Monatsarchiv für Mai 2011

Uwe Seeler will wieder ein HSV-Team

23. Mai 2011

.Die Meldung war klein. Dennoch hatte sie etwas Tröstendes für mich: „Italiens Fußball-Rekordmeister Juventus Turin ist in der kommenden Saison nicht im Europapokal dabei. Juve kam am Sonntag am letzten Spieltag der Serie A daheim nur zu einem 2:2 gegen den SSC Neapel und blieb damit auf Platz sieben. Allerdings hätte den Turinern auch ein Sieg nicht zum Einzug in die Europa League genügt, da der AS Rom um Francesco Totti mit dem 3:1 gegen Sampdoria Genua Platz sechs verteidigte.“

Es geht also auch anderen Größen – außer dem HSV – so, dass mal das eine oder andere Ziel verpasst wird. Und wie heißt es doch so schön? Man kann mal hinfallen, man muss dann eben nur wieder aufstehen. Hoffentlich geling es „Juve“ – und auch dem HSV.

Heute beginnt eine neue Ära. Die von Frank Arnesen, denn der Däne hat seine Arbeit aufgenommen. Er ist mein Hoffnungsträger – sicher auch für die meisten von Euch. Drücken wir ihm die Daumen, dass er ein glückliches Händchen bei seinen Einkäufen hat. Einen Namen kann ich immer noch nicht nennen, denn vom „neuen HSV“ sickert ja kaum noch etwas durch. Mal abgesehen davon, dass sich Aufsichtsrats-Boss Ernst-Otto Rieckhoff am Sonntag noch etwas lautstärker als sonst über die „Plaudertaschen“ in seinem Aufsichtsrat beschwert hat. Aber der AR ist eben etwas anderes als der Vorstand. Da haben sie inzwischen das Schweigen gelernt.

Um noch einmal ganz kurz zurück zu kommen auf die Informations-Veranstaltung am Sonntag. Ich sprach danach noch in aller Kürze mit Rieckhoff, und er gab mir ein schnelles Resümee: „Ich habe das Gefühl, dass es keinen Hass mehr im HSV gibt.“ Er war deshalb sehr zufrieden mit dem Verlauf der Info-Versammlung. Ich weiß aber auch, dass sich einige Aufsichtsräte zu Unrecht angeprangert sahen (und sehen), und dass diese Herren „sauer“ sind. Mal abwarten, was aus der Ruhe, die schon rund um diesen neuen Aufsichtsrat herrschte, nun in den kommenden Wochen wird. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass es dort in Zukunft wieder unruhigere Zeiten geben wird – wer lässt sich, wenn er sich nichts zuschulden kommen lassen hat, schon gerne pauschal anprangern? Abwarten.

Ich hätte es übrigens ganz gut gefunden, wenn am Sonntag noch einmal ein „altes Vorhaben“ noch einmal neu aufgegriffen worden wäre. Um die letzte Jahreswende herum hieß es ja mal, dass Uwe Seeleer der Ehren-Präsident des HSV werden soll. Ein längst überfälliges Unterfangen. Da „uns Uwe“ aber nicht zur Jahreshauptversammlung geht, auch zur letzten nicht kommen konnte, wurde das „Unternehmen Ehren-Präsident“ erst einmal verschoben. Das allein ist ja nicht schlimm, aber man sollte es nicht ganz aufheben, sondern doch relativ zeitnah noch einmal anpacken. Und das hätte meiner Meinung nach am Sonntag doch ganz gut gepasst. Wo es doch jetzt die neue Ruhe im neuen HSV gibt, wo es nach einer weiteren verkorksten Saison gut gerne noch einmal etwas Erfreuliches gegeben hätte. Aber gut, so denke ich, die Herren beim HSV haben sicher andere Pläne – und das ist auch gut so.

Mit Uwe Seeler habe ich mich trotz allem – auch darüber – unterhalten. Zum Thema „Ehren-Präsident“ hat er mir gesagt: „Das ruht im Moment, das ist auch kein Problem für mich. Damals, als das vorgenommen werden sollte, hatte ich keine Zeit, nun warten wir mal ab. Das ist auf jeden Fall nicht aufgehoben, es gibt nur noch keinen Termin. Die Führung des Klubs hat ja auch im Moment ja ganz andere Sorgen, die gilt es jetzt erst einmal anzupacken. Ich kann warten, aber im Grunde genommen interessiert mich das ja auch nicht groß. Ich habe nur den einen Wunsch, dass alle im HSV mal wieder miteinander arbeiten, damit es mal wieder Erfolge für den HSV gibt.“

Wunderbar, Herr Seeler, das wünschen wir uns doch alle.

Zur Info-Versammlung von Sonntag wollte sich der Ehrenspielführer nicht äußern: „Dazu kann und will ich nichts sagen. Ich hoffe nur, dass die Herren wieder Ruhe in den Verein bekommen. Und zwar Ruhe, bevor es dann wieder unruhig wird. Ich drücke den Verantwortlichen die Daumen, dass sie Lösungen finden für die derzeitigen Probleme, und zwar solche Lösungen, die den HSV auch wieder voranbringen.“

Sowohl Trainer Michael Oenning als auch der Vorstandsvorsitzende Carl-Edgar Jarchow haben in der Vergangenheit öfter einmal davon gesprochen, dass verdiente HSV-Mitglieder und –Legenden wie zum Beispiel Uwe Seeler, Willi Schulz, Horst Hrubesch, Manfred Kaltz und andere künftig mehr um Rat gefragt werden sollen, dass sie wieder mehr ins HSV-Boot geholt werden sollen, um auf diese Art Anschubarbeit zu leisten. Wie steht Uwe Seeler zu diesem Vorhaben? „Herr Jarchow hat schon einmal kurz mit uns gesprochen, das Gespräch war aber allgemein gehalten. Das bewerte ich nicht über, es ging um nichts Konkretes, es wird da vielleicht noch einmal an anderer Stelle etwas erfolgen – vielleicht mal bei einer guten Tasse Kaffee“, sagt Seeler. Und wie könnte seine Hilfe für den HSV aussehen? Er sagt: „Ich kann nur das sagen, was ich sehe. Und dann werde ich einen Rat geben und abwarten, ob sie davon etwas annehmen werden. Mehr geht ja gar nicht, denn die Herren sind ja verantwortlich für den Klub, sie treffen die Entscheidungen, da möchte ich mich auch weiterhin heraushalten.“

Wie schon in der Zeit nach seiner HSV-Präsidentschaft. Ein Amt im Klub wird Uwe Seeler nie wieder annehmen. Er lacht, als ich diese Frage stelle: „Nein, nein, um Gottes Willen, um Gottes Willen, nie wieder.“ Und ein Rat von „uns Uwe“ stellt sich das Mittelstürmer-Idol wie folgt vor: „Wir sitzen beisammen, ich sage meine Meinung, und die Herren aus der Vorstandsriege können sich dann ihre Gedanken machen, vielleicht auch ihre Meinung oder ihre Pläne mal überdenken, wenn ich eine etwas andere Meinung vertrete. Wenn das nicht der Fall ist, wenn wir auf einer Wellenlänge liegen, dann ist es umso besser, dann können sie sich bestätigt fühlen. Sie allein aber entscheiden zum Wohle des HSV. Und das kann alles in Ruhe und intern geklärt werden.“ Seeler, dem er HSV, „sein“ HSV, noch immer am Herzen liegt, sagt weiter: „Man kann ein Gespräch führen, aber es muss auch nicht sein. Bislang, wie gesagt, habe ich auch noch nichts Konkretes vom HSV gehört.“

Dass es nun diesen Umbruch im Klub gibt, innerhalb der Bundesliga-Mannschaft, das befürwortet Uwe Seeler: „Ich glaube, das war genau die richtige Idee und die richtige Konsequenz. Man muss jetzt von vorne anfangen und eine neue Mannschaft aufbauen, denn wie wir gesehen haben, in den letzten beiden Jahren, haben wir kein Team gehabt. Das war keine Mannschaft, die da gespielt hat, und so kommt man nicht weiter. Wenn man aus dem alten Trott heraus wollte, dann muss man der HSV-Mannschaft ein neues Gesicht aufbauen.“ Das hat der HSV nun schon in Angriff genommen, und „uns Uwe“ sagt: „Ich hoffe darauf, dass die Herren ein glückliches Händchen entwickeln, dass der Neuaufbau gelingt, dass der HSV zumindest im gesicherten Mittelfeld mitspielen wird, ohne in Abstiegsgefahr zu geraten. Wir haben die letzte Saison erlebt, die war ganz sicher nicht gut, eine Wiederholung sollte man am besten verhindern.“

Sorgt sich Uwe Seeler um den HSV, der ja kein Geld hat, um den eine oder anderen guten Spieler zu verpflichten? Seeler: „Das fängt ja schon mit dieser Frage an: gute Spieler? Was sind gute Spieler? Gute Spieler kosten viel Geld. Ist es aber gut, wenn ich immer gute Spieler hole? Ich muss jetzt zusehen, dass ich mal wieder eine Mannschaft kriege. Dazu sind natürlich gewisse Leistungsträger wichtig, aber wenn man dazu willige, junge Marschierer im Team hat, und das dann zusammenpasst, dann hat man auch Erfolg. Das hat man doch gesehen. Mannschaften wie Mainz oder Freiburg die kamen besser zurecht, als arrivierte Klubs wie Wolfsburg, Stuttgart, der HSV oder auch Werder Bremen. Nein, wenn man einen Neuaufbau macht, dann muss es eine gute Mischung aus Jung und Alt geben – dann darf man nicht nur auf gute Spieler setzen, die teuer sind.“

Es fehlt meine Meinung nach dem HSV schon seit Jahren ein Stürmer (oder zwei), der so stürmen kann wie einst Uwe Seeler. Der konnte in die Gasse geschickt werden, der ging mit dem Kopf durch die Wand, der setzte seins Spurtschnelligkeit, seinen Körper und seinen unbändigen Willen ein. Fehlt Uwe Seeler nicht auch ein solcher Stürmer? Er sagt: „Stürmer, die eine Abwehr aufreißen könne, die braucht man. Gut wäre es schon, wenn man zwei davon hätte, einer der dabei aus der zweiten Reihe kommt, dann wird man natürlich gefährlich, das ist klar. Aber dann muss man jetzt sehen, dass man solche Leute auch bekommt, das wird Sache des Trainers und des Sportchefs sein.“

Und über die Anforderungen an die neuen HSV-Spieler ist sich Uwe Seeler auch schon im Klaren: „Erstens müssen sie gute Fußballer sein, zweitens müssen sie zusammen eine intakte Mannschaft sein, drittens braucht man auch Arbeiter, die so genannten Wasserträger. Nur dann hat man Erfolg, nur dann wird es Erfolg geben. Aber Arbeiter oder Wasserträger haben wir zuletzt nicht gehabt. Und man kann sich auf den Kopf stellen oder auch nicht, Fußball wird immer ein Mannschaftssport sein. Gibt es keinen Zusammenhalt in der Truppe, wird es auch keine Titel geben.“

Für viele Experten wird dem HSV ja auch immer das Beispiel Borussia Dortmund vor Augen gehalten. Kein Geld in der Kasse, junge Leute geholt – Meister geworden. Ähnlich denkt auch Uwe Seeleer: „Dortmund hat Glück gehabt, denn dort funktionierte der Neuaufbau innerhalb von zwei Jahren. Das klappt nicht überall so schnell. Im vergangene Jahr hatte Dortmund noch hin und wieder leichte Einbrüche, aber in dieser Saison waren sie stabil – und sind ein würdiger Meister geworden.“

Kann denn Uwe Seeler mit einem sechsten, siebten oder auch achten Platz für den HSV in der kommend leben? „Ich wäre froh, wenn wir im gesicherten Mittelfeld landen würden. Und alles was besser ist, das ist dann positiv.“ Ich hoffe ja bei diesem Neubeginn auf Frank Arnesen. Der Mann muss es ganz einfach richten. Ohne Wenn und Aber. So denke ich.
Und Uwe Seeler? „Die Frage ist für mich, wie gut Frank Arnesen den HSV schon kennt, wie gut und genau er diese Mannschaft schon kennt, denn er muss sie ja dementsprechend mischen. Davon hängt es ja ab, was in der nächsten Saison passiert.“ Uwe Seeler weiter: „Natürlich hoffen wir alle, dass es in der nächsten Saison mal wieder besser laufen wird. Verlieren kann man ja mal, aber es muss erkennbar sein, dass da unten eine echte Gemeinschaft, eine Mannschaft mit Teamgeist um den Sieg kämpft. Ich erwarte mehr Freude und Begeisterung in dieser HSV-Mannschaft, und wenn das wieder da ist, dann wird das auch das Publikum honorieren. Wenn die Fans sehen, dass man will, dann wird das auch ganz sicher anerkannt.“

Hoffen wir mit Uwe Seeler. Und: „uns Uwe“ for Ehren-President.

17.51 Uhr

PS: Am Dienstag kein Training im Volkspark auch kein Spielchen – dafür vielleicht den ersten “Neuen”. Wer weiß?

Die Inhalte einer Info-Versammlung

22. Mai 2011

„Die Uhren wurden auf Null gestellt, und es war spontan eine konstruktive Aufbruchsstimmung zu spüren.“ Das sagte der Aufsichtsratsvorsitzende Ernst-Otto Rieckhoff zu Beginn seiner Rede über jene Zeit im März, die dem HSV eine neue Klubführung bescherte. Gesagt hat es EOR auf der Informationsveranstaltung, die am Sonntag in der Arena stattfand. Im Westen nichts Neues – so könnte dieser Tag nach dieser Versammlung umschrieben werden.

Was sollte dieses Treffen im Volkspark eigentlich?

