Monatsarchiv für Juni 2011

Bruma ist da – selbstbewusst und zielsicher

30. Juni 2011

Die Karnickel waren fleißig. Nächtelang haben sie gebuddelt und Tunnel unter das satte Grün des Sylter Stadionrasens gegraben. Ergebnis: das Testspiel wurde heute Mittag kurzzeitig abgesagt. Die zwei HSV-Greenkeeper überzeugten sich höchstselbst vom unbespielbaren Zustand des Platzes und sagten die Partie wegen der zu hohen Verletzungsgefahr für die Spieler ab. Womit Bernd „Fummel“ Wehmeyer auf den Plan gerufen wurde und kurzerhand Gott und die Welt (der Mann kennt jeden!) in Bewegung zu setzen und das Spiel auf den Trainingsplatz des HSV am „Nordsee-College Sylt“ zu verlegen, wo am morgigen Freitag um 18.30 Uhr der Anpfiff zum ersten Test des neuen, jungen HSV gegen eine Nordfriesland-Auswahl angepfiffen wird.

Was den rund 500 für heute erwarteten Zuschauern entgangen sein wird, ist der erste Auftritt von Jeffrey Bruma, der heute Nachmittag bei immer noch starken aber gegenüber dem Orkan am Morgen fast angenehmen Winden seine erste Einheit als HSV-Profi absolvierte. Dabei wirkte der Niederländer nach seinem kurzen Urlaub erstaunlich frisch. Am Ball zeigte er bei Passübungen wie beim Turnier, dass er zu den spielerisch besseren Innenverteidigern zählt. „Jeffrey ist noch sehr jung, hat aber schon bewiesen, dass er auf höchstem Niveau spielen kann“, lobt Trainer Michael Oenning und stellt damit den Unterschied zu den ebenfalls vom FC Chelsea gekommenen 19-Jährigen Gökhan Töre und Jacopo Sala heraus, „aber für ihn wie für alle anderen gilt das Prinzip: Wer Leistung anbietet, erhält seine Chancen.“

Den überaus positiven Eindruck wusste Bruma im Gespräch zu bestätigen. Gekleidet in seine neuen HSV-Klamotten, die so neu waren, dass am Polo-Shirt noch das Adidas-Schild hing, referierte der 19-Jährige locker, flockig und mit einem breiten Grinsen über seine Beweggründe, zum HSV zu wechseln. Und das in bestem Deutsch. „Ich habe die Sprache drei „Jahre lang in der Schule gelernt“, so Brumas Erklärung – auf Deutsch selbstverständlich.

Der gelernte Innenverteidiger hatte am Mittwoch nach seinem bestandenen Medizincheck in Hamburg einen Zweijahresvertrag unterschrieben. Dieser sieht vor, dass der FC Chelsea Bruma nach einem Jahr zurückholen könnte. Sollte das nicht passieren, hätte der HSV vor Ablauf des Leihvertrages eine Kaufoption zu einer festgeschriebenen Ablösesumme. Ob Bruma sich vorstellen kann, länger als zwei Jahre in Hamburg zu bleiben? „Ich habe keinen konkreten Karriereplan“, sagt Bruma, lässt allerdings zugleich keinen Zweifel daran, dass er große Ziele hat. „Ich bin jetzt 19 Jahre und am Anfang meiner Entwicklung. Ich hatte verschiedene Angebote. Drei aus England, von den Top-Klubs in den Niederlanden – aber der HSV ist die beste Option für mich. Ich will mich hier entwickeln und den nächsten Level erreichen. Dafür ist eine gute Mannschaft in einer Top-Liga wie die Bundesliga wichtig. Wenn ich hier gute Leistungen zeige, ist das auch gut für meine Nationalmannschaftskarriere.“ Und sein größtes Ziel ist, mit den Niederlanden bei der EM 2012 in der Ukraine und Polen dabei zu sein.

