Tagesarchiv für den 2. Juni 2011

Arnesen bittet um Geduld und ist zufrieden

2. Juni 2011

Zu früher Stunde bat er zur Audienz: Frank Arnesen, der neue HSV-Sportchef. Und alle kamen sie. Neugierig auf das, was der Neue zu berichten hat. Neugierig darauf, wie es personell weitergeht beim HSV. „Wir müssen etwas Geduld haben“, nahm Arnesen gleich etwas Fahrt aus dem Gespräch, „aber ich bin sehr zufrieden mit unserem ersten Spieler für den HSV.“

Der heißt bekanntlich Michael Ian Mancienne. Geht es nach Arnesen, wird der erste HSV-Engländer seit Kevin Keegan nicht nur „Määnschenn“ ausgesprochen sondern auch eine Soforthilfe. In England sei er mit seinen 1.84 Metern als Innenverteidiger nicht optimal gebaut gewesen. „Ich habe ihm gesagt, dass er nicht so ist wie John Terry oder Alex“, so Arnesen über Manciennes direkte Konkurrenz bei Chelsea, „und ich habe ihm gesagt, dass er in einer anderen europäischen Liga besser aufgehoben wäre. Sein Stil passt besser zu Deutschland als in die Premier League. Als ich ihm vom HSV erzählt habe, hat er nicht einmal gezögert. Er sagte sofort, das sei eine gute Idee.“

Und einmal angefangen, legte Arnesen bei seiner ersten Verpflichtung für den HSV gleich nach. „Michael hat rechts und links hinten, auf der Sechs und auf seiner besten Position in der Innenverteidigung gespielt. Er hat Tempo und wir wollen nach vorn spielen. Das kann er, er geht auch mal mit und treibt den Ball weg vom eigenen Tor. Er ist nicht zu groß, aber extrem sprung- und dadurch kopfballstark. Wir werden ihm Zeit geben, sich einzugewöhnen, aber er ist ganz klar eine Verstärkung und ein Spieler für die Startelf. Ich hoffe sogar, dass er über Deutschland den Sprung in die A-Nationalmannschaft Englands schafft. Denn er ist ein internationaler Spieler.“

Das gilt auch für Jeffrey Bruma, den man in Hamburg schon nahezu sicher wähnte, der sich aber noch mal Bedenkzeit erbat und aktuell mit der niederländischen Nationalmannschaft unterwegs ist. „Er ist noch zehn Tage unterwegs, wird sich danach hinsetzen und eine Entscheidung treffen“, sagt Arnesen, der weiter darauf hofft, nach Mancienne den zweiten Chelsea-Profi nach Hamburg zu lotsen. Ob er einen Trend sieht bei Bruma? Arnesen überlegt kurz, schüttelt den Kopf.

Viel mehr gab es auch bei Mathijsen nicht zu sagen. Klar sei, dass der Niederländer weg will und der HSV bereits ist, seinen Innenverteidiger ziehen zu lassen. Arnesen: „Es hat sich noch kein Verein bei uns gemeldet. Aber wir haben dem Berater gesagt, dass wir uns mit dem Thema beschäftigen, sobald sich jemand meldet.“

Gemeldet hatten sich jüngst – wie berichtet – die Berater von Guy Demel. „Es war ein sehr nettes Gespräch“, so Arnesen, „sie haben klar gesagt, dass Guy weg will. Wir haben ihnen gesagt, dass das für uns kein Problem ist. Wenn er einen guten Verein findet, werden wir ihm nach sechs Jahren beim HSV keine Steine in den Weg legen. Aber klar muss auch sein, dass am Ende alle Seiten zufrieden sein müssen. Der neue Verein, Guy und wir. Wir wollen ja keine unmenschlichen Summen – aber so geben wir ihn nicht frei.“ Zuletzt hätten ein paar vereine Interesse an Guy angemeldet, wie Arnesen, „und die können sich jetzt auch gern bei mir melden.“ Denn, anders als von Einzelnen berichtet, ist eine Vertragsverlängerung des Ivorers bis 2013 nie ein Thema gewesen. „Es ist sicher drin, dass er noch seinen Vertrag erfüllt, wenn wir keine Lösung finden. Aber klar ist, dass es in allen Gesprächen mehr ums Weggehen ging.“

Um die Zukunft geht es derweil bei Romeo Castelen. Der kniekranke Niederländer unterzieht sich derzeit intensiven Untersuchungen bei den HSV-Ärzten und soll nach Möglichkeit noch ein Jahr bleiben. „Er hat so viel durchgemacht, war immer positiv und hat eine fantastische Einstellung“, lobt Arnesen. Und das mit recht. Denn das, was Castelen durchgemacht hat, hat ihm früher die Karriere gekostet. „Ich hatte mit 25 Jahren nach langer Pause immer wieder Knieprobleme“, erinnert sich Arnesen zurück, „und eines Tages, nach einem Unfall, wusste ich: das war es jetzt. Noch auf der Trage wusste ich, dass das mein Ende wäre.“ Gedanken, die Castelen allemal hätte haben können – die er aber erfolgreich verdrängte und am letzten Spieltag sogar wieder im Kader stand. Arnesen: „Ich habe mit ihm gesprochen, und er hat mir gesagt, dass er dem Verein unbedingt noch etwas zurückgeben will. Das ist eine fantastische Einstellung.“ So fantastisch, dass der Verein überlegt, dem Niederländer einen neuen Einjahresvertrag anzubieten. Drücken wir Romeo mal die Daumen – ähnlich wie im Fall Mladen Petric. Der Kroate hatte in dieser Woche ein Gespräch mit Arnesen. Wie gestern bereits erklärt, ohne Ergebnis.