Damals, als Bernd Hoffmann und Katja Kraus im Mittelpunkt standen, da wurden die Uhren also auf Null gestellt, und es war spontan eine konstruktive Aufbruchsstimmung zu spüren. Das hatte ich ganz anders in Erinnerung. Es roch ganz stark nach einer Palast-Revolution. Aus der Opposition kam noch eine Opposition hervor, die wollte es dem Aufsichtsrat, vor allem und ganz besonders dem Aufsichtsrat mal zeigen. Was Sache ist, wie es geht, vor allen Dingen wie es nicht geht. Und es ging damals vor allem nicht, Hoffmann und Kraus vor die Tür zu setzen. Dieser Aufsichtsrat sollte nicht nur weg, der musste auch weg! Deswegen sollte es doch, oder irre ich mich, eine Außerordentliche Mitgliederversammlung geben. Und aus der war nun plötzlich diese ganz harmlose Info-Versammlung geworden. Nichts, wirklich nichts von dem, was die Leute damals auf die Palme gebracht hatte, wurde an diesem Sonntag geklärt. Aber nett war es trotz allem.

Es war eben nur eine Info-Versammlung . . .

Die Hoffmann-„Fans“ haben sich längst wieder beruhigt. Es wurde heute weder gepöbelt noch hitzig diskutiert, es gab viel Beifall, manchmal auch nur artigen Applaus, dazu auch einige Unmutsäußerungen, aber die waren an diesem Tag echte Raritäten. Alles scheint, naja, fast alles scheint in diesem HSV wieder ganz normal zu sein.

Und das finde ich auch gut, damit keiner auf dumme Gedanken kommt. Es ist Ruhe eingekehrt, und das ist eine Voraussetzung, wenn nicht die Voraussetzung dafür, dass es tatsächlich eine konstruktive Aufbruchsstimmung gibt. Zu gerne allerdings hätte ich jene Frage beantwortet gehabt, die zweimal gestellt worden war: Warum mussten Bernd Hoffmann und Katja Kraus eigentlich wirklich gehen? So richtig beantwortet wurde das bis jetzt nie. Da wurde viel um den heißen Brei herum gesprochen. Und die Opposition, das hatte ich so nicht erwartet, gab sich damit auch zufrieden.
Friede, Freude, Eierkuchen beim HSV. So geht es doch auch.

Obwohl: Ernst-Otto Rieckhoff ist in diesen Tagen (und Wochen) offenbar die Hutschnur geplatzt. Weil es wiederholt Indiskretionen aus dem Aufsichtsrat gab, die im Hamburger Abendblatt standen. Gratulation an die Kollegen, die das geschafft haben – denn es ist die Aufgabe eines Journalisten, so etwas zu schaffen. Womit ich gleich eine kurze Anmerkung auf Carl-Edgar Jarchow einfügen möchte: Der neue HSV-Vorstandsvorsitzende hatte kritisiert, dass die Meldung, dass Physiotherapeut Uwe Eplinius nach sieben Jahren vom HSV entlassen wird (!), bereits einen Tag vor der Entlassung im Abendblatt zu lesen war. Das sei unmenschlich, sagte Jarchow. Man stelle sich mal vor: Das Abendblatt erfährt, dass morgen Angela Merkel gehen muss – und es ist dann auch tatsächlich im Abendblatt zu lesen. Weil es die Pflicht von Journalisten ist, so etwas zu vermelden. Ist dann, wenn Merkel tatsächlich entlassen wird, das auch eine unmenschliche Tat vom Abendblatt gewesen?

Wenn Eplinius entlassen werden sollte, dann macht man das gleich. Dann gäbe es keinen Informanten, der mit dieser Nachricht hausieren gehen könnte. So einfach ist das. Intern eine Entlassung anzukündigen, sie dann aber Tage später erst vorzunehmen, ist in jedem Bereich – nicht nur im Sport und beim HSV – ein gefährliches Unterfangen. Ein Journalist, der von einer solchen geplanten Entlassung erfährt, der wäre ein schlechter Journalist, wenn er dies nicht veröffentlichen würde. Dann sollte er sich doch bitte um eine Stellung beim Stadionblatt „HSVlive“ bewerben, dort dürfte davon ganz sicher nicht (von der Entlassung) geschrieben werden.

Dass aber, und damit bin ich wieder beim Aufsichtsrat, immer wieder Geheimnisse des HSV an die Presse gegeben werden, das hat doch auch schon Tradition. Dazu musste es nicht erst den Aufsichtsrat geben. Ich kann mich erinnern, dass der damalige Präsident Drt. Wolfgang Klein einmal von der fast versammelten Medien-Landschaft angeprangert wurde (öffentlich, nach einem Spiel im Volksparkstadion), weil er einer gewissen Zeitung immer wieder bevorzugt Meldungen gesteckt hatte. Dr. Klein sah sich massiven Vorwürfen ausgesetzt, beendete diese öffentliche Diskussion aber mit dem Satz: „Ich werde mir auch weiterhin das Recht heraus nehmen, gezielte Informationen zu verbreiten.“ Dieser Satz ist seit Jahrzehnten in meinem kleinen Hirn verinnerlicht.

Und „gezielte Informationen“ verteilt der eine oder andere Aufsichtsrat des HSV doch auch nur. Und zwar seit 14 Jahren. Seit des diesen Rat gibt. Immer und immer wieder gelangten die größten Geheimnisse ans Tageslicht, mit Jürgen Hunke, ohne Jürgen Hunke. Und auch schon jahrelang ohne Manfred Ertel. Die Menschen sind eben alle mal ganz gerne eine Plaudertasche, der eine mehr, der andere weniger. Ernst-Otto Rieckhoff allerdings will das nicht so einfach hinnehmen. Er war sauer. Berechtigt, aber er wird nie etwas ändern können – NIE!! Weil die Menschen nun einmal so sind. Egal ob es der eine oder andere Rat nicht ist, egal auch, ob es die Fans und Mitglieder nun einmal wahrhaben wollen – oder auch nicht.

„Wo stehen wir jetzt?“, fragte Ernst-Otto Rieckhoff die Mitglieder, gab sich dann aber selbst die Antwort: „Der HSV wieder voll handlungsfähig, die Saisonvorbereitungen verlaufen nach Plan. Alte und neue Projekte werden mit Elan angegangen, der Aufsichtsrat wird den Vorstand bei diesen komplexen Aufgaben begleiten.“ Rieckhoff weiter: „Und das in einer nicht wirklich einfachen Ausgangsposition. Jetzt sind intelligente und kreative Wege zu suchen und zu beschreiten. Für mich darf für mich aber nicht in eine Mittelmäßigkeit führen. Der HSV muss mittelfristig eine gute Rolle in Europa spielen.“ Davon allerdings war er zuletzt ein gutes Stück weit entfernt, der HSV sich davon immer weiter entfernt (mit Platz acht), und er wird nun bekanntlich kleine Brötchen backen müssen – schon deswegen war der AR-Boss gut beraten, von „mittelfristig“ zu reden.

„Wenn wir uns mit allen unseren Kräften miteinander und nicht gegeneinander mächtig für unseren HSV ins Zeug legen, wird der gesamte Verein davon profitieren und ein Vorbild für das Unikat Universalsportverein sein – ich bin dabei“, sagte Rieckhoff. Er hatte zuerst einmal die Geschichte der personellen Veränderungen in der Klub-Führung aufgearbeitet, kam dann zum Abschluss seiner Rede aber noch einmal auf die Indiskretionen im Aufsichtsrat zurück. Rieckhoff: „Ich habe mich seit Januar immer wieder schützend vor diesen Aufsichtsrat gestellt, habe um Einheit geworben – manchmal auch gegen meine Überzeugung, aber immer zum Wohle des HSV. Ich bin aber nicht mehr bereit, mich zum Deppen machen zu lassen. Ich bin nicht mehr bereit, meinen Kopf hinzuhalten und die Verantwortung für die ungeheuren Indiskretionen aus dem Aufsichtsrat und deren Folgen zu übernehmen.“ Der Boss weiter: „Mein bisheriges Schönreden über diesen Aufsichtsrat werde ich in eine offensivere und echtere Einschätzung umwandeln.“ Für diese Sätze erhielt Rieckhoff mehrere Male sehr viel Beifall. Rieckhoff salopp: „Ich kann über diese Leute, die dem Aufsichtsrat so schaden, nur mit den Ohren schlackern.“

Wie schwer es ist, einen Geheimnisträger zum Schweigen zu bringen, verriet Rieckhoff aber auch noch. Nicht wie schwer, sondern dass es fast unmöglich ist: „Einst war mal wieder ein Geheimnis aus dem Rat verraten worden, es konnte nur einer von den zwölf Herren gewesen sein. Udo Bandow, der AR-Boss, hatte die Nase voll, jeder der zwölf Herren sollte eine Eidesstattliche Versicherung unterschreiben, dass er es nicht war. Und? Alle unterschrieben. Obwohl es einer gewesen sein muss.“
Gute Nacht, liebe Wahrheit.

Ernst-Otto Rieckhoff klang dabei schon ein wenig verzweifelt, als er sagte: „Ich bin inzwischen so weit, dass ich dem Vorstand empfehle, mit personellen Entscheidungen so wenig wie möglich mit dem Aufsichtsrat zu besprechen.“ Und ewig spielt das Misstrauen beim HSV mit . . .

Der Aufsichtsrats-Boss abschließend: „Es gibt in diesem Klub kein Feindbild mehr, dafür aber viele große Herausforderungen. Es ist höchste Zeit für eine schonungslose Selbstkritik, auch über persönliche Eitelkeiten, Verhaltensweisen und über persönliche Interessen nachzudenken. Es ist höchste Zeit, die Frage über unsere Strukturen zu stellen. Andernfalls werden wir sehenden Auges – gerade nach der Überwindung einer schweren Vereins-Krise – eine neue Krise haben.“

Ernst-Otto Rieckhoff erhielt für seine Rede viel Beifall, er war nach Ex-Sportchef Bastian Reinhardt, der schon fast begeistert gefeiert wurde, der zweite Gewinner des Tages. Mit Rieckhoff traf es auch den Richtigen, denn er hat gerade in der ersten Zeit nach dem Amtsantritt als AR-Boss alles dafür getan, damit der HSV wieder in ruhigeres Fahrwasser kommt. Rieckhoff hatte Tag und Nacht dafür gearbeitet, dass wieder Ruhe in den Klub kommt, dass wieder die sportliche Seite der Raute im Vordergrund steht. Und letztlich hat er es auch geschafft, der Opposition den Wind aus den Segeln zu nehmen. Sollte es zu Beginn der Krise noch und vor allem dem Aufsichtsrat an den Kragen gehen, so war diese Informationsveranstaltung ein Treffen, zu dem offenbar alle, wirklich alle, viel, viel Weichspüler getrunken hatten. Hier jedenfalls wollte eigentlich keiner mehr dem anderen an den Kragen.

Und das war auch gut so!

Info war angesagt. Und nebenbei gab es auch das eine oder andere Pläuschen. Dr. Peter Krohn zum Beispiel sagte: „Ernst-Otto Rieckhoff hat hier die große Harmonie ausgerufen, und das ist auch richtig so.“ Aber Krohn sagte auch: „Kritik aber, untereinander, in Versammlungen, die sollte es geben. Verzeihen Sie einem alten Mann, wenn er sagt, dass Dinge in allen Lebensbereichen durch fruchtbare und auch kontroverse Diskussionen vorangetrieben werden. Und nicht dass man Händchen hält und gemeinsam Weihnachtslieder singt.“

Dann lobte Krohn die Arbeit des „alten“ Vorstandes: „Man kann auch einen Klub übernehmen, der ein nicht fertiges Stadion hat, der einen Buckel voller Schulden hat, Negativ-Kapital, wie man das heute sagt. Bernd Hoffmann hatte damals nicht die günstigsten Voraussetzungen, als er sein Amt antrat, seine Nachfolger, das ist meine Meinung, haben heute bessere.“ Und: „In den acht Jahren von Bernd Hoffmann ist im HSV einiges bewegt worden. Ich sage das deswegen, weil ich bis heute noch keine klare Aussage gehört, warum dieser Wechsel erfolgt ist. Einige Dinge sind mir bis zum heutigen Tage nicht klar, warum sie geschehen sind.“

Krohn wollte damit aber nicht als Hoffmann-„Fan“ gelten: „Ich hatte mit ihm und Katja Kraus viele Diskussionen, aber am Ende haben wir uns immer wieder die Hand gegeben – so wie sich das für einen HSVer gehört.“

Der ehemalige „HSV-General“ Krohn bemängelte, dass der jetzige Vorstandsvorsitzende Carl-Edgar Jarchow nur ein „Interims-Chef“ ist, weil somit ja wieder keine Kontinuität gewahrt worden ist. Rieckhoff erklärte aber später, dass dieser Vertrag so abgeschlossen wurde, wie es in den Satzungen des HSV steht: „Ein Interim-Vorsitzender darf längstens drei Jahre im Amt sein, er kann aber, sollte eine andere Lösung gefunden werden, eher gehen.“ Drei Jahren sind als kein „Muss“ für Jarchow, sondern nur für den Fall gegeben, wenn der HSV keinen anderen Nachfolger für Bernd Hoffmann findet. Wobei ich ja fest glaube, dass Jarchow dennoch lange – über die drei Jahre hinaus – im Amt bleiben wird, denn er liebt es ja jetzt schon sehr.

Dr. Peter Krohn bemängelte auch, dass Bernd Hoffmann von Seiten des Vereins nicht genügend für die acht Jahre gedankt worden ist. Dazu Ernst-Otto Rieckhoff: „Das habe ich sehr wohl in allen meinen Erklärungen in allen Medien gemacht.“ Vielleicht aber war ja auch ein Abschiedsspiel für Hoffmann gemeint. Übrigens: Bernd Hoffmann hat in den acht Jahren beim HSV sehr gut verdient, und er hat eine schöne Summe zu seinem Abschied erhalten. Ich würde mich freue, wenn ich nach über 30 Jahren Springer, die ich am Ende eventuell hätte, auch mehr als ein Dankeschön erhalten würde, aber wer weiß, wie sich das gestaltet? Ich habe da so meine Zweifel, so mancher „Matz-abber“ hätte sicher einiges dagegen, wenn ich auch noch, nachdem ich jahrelang mein tolles Gehalt hier abgeschleppt habe, fürstlich entlohnt werden würde – aber das nur mal am Rande.
(Jetzt bitte alle aufregen, die es wollen)

Wo ich gerade bei Danksagungen bin: Bastian Reinhardt wurde an diesem Sonntag mehrfach gedankt, und ich fand es großartig, wie die meisten der 402 Besucher der Info-Versammlung dazu standen. Sie klatschten lange und anhaltend. Bravo. Das hat dieser Mann verdient. Denn es war für ihn ganz sicher kein leichtes Jahr, das letzte. Und wer genau, ganz genau hinhörte, der wird das auch von ihm erfahren haben. Sekunden nämlich, bevor er vom Rednerpult wegtrat, da sagte er so etwas in Richtung Oliver Scheel. In etwa so, dass es ja für beide Vorstandsherren kein Zuckerschlecken war – in der alten Zusammensetzung des Vorstandes. Da klang zwischen den Zeilen doch schon so mancher Unmut durch . . .