Was sich für den einen oder anderen nach der berühmt-berüchtigten Übergangsstation anhören mag, für die der HSV eine zeitlang verschrien war, ist vielleicht nicht falsch. Aber eben normal und okay, wenn der HSV davon profitiert. Und in diesem speziellen fall glaube ich, dass der HSV richtig gehandelt hat. Zumal Bruma nicht anfängt, irgendwelche Herzensgeschichten im Zusammenhang mit dem HSV populistisch anzuführen. Er ist kein Mann der Show, kein Schnacker. Im Gegenteil, der kantige Abwehrmann wirkt extrem ehrlich, scheint klar zu sein und keinerlei Starallüren zu haben. Er kommt sehr sympathisch rüber, ist höflich zurückhaltend, aber zielbewusst. Er scheint ein wenig das Gegenteil von Eljero Elia zu sein, der … naja, auch hier geloben HSV und Spieler Besserung – und dabei belasse ich es, weil ich weiterhin von den sportlichen Qualitäten des niederländischen Nationalspielers überzeugt bin.

Nein, Bruma weiß, dass er noch einen weiten Weg zu gehen hat. Er scheint devot gegenüber dem Profifußball und allem, was dazugehört. So legt er großen Wert darauf, seine Eltern um sich herum zu haben. Er sei kein Partygänger und wolle sich auf seinen beruf und seine Karriere konzentrieren. Dafür braucht er Sicherheit um sich herum. „In zwei Wochen, sobald ich eine Unterkunft für mich gefunden habe, kommen meine Eltern und bleiben für ein paar Monate.“ Zudem erwartet Bruma seine 19-jährige Freundin Jorja Zimmerman in ein paar Wochen. Allerdings, und das ist für Bruma ebenfalls ganz normal, „sie reist wieder zurück, weil sie noch sehr jung ist und gerade angefangen hat zu studieren. Aber sie wird mich so oft es geht besuchen.“ Einfach vernünftig.

Dabei hätte Bruma es sich leichter machen können. Seit Jahren buhlt der HSV um das Talent. Er selbst war einem Wechsel gegenüber nicht abgeneigt, hatte dies auch schon im Winter in Erwägung gezogen. Allerdings lehnte Chelsea, bei dem Bruma noch bis 2014 unter Vertrag steht, damals ab und transferierte ihn auf Leihbasis zu Leicester City. Wie schon bei Töre und Sala vermochte erst Frank Arnesen alle von der Sinnhaftigkeit eines Wechsels nach Hamburg komplett zu überzeugen. Wobei bei Bruma auch die Gespräche während seiner Länderspieltour mit den Niederlanden in Südamerika Wirkung hatten. „Ich habe mich mit einigen Ex-HSVern unterhalten“, erzählt Bruma. So habe er zunächst von Nigel de Jong den Tipp erhalten, dass Hamburg ein großer verein sei, er nach Hamburg wechseln solle. Gleiches erzählten Khalid Boulahrouz und Joris Mathijsen, dessen Nachfolger Bruma werden soll. „Ich würde gern seine Position einnehmen“, sagt Bruma, „ich will auf jeden Fall allen zeigen, dass ich das drauf habe.“

Klar ist auf jeden Fall, dass Bruma vom HSV als Innenverteidiger geholt wurde und er selbst auch dort seine größte Stärke sieht. Welche Qualitäten er sich selbst bescheinigt? Bruma selbstbewusst: „Ich werde immer als moderner Verteidiger bezeichnet, weil ich schnell, zweikampfstark, stark und gut im Passspiel bin.“ Allerdings, im Kopfballspiel habe er noch Defizite, gibt er zu.

Defizite hat auch Sala. Der junge Italiener musste heute mit dem Training aussetzen, weil er muskuläre Probleme hat. Ob er Freitagmorgen bei der Fahrradtour dabei ist, ist noch offen. Ebenfalls noch offen ist, wann genau Mladen Petric wieder ins Mannschaftstraining einsteigt. „Aber ich bin froh, dass er so früh schon wieder dabei ist“, freut sich Oenning.

