Monatsarchiv für Juni 2011

Bruma ist da – selbstbewusst und zielsicher

30. Juni 2011

Die Karnickel waren fleißig. Nächtelang haben sie gebuddelt und Tunnel unter das satte Grün des Sylter Stadionrasens gegraben. Ergebnis: das Testspiel wurde heute Mittag kurzzeitig abgesagt. Die zwei HSV-Greenkeeper überzeugten sich höchstselbst vom unbespielbaren Zustand des Platzes und sagten die Partie wegen der zu hohen Verletzungsgefahr für die Spieler ab. Womit Bernd „Fummel“ Wehmeyer auf den Plan gerufen wurde und kurzerhand Gott und die Welt (der Mann kennt jeden!) in Bewegung zu setzen und das Spiel auf den Trainingsplatz des HSV am „Nordsee-College Sylt“ zu verlegen, wo am morgigen Freitag um 18.30 Uhr der Anpfiff zum ersten Test des neuen, jungen HSV gegen eine Nordfriesland-Auswahl angepfiffen wird.

Was den rund 500 für heute erwarteten Zuschauern entgangen sein wird, ist der erste Auftritt von Jeffrey Bruma, der heute Nachmittag bei immer noch starken aber gegenüber dem Orkan am Morgen fast angenehmen Winden seine erste Einheit als HSV-Profi absolvierte. Dabei wirkte der Niederländer nach seinem kurzen Urlaub erstaunlich frisch. Am Ball zeigte er bei Passübungen wie beim Turnier, dass er zu den spielerisch besseren Innenverteidigern zählt. „Jeffrey ist noch sehr jung, hat aber schon bewiesen, dass er auf höchstem Niveau spielen kann“, lobt Trainer Michael Oenning und stellt damit den Unterschied zu den ebenfalls vom FC Chelsea gekommenen 19-Jährigen Gökhan Töre und Jacopo Sala heraus, „aber für ihn wie für alle anderen gilt das Prinzip: Wer Leistung anbietet, erhält seine Chancen.“

Den überaus positiven Eindruck wusste Bruma im Gespräch zu bestätigen. Gekleidet in seine neuen HSV-Klamotten, die so neu waren, dass am Polo-Shirt noch das Adidas-Schild hing, referierte der 19-Jährige locker, flockig und mit einem breiten Grinsen über seine Beweggründe, zum HSV zu wechseln. Und das in bestem Deutsch. „Ich habe die Sprache drei „Jahre lang in der Schule gelernt“, so Brumas Erklärung – auf Deutsch selbstverständlich.

Der gelernte Innenverteidiger hatte am Mittwoch nach seinem bestandenen Medizincheck in Hamburg einen Zweijahresvertrag unterschrieben. Dieser sieht vor, dass der FC Chelsea Bruma nach einem Jahr zurückholen könnte. Sollte das nicht passieren, hätte der HSV vor Ablauf des Leihvertrages eine Kaufoption zu einer festgeschriebenen Ablösesumme. Ob Bruma sich vorstellen kann, länger als zwei Jahre in Hamburg zu bleiben? „Ich habe keinen konkreten Karriereplan“, sagt Bruma, lässt allerdings zugleich keinen Zweifel daran, dass er große Ziele hat. „Ich bin jetzt 19 Jahre und am Anfang meiner Entwicklung. Ich hatte verschiedene Angebote. Drei aus England, von den Top-Klubs in den Niederlanden – aber der HSV ist die beste Option für mich. Ich will mich hier entwickeln und den nächsten Level erreichen. Dafür ist eine gute Mannschaft in einer Top-Liga wie die Bundesliga wichtig. Wenn ich hier gute Leistungen zeige, ist das auch gut für meine Nationalmannschaftskarriere.“ Und sein größtes Ziel ist, mit den Niederlanden bei der EM 2012 in der Ukraine und Polen dabei zu sein.