Zumal Reinhardt vorher schon gesagt hatte: „Es war sicherlich nicht leicht für mich in den vergangenen Jahren, es war eine lehrreiche Zeit. In der habe ich nicht immer nach meinen persönlichen Vorstellungen gearbeitet, aber immer zum Wohle des HSV.“ Sehr vielsagend.

Reinhardt, der nun ins zweite Glied zurücktritt (weil am Montag Frank Arnesen seinen Job antritt), gab zu: „Wir sind unseren Ansprüchen nicht gerecht geworden, weil es uns nicht gelungen ist, aus diesem Kader eine Mannschaft zu formen. Und dafür sind nicht nur die Spieler verantwortlich. Wir haben in der Vergangenheit einige kleine Dinge verschlafen, wie das laufintensivere Spiel, das Tempo im Spiel und einige spiel-taktischen Dinge. Ich bin mir aber sehr sehr sicher, dass Michael Oenning das Potenzial dieser Mannschaft in Zukunft viel besser ausschöpfen wird.“

Carl-Edgar Jarchow sprach über die Zukunft des HSV, der neue Mann an seiner Seite, Joachim Hilke (Marketing-Bereich) versprach: „Wir werden unsere Strukturen leistungsfähiger machen, und unsere Mitarbeiter bekommen mehr Verantwortung übertragen.“ Und: „Wir werden unsere Wettbewerbsfähigkeiten verbessern denn das ist eine gute Vermarktung und unerlässlich im Kampf, an der Spitze zu spielen.“

Jarchow kündigte einen finanziellen Verlust von drei Millionen Euro an und sagte weiter: „Wir stehen vor den Fragen, wer bleiben soll, wer gehen sollte – doch alle diese Fragen sind mit einer weiteren Frage verbunden: was können wir uns leisten? Was können wir uns leisten, ohne unsolide zu werden?“ Das dürfte die Kardinalfrage dieses Sommers werden. Jarchow zur Zielsetzung: „Da unterscheide ich mich nicht von meinen Vorgängern, sie wollten alle, dass wir oben in der Bundesliga mitspielen, und auch in Europa. Das allerdings dürfte im nächsten Jahr nicht möglich sein. Dennoch erwarte ich, dass wir ein Team zusammenstellen werden, das um Platz sechs mitspielen kann.“

Jarchow bat um Geduld, und er verreit über seine bisherige Arbeit im HSV: „Wir alle im Vorstand, wir sind in den zurückliegenden zwei Monaten sehr offen und vertrauensvoll miteinander umgegangen, und so offen und vertrauensvoll wollen wir auch mit den Mitgliedern umgehen.“ Und Jarchow versprach auch: „Wir werden uns mit allen Mitteln auf allen Ebenen für den HSV einsetzen. Das ist meine auch meine Motivation. Ich werde hier nicht mit allen Mitteln meine Job verteidigen, ich werde, das habe ich auch dem Aufsichtsrat erklärt, alles geben was ich kann für den HSV. Ich werde nicht an meinem Sessel kleben, ich mache das alles auch nicht aus Selbstzweck. Ich möchte nur erreichen, dass wir mit mehr Gemeinsamkeit im HSV etwas erreichen.“ Gemeinsam ist das Stichwort. Und „Wir“. Ist der Klub auf dem Wege zu einem neuen Wir-Gefühl? Schön wäre es.

Zurück zu Dr. Krohn. Der zitierte zum Schluss noch einen großen Deutschen, nämlich Alfred Herrhausen. Der hat einst gesagt: „Wir müssen sagen, was wir denken, wir müssen tun, was wir sagen, und wir müssen sein, was wir tun. Das möchte ich der neuen Führung und dem Aufsichtsrat mit auf den Weg geben.“

Heiß diskutiert wird in Zukunft wohl jene Tatsache, dass einige Aufsichtsratsmitglieder gerne ein Mitgliederbefragung durchführen würden. Da ging es heute schon ein wneig zur Sache, das wird in naher Zukunft noch heftiger – ganz sicher. Alexander Otto vom AR befürwortet das, Manfred Ertel vom AR ist strikt dagegen: „Das wäre ein Satzungsverstoß.“ Jürgen Hunke vom AR ist auch dagegen: „Weil das eine unheimlich komplizierte und auch teure Angelegenheit wäre. Meine Zustimmung dafür würde es geben, wenn uns zum Beispiel der FC Bayern oder auch andere Vereine so etwas vorgemacht hätten. Wir aber, so denke ich, haben im Moment ganz andere Sorgen.. Wir müssen daran denken, dass wir eine neue Mannschaft für die nächste Bundesliga-Saison aufbauen müssen, wir müssen erst unsere sportlichen Probleme klären und in den Griff bekommen, bevor wir uns mit einer Mitgliederbefragung beschäftigen.“

So ist es. Und Dr. Krohn hat schon angekündigt: „Im Januar werden wir fragen, was besser geworden ist im HSV – gegenüber den acht Jahren unter der Regie von Bernd Hoffmann.”

Übrigens, und das ist ein schöner Schlusspunkt dieser Info-Versammlung, gefiel mir der Auftritt des ehemaligen Vorstandsmitgliedes Christian Reichert. Der hatte im Abendblatt ein Interview mit Bern Hoffmann gelesen und fragte nun die Klub-Führung, ob Hoffmann nicht jenen Passus in seinem Abfindungsvertrag hätte, nach dem über Dinge, die während der Amtszeit im HSV passiert sind, nicht gesprochen werden darf? Hätte Bernd Hoffmann diesen Passus nicht, dann würde Reichert auch gerne auf diesen Passus in seinem Vertrag haben, denn dann hätte auch er noch einige interessante Dinge aus seiner Zeit als HSV-Vorstandsmitglied auszuplaudern.

Das wäre doch etwas. Dann gäbe es sicher das eine oder andere Detail, über das sich dann die Fan-Gemeinde würde total aufregen würde. Und damit wäre dann auch wieder Leben in der Bude.
So aber, ohne neue Enthüllungen, dürfte es doch ziemlich langweilig durch diese Sommerpause gehen.

Viel Spaß mit Eurem/unseren HSV!

19.42 Uhr

PS: Montag kein Training, auch kein Spielchen – vielleicht eine Neuerwerbung.

Analyse Teil sechs: Ärger an der Spitze

21. Mai 2011

Es wird heiß diskutiert werden, es wird sicher auch heftig Kritik an so mancher HSV-Führungsposition geübt – aber es wird nichts beschlossen. Aus der einst als „Palast-Revolution“ geplanten Versammlung ist lediglich eine Informationsveranstaltung des HSV geworden, die an diesem Sonntag um 11 Uhr im Westen der Arena im Volkspark beginnen soll. Wenn es dem Klub dann hilft . . .

In jeder Generation schieden sich die Geister an der Führung des HSV. Unumstritten war in der jüngsten Vereinsgeschichte eigentlich niemand, das war einst schon zu Dr. Peter Krohns Zeiten und zur Amtszeit von Dr. Wolfgang Klein so. Immer gab es mal eine kleine, vielleicht auch einmal die eine oder andere größere Opposition. Und das war natürlich auch in der Ära von Bernd Hoffmann so. Wobei ich bei der Saisonanalyse Teil sechs bin.

Von Februar 2003 an war Hoffmann der HSV-Boss, er ist es bis ins Frühjahr 2011 geblieben. Dann gab es die Ablösung – auch deshalb, weil der Erfolg im Verein ausgeblieben ist. Um es noch einmal zu betonen: Ich habe nichts gegen Bernd Hoffmann, ich habe mich immer neutral ihm gegenüber verhalten. Fest steht, dass der HSV unter seiner Regie aufblühte. Unter seiner Regie, gemeinsam mit Katja Kraus und Sportchef Dietmar Beiersdorfer. Mir ist bis heute schleierhaft, wieso die drei Führungskräfte diese gut funktionierende, von etlichen zwischenmenschlichen Missverständnissen geprägte Zusammenarbeit aufs Spiel setzten. Aber das ist ein anderes Thema, das liegt schon länger zurück. Ich versuche es salopp unter dem Mott ab: „Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis . . .“

Den Erfolg Hoffmanns mache ich immer an den Transfers fest. Die Transfers vor seiner Zeit, und die während seiner Amtszeit. Im Jahre 2000 kamen Spieler wie Christoph Babatz, Alexander Bade, Thomas Gravesen, Dimitrios Grammozis, Vanja Grubac, Fabian Ernst, Özkan Gümüs, Sascha Ilic, Rasoul Khatibi und Josip Simunic nach Hamburg. Ein Jahr später, es stand immer noch Werner Hackmann an der Spitze des Klubs, waren es Spieler wie Jörg Albertz, Roda Antar, Kim Christensen, Marcel Maltritz, Bernardo Romeo, Raphael Wicky und Stefan Wächter. Ich habe gegen nicht einen dieser Profis etwas, alles nette Kerle und sicher auch brauchbare Fußballer.

Mit Hoffmann und mit Beiersdorfer waren es dann aber in den folgenden Jahren Spieler wie David Jarolim, Khalid Boulahrouz, Daniel van Buyten, Emile Mpenza, Benjamin Lauth, Thimotheee Atouba, Nigel de Jong, Guy Demel und vor allem Rafael van der Vaart. Später folgten noch Joris Mathijsen, Paolo Guerrero, Vincent Kompany und Ivica Olic, um nur einige Hochkaräter zu nennen – zuletzt Ruud van Nistelrooy. Namen, vor allem aber Kaufsummen (auch Leihsummen), an die sich der HSV vor Beginn der Hoffmann-Ära nie oder nur in ganz, ganz seltenen Fällen herangetraut hatte.

Natürlich gab es auch so manchen Flop seit 2003, aber wo gab, wo gibt es die nicht? Selbst der große FC Bayern, dort in Person von Über-Manager Uli Hoeneß, hat sich zahlreiche Fehleinkäufe geleistet. Für mich aber steht fest, dass es mit dem HSV unter Hoffmann, Kraus und Beiersdorfer deutlich bergauf ging. Deswegen habe ich Bernd Hoffmann auch geschätzt. Er hat der Raute sicher viel Gutes getan.

Trotz allem war er nie unumstritten. Was sicherlich auch mit der Art seiner Menschenführung zu tun hatte. Da hat (oder hatte) er sicher Defizite, aber, und das muss ich bei der Gelegenheit auch ganz deutlich sagen, die gab es auch bei so manchem Hoffmann-Vorgänger zu registrieren. Weil solche Schwächen schnell einmal bei Chefs generell auszumachen sind. Sonst werden solche Menschen vielleicht auch keine Chefs.

Was mich bei Bernd Hoffmann bis heute massiv gestört hat, das ist die Tatsache, dass er mir Christian Reichert, Dietmar Beiersdorfer und zuletzt auch Oliver Scheel Männer an seiner Seite hatte, die die Raute bis heute im Herz tragen, die aber, wenn es um die Führung des Klubs ging, stets nur Papiertiger waren. Hoffmann und Kraus trafen die meisten ihrer Entscheidungen allein, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass es auch noch ein drittes Vorstandsmitglied gab. Davon darf sicher jeder gerne selbst sein eigenes Bild verschaffen, er muss nur einmal mit diesen drei betroffenen Herren sprechen. Sie haben ganz sicher andere Vorstellungen von einer vernünftigen Art der Zusammenarbeit gehabt, bevor sie in den HSV-Vorstand kamen. Letztlich sind Reichert und Beiersdorfer daran gescheitert, und natürlich ist es hypothetisch, aber ich könnte wetten, dass auch ein guter Mann wie Scheel letztlich daran zerbrochen wäre – wenn es nicht zu jener Abberufung des Vorstandes kam, über die an diesem Sonntag ganz sicher auch diskutiert wird.

Ich behaupte einmal ganz frech: Hätten Bernd Hoffmann und auch Katja Kraus eine vernünftige Zusammenarbeit mit allen dem Vorstand angehörenden Personen gewählt, sie alle wären noch heute in Amt und Würden. Aber auch das ist natürlich hypothetisch.

Darüber, dass nun die Kassen des HSV leer sind, darüber sollen andere Leute befinden. Bernd Hoffmann hatte jahrelang immer wieder betont, dass er dafür stehe, nur das Geld auszugeben, das der HSV auch tatsächlich hat. Diese sicherlich gute und vorbildliche Vorstellung der Klub-Führung habe ich immer an Hoffmann geschätzt. Aber, und nun kommt das aber, er hat in den letzten (beiden?) Jahren diesen Pfad verlassen. Er ging offenbar, weil er ein überehrgeiziger Mann ist, mehr Risiko. Auch wohl deshalb, weil er die Zeiten leid war, in denen ganz Hamburg vergeblich auf einen Titelgewinn gewartet hat. Hoffmann wollte es – vielleicht mit behutsamer Gewalt – erzwingen, doch das Vorhaben ging schief, wie wir inzwischen alle schmerzlich erfahren mussten.