In diesem Sinne, überzeugt davon, dass Bruma eine echte Verstärkung werden kann, sage ich für heute Tschüß und melde mich morgen wieder bei Euch. Dann mit dem ersten Testspiel im Rücken und voraussichtlich erst etwas später. Der Anpfiff gegen die Nordfrieslandauswahl ist erst um 18.30 Uhr…

Scholle

19.24 Uhr

Sylt steht im Zeichen der Neuen

29. Juni 2011

45 Minuten Laufen am Morgen, 2 Stunden und 15 Minuten beim Training um zehn Uhr auf dem Platz und eine knackige 120-Minuten-Einheit am Nachmittag – Michael Oenning hält, was er versprochen hatte: er macht die Mannschaft fit. Und obwohl es harte Einheiten sind, ist den jungen Spielern (so pauschal darf man inzwischen über diesen verjüngten HSV sprechen) das Lachen noch nicht vergangen. Mit Schuld daran ist auch ein Neuer. Sein Name: Frank „Funny“ Heinemann, seines Zeichens neuer Cotrainer und Bochumer Urgestein. Und ein lustiger, sehr positiver Typ. Zumindest erzählt man sich das über den 46-Jährigen, der 2009 für vier Bundesliga- und ein DFB-Pokalspiel sogar als Cheftrainer des Relegationsverlierers aus dem Ruhrpott agierte.

Uns gegenüber zeigte sich Heinemann zielsicher und selbstbewusst. Dass er seit seinem abrupten Karriereende 1995 (Kreuzbandriss) bislang nicht über die Rolle des Interims-Cheftrainers hinauskam, stört ihn nicht. Im Gegenteil. Heinemann ist zufrieden mit dem, was er gemacht hat – und vor allem mit dem, was er aktuell macht. „Es fühlt sich echt gut an, beim HSV zu arbeiten. Ich bin gern beim HSV.“ Menschlich sei er bereits voll angekommen, „von vielen netten Menschen sehr freundlich aufgenommen“, wie er es selbst formuliert.

Und das, obwohl der neue HSV-Cotrainer zuvor eine herbe Enttäuschung verkraften musste. Nach 35 Jahren beim VfL Bochum, für den er in der Jugend und im Profibereich kickte und arbeitete, wurde ihm im März von der VfL-Führung mitgeteilt, dass er als Jugendchef nicht mehr gebraucht würde. Sechs Jahre lang hatte er zuletzt immer nur Einjahresverträge unterschrieben und ritt demnach durchgehend auf der sprichwörtlichen Rasierklinge in einem Metier, das bekannt ist für viele Personalwechsel. „Aber für mich ist das kein Problem mehr, ich schaue nicht zurück“, sagt Heinemann.

14 Jahre lang hatte er als Cotrainer beim VfL gearbeitet. Er erlebte zuerst Toppmöller und anschließend Middendorp, Dietz, Zumdick, Schafstall, noch mal Dietz, Neururer und Koller mit. „Alles sehr unterschiedliche Typen, von denen ich gelernt habe“, sagt Heinemann und umgeht die Antwort auf die Frage, mit wem er nicht klarkam, sehr gekonnt: „Es war nicht nur leicht, aber Loyalität ist für mich oberstes Gebot.“ Auch deshalb betonte er, dass er nicht nach Hamburg gekommen sei, um irgendwann Oenning zu beerben. „Ich kann mit dem Amt des Cotrainers gut leben“, sagt Heinemann, „auch, weil ich weiß, dass dort meine Qualitäten liegen. Ich brauche keine Öffentlichkeit, selbst wenn mich die Öffentlichkeit als Hütchenaufsteller sieht. Denn die, die nahe dran sind, wissen, dass Fußball mehr ist als die 90 Minuten auf dem Platz und die Trainingseinheiten. Man ist mit dem Cheftrainer mehr zusammen als mit seiner eigenen Frau. Und ich bringe mich ein.“

