war sogar wörtlich zitiert, dass er nun Klarheit habe, dass er jetzt wisse, woran er sei. Und dann war aus dem Munde von Arnesen doch genau das Gegensätzliche zu vernehmen. Nämlich dass Guy Demel gehen darf, sofern es denn ein passendes Angebot für beide Seiten gäbe. So grausam kann es eben auch zugehen, mitunter hängt das am seidenen Faden. Und es ist gewiss auch nicht immer leicht. Für beide Seiten. In diesem Fall aber besonders für den Spieler, der nun suchen muss, oder suchen lassen muss.
Okay, okay, mein Mitleid hält sich aber, das muss ich schon sagen, in Grenzen, denn selbst wenn Demel im August noch ohne neuen Klub wäre, würde er ja unglaublich weich fallen, denn dann könnte er ja in jedem Falle weiter für den HSV spielen. Und bekäme weiterhin pünktlich sein Gehalt.

So, um alle zu belohnen, die bis hierhin gelesen haben: Hier kommt nun noch etwas Aktuelles.

Der HSV hat heute Jacopo Sala verpflichtet

Italiens U19-Nationalspieler wechselt vom FC Chelsea zum HSV. Sportchef Frank Arnesen, der Sala seit vielen Jahren kennt und begleitet, ist von dessen Qualitäten restlos überzeugt. Der italienische U19-Nationalspieler wurde in Chelseas Jugendakademie ausgebildet. Der 19-jährige Offensivspieler, der in der vergangenen Saison vornehmlich auf der rechten Mittelfeldposition in Chelseas zweiter Mannschaft zum Einsatz kam, unterschrieb nach bestandenem Medizincheck einen Vertrag bis zum 30. Juni 2014. Sala stammt aus der Jugend von Atalanta Bergamo, wechselte als 15-Jähriger zum FC Chelsea und entwickelte sich zu Chelseas Schlüsselspieler im FA Youth-Cup, ehe er den Sprung in das „Reserve-Team” schaffte.

„Jacopo ist ein Spieler mit Zukunft”, begründete HSV-Sportchef Frank Arnesen die Verpflichtung, „er hat alle Jugendnationalmannschaften Italiens durchlaufen und besitzt hervorragende körperliche und spielerische Eigenschaften.” Sala selbst freut sich auf die neue Herausforderung: “Es ist für mich eine große Chance, beim HSV spielen zu können. Ich möchte mich möglichst schnell weiterentwickeln, um für den HSV in der Bundesliga aufzulaufen. Das wäre fantastisch, denn dieser große Verein ist etwas Besonderes. Egal ob ich in Italien oder England war – den HSV kennt man überall.”

Die Verjüngungskur des HSV geht also weiter. Fortsetzung folgt.

15.54 Uhr