Auch deshalb geriet Bernd Hoffmann mehr und mehr in die Kritik. Der „neue“ HSV lässt nun ja sogar alle Verträge überprüfen, die in der Hoffmann-Ära abgeschlossen wurden. Das sei legitim, wurde von der jetzigen Führung und auch aus dem Kreis des Aufsichtsrates geäußert. Es mag legitim sein, keine Frage, aber es ist auch nicht nur höchst ungewöhnlich, es ist auch ein Novum in der HSV-Geschichte. Einen solchen Vorfall hat es meines Wissens nie zuvor gegeben. Wobei ich zu gerne einmal wüsste, weshalb das „alte“ Vorstandsduo einen Berater-Vertrag (kostete immerhin eine sechsstellige Summe) mit einer angesehenen Hamburger Firma abgeschlossen hatte. Auch das ist ein Novum. Zu früheren Zeiten gab es solche Beraterverträge (meines Wissens) nicht. Da waren die Klub-Chefs immer selbst in der Lage, ihren Weg zu gehen. Aber vielleicht ist es ja auch Mode geworden – denn die hohe, die ganz, ganz große Politik bedient sich ja auch schon seit Jahren solcher externer Berater.

Wieso, weshalb, warum? Ich habe keinerlei Erklärungen dafür. Wenn ich ein solches Amt bekleiden will, dann muss ich auch wissen, welche Voraussetzungen ich erfüllen muss, um diesen Anforderungen gerecht zu werden – sonst muss ich es geeigneteren Personen überlassen. Deshalb bin ich gespannt, was letztlich aus dem Überprüfen der Verträge heraus kommt.

Quintessenz dieses Vorstands-Theaters: In einem Sport-Verein sollte es in den meisten Fällen gemeinsam gehen, dieses Thema wurde in den letzten Jahren beim HSV verfehlt. Und wenn heute beklagt wurde, dass ein großer Fehler in der Vergangenheit gemacht wurde, als es keinen Sportchef (Nachfolger von Beiersdorfer) gab, dann kommt diese Einsicht Jahre zu spät. In jener Zeit wurden alle diesbezüglichen Fragen schnell abgewimmelt: Man hätte alles im Griff, es fehlt an nichts, es fehlt vor allem kein Sportchef. Heute wissen es alle besser.

Noch ein kurzer Absatz zu Katja Kraus. Sie, das habe ich immer wieder betont, wurde auch von „Oppositionellen“ des HSV für ihre Arbeit, die sie für den Klub verrichtete, gelobt. Ich teile das. Ihr wohl größter Fehler war, dass sie zwar alles für Bernd Hoffmann getan hat, dass sie ihm aber nicht beizeiten auf die Füße getreten ist, was eine gute, vorbildliche und fruchtbare Zusammenarbeit in der Führungsetage eines Sport-Vereins betrifft. Katja Kraus war Nationaltorhüterin, sie hätte ihrem Boss (Hoffmann) durchaus einmal etwas von Teamgeist verklickern können. Vielleicht hat sie es aber auch gemacht, vielleicht hat er es nur nicht angenommen – das vermag ich nicht zu sagen.

Über den „alten“ Aufsichtsrat habe ich schon viel und oft geschrieben. Er hat auf ganzer Linie versagt, das werde ich nur noch einmal wiederholen. Er hat deshalb versagt, weil er es versäumt hat, der Klub-Führung kontrollierend auf die Hände zu gucken. Er hat auch deshalb versagt, weil es zu viele Gemeinsamkeiten mit Bernd Hoffmann gab. Als ich das einmal ansprach, erfuhr ich nur: „Eine gute Zusammenarbeit kann nur dann erfolgreich sein, wenn man sich versteht und gemeinsam an einem Strang zieht.“ Aha. Habe ich damals gedacht, denke ich immer noch.

Nach dem Wechsel an der Klub-Spitze in diesem Frühjahr ist nun wieder Ruhe in den Klub eingekehrt. Zum Glück. Ich habe das Gefühl, dass die Führung und der Aufsichtsrat besser, mehr und auch (vor allem) im Team arbeiten. Ich jedenfalls vertraue dieser Konstellation, und ich kann nur hoffen, dass sich das letztlich auch auf die sportliche Seite niederschlägt. Wenn die Menschen, die nun beim HSV am Ruder sind, merken, dass nicht sie glänzen müssen, sondern nur der Klub, dann ist schon viel gewonnen. Persönliche Eitelkeiten haben vor allem in der jetzigen schwierigen Phase des HSV nichts zu suchen, dafür gibt es im Moment keinen Millimeter Platz. Arbeiten, rackern, schuften und alles für den Erfolg der drei größten Buchstaben der Hansestadt und der Bundesliga tun, das ist nun das Gesetz der Stunde.

17.56 Uhr

Analyse Teil fünf: Veh kam zur falschen Zeit

20. Mai 2011

Neue Leute braucht der Klub. Das hat der HSV erkannt. Und auch wenn es noch immer keine Namen von Neuzugängen gibt, mir wurde versichert: „Es ist alles bestens im Fluss.“ Also, wir alle werden uns noch in Geduld üben müssen. Unterdessen sind die „kleineren“ personellen Spielchen weiter im vollen Gange. Im Moment trennt sich der HSV von einigen Mitarbeitern, um auch für frisches Blut im Verein zu sorgen. Erstens soll abgespeckt werden, zweitens sollen, so wurde mir zugeflüstert, auch neue Kräfte für eine neue positive Stimmung innerhalb des Klubs sorgen – und auch im Umfeld der Mannschaft. Deswegen werden noch weitere Entscheidungen folgen, denn, so heißt es, der neue Sportchef Frank Arnesen will ein absolut positives, freundliches und emotionales Umfeld. Auf einen Nenner gebracht: Beim HSV soll wieder mehr Optimismus verbreitet werden, es soll auch wieder mehr gelacht werden – auch wenn es sportlich dafür nicht die besten Voraussetzungen gibt. Aber vielleicht ist das ja mal ein Anfang.

In der Saisonanalyse geht es heute um die Männer, die keine Tore schießen oder verhindern, dennoch etwas für den HSV tun. Der Stab um den Chef-Trainer.

Armin Veh trug bis Mitte März die Verantwortung für die Bundesliga-Mannschaft, dann wurde er von seinem Amt entbunden. Die 0:6-Vernichtung bei Bayern München war ausschlaggebend für diese Trennung, die aber keineswegs überraschend kam. Die Stimmung im Verein war auf dem Nullpunkt, die Mannschaft schien am Ende, der Trainer wirkte so, als würde er jeden tag auf seine Beurlaubung warten, nach so manche Aussage von Veh schien dieser Schritt überfällig – dann wurde er endlich vollzogen.

Ich sage es noch einmal: Armin Veh kam zum falschen Zeitpunkt zum HSV. Er hatte frühzeitig erkannt, dass es seine Hauptaufgabe sein würde, aus dieser Truppe eine Mannschaft zu formen, ich sage ausdrücklich: auch Veh hat es nicht geschafft. Wie alle seine Vorgänger. Am besten hatte es – für eine gewisse Zeit – noch Thomas Doll hinbekommen. Die se HSV-Profis aber waren nicht fähig, oder besser, sie wollten nicht fähig sein, als Team, als verschworener Haufen aufzutreten. Das war das große Dilemma – auch in der abgelaufenen Saison.

Ganz sicher hat auch Armin Veh einige Fehler begangen. Einige waren davon auch gravierender Art. Aber welcher HSV-Trainer war schon frei von Fehlern? Nicht einer. Es wird auch keinen geben, der fehlerlos ist. Von den Spielern jedenfalls waren lange keine Beschwerden über den Trainer (hinter der vorgehaltenen Hand) zu hören, wie es sonst so oft der Fall gewesen ist. Veh hatte die Spieler im Training am Band, wie es so schön heißt, sie taten das, was ihm der Trainer ansagte – aber mehr eben auch nicht. Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn Veh einen anderen Spieler zum Kapitän befördert hätte. Heiko Westermann, den es als Neuzugang traf, hatte null Lobby in der Mannschaft. Ich hätte David Jarolim auf diesem Amt gelassen (ganz eindeutig), oder ich hätte, wenn es denn unbedingt einen neuen Spielführer hätte geben sollte, einen der „älteren“ Herren bestellt. Ze Roberto oder Joris Mathijsen. So mussten die Spieler einem Mann folgen, den sie gar nicht kannten. Das konnte nicht gut gehen.

Der „Fall Kapitän Westermann“ ist der Hauptgrund für mich, warum Armin Veh in Hamburg gescheitert ist. Er war es praktisch schon gegen Ende des Jahres 2010, damals galt Veh intern schon als entlassen, aber die Mitgliederversammlung rettete den coach noch einmal – weil der damalige Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann seine Wiederwahl nicht gefährden wollte. Bei einer Veh-Entlassung, dann noch unmittelbar vor der Versammlung, hätte es sicher Tumulte, Unmutserklärungen und Proteste gegen Hoffmann gegeben – also ging der Boss auf Nummer sicher.

Veh-Nachfolger Michael Oenning startete bravourös mit einem 6:2-Sieg gegen den 1. FC Köln. Es blieb leider in acht Spielen bis zum Saisonende sein einziger Dreier. Oenning bleibt aber trotzdem der Chef-Trainer, und ich bin sehr gespannt, wie und ob er seine Linie auch von Saisonbeginn an durchziehen wird und kann. Er hat, und das finde ich absolut erfreulich, die Zügel angezogen, er hat härter trainieren lassen – und das erwarte ich auch in Zukunft von ihm. Ich behaupte ganz einfach, dass diese HSV-Mannschaft in den vergangenen Jahren zu wenig im Training getan hat – und ganz offenbar hat auch Michael Oenning das erkannt. Ich hpoffe es jedenfalls. Wer mehr erreichen will, der muss auch mehr tun. Das hat einst Felix Magath hier verkündet – und es auch in die Tat umgesetzt. Ich plädiere dabei gewiss nicht für Medizinbälle, aber ich möchte, dass sich im Training wenigstens zwei Mal die Woche richtig (gut und schön und nach allen Regeln der Kunst) gequält wird. Auch das hat Magath eins propagiert: „Qualität kommt von Qual.“ Und überhaupt: Bei diesem Thema fällt mir spontan immer unser „Matz-ab-Reporter“ Benno Hafas ein, der nach einem halben Jahr „Matz ab“ öffentlich fragte: „Wann wird beim HSV eigentlich mal Kondition trainiert? Nachts?“

Deswegen setze und hoffe ich auf Michael Oenning. Und auf Günter Kern, dessen Vertrag als Konditionstrainer gerade verlängert wurde. Diese beiden Herren haben es offenbar erkannt, dass ein bisschen mehr getan werden muss – sie werden es schon richten. Und wenn dann auch die fußballerische Komponente nicht zu kurz kommt (in der neuen HSV-Mannschaft 2011/12), dann könnte mit dem zu erwartenden Angriff auf die (Bundesliga-)Spitze quasi sofort begonnen werden.

Zum Trainer-Team der vergangenen Saison gehörte auch Torwart-Trainer Ronny Teuber. Jetzt, wo alles hinterfragt wird, wo offenbar viele Mitarbeiter auf dem Prüfstand stehen, einiges schon geändert wurde und auch noch geändert wird, hoffe ich darauf, dass Teuber bleibt. Er hat seine Sache – meiner Meinung nach – gut gemacht, er strahlt Ruhe aus und ist kompetent. Seine Ablösung ist aber derzeit auch kein Thema, doch in so unruhigen Zeiten wie diesen weiß man ja nie . . .

Und es hat ja jetzt auch schon Manfred Düring getroffen. Für mich eine überraschende Personalie. Aber sie hat sicher in erster Linie einsparenden Charakter. Es war dem „neuen HSV“ bestimmt der eine oder andere Trainer zuviel an Bord, und dann hat es Düring getroffen. Wobei ich mich vor allem an den Beginn dieser Saison erinnere, als der Leistungsdiagnostiker oftmals das Training (vor allem auf Sylt) leitete – und dabei einen erstklassigen Eindruck hinterließ. Das war meine Wahrnehmung, das war aber auch von den Spielern zu erfahren. In diesem Jahr jedoch stieß Günter Kern zu diesem Trainer-Stab, und diese Verpflichtung war sicher ausschlaggebend dafür, dass Düring nun gehen musste.

Bleiben darf dagegen Markus Günther. Der Reha-Trainer arbeitet still und im Hintergrund mit den verletzten Spielern, und diese Aufgabe erfüllt er schon seit Jahren sehr gut. Es ist kein Kriterium zum Bleiben, aber ich schreibe es trotz allem: Über Günther hat sich in all den Jahren, in denen er für den HSV arbeitet, noch nie ein Spieler abfällig geäußert. Das spricht für Günther.

Zum Schluss der Saison stieß noch Rodolfo Cardoso zum Team von Michael Oenning, aber dieses Gastspiel fand nun auch schon wieder ein schnelles Ende. Der ehemalige HSV-Regisseur kehrt zur Regionalliga-Mannschaft zurück, weil sich Oenning nun an Frank Heinemann (VfL Bochum) erinnerte – er ist der neue Assistent des neuen Chefs. Cardoso hat sich in den Wochen, in denen er bei den Profis auftaucht, nicht in den Vordergrund gespielt – es ist nicht seine Art. Der Argentinier ist eher ein leiser und zurückhaltender Mensch, und gerade deshalb habe ich es so empfunden, dass Rodolfo nicht besonders gut zu Oenning gepasst hat. Bei einem Training, erst recht bei einem Spiel, darf es meiner Meinung nach auch mal am Spielfeldrand krachen, so richtig schön laut und turbulent zugehen, damit die Spieler wissen, dass auch draußen Emotionen versprüht werden – ich hoffe sehr, dass auch daran verstärkt gearbeitet wird.

So, Euch allen ein wunderschönes Wochenende, dem HSV noch viele namhafte Verstärkungen (und die schon bald) und dem Klub eine interessante und lebhafte und faire Informationsveranstaltung am Sonntag (Beginn 11 Uhr) in der Westtribüne.