Was sich für den einen oder anderen nach der berühmt-berüchtigten Übergangsstation anhören mag, für die der HSV eine zeitlang verschrien war, ist vielleicht nicht falsch. Aber eben normal und okay, wenn der HSV davon profitiert. Und in diesem speziellen fall glaube ich, dass der HSV richtig gehandelt hat. Zumal Bruma nicht anfängt, irgendwelche Herzensgeschichten im Zusammenhang mit dem HSV populistisch anzuführen. Er ist kein Mann der Show, kein Schnacker. Im Gegenteil, der kantige Abwehrmann wirkt extrem ehrlich, scheint klar zu sein und keinerlei Starallüren zu haben. Er kommt sehr sympathisch rüber, ist höflich zurückhaltend, aber zielbewusst. Er scheint ein wenig das Gegenteil von Eljero Elia zu sein, der … naja, auch hier geloben HSV und Spieler Besserung – und dabei belasse ich es, weil ich weiterhin von den sportlichen Qualitäten des niederländischen Nationalspielers überzeugt bin.

Nein, Bruma weiß, dass er noch einen weiten Weg zu gehen hat. Er scheint devot gegenüber dem Profifußball und allem, was dazugehört. So legt er großen Wert darauf, seine Eltern um sich herum zu haben. Er sei kein Partygänger und wolle sich auf seinen beruf und seine Karriere konzentrieren. Dafür braucht er Sicherheit um sich herum. „In zwei Wochen, sobald ich eine Unterkunft für mich gefunden habe, kommen meine Eltern und bleiben für ein paar Monate.“ Zudem erwartet Bruma seine 19-jährige Freundin Jorja Zimmerman in ein paar Wochen. Allerdings, und das ist für Bruma ebenfalls ganz normal, „sie reist wieder zurück, weil sie noch sehr jung ist und gerade angefangen hat zu studieren. Aber sie wird mich so oft es geht besuchen.“ Einfach vernünftig.

Dabei hätte Bruma es sich leichter machen können. Seit Jahren buhlt der HSV um das Talent. Er selbst war einem Wechsel gegenüber nicht abgeneigt, hatte dies auch schon im Winter in Erwägung gezogen. Allerdings lehnte Chelsea, bei dem Bruma noch bis 2014 unter Vertrag steht, damals ab und transferierte ihn auf Leihbasis zu Leicester City. Wie schon bei Töre und Sala vermochte erst Frank Arnesen alle von der Sinnhaftigkeit eines Wechsels nach Hamburg komplett zu überzeugen. Wobei bei Bruma auch die Gespräche während seiner Länderspieltour mit den Niederlanden in Südamerika Wirkung hatten. „Ich habe mich mit einigen Ex-HSVern unterhalten“, erzählt Bruma. So habe er zunächst von Nigel de Jong den Tipp erhalten, dass Hamburg ein großer verein sei, er nach Hamburg wechseln solle. Gleiches erzählten Khalid Boulahrouz und Joris Mathijsen, dessen Nachfolger Bruma werden soll. „Ich würde gern seine Position einnehmen“, sagt Bruma, „ich will auf jeden Fall allen zeigen, dass ich das drauf habe.“

Klar ist auf jeden Fall, dass Bruma vom HSV als Innenverteidiger geholt wurde und er selbst auch dort seine größte Stärke sieht. Welche Qualitäten er sich selbst bescheinigt? Bruma selbstbewusst: „Ich werde immer als moderner Verteidiger bezeichnet, weil ich schnell, zweikampfstark, stark und gut im Passspiel bin.“ Allerdings, im Kopfballspiel habe er noch Defizite, gibt er zu.

Defizite hat auch Sala. Der junge Italiener musste heute mit dem Training aussetzen, weil er muskuläre Probleme hat. Ob er Freitagmorgen bei der Fahrradtour dabei ist, ist noch offen. Ebenfalls noch offen ist, wann genau Mladen Petric wieder ins Mannschaftstraining einsteigt. „Aber ich bin froh, dass er so früh schon wieder dabei ist“, freut sich Oenning.

In diesem Sinne, überzeugt davon, dass Bruma eine echte Verstärkung werden kann, sage ich für heute Tschüß und melde mich morgen wieder bei Euch. Dann mit dem ersten Testspiel im Rücken und voraussichtlich erst etwas später. Der Anpfiff gegen die Nordfrieslandauswahl ist erst um 18.30 Uhr…

Scholle

19.24 Uhr

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