Auch bei den neuen, jungen Spielern. Als Nachwuchschef des VfL hatte er lange Zeit „von der U9 bis zur U23“, wie er selbst sagt, zu tun. „Dabei habe ich viel über den Umgang mit den verschiedenen Generationen gelernt.“ Eine Erfahrung, die er beim Umbruch zu jungen Spielern auch beim HSV einbringen will. „Ich bin nicht der Spion des Trainers und auch kein Spieler. Ich bin dazwischen und weiß, dass wir nur dann Erfolg haben können, wenn wir eine positive Stimmung reinkriegen. Das muss nicht bedeuten, dass wir zusammen Quatsch machen. Aber wir müssen zusammen Spaß daran haben, zusammen Erfolg zu haben. Und das versuche ich zu forcieren.“

Klingt gut. Und der Gedanke dahinter ist es ganz sicher auch. Ob Heinemann noch mehr Hilfe anbieten kann? Ob er als Ex-Nachwuchschef des VfL nicht vielleicht das eine oder andere Riesentalent aus Bochum nach Hamburg lotsen könnte? Heinemann lacht: „Da sind schon ein paar interessante Spieler dabei, über die wir uns hier auch unterhalten.“

Die wiederum gibt es beim HSV auch. Neben den mitgereisten Amateuren sind das auf Sylt insbesondere die beiden Zugänge vom FC Chelsea, Jacopo Sala und Gökhan Töre. Beide wussten bei den spielerischen Übungen mit ihren überdurchschnittlichen technischen Fähigkeiten zu überzeugen. Und auch anschließend, im Gespräch, gaben sich beide mit überaus gesundem Selbstbewusstsein keine Blöße. Einsätze in der U23 des HSV? „Nee“, so Töre, „ich bin hier, um von Beginn an in der ersten Mannschaft zu spielen.“ Und während Sala nur zustimmend nickte, legte Töre nach. Er habe zwei harte Jahre in England hinter sich, weil er dort allein gelebt hatte. 13 Mal war er für die erste Mannschaft nominiert, saß auf der Bank. Aber eben immerhin im Kader. „Aber nicht zu spielen macht auch keinen Spaß.“ Gleiches gelte für die erste Nominierung für die türkische A-Nationalelf, wo er 90 Minuten zusah. „Viele hatten gedacht und gesagt, ich würde spielen. Aber am Ende war der Druck auf den Trainer zu groß.“ Inzwischen überlegt Töre laut, ob er für die Türkei oder den DFB spielen soll.

Und während Töre Mesut Özil zu seinen Freunden zählt („Mit ihm zusammen habe ich vor ein paar Tagen noch auf Ibiza Urlaub gemacht“), gilt das auch für Sala. Beide HSV-Neuzugänge kennen sich seit zwei Jahren, spielten zusammen bei der zweiten Mannschaft des FC Chelsea zusammen. Heute sind sie beide aus den gleichen Gründen („Frank Arnesen hat uns überzeugt“) in Hamburg, beide planen den sofortigen Start in die erste Mannschaft. Und während Töre schon A-Nationalelf-Ambitionen hegt, hofft der schlaksige Offensivspieler darauf, sich beim HSV und in der italienischen U21 festsetzen zu können.

Egal wie, mit Töre und dem der deutschen Sprache noch nicht mächtigen Sala hat der HSV zwei ambitionierte Jungspieler geholt. Zwei der Sorte, die den arrivierten Spielern nicht nur Druck machen sollen und können, sondern zwei von der Sorte, die Hoffnung machen.