16.41 Uhr

Analyse Teil vier: Die Defizite des HSV-Sturms

19. Mai 2011

So ist das ja im Leben: einer geht, ein anderer kommt. Oder: einige gehen, andere kommen. Das passiert beim HSV auch dieser Tage. Es werden noch einige gehen müssen, die jetzt noch nicht dran denken. Lasst Euch überraschen. Und es kommt ein Neuer, den keiner auf dem Zettel hatte: Frank Heinemann. Als ich am Mittwoch um kurz vor 20 Uhr den Namen des neuen Co-Trainers erfahren wollte, wusste man beim HSV noch von nichts. Und dann steht es plötzlich in der Bild. Kompliment den Kollegen, sie sind doch immer auf Ballhöhe – auch dann, wenn sie beim HSV noch von nichts wissen.

Zu Heinemann habe ich schon seit Jahrzehnten meine persönliche Einstellung gehabt. Ohne zu wissen, dass er eines Tages einmal beim HSV (als Co-Trainer) landen würde. Jedes Mal, wenn es gegen den VfL Bochum ging, und das ist jetzt absolut die Wahrheit, jedes Mal habe ich Heinemann schon vorher verflucht. Der Grund: Ich hatte das Gefühl, dass dieser kleine Kämpfer, Grätscher, Hacker, Treter und Dauerläufer immer vor Spielen gegen den HSV einen Eier Kälberblut getrunken hatte, um wie gedopt aufzulaufen. Jedes Mal, wenn Heinemann gegen den HSV gespielt hat, hat der „das Spiel seines Lebens“ gemacht. Ich weiß, ich weiß, das kann man nur einmal machen, aber bei Heinemann gab es von HSV-Spiel zu HSV-Spiel immer eine Steigerung. Es war unfassbar. Der gute Mann hat nie ein Länderspiel bestritten, aber gegen den HSV präsentierte er sich immer in Länderspiel-Form. Wenn er hier seinen Dienst antritt, dann werde ich ihn sicher fragen, wieso das so war. Heinemann, der 195 Erstliga-Spiele für den VfL bestritt, war als Spieler ein „Giftnickel“, eine Klette, die sich nicht abschütteln ließ, er gab nie auf, er gab immer 100 Prozent. Ein Vorbild für sein Team, das ja als Graue Maus der Liga bekannt war. Ich hoffe, dass er so auch FÜR den HSV zur Sache gehen wird – und ich gehe auch fest davon aus.

So, weitere Namen werden folgen. Auf der einen Seite (die gehen müssen), wie auf der anderen Seite. Das werdet Ihr schon morgen sehen. Ich aber komme in dieser Woche noch einmal zu jenen Jungs, die das Vergnügen hatten, in der vergangenen Saison die Raute auf der Brust zu tragen. Es geht in der Saisonanalyse diesmal um die Stürmer. Es geht um den Angriff, von dem ich ja schon seit Jahren glaube, dass er falsch zusammengestellt worden ist. Thomas Doll, das hatte ich vor Wochen schon einmal geschrieben, hatte das erkannt, als er Trainer des HSV wurde – er trennte sich von Bernardo Romeo. Und „alle Welt“ schrie und stöhnte damals auf: „Wie kann man nur . . .“ Doll aber wollte auf schnelle Stürmer setzen, die nicht nur am Fünfmeterraum des Gegners stehen und bedient werden wollen, sondern mit denen der HSV auch kontern kann.

Das Vorhaben war da, die Gedanken waren gut, aber es wurde leider nicht zur Zufriedenheit umgesetzt. Jedenfalls nicht zu meiner. Ich glaube ja, dass der HSV schon seit Jahren keinen Stürmer hat, der von den Kollegen auch gelegentlich mal steil geschickt werden kann – um kontern zu können. Gibt es nicht! Natürlich, auf den Außen gab es pfeilschnelle Leute, wie Jonathan Pitroipa und auch Eljero Elia, aber solche Angreifer-Typen haben auch in der Mitte gefehlt. Und sie fehlen bis heute in der Mitte. Der HSV ist einfach nicht in der Lage, ein Konter-Spiel aufzuziehen, denn es fehlen die Leute dafür. Und deshalb hoffe ich vor allem auf Frank Arnesen, dass er diese Problematik ähnlich sieht, er sie erkannt hat – und nun endlich etwas tut, um diesen Missstand abzustellen. Wenn ich höre, dass der Vorstandsvorsitzende Carl Edgar Jarchow sagt, dass hinten und im Mittelfeld etwas getan werden muss, dann sträuben sich mir die Nackenhaare. Das ist doch nur die halbe Wahrheit. Der HSV braucht dringend einen Stürmer, der in der Mitte spielt und blitzschnell ist. Einer, der weder sich noch den Gegner schont, der dorthin geht, wo es weh tut, der einst wie Uwe Seeler abgeht – und wie Schmitzens Katze.

Nun bin ich kein Fantast, ich weiß, dass solche Stürmer nicht auf dem Baum sitzen und gepflückt werden wollen. Solche Angreifer sind höchst selten, und sie kosten in der Regel viel Geld. Es sei denn, man hat ein solches Juwel schon in der Jugend – und kann es fördern, bis es „voll da“ ist. In meinen Augen hatte der HSV einen solchen jungen Mann, im Grunde hat er ihn noch immer, aber er ist (leider) noch bis zum Sommer 2012 an Fortuna Düsseldorf ausgeliehen: Maximilian Beister. Okay, okay, er hatte hier schon seine Chancen, aber ich glaube ganz einfach, er hatte zu jener Zeit noch viel zu wenige. Wenn ich so an Marcus Berg denke, der hatte deutlich mehr davon gehabt und bekommen. Weil er für viel Geld (viele Millionen) gekommen, besser geholt worden, war? Beister war damals (vor ein, zwei Jahren) ein Rohdiamant, ihn hätte man beim HSV schleifen müssen, aber man hat es nicht (genügend und mit mehr Ausdauer) getan. Leider. Meine Hoffnung aber ist die, dass es dafür noch nicht ganz zu spät ist – man wird sehen.

Dafür wurden beim HSV andere Spieler gefördert, die in meinen Augen weniger Talent hatten. Aber auch das hat ja schon Tradition . . .

Mögen die neuen Leute, die jetzt bereits beim HSV angefangen haben, und auch die Leute, die noch kommen werden, weitaus glücklichere Händchen haben, als das in der Vergangenheit der Fall war.

Wobei ich beim Angriff der vergangenen Saison bin. Bei jenen Stürmern, die den HSV auf Tabellenplatz acht (man muss es sich immer mal wieder vor Augen führen – weil es unglaublich ist) enden ließen. Los geht es; aber ich muss schell noch einmal loswerden, dass wir die folgenden Daten (und auch alle Daten der hier bereits genannten HSV-Spieler) von der Firma Castrol bekommen haben – vielen Dank dafür:

Eric-Maxim Choupo-Moting
wurde von keinem Gegenspieler jemals so kaltgestellt, wie in dieser Spielzeit von einem gewissen Fax. Fridolin Fax war es, so glaube ich. Das Faxgerät verhinderte, dass der Nationalstürmer des Kameruns im Winter zum 1. FC Köln wechselte – und das war mehr als jammerschade. Ich hätte es gerne schon einmal eine Halbsaison betrachtet, ob sich der talentierte Angreifer bei den Geißböcken durchgesetzt hätte. Ich glaube es nämlich nicht. Jetzt werden wir alle (und auch ich) auf die nächste Spielzeit warten müssen, denn dann stürmt „Choupo“ bekanntlich für Mainz. Ob er oft stürmt? Meine Zweifel bleiben bestehen. Ich glaube nicht daran. Ich glaube, dass ihn der Herr Papa (als Berater) stets besser gesehen hat, als der Filius tatsächlich war. Ich kann mich irren, aber ich habe mich in über 30 Jahren HSV selten einmal gravierend geirrt. Ein Beispiel gibt es aber, denn im „Fall“ Oliver Bierhoff lag ich damals krass daneben. Ich würde es Eric-Maxim Choupo-Moting ja gönnen, aber wie gesagt, ich glaube nicht daran. Mainz müsste in meinen Augen schon absteigen, wenn „Choupo“ dort einmal zum Stamm-Stürmer werden sollte.

Eric-Maxim Choupo-Moting in Zahlen:
Einsätze: 10
Gespielte Minuten: 377
Tore: 2
Minuten/Tor: 189
Schüsse auf das Tor: 4
Schüsse neben das Tor: 3
Schussgenauigkeit in Prozent: 57
Chancenverwertung in Prozent: 29

Eljero Elia
ist vielen Hamburgern, und auch mir, ein großes Rätsel. Bei der niederländischen Nationalmannschaft blüht er in der Regel auf, beim HSV sucht er weiterhin seine Bestform. Das war auch in dieser Saison so. Und eventuell bleibt es auch so, wenn nicht der HSV eingreift. Elia ist ein sicher begnadeter Fußballer, der aber auch eine andere Art der „Betreuung“ für sich beansprucht. Beim HSV werden alle Spieler, so meine Beobachtungen (seit Jahren), gleich behandelt. Da wird kaum (oder gar nicht) Rücksicht darauf genommen, dass es verschiedene Menschen mit verschiedenen Charakteren gibt. Elia würde sicher bei einer anderen Ansprache, einer individuelleren Führung besser kicken können. Oftmals hat er sich darüber beklagt, dass ihm von Seiten des Vereins zu wenig Respekt entgegen gebracht worden ist. Eine Art des Hilferufs. Man kann dazu stehen wie man will, aber Elia erfordert und beansprucht damit indirekt eine besondere Behandlung – und die muss man ihm geben. Ganz einfach. Oder man muss ihn verkaufen. Gibt es Trainer und auch Offizielle, die sich nicht zu schade sind, dem Niederländer „Zuckerklümpchen in den Hintern zu pusten“, dann wird der Wirbelwind sicher aufblühen. Ich bin davon überzeugt. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass sich eher keiner beim HSV erbarmen wird, dem besonderen Menschen Elia auf besondere Art zu begegnen. Schade eigentlich.

Eljero Elia in Zahlen:
Einsätze: 24
Gespielte Minuten: 1645
Tore: 2
Minuten/Tor: 823
Schüsse auf das Tor: 9
Schüsse neben das Tor: 13
Schussgenauigkeit in Prozent: 41
Chancenverwertung in Prozent: 9

Paolo Guerrero
wird immer ein Fußballer sein, an dem sich die Geister scheiden. Ich habe lange zu dem Peruaner gestanden, weil ich von seinen fußballerischen Qualitäten überzeugt war – und es noch immer bin. Aber Fußball ist die eine Seite der Medaille, der Kopf die andere. Paolo Guerrero kann mental nicht über seinen Schatten springen, und ich glaube allmählich, dass er das auch nicht mehr lernen wird. Oder besser, dass er nicht mehr in sich gehen wird, um sein bisheriges Profi-Leben zu überdenken – und dann gegebenenfalls etwas zu ändern. In seinem Falle spielt auch der Berater eine gewisse Rolle, denn ich erwarte von solchen Leuten, dass sie sich auch in die fußballerische Betreuung ihrer Klienten einmischen – aber da kommt ganz offenbar nichts. Null! Wir alle haben es in dieser Saison erlebt. Der HSV gibt Paolo Guerrero noch einmal eine (weitere) Chance, der Peruaner könnte endlich befreit aufspielen – aber auch da kam nichts. Null. Und ich habe die Befürchtung, dass es auch so bleiben wird. Note fünf für ihn für die vergangene Saison.

Paolo Guerrero in Zahlen:
Einsätze: 25
Gespielte Minuten: 1564
Tore: 4
Minuten/Tor: 391
Schüsse auf das Tor: 10
Schüsse neben das Tor: 19
Schussgenauigkeit in Prozent: 34
Chancenverwertung in Prozent: 14

Mladen Petric
ist der beste „Knipser“ des HSV. Ob er es auch bleiben wird? Ein großes Fragezeichen von mir. Der Kroate ist in England im Gespräch, und ich weiß nicht, was besser ist – für ihn, und für den HSV. Petric könnte auf der Insel sicher in einer besseren Mannschaft spielen, und der HSV könnte einmal probieren, wie es ohne ihn geht. Wie gesagt, ich weiß es nicht, was besser ist. Bleibt Mladen Petric einmal ohne Treffer, dann sind viele Fans auch schnell gegen ihn aufgebracht. Das Argument, das dann oft zu hören ist: „Petric bewegt sich zu wenig, er steht oft nur herum und warte darauf, dass man ihm den Ball in die Schuhe spielt.“ Das hat gewiss schon jeder einmal gehört. Ich glaube aber, dass Petric dann noch wertvoller sein könnte, wenn er in der Offensive Leute um sich herum hat, die ihn mitreißen, die ihn einbinden, die ihn bedienen – die ihn auch als Torjäger, als „Knipser“ anerkenn und auf eine gewisse Art auch hofieren. Ruud van Nistelrooy war das nicht, denn der ist (oder war?) selbst ein Weltstar. Deswegen ist zu hoffen, dass der HSV (im Falle des Verbleibens von Petric in Hamburg) eine Mann an die Seite des Kroaten setzt, der mit ihm spielen will, der ihn als Nummer eins anerkennt, der zu ihm hoch schaut, der auch weiß, dass es nur gemeinsam geht. Daran hat es in dieser abgelaufenen Saison gemangelt, sonst hätte es mehr HSV-Tore gegeben, sonst hätte auch Petric weit mehr Treffer auf seinem Konto gehabt – als nur elf.

Mladen Petric in Zahlen:
Einsätze: 22
Gespielte Minuten: 1730
Tore: 11
Minuten/Tor: 157
Schüsse auf das Tor: 24
Schüsse neben das Tor: 29
Schussgenauigkeit in Prozent: 45
Chancenverwertung in Prozent: 21

Heung Min Son
war die Entdeckung der ersten Wochen der Saison 2010/11. Was spielet der kleine Koreaner für einen großartigen Fußball! Das war eine Wucht in Tüten. Alle, nein, fast alle waren restlos begeistert. Da kam ein neuer Stern am HSV-Himmel auf. Doch das Glück des kleinen Talentes hielt nicht lange. Eine Verletzung zu Beginn, ein kleiner Hänger im Herbst, ein Berufung in die Nationalmannschaft, die Teilnahme am Asien-Cup, die Tatsache, dass er keine Rückrunden-Vorbereitung hatte – das alles sorgte für einen kleinen (oder doch schon größeren?) Absturz des Zieh-Sohnes von Ruud van Nistelrooy. Es bleibt nur die Hoffnung, dass es in der kommenden Saison wieder besser laufen wird. Aber ich habe auch bei ihm kleinere Zweifel. Hoffentlich hat der kleine Son nicht schon jetzt sein ganzes Pulver verschossen. Er wird zulegen müssen, in Sachen Fitness, mentaler Stärke und Engagement. Immer nur lächeln hilft auch in seinem Fall nicht weiter.