Ein Ergebnis steht indes in der Torwartfrage bevor. Zuletzt hatte uns Michael Oenning gesagt, dass er davon ausgeht, einen jungen deutschen Nachwuchskeeper suchen zu müssen, da sich Wolfgang Hesl, der aktuell zum SV Ried nach Österreich verliehen ist, nicht mit der Rolle des Ersatzmannes zufrieden geben würde. Bei Arnesen klang das heute etwas anders. Auch bei ihm ist Drobny klar die Nummer eins. Aber er scheint Hesl für seine Aufgaben in Hamburg begeistert zu haben. „Ich habe ihm gestern gesagt, dass es sein kann, dass er ein ganzes Jahr auf der Bank sitzt. Er soll sich Gedanken machen. Ich habe ihm gesagt, er soll sich nicht sofort entscheiden. Wir haben vereinbart, dass sich Michael Oenning nächste Woche noch mal mit ihm unterhält. Sollte Wolfgang zurückkommen, brauchen wir keinen neuen Torwart mehr zu suchen. Wir planen eh mit 25 Spielern inklusive drei Torhütern.“

Und während Arnesen keinen Zweifel daran ließ, dass Alex Silva aus seinem Verleihstatus verkauft werden will und soll, wusste er auf die Frage nach dem neuen (oder eben alten?) Mannschaftskapitän nicht sofort zu antworten. Es seien nach den Abgängen von Zé Roberto, van Nistelrooy und Frank Rost nicht mehr so viele Spieler mit viel Erfahrung im Team- „Und Heiko habe ich schon zu seinen Schalker Zeiten als hervorragenden Typen und Fußballer kennengelernt.“ Eine Entscheidung über den nominellen Leader sei aber noch nicht gefällt.

Außerdem sprach Arnesen noch…

…über Michael Oenning: „Ich habe Michael gesagt: ‚Los, fahr weg, fahr in Urlaub, du musst einen freien Kopf bekommen.‘ Ich habe ihm das gesagt, da ich weiß, wie intensiv der Trainerjob ist. Aber Michael wird das schon gut machen, er ist so ein intelligenter Trainer. Diese Intelligenz, dazu seine Kommunikationsstärke und diese Ruhe, die er in sich trägt – das hat mich vollends überzeugt. Unsere Gespräche waren hervorragend, weshalb ich gesagt habe, er muss diese Chance einfach bekommen. Denn er ist wirklich ein sehr guter Trainer, vor allem in unserer jetzigen Situation. Er weiß sehr, sehr gut mit jungen Spielern umzugehen, er kann sie formen und entwickeln. Und er kennt auch jeden deutschen Nachwuchsspieler, hat ein enormes Fachwissen im Nachwuchsbereich. Und das wird uns helfen, denn wir dürfen nicht nur auf heute schauen. Wir müssen auch schon jetzt unsere Spieler für morgen entwickeln. Und da ist Michael der genau richtige Mann.“

…über Bastian Reinhardt: „Wie Bastian sich verhalten hat und verhält, das ist höchst professionell. Das muss man ihm ganz hoch anrechnen. Und es zeigt auch, dass der HSV für ihn mehr als einfach nur ein Verein ist. Solche Leute brauchen wir, deshalb werden wir Bastian auch stark in den sportlichen Bereich einbinden. Er soll zusammen mit Lee Congerton, der im Nachwuchsbereich ein großartiges Fachwissen besitzt, Profis und Nachwuchs verbinden, den Austausch verstärken, als Ansprechpartner dienen. Für die Zukunft des Vereins sind die Nachwuchsarbeit und die Verzahnung mit dem Profibereich von entscheidender Rolle, und hier wird Bastian eine wichtige Rolle spielen. Ich bin sehr froh, dass wir ihn in unserem Team haben.“

…über seine Ziele mit dem HSV: „Ich denke nicht, dass wir momentan über eine genaue Platzierung als Ziel sprechen sollten. Unser Ziel muss sein, junge Spieler heranzuführen. Einen haben wir geholt, in den nächsten Wochen kommen hoffentlich noch ein, zwei dazu. Uns geht es darum, Spieler für heute zu holen – aber eben auch welche für morgen. Wir wollen den bestmöglichen Kader zusammenzustellen, uns in allen Bereichen gut aufstellen, auch an der Basis und für die Zukunft. Und unser Ziel muss sein, jedes einzelne Spiel zu leben, für den HSV alles zu geben, unsere Fans wieder für uns und unseren Fußball zu begeistern. Wenn Team und Fans wieder als Einheit marschieren, dann wäre schon viel gewonnen. Und der Rest kommt dann von ganz allein.“

In diesem Sinne, das hoffen wir doch alle.

Euch allen noch einen schönen Restfeiertag, morgen meldet sich der Blogvaddern wieder,

Macht’s gut,

Scholle

P.S.: Der HSV ist nicht wie zuletzt spekuliert an Josh McEachran vom FC Chelsea interessiert.