Mehr als Hoffnung verbreiten will indes die neue Nummer eins des HSV, Jaroslav Drobny. Der 31-Jährige ist endlich da, wo er sich schon vor einem Jahr gewähnt hatte. Allerdings blieb Frank Rost damals entgegen aller Erwartungen in der HSV-Führung trotz der Drobny-Verpflichtung beim HSV und erteilte Drobny eine bittere Lehre. „Ein Jahr auf der Bank mache ich nicht noch mal“, sagt Drobny heute und will es damit mit Rückblicken belassen. Zu tief sitzt der Stachel der Enttäuschung darüber, dass er zugesagt hatte, nachdem ihm die Nummer eins beim HSV angeboten – und von Rost sowie Trainer Armin Veh letztlich doch wieder entrissen worden war. „Ich wollte immer nur die Nummer eins sein. Und jetzt bin ich es. Das eine Jahr war schlecht, aber es hat mich stärker gemacht. Jetzt endlich die Eins zu sein, ist auf jeden Fall ein deutlich besseres Gefühl“, so der Tscheche.

In den bisherigen Einsätzen ohne die Sicherheit, dass ihm Trainerteam und Mannschaft zu 100 Prozent vertrauen, fühlt Drobny sich von Oenning voll akzeptiert und gefördert. „Ich werde der Mannschaft helfen. Ich will in den Phasen, wo wir Druck ausstehen müssen, hinten Sicherheit geben. Ich will wieder eine Stütze der Mannschaft sein.“ Indem er die Mannschaft auch verbal führt? Zuletzt wurde dem Rechtshänder vorgeworfen, er sei auf und neben dem Platz zu ruhig. Ob sich das jetzt ändert? „Ich werde auch heute keine Show fabrizieren“, sagt Drobny, „ich rede mit den Spielern. Ich kann auch laut werden. Ich sage auch in der Kabine klar meine Meinung – aber ich schreie nicht auf dem Platz, damit die Kameras es einfangen und mich zum Wortführer machen. Ich erwarte von meinen Mitspielern Respekt und dass jeder versucht, ein Teil einer Mannschaft zu sein. Und genau so verhalte ich mich auch.“

Wie konsequent Drobny sein kann, bewies er zuletzt, als er eine Einladung zur tschechischen A-Nationalelf ablehnte. „Ich wollte nicht zur Nationalmannschaft, weil ich beim HSV nicht die Nummer eins war. Das habe ich dem Nationaltrainer auch so gesagt.“ Eine Situation, die sich verändert hat. „Klar, aber erst einmal will ich ein paar Spiele machen. Gerade der Saisonauftakt ist wichtig. Für mich – und für uns als Mannschaft genauso. Der Rest kommt später.“

Später kommen auch Elia, Pitroipa, Aogo, Petric und Bruma, der heute erfolgreich seinen Medizincheck absolviert hat. Während Petric verletzungsbedingt erst am 6. Juli wieder ins Mannschaftstraining einsteigen soll, werden auch die anderen vier am Sonntag beim ersten Härtetest gegen den VfL Wolfsburg um 17 Uhr in Flensburg noch nicht eingesetzt. Ganz im Gegensatz zu Drobny und vor allem die „Jungstars“ Sala und Töre.

In diesem Sinne, hoffen wir, dass hinter den markigen Worten Salas und Töres auch die entsprechende Qualität für die Bundesligasaison steckt. Zuzutrauen ist es ihnen allemal.

Scholle

19.25 Uhr

P.S.: Im Nachmittagstraining ging es übrigens gut zur Sache. Verbal und körperlich. Dabei mussten sich insbesondere der etwas zu verspielte Ben-Hatira sowie Töre Kritik vom Trainer Oenning gefallen lassen. Und als Töre selbst auf die Aufforderungen Oennings nicht so recht reagieren wollte, nahm sich auch noch Kapitän Heiko Westermann den Deutsch-Türken zur Brust. Auf jeden Fall, das bleibt festzuhalten, ist Töre ein – diplomatisch formuliert – offenbar sehr stolzer Spieler, den es zu führen gilt.

P.P.S.: Dann gab es heute noch ein paar Gerüchte. So soll der HSV angeblich an Hoffenheims David Alaba interessiert sein. Mediendirektor Jörn Wolf maß dem Ganzen null Prozent Wahrheitsgehalt bei. Ebenfalls unwahr ist, dass Aufsichtsrat Jörg F. Debatin nach seinem Aus als UKE-Chef auch aus dem HSV-Aufsichtsrat zurücktritt.