Heung Min Son in Zahlen:
Einsätze: 13
Gespielte Minuten: 719
Tore: 3
Minuten/Tor: 240
Schüsse auf das Tor: 7
Schüsse neben das Tor: 7
Schussgenauigkeit in Prozent: 50
Chancenverwertung in Prozent: 21

Tunay Torun
wird nun Berliner. Und wir alle werden sehen, ob ihn der Wechsel zur Hertha beflügeln wird. Ich glaube nicht, aber das ist nur meine unmaßgebliche Meinung. Torun, inzwischen türkischer A-Nationalspieler, trat in der abgelaufenen Saison auf der Stelle, vielleicht entwickelte er sich auch zurück. Natürlich hatte er eine schwere Knieverletzung, natürlich kam er erst spät in Fahrt, aber er wird aufpassen müssen, dass er stets und ständig alles gibt, um sich für die Stamm-Elf zu empfehlen. Ich weiß nicht, ob er ein Spieler ist, der sich auch schon damit zufrieden gibt, es in einen Profi-Kader geschafft zu haben. Die Tatsache, dass er deswegen, weil er zu wenige Einsätze beim HSV hatte, zur Hertha wechselt, spricht eigentlich gegen diese These, aber ich weiß auch nicht, ob Tunay Torun immer alles dafür gegeben hat. Um sich durch Leistung sportlich aufzudrängen. Dazu muss mehr kommen – von ihm, und das habe ich im Training während dieser Saison nicht so oft von ihm gesehen. Er blieb beim HSV nur ein Mitläufer, soll ihm das nicht auch in Berlin passieren, so muss er lernen, stets und ständig an seine Grenzen zu gehen. Nur so könnte es klappen. In Hamburg hat es nicht so geklappt.

Tunay Torun in Zahlen:
Einsätze: 5
Gespielte Minuten: 252
Tore: 0
Minuten/Tor: –
Schüsse auf das Tor: 2
Schüsse neben das Tor: 3
Schussgenauigkeit in Prozent: 40
Chancenverwertung in Prozent: –

Ruud van Nistelrooy
war für mich DER Star dieser Mannschaft. Er hat sich in Hamburg wieder herangekämpft, obwohl er eigentlich schon weg war. Er hat hier nie den Star heraushängen lassen, sondern war ein Bestandteil dieser Gruppe – für mich war und ist er ein Fußball-Gentleman. Dafür gebührt ihm Dank, dafür lobe ich ihn ausdrücklich. Der Mann hat sich eingeordnet, und er hat in seinen Analysen zum HSV und zum Fußball stets vernünftige und großartige Sachen von sich gegeben. Seine Einstellung zu seinem Job (beim HSV) war und ist (wohl) hervorragend! In Hamburg war es das bis zu jenem Tag, als ihn Real Madrid wieder in Madrid sehen und haben wollte. Von nun an ging’s bergab. Da war die Saison für ihn gelaufen, da hatte der HSV (und sein Anhang) keinerlei Freude mehr an ihm, da war kaum noch zu spüren, dass „RvN“ ein HSVer ist. Schade, schade, er hätte hier ein besseres Ende verdient gehabt, aber ich freue mich trotz allem immer noch darüber, dass er hier in Hamburg gespielt hat – das war ein Hauch von Weltklasse. Auch wenn man davon nur 2010 etwas spüren konnte. Leider.

Ruud van Nistelrooy in Zahlen:
Einsätze: 25
Gespielte Minuten: 1785
Tore: 7
Minuten/Tor: 255
Schüsse auf das Tor: 28
Schüsse neben das Tor: 28
Schussgenauigkeit in Prozent: 50
Chancenverwertung in Prozent: 13

So, das war der Angriff des HSV. Es folgt demnächst noch die Analyse der Trainer und Funktionäre. Und hoffentlich folgen dann auch schon bald weitere Neuzugänge – nicht nur die Namen von Co-Trainern.

17.28 Uhr

Arnesen krempelt die Ärmel auf

18. Mai 2011

Er war kurz da und ist schon wieder weg. Aber das auch nur ganz kurz. Am Montag kehrt Frank Arnesen wieder nach Hamburg zurück, und von diesem Tag an, dem 23., Mai 2011, ist er dann auch in Amt und Würden, dann ist er tatsächlich der neue HSV-Sportchef. Bevor der Däne sich wieder nach London aufmachte, gab es für die Medien der Hansestadt noch die Gelegenheit, einige Fragen zu stellen. Geduldig stellte sich Arnesen den Reportern, er ist schon „voll drin“ in seiner Aufgabe, und ich habe einen wirklich guten Eindruck von diesem Mann. Er weiß genau, wovon er spricht, er weiß genau, was er will – und was nicht. Und er weiß auch, dass er etwas kann. Das sind keine Luftblasen, die Arnesen da von sich gibt, der Mann denkt sorgfältig nach, was er sagt, und es hat alles Hand und Fuß, was er so von sich gibt. Und selbst wenn er spontan antwortet, dann wird eines ganz offensichtlich: Dieser Mann ist Fußballer durch und durch, er kann auf einen riesigen Erfahrungsschatz zurückgreifen – und er weiß, was in Hamburg von ihm erwartet wird. Egal ob nun Strohhalm, Heilsbringer oder Hoffnungsträger – Frank Arnesen wird dem HSV helfen müssen, er hat sich darauf von A bis Z eingestellt. Und ich glaube nach diesem Treffen auch, dass er dem HSV helfen kann, helfen wird.

Kurz bevor unser Gespräch beendet war, gab es noch für mich ein besonderes Aha-Erlebnis. Es ging um Paolo Guerreros Verletzung, wie lange der Peruaner ausfallen wird, ob der HSV-Stürmer doch zur Copa America fliegen muss. Arnesen: „Wir werden die nächsten zwei Wochen abwarten, wie sich das alles entwickelt, dann werden wir miteinander sprechen.“ Eventuell, wenn Guerrero tatsächlich von Peru angefordert wird, muss ein HSV-Arzt mitfliegen, um dann vor Ort mit den Kollegen der Peruanischen Nationalmannschaft zu beraten, ob ein Einsatz sinnvoll ist. Dann sagte Arnesen etwas für mich Überraschendes und auch höchst Erfreuliches: „Wir sind ja schon früher in Peru gewesen, als Paolo seinen Kreuzbandriss hatte. Wir kennen die Leute, die Ärzte, wir haben ein gutes Verhältnis zu ihnen aufgebaut, wir haben sehr gute Beziehungen – und diese Erfahrungen brauchen wir auch diesmal, um Guerrero wieder fit zu bekommen.“
Habt Ihr auf die Feinheiten geachtet? Arnesen hat „wir“ gesagt. „Wir“ in einem Zusammenhang, den er gar nicht kennt, nicht kennen kann. Guerreros Kreuzbandriss liegt schon über eineinhalb Jahre zurück, aber „wir kennen die Leute, wir kennen die Ärzte . . .“ Kompliment, Herr Arnesen, Sie, „wir“ und der HSV – das ging aber fix! Und fängt schon viel versprechend an.

Und bewegt hat Frank Arnesen (als Chelsea-Mitarbeiter) auch schon einiges – in Hamburg. Der HSV sucht im Moment einen neuen Co-Trainer, im Gespräch ist ein Deutscher. Der wird Rodolfo Cardoso ersetzen, der wieder zurück zur Regionalliga-Mannschaft gehen wird. Und noch etwas wird neu sein beim HSV 2011: Das Team von Cardoso wird in Zukunft parallel zur Profi-Mannschaft trainieren – jedenfalls so oft es geht. Weg von Ochsenzoll, ran an die Arena. Durch die Nähe soll der Übergang der Talente in den Profi-Bereich leichter gemacht werden, sie stehen mehr unter Beobachtung – und sie können, je nach Bedarf, auch unkompliziert mal am Training der Profis teilnehmen. Eine sinnvolle Erneuerung. Arnesen: „Als wir jung waren, haben wir doch auch immer zu den Profis aufgeschaut, so wird die Kluft zwischen den Talenten und der ersten Mannschaft verringert, der Übergang wird damit leichter gemacht.“ Es sollen auch künftig schon B-Jugendliche zeitweise bei den Profis mittrainieren.

Am Dienstag hatte Frank Arnesen eine Gesprächsrunde mit dem Aufsichtsrat. Der Sportchef: „Ich hatte natürlich schon öfter solche Gespräche, aber noch nie mit zwölf Mann. Das war eine neue Erfahrung für mich, aber ich muss sagen, es war sehr interessant, und es war auch sehr positiv. Mir wurden sehr viel Fragen gestellt, und das mag ich sehr gerne.“ Erst hatte Michael Oenning seine Vorstellungen präsentiert (ein Rückblick und ein Ausblick), dann kam Frank Arnesen. Es wurde über jeden Spieler gesprochen – auch über noch anstehende Wechsel, auch über die Neuen. Arnesen: „Es war wirklich ein sehr positives Gespräch.“

Bastian Reinhardt wird sich künftig mehr um die Jugend, mehr um die Talente des HSV kümmern, er wird eine Art Vermittler spielen zwischen Jung und Alt. „Diese Position war Bastians Wunsch, ich glaube, er wird eine sehr gute Rolle für uns spielen können. Ich habe ihnen kennen gelernt, er ist ehrgeizig, er ist jung, er will – und er wird wichtig für uns werden“, sagt Arnesen, der die alte Scouting-Abteilung um Michael Schröder (noch oder vorerst) behalten will. Der Däne will alles zusammenfügen, und er will abwarten, wie sich diese Arbeit entwickelt. Klappt es gut, werden wohl alle beim HSV bleiben, klappt es nicht, werden doch noch Köpfe rollen: „Wir sind ein Team. Und ich werde mir das in Ruhe anschauen. Wir brauchen Qualität, und wenn wir Qualität haben, dann wollen wir die auch behalten. Auch gute Leute, die bleiben wollen, werden wir behalten. Ich werde mir die nächsten Monate genau ansehen, das ist mein Job, und wenn ich das Gespür habe, dass da ein guter Mann mit uns gehen will, dann geht er auch mit. Ich habe das Gefühl, dass es im Scouting-Bereich eine sehr gute Atmosphäre herrscht, dass die Leute da wollen. Wir müssen zusammenarbeiten, und ich habe dafür ein sehr gutes Gefühl.“

Dass nun (fast) alle HSV-Hoffnungen auf Frank Arnesen ruhen, das weiß der Däne. Und er geht locker damit um. Er sagt: „Ich bin es gewohnt, dass die Leute sehr viel von mir erwarten. Ich war Fußballer, dann Trainer, dann viele Jahre beim PSV Eindhoven, Tottenham und Chelsea, ich kann mit dem Druck leben, es ist ja doch immer wieder dasselbe. Es ist nun eine neue Herausforderung für mich, und darauf freue ich mich. Aber ich hoffe, dass die Hoffnungen der Hamburger nur zeitlich begrenzt auf meinen Schultern liegen, denn die Nummer eins müssen die Spieler sein.“ Aber davon gibt es zurzeit nicht mehr so viele. Und vielleicht werden es ja noch viel weniger, wenn ich so an Mladen Petric, Joris Mathijsen, Jonathan Pitroipa oder auch Robert Tesche denke. Da kann noch so viel passieren.

Dennoch sagt Arnesen, dass der HSV noch einige sehr gute Spieler in seine Reihen weiß. „Da sind sehr viele gute junge Spieler, die wir noch haben.“ Dann verrät der Sportchef: „Wir brauchen einen Innenverteidiger, wir wissen auch, dass wir einen Mittelfeldspieler brauchen – wir müssen auch wissen, dass noch der eine oder andere Spieler noch von sich aus gehen wird. Darauf müssen wir vorbereitet sein, darauf müssen wir reagieren können, und daran wird jetzt gearbeitet. Ganz klar aber ist, dass wir neue Spieler brauchen.“

Er hat sich alle letzten HSV-Spieler auf DVD’s angesehen, er weiß, wo der Hebel anzusetzen ist, Frank Arnesen ist „schon voll drin“. Er sagt: „Wir wollen das Beste für den Klub, und ich denke, dass wir Anfang August auch eine gute Mannschaft haben werden. Noch haben wir alle Zeit, um gute Spieler für uns zu finden, um alles zu bekommen, was wir wollen.“ Und die Zielsetzung? Arnesen: „Platz sechs oder sieben, darüber möchte ich nicht sprechen. Ich spreche über den ganzen Prozess, den wir nun vor uns haben, über neue Strukturen. Um gute Resultate zu bekommen, muss man stark sein. Und stark müssen nicht nur die Spieler sein, sondern alle, das gesamte Umfeld. Wenn alles bei 100 Prozent ist, die Spieler, die Trainingsbedingungen, die Stadt, das Stadion, der Vorstand, die Trainer, und haben wir einen guten Plan, dann kommt auch das Resultat. Wenn wir jetzt Saisonziele nennen, dann fangen wir bei Z an, wir müssen aber erst einmal mit dem A beginnen. Und alles muss zusammenarbeiten, wir müssen ein Team werden. Alle.“

Und wer kommt? Namen wie Geal Kalkuta, Patrick van Aanholt und Jeffrey Bruma werden gehandelt. Arnesen wollte dazu nicht Stellung nehmen, sagte nur in einem Nebensatz: „Bruma ist ein Thema, aber ob er kommen wird? Ich weiß es nicht.“ Es hängt doch auch am lieben Geld. Und davon hat der HSV nicht mehr ganz so viel. Ob noch Geld in die Kasse kommen wird, hängt auch von den Verkäufen ab. Petric, Mathijsen, Pitroipa. Arnesen, speziell auf Mladen Petric angesprochen, sagt aber auch: „Ich hoffe sehr, dass er bleiben wird. Ich werde mit ihm sprechen. Ganz klar, wir werden alles tun, um die besten Spieler zu behalten.“

20 Spieler, dazu vier hungrige Talente, mit diesem Kader will der HSV, so sagte es einst Trainer Michael Oenning, in die neue Saison gehen. Frank Arnesen: „Da bin ich mir mit dem Trainer absolut einig: 24 Spieler, darunter drei Torhüter, vielleicht auch 25 Spieler – so sollte das aussehen.“ Der Sportchef will in Zukunft ganz nah an der Mannschaft sein, will auch mit ins Trainingslager – aber er wird nicht auf der Bank sitzen: „Das ist nicht mein Platz.“ Das überlässt er dem Trainer. Und über den schwärmt Arnesen schon: „Ich habe ein sehr gutes Gefühl, die Zusammenarbeit mit Michael Oenning war in den letzten zwei Monaten schon sehr gut. Ich bin dafür da, ihn zu 100 Prozent zu unterstützen.“ Dass der Veh-Nachfolger in seinen acht Begegnungen als HSV-Chef-Trainer nur einen Sieg landen konnte, das ficht Arnesen nicht an: „Das muss man über die gesamte Saison sehen. Und wenn ich so an die letzte Minute gegen Dortmund denke, an das 1:1 gegen Leverkusen – das waren Spiele, da hatten wir Pech, die hätten auch gewonnen werden können . . . Ich habe die Spiele analysiert, und ich habe dabei festgestellt, dass die Spieler unter der Regie von Michael Oenning wollten. Sie wollten spielen, sie wollten arbeiten, sie wollten gewinnen. Und manchmal hat man eben mehr Glück, manchmal nicht.“

Auch darüber, dass der HSV in der jetzigen Phase ziemlich „klamm“ ist, sprach Frank Arnesen: „Ganz klar, wir haben im Moment nicht gerade die beste Phase, das wissen wir. Damit habe ich aber keine Probleme, das ist eine Herausforderung für mich. Ich habe gespürt, dass der gesamte Verein sehr positiv ist, das habe ich auch bei dem Gespräch mit dem Aufsichtsrat gemerkt. Und ich bin mir sicher, dass wir noch das eine oder andere werden machen können.“ Will er zaubern? Arnesen: Ich glaube, dass wir mit meinen Kontakten, mit Intelligenz, mit gutem Scouting, mit einem guten Auge alle zusammen auch etwas Gutes machen können.“ Heißt das auch, dass der HSV mehr leihen als kaufen wird? Arnesen: „Das kann es heißen. Wenn gute Spieler da sind, die uns helfen können, die wir aber nicht bezahlen können, dann werden sie ausgeliehen – damit haben wir, es wurde darüber gesprochen, keinerlei Probleme. Und ich in jetzt im Vorstand, ich muss auch an die finanzielle Seite des Klubs denken, und das werde ich auch selbstverständlich tun.“

Frank Arnesen nimmt seine Arbeit beim HSV nun runde sechs Wochen eher auf als geplant, aber dafür muss keine „Ablöse“ an Chelsea zahlen. Die Engländer zeigten sich spendabel. Immerhin hat der Däne ja auch schon in den vergangenen Wochen – nebenbei – immer für den HSV gearbeitet. Auch wohl deswegen identifiziert er sich schon so sehr mit der Raute: „Der HSV war einst die Nummer eins in Europa, die Stadt ist super, das Klub-Umfeld ist hervorragend, der Name HSV ist top – da müssen wir wieder hinkommen. Das ist mein absolutes Ziel. Ich will, dass der HSV wieder mehr gewinnt als verliert. Und hier stimmt das gesamte Umfeld. Hamburg hat es verdient, dass der HSV dort wieder hinkommt, wo er einst war.“ Und er fügt hinzu: „Kontinuität ist dabei sehr wichtig, Kontinuität und Qualität. Und es muss einen guten Aufbau im Verein von unten geben.“

Letzeres dauert aber. Oder kann dauern. Aber es gibt in der Bundesliga schon lange keine Zeit mehr. Schon gar nicht in Hamburg. Das weiß auch Arnesen: „Das wissen wir das ist der Fußball. Dazu müssen wir den Verstand gebrauchen, damit müssen wir umgehen, das ist normal. Der Druck von außen wird groß sein, aber wir alle in Hamburg wollen gewinnen, dafür werden wir arbeiten.“

Wenn es geht, wird sich der HSV auch demnächst wieder einen dänischen Spieler holen. Und auch einen schwedischen. Dieser Name steht schon fest: Marcus Berg. Arnesen: „Er ist unser Spieler, er kommt von PSV Eindhoven zurück. Das steht fest.“ Heute wurde der Stürmer in Schweden an der Hüfte operiert, diese Operation könnte sich auch auf die Vorbereitungsphase auswirken. Nämlich dann, wenn die Schmerzen noch bis in den Juli und August anhalten sollten. Weil es diese Umstände gibt, deswegen steht auch für mich fest, dass Berg auf jeden Fall nach Hamburg zurückkehren wird, denn welcher Verein verpflichtet schon einen kranken Spieler?

Meine letzte Frage an Frank Arnesen: Vor etwas mehr als einem Jahr hatte der alte HSV-Vorstand davon gesprochen, nur noch Spieler „mit Charakter“ verpflichten zu wollen. Was hält der neue Sportchef davon? Er sagt: „Wir arbeiten nach fünf Dingen: technisch-taktisch, physisch, mental, medizinisch und dazu die Lebensweise. Darauf achten wir bei jedem Spieler, das sehen wir uns unter diesen Gesichtspunkten ganz genau an. Charakter muss ein jeder haben, aber es gibt eben auch Spieler, die dazu extrovertiert oder introvertiert sind, das ist dann die Persönlichkeit des Spielers. Wichtig ist, dass ein Spieler den Charakter hat, um zu gewinnen, und wir brauchen, das steht auch fest, Führungsspieler.“
Und weil er das weiß, wird er auch dementsprechend auf dem Markt zuschlagen, davon bin ich überzeugt. Frank Arnesen weiß, ich schrieb es eingangs, ganz genau, was er will. Und was nicht.

Die nächsten Wochen und Monate werden es zeigen, ob ich den Dänen zu viel zugetraut und auch zugemutet habe.

PS: In diesem Artikel ist ein Foto eingeklinkt, es zeigt den Gewinner des Rost-Trikots, es ist Andre Wolff aus Haselund im Kreise seiner Lieben. Nochmals herzlichen Glückwunsch.

18.54 Uhr

Analyse Teil drei: Ze hinterlässt eine Lücke

18. Mai 2011

Bevor es hier bei „Matz ab“ am Abend zu Sportchef Frank Arnesen geht, der noch einmal kurz in der Stadt war und für ein Interview zur Verfügung stand, geht es noch mit der Saisonbilanz weiter. Die restlichen Mittelfeldspieler stehen auf dem Programm.

Los gehts!

Jonathan Pitroipa: hat am Sonntag seine Sachen gepackt. Das heißt, ihre Sachen haben alle HSV-Spieler gepackt, weil es ja in die Sommerpause geht. Da werden dann die Sachen, die im Spind hängen und dort nicht über Wochen bleiben sollen, mitgenommen. Das ist so Sitte. Aber wer genau hinsah, der wird festgestellt haben, dass der gute „Piet“ gleich zwei prall gefüllte Plastiktüten voller Klamotten an sein Auto schleppte. Mehr als jeder andere Kollege. Als ich das sah, da dachte ich spontan bei mir: „Hey, das sieht aber ganz nach Abschied aus . . .“ Ich könnte mir vorstellen, dass Pitroipa seine Sachen für immer gepackt hat – und dass der 1. FC Köln ruft. Sein alter Trainer Volker Finke. Traurig würde mich dieser Wechsel nicht machen, denn „Piet“ hat eine schlechte Saison gespielt. In jener Verfassung, in der er sich zuletzt präsentierte, wird er kein Verlust sein. Der Mann kann zwar laufen und dribbeln, aber eben keine Tore machen. Das wird wohl immer sein Problem bleiben. Für mich ist Pitroipa einer der größten Flops dieser Saison, wobei es sicher auch daran lag, dass ihm die Trainer zu Beginn des Jahres kein Vertrauen mehr entgegenbringen wollten – die Geduld war ganz offenbar irgendwann am Ende. Piet in Zahlen…
…Spielminuten:
1817
Tore: 2
Schüsse aufs Tor: 11
Schüsse neben das Tor: 13
Torvorlagen: 6
Pässe: 663
Passgenauigkeit in %: 80%
Flanken: 64
Flankengenauigkeit in %: 23%
Dribblings: 139
Erfolgreiche Dribblings in %: 53%
Verteidigung: Tacklings: 37
Gewonnene Tacklings in %: 86%
Fouls: 29
Abseits: 14
Gelbe Karten: 1
Rote Karten: 0

Tomas Rincon: Der Fighter explodierte erst zum Saisonende. Das heißt, man ließ ihn erst dann explodieren. Was wohl auch daran lag, weil „Popeye“ kein Offensivspiel hat. Rincon schafft es kaum einmal, eine vernünftige Aktion in der Offensive zu starten, geschweige denn in die Nähe zu kommen, um endlich einmal ein Tor zu machen. Nur kämpfen, grätschen, kloppen und beißen langt eben auch in der Bundesliga nicht (mehr). Bei allem Engagement, Rincon wird an sich arbeiten müssen, wenn er weiterhin eine Chance haben möchte. Ich halte ihn für sehr wohl talentiert, aber in dieser Saison trat er auf der Stelle. Sein Trost, den er sich kürzlich selbst zusprach: „Ich bin ja noch jung.“ Der 23-Jährige blieb in der Saison 2010/11 weit hinter den Erwartungen, im letzten Spiel gegen Mönchengladbach war er zwar nicht schlecht, aber viele seiner Aktionen sahen auch ein wenig hölzern und wenig geschmeidig aus. Da hat Rincon verloren. “El Gringo” in Zahlen…Spielminuten: 1160
Tore: 0
Schüsse aufs Tor: 0
Schüsse neben das Tor: 5
Torvorlagen: 0
Pässe: 518
Passgenauigkeit in %: 79%
Flanken: 22
Flankengenauigkeit in %: 27%
Dribblings: 21
Erfolgreiche Dribblings in %: 67%
Verteidigung: Tacklings: 54
Gewonnene Tacklings in %: 85%
Fouls: 26
Abseits: 0
Gelbe Karten: 2
Rote Karten: 0

Piotr Trochowski: Der „kleine Dribbelkünstler“ aus Billstedt, der Mann mit dem Super-Schuss (ich musste es noch einmal loswerden!), wandert nach Spanien aus. Und ich drücke ihm für das Abenteuer Sevilla ganz fest beide Daumen. Ich hoffe für „Troche“, dass er die richtigen Berater mitnimmt, und ich hoffe für ihn, dass er einen Trainer bekommt, der seine Stärken schätzt und darauf baut. Wir werden es aus der Ferne beobachten – ich werde es sogar sehr genau beobachten. Trochowski gehört in Hamburg zu den großen Verlierern dieser Saison, weil er in der Rückrunde kaum noch benötigt wurde. Kurios ist aber schon, dass ihm sowohl von Armin Veh als auch von Michael Oenning immer beste Trainingsleistungen und eine Super-Einstellung bescheinigt wurden. Bekommt Trochowski in Spanien wieder Selbstvertrauen, besinnt er sich dazu auf seine Stärken und stellt sein oftmals umständliches Spiel (ein Kreisel zu viel) ein, dann kann er in Sevilla nicht nur Stammspieler werden, dann kann er auch wieder in die deutsche Nationalmannschaft zurückkehren. Ich wünsche es ihm. Alles Gute, „Troche“. Trochowski in Zahlen…
… Spielminuten:
1228
Tore: 2
Schüsse aufs Tor: 5
Schüsse neben das Tor: 10
Torvorlagen: 0
Pässe: 860
Passgenauigkeit in %: 86%
Flanken: 75
Flankengenauigkeit %: 25%
Dribblings: 35
Erfolgreiche Dribblings in %: 54%
Verteidigung: Tacklings: 15
Gewonnene Tacklings in %: 73%
Fouls: 20
Abseits: 0
Gelbe Karten: 2
Rote Karten: 0

Zé Roberto: der Brasilianer wird ganz sicher eine Lücke hinterlassen. Das sage ich, obwohl ich mit dem HSV gehe, dass dem „Altmeister“ kein Zwei-Jahres-Vertrag mehr gegeben worden ist. Eine absolut richtige Entscheidung. Fußballerisch aber wird der „große Ze“ schon fehlen, es war stets eine Augenweide, ihm zuzusehen. Und es wird dem HSV sicher sehr, sehr schwer fallen, diese Lücke adäquat zu schließen. Ich fürchte sogar, es wird nicht gelingen. Festgehalten werden muss aber auch, dass es einige Spiele in dieser Saison gab, in denen Ze Roberto „nicht zu sehen“ gewesen ist. Lag es am Alter? Ich glaube es eher nicht. Meine Ursachenforschung sieht anders aus: Es fehlte Ze Roberto an Mitspielern, die ihm das Wasser reichen konnten, mit denen er auf einer Wellenlänge lag, mit denen er Lust gehabt hätte, so richtig schön und gut zu spielen. Rings um ihn herum war einfach zu viel Mittelmaß, und das dürfte ihm letztlich den Nerv geraubt haben. Sollte ich Ze Roberto eine abschließende Benotung für diese und seine letzte HSV-Saison geben müssen, so wäre es eine Drei minus. Zé in Zahlen…
…Spielminuten:
2745
Tore: 1
Schüsse aufs Tor: 4
Schüsse neben das Tor: 8
Torvorlagen: 9
Pässe: 1476
Passgenauigkeit in %: 85%
Flanken: 176
Flankengenauigkeit %: 34%
Dribblings: 91
Erfolgreiche Dribblings in %: 58%
Verteidigung: Tacklings: 92
Gewonnene Tacklings in %: 80%
Fouls: 29
Abseits: 3
Gelbe Karten: 5
Rote Karten: 0

So, die Saisonbilanz des HSV wird natürlich mit dem Sturm (und auch mit den Offiziellen drum herum) fortgesetzt. Heute am Abend wird aber, wie eingangs schon versprochen, noch Frank Arnesen zu Wort kommen.