19.25 Uhr

Der erste Tag auf Sylt – hart für die Mannschaft

28. Juni 2011

26 Grad, Sonne, ein 5-Sterne-Plus-Hotel und das Meer direkt vor dem Fenster – für die Spieler könnte alles so schön sein im Trainingslager auf Sylt. Wäre da nicht der Fußball. Oder besser gesagt, die Notwendigkeit einer Grundlagenausdauer. Und so setzte Trainer Michael Oenning heute gleich mal ein Zeichen, indem er seine noch nicht vollständige Mannschaft von 16 Uhr bis 18.40 Uhr trainieren ließ. Und das „Schönste“ daran: Ganz zum Schluss kamen die langen, harten Pulsläufe. Das heißt, jeder Spieler durfte nur bis zu einer bestimmten Pulsfrequenz (meistens zwischen 120 und 140) laufen. War der Puls niedriger, musste mehr Tempo gemacht werden. War er höher, musste verlangsamt werden.

Egal wie, hieran lässt sich auch der Fitnesszustand eines jedem gut messen. Und ganz vorne weg lief – nein, nicht David Jarolim – es war Muhamed Besic. Jaro kam immerhin als Vierter. Allerdings, über die Letzten verliere ich hier noch kein Wort, da die Vorbereitung gerade erst begonnen hat. Das macht erst am Ende der Vorbereitung Sinn.

Fit ist auf jeden Fall Wolfgang Hesl, der sich heute zu uns in die Presserunde begab. Der Keeper hatte sich unmittelbar vor der Abfahrt noch mit Trainer Michael Oenning und Sportchef Frank Arnesen unterhalten und den beiden sportlich Verantwortlichen mitgeteilt, dass er die Rolle als Ersatztorwart des als Nummer eins gesetzten Jaroslav Drobny annehmen wolle. Der letztjährig an den österreichischen Bundesligisten SV Ried verliehene Torwart sprach dabei von einer Entscheidung, die schon lange feststand, was mich zunächst ein wenig überraschte – was sich später aber in Persona Michael Oenning erklärte. Der machte nämlich kein Geheimnis daraus, dass er kein großer Fan von Hesl ist. Zumindest war klar herauszuhören, dass der HSV-Trainer dem Rückkehrer nahezu alle Hoffnungen genommen hat. „Was nützt alles andere als die Wahrheit“, fragt Oenning und fügt hinzu: „Ich habe ihm klar gesagt, dass ich ihm wenig Hoffnung machen kann, dass ich ihm wenig anbieten kann.“

Worte, die bei Hesl angekommen sind, die ihn auch sichtlich nachdenklich gestimmt haben – die aber seine grundsätzliche Entscheidung nicht verändert haben. „Die Entscheidung für den HSV war zu 99 Prozent eine Herzensangelegenheit. Ich habe vor sieben Jahren beim HSV unterschrieben mit dem Ziel, die Nummer eins zu werden. Und ich mache nichts Halbes – deshalb werde ich hier mein Bestes geben.“ Zumindest bis zu seinem Vertragsende 2012.

Allerdings, und das ist nicht auszuschließen, könnte auch noch ein Torhüter kommen. „Ich habe gehört, dass sie noch einen jungen Deutschen suchen“, sagt Hesl und gibt sich selbstbewusst: „aber den haben sie mit mir. Jetzt brauchen sie keinen mehr.“ Dennoch, und gerade hier wird das Verhältnis bzw. die Wertschätzung Oenning/Hesl deutlich, der Trainer widerspricht: „Nein, es ist definitiv so, dass wir noch einen jungen, deutschen Torwart mit Perspektive holen. Wenn nicht dieses Jahr, dann in der neuen Saison.“ Was dann aus Hesl werde? „Wenn ein anderer Verein kommt, der Wolle haben will, müssen wir gucken.“

Punkt. Und jetzt können Wetten abgeschlossen werden, ob Hesl wirklich die Saison als Nummer zwei durchzieht. Ich kann es mir unter den Voraussetzungen schwer vorstellen, weiß aber auch, dass Hesl ein besonders willensstarker Spieler ist. Das machte er uns heute sehr deutlich. „Ich weiß, dass ich mich gedulden muss, bis zu diesem einen Moment. Aber genau zu diesem Zeitpunkt X werde ich da sein. Auf jeden Fall fällt das Argument jetzt weg, dass man mich noch nicht als dauerhafte Nummer eins kennt. Ich habe bei Ried bewiesen, dass ich das Niveau habe.“

Klar ist auf jeden Fall, dass das Trainingslager auf Sylt hart wird. Morgens um sieben Uhr steht ein 45-Minuten-Lauf oder eine Fahrradtour an, ehe nach dem Frühstück um zehn Uhr auf dem Platz Kraft gesammelt wird „für eine lange, harte Saison“, wie Oenning es formuliert. Zudem wird am Nachmittag um 16 Uhr auf dem Platz gearbeitet. Und wie wir gesehen haben, manchmal auch so lang, dass der Blog abschließend erst zu derart später Stunde verfasst werden kann.

Was gibt es noch zu erzählen, außer, dass das Mannschaftshotel „A-rosa“ unfassbaren Luxus bietet und es den Spielern in der kurzen Zeit ohne Training gut geht? Von hier eher wenig. Obwohl, doch, mit einigen Gerüchten können wir aufräumen. Wie mit dem, dass dem HSV Diego angeboten wurde. „Er wurde mir weder angeboten, noch hätte ich ihn haben wollen“, so Oenning ebenso deutlich wie Ex-HSV-Trainer Martin Jol zur Frage, ob er sich Guy Demel bei seinem neuen Klub FC Fulham vorstellen könne? „Martin hat gesagt, dass er die Mannschaft verjüngen will und Guy nicht in seine Planungen passen würde“, so Demels Berater Matthias Timm.

Und eine schöne, schmerzhafte aber eben auch sehr lustige Anekdote erzählte uns Oenning heute. So hatte der HSV im vergangenen Jahr in Längenfeld eine längere Fahrradtour gemacht. Dabei kam es beim ersten Sammelpunkt zu einem üblen Sturz von Heung Min Son, der sich beim Bremsen überschlug. „Was er uns nicht erzählt hatte“, so Oenning, „war, dass er gar kein Fahrrad fahren konnte. Er hatte es noch nie gemacht und keiner hat es bemerkt. Bis er sich eben übel hinlegte.“ Dennoch, und das stellte Oenning lobend hervor, „als Autodidakt hat er sich richtig gut geschlagen“. Und inzwischen habe der Südkoreaner die Kunst des Zweiradfahrens erlernt.

Bleibt mir nur noch übrig, Euch allen einen schönen Abend zu wünschen. Für morgen habe ich mich mit Jaroslav Drobny verabredet, mit dem ich über ihn selbst, über die schwierige alte Saison und vor allem natürlich über die Situation als neue Nummer eins sprechen werde.

Bis morgen! Dann hoffentlich ein wenig früher…

Scholle

P.S.: Die Mannschaft reist am Sonnabend nach Hamburg zurück, um sich gemeinsam den Box-Kampf Klitschkos anzusehen. „Eine teambildende Maßnahmen “, so Oenning, der noch weitere Aktionen zur Vertiefung des Mannschaftsgefühls geplant hat.

P.P.S.: Eljero Elia, Jeffrey Bruma, Jonathan Pitroipa und Michael Mancienne und Dennis Aogo sind ebenso wie der verletzte Mladen Petric nicht mit auf Sylt und werden auch am Sonntag im ersten Härtetest gegen den VfL Wolfsburg in Flensburg nicht spielen.

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