Und jetzt habe ich noch eine kleine Meldung, die ich für sehr interessant halte. Hat zwar nur indirekt mit dem HSV zu tun, aber immerhin könnte es passieren, dass es in nächster Zeit mal ein Zusammentreffen gibt, denn: Der HSV hatte in der abgelaufenen Saison ja häufig Schiedsrichter, die erst am Anfang ihrer Erstliga-Karriere stehen:

Fifa-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus darf sich nach der Frauen-WM in Deutschland (26. Juni bis 17. Juli) Hoffnungen auf einen Aufstieg in die Fußball-Bundesliga machen. Die 32-Jährige aus Hannover hat nach Informationen des Sport-Informations-Dienstes (SID) beste Chancen, im Sommer von der Schiedsrichter-Kommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) für die kommende Spielzeit in der Bundesliga nominiert zu werden. „Bibiana Steinhaus hätte den Bundesliga-Aufstieg zu 100 Prozent verdient. Und nach der WM wäre auch der ideale Zeitpunkt, sie erstmals in der Bundesliga einzusetzen. Ich bin mir sicher, dass sie das schafft. Denn ich muss ganz klar sagen, dass Bibiana das absolute Aushängeschild im Schiedsrichterwesen der Frauen ist“, sagte WM-OK-Präsidentin Steffi Jones.

Die Kommission um DFB-Schiedsrichter-Boss Herbert Fandel (Kyllburg) wird in der Sommerpause entscheiden, welche Schiedsrichter in der kommenden Saison im Oberhaus pfeifen. „Ob Frau oder Mann, alle Schiedsrichter haben die gleichen Chancen. Es zählen einzig und allein Leistung und Persönlichkeit, wenn es um die Frage geht, wer in die Bundesliga aufsteigt“, sagt Fandel. Steinhaus ist seit 1995 Schiedsrichterin und leitet seit der Spielzeit 2007/2008 Spiele der Zweiten Liga. In der gleichen Saison wurde sie erstmals als Vierte Offizielle in der Bundesliga eingesetzt. Am 10. August 2008 pfiff sie als erste Frau ein DFB-Pokalspiel (TSG Neustrelitz – 1860 München).

„Wir Schiedsrichter sind Sportler. Und jeder Sportler möchte natürlich in der höchstmöglichen Klasse aktiv sein“, sagte Steinhaus zu einer möglichen Zukunft in der Bundesliga.

Willkommen /demnächst) in Hamburg, Frau Steinhaus.

13.09 Uhr

Saisonanalyse, Teil 2: Jaro hat sich durchgesetzt

17. Mai 2011

Frank Arnesen ist gelandet. Und er bleibt. Allerdings nur bis Mittwoch, wo er wieder gen London abfliegt, um seine Vorbereitungen für den UMzug nach Hamburg zu finalisieren. Zeit dafür gab es ja noch nicht… Aber im Ernst: Der desiognierte Sportchef wird sich heute Abend dem Aufsichtsrat stellen und dort seine Personalplanungen vorstellen. Sollte sich hier heute Abend noch aktuell etwas Neues ergeben, melde ich mich noch mal bei Euch. Morgen ist wieder Dieter da und hat das Vergnügen, sich mit Arnesen zu treffen und anschließend davon berichten zu können. Bis dahin setzen wir unsere Saisonanalyse fort. Heute mit der ersten Hälfte der Mittelfeldspieler.

Änis Ben-Hatira: Änis hat eine starke Entwicklung genommen. Ich habe ihn damals als 17-Jährigen kennengelernt. Damals sprach er davon, nie viel Wert auf Geld, schnelle Autos und vor allem nicht auf Partys zu legen. Ihm sei allein der Fußball wichtig. Und? Es kam alles anders als der junge Berliner dachte. Beim HSV wurde er zwar auffällig – allerdings weniger auf als neben dem Platz. Woraufhin sich die Hamburger von ihm auf Verleihbasis trennten. Doch auch außerhalb Hamburgs gelang dem offensiven Mittelfeldspieler wenig bis nichts. Umso beachtenswerter, und das rechne ich ihm besonders hoch an, hat er aus diesen miesen Voraussetzung zuzüglich der Tatsache, dass Trainer Armin Veh ihn zu Saisonbeginn nicht haben wollte, sich gemausert. Er ist für mich zwar weiterhin der Unvollendete, weil er seine teilweise sehr guten Aktionen nicht zum Abschluss bringen kann. Entweder der entscheidende Pass kommt nicht oder zu spät, oder der eigene Abschluss fehlt. Änis zählt ganz sicher zu der Kategorie Talent – allerdings muss er in der kommenden Saison noch konstanter werden.
Änis in Zahlen..
Spielminuten: 1046
Tore: 3
Schüsse aufs Tor: 11
Schüsse neben das Tor: 7
Torvorlagen: 1
Pässe: 311
Passgenauigkeit in %: 76%
Flanken: 32
Flankengenauigkeit in %: 34%
Dribblings: 52
Erfolgreiche Dribblings in %: 46%
Verteidigung: Tacklings: 25
Gewonnene Tacklings in%: 100%
Fouls: 25
Abseits: 7
Gelbe Karten: 1
Rote Karten: 1

Marcell Jansen: Der Umstrittene. Oder einfach nur der Missverstandene? Marcell Jansens Qualitäten sind unbestritten, allerdings konnte sie der Linksfuß unter Armin Veh zu selten abrufen. Ein Zehbruch stoppte Jansen in der Hinrunde fast drei Monate lang – eine Dauer, die Veh nicht nachvollziehen konnte und die ihn dazu veranlasste, mit Jansen zu brechen. Ob und inwieweit er auch beim damaligen Co- und aktuellen Cheftrainer Oenning im Abseits ist, wird sich zeigen. Zuletzt jedenfalls hatte Jansen immer hinter Eljero Elia das Nachsehen und saß auf der Bank. Folge: Jansen wurde nicht von Bundestrainer Joachim Löw nominiert. Allerdings hatte sich Jansen zuvor mit Löw unterhalten und aus dem Gespräch die Nachricht gezogen, sich künftig als Linksverteidiger zu spezialisieren. “Das ist meine eigentliche Position”, so Jansen, der damit in Konkurrenz zu Nationalmannschaftskollege Dennis Aogo tritt. Ansonsten ist Jansen Leistung in dieser Saison (wieder) kaum zu bewerten – zu unregelmäßig konnte/durfte/hatte er es verdient, sein Leistung auf dem Platz unter Beweis zu stellen.

Jansen in Zahlen…
…Spielminuten: 1031
Tore: 2
Schüsse aufs Tor: 8
Schüsse neben das Tor: 6
Torvorlagen: 0
Pässe: 412
Passgenauigkeit in %: 71%
Flanken: 59
Flankengenauigkeit %: 15%
Dribblings: 44
Erfolgreiche Dribblings in %: 45%
Verteidigung: Tacklings: 27
Gewonnene Tacklings in%: 81%
Fouls: 9
Abseits: 2
Gelbe Karten: 1
Rote Karten: 0

David Jarolim: Der Ex-Kapitän galt mal wieder – wie vor jeder Saison mit einem neuen Trainer – als erster Streichkandidat. Für seine Position verstärkte sich der HSV mit Gojko Kacar. Und Jarolims Demission als Kapitän schien nur der Anfang seines Endes beim HSV – bis Veh den Tschechen im Training kennenlernte und seine schlechte Meinung über den Rechtsfuß schnell revidierte. “Ich habe mich bei Jaro eindeutig geirrt”, so Veh damals schon im Trainingslager in Längfenfeld. Und Jarolim hielt, was er versprach: Er spielte eine solide Saison. Das heutige Geburtstagskind (Herzlichen Glückwunsch!) arbeitete auf dem Platz wie gewohnt vorbildlich. Er grätschte, lief, schleppte Bälle und wurde gefoult. Wie immer. Aber eben auch nicht mehr. Im Gegenteil, kurz vor der Winterpause ging dem “Mann der 1000 Lungen” kurzzeitig die Puste aus. Frisch Vater geworden, musste der 32-Jährige das erste Mal zugeben, körperlich an seine Grenzen gekommen zu sein. Zum Glück war ihm davon in der Rückrunde (“Die Wintervorbereitrung war super. hart – aber effektiv”) nicht mehr viel anzumerken. Im Gegenteil: Jaro wirkte frisch. Er setzte sich im defensiven Mittelfeld gegen Gojko Kacar durch, der dafür in die Innenverteidigung rückte. Wobei ich ehrlich zugeben muss, dass nicht klar zu sagen ist, wer sich bei dem Konkurrenzkampf Zé Roberto/Jaro/Kacar wie durchgesetzt hat. Immerhin musste Zé lange hinten links aushelfen, ehe er ins Mittelfeld zurückkehrte. fast zeitgleich wurde Kacar zum Innenverteidiger umfunktioniert. Die Situation “zwei aus drei” gab es im defensiven Mittelfeld nahezu nie. In den nächsten Tagen, so ist zu hören, will der HSV seine ersten Zugänge für die neue Saison präsentieren. darunter auch mindestens ein defensiver Mittelfeldspieler, der auch Jarolim Konkurrenz machen soll. Dennoch wette ich, dass sich Jaro erneut durchsetzen wird. Auch wenn man von ihm nie Spielmacher-, geschweige denn Torjägerqualitäten erwarten können wird…
Jaro in Zahlen…
…Spielminuten:
1982
Tore: 0
Schüsse aufs Tor: 3
Schüsse neben das Tor: 1
Torvorlagen: 1
Pässe: 1336
Passgenauigkeit in %: 91%
Flanken: 6
Flankengenauigkeit in %: 33%
Dribblings: 42
Erfolgreiche Dribblings in %: 64%
Verteidigung: Tacklings: 67
Gewonnene Tacklings in %: 85%
Fouls: 48
Abseits: 0
Gelbe Karten: 10
Rote Karten: 0

Gojko Kacar:Der Gewinner der Rückrunde. Zumindest in meinen Augen. Immerhin galt der ruhige, fast intrivertiert wirkende Serbe lange Zeit unglücklich. Zum einen er selbst, zum anderen seine Leistungen auf dem Platz. “Ich kam nicht richtig rein”, bestätigt Gojko heute, “ich brauchte einen Anstoß. Ich musste richtig fit sein und mir über einige Spiele Sicherheit holen.” Das gelang – allerdings weniger auf seiner angestammten Position im defensiven Mittelfeld denn als Nebenmann von Abwehrchef und Mannschaftskapitän Heiko Westermann in der Innenverteidigung. Dort entwickelte sich Kacar so gut, dass der Ausfall von Joris Mathijsen kaum mehr ins Gewicht fiel. Dennoch, da bin ich mir sicher, wenn Kacar richtig fit ist, gehört er ins Mittelfeld. Seine Torgefahr, seine Zweikampfstärke und seine Kofballstärke sind gute Argimente, ihn wieder auf seine ursprüngliche Position zu setzen. Vorausgesetzt natürlich, dass der HSV für die Innenverteidigung adäquaten Ersatz hat. Ansonsten ist Kacar nur für die erste Halbserie im Mittelfeld zu bewerten, wo er sich allerdings in dieser Saison nicht wirklich durchsetzen konnte.
Gojko in Zahlen…
…Spielminuten:
1592
Tore: 2
Schüsse aufs Tor: 4
Schüsse neben das Tor: 7
Torvorlagen: 1
Pässe: 740
Passgenauigkeit in %: 76%
Flanken: 6
Flankengenauigkeit in %: 17%
Dribblings: 17
Erfolgreiche Dribblings in %: 53%
Verteidigung: Tacklings: 57
Gewonnene Tacklings in %: 91%
Fouls: 20
Abseits: 3
Gelbe Karten: 2
Rote Karten: 1

Robert Tesche: Der Allrounder, der überall, aber doch auch nirgends zuhause ist. Zumindest sagt er das selbst über sich und diese Saison. “Ich wurde als Allzweckwaffe fast immer mitnominiert. Aber gespielt habe ich fast nie”, so Tesche. Gerade elf Einsätze, davon knapp die Hälfte als Einwechselspieler in den Schlussminuten durfte der 23-Jährige ran. Dabei konnte er nicht wirklich auf sich aufmerksam machen, wie auch die unten aufgeführte Statistik zeigt. Gerade drei Flanken und nur ein einziger Schuss aufs Tor – weniger brachte kein anderer HSV-Mittelfeldspieler zustande. “Ich werde mir die Vorbereitung ansehen und dann entscheiden”, sagt Tesche heute – und deutet damit an, wechseln zu wollen, sofern sich seine Situation nicht verändert. Und während ich soetwas desöfteren verurteile, kann ich ihm in diesem Fall nur zustimmen. Denn um lediglich auf der Bank zu sitzen, hat der 23-Jährige zu viel Potenzial. Er ist kopfball- und zweikampfstark, verfügt über einen satten und zielgenauen Schuss – allerdings braucht er dringend Spielpraxis, um seine gute Entwicklung aus dem Jahr in Bielefeld und dem ersten Jahr beim HSV fortzusetzen. Diese bekam er beim HSV nicht, weil die Konkurrenz zu stark war. Vielleicht ist der Umbruch ja seine Chance…
Tesche in Zahlen…
…Spielminuten:
521
Tore: 0
Schüsse aufs Tor: 1
Schüsse neben das Tor: 1
Torvorlagen: 0
Pässe: 246
Passgenauigkeit in %: 84%
Flanken: 3
Flankengenauigkeit %: 33%
Dribblings: 11
Erfolgreiche Dribblings in %: 36%
Verteidigung: Tacklings: 17
Gewonnene Tacklings in%: 88%
Fouls: 12
Abseits: 0
Gelbe Karten: 0
Rote Karten: 0

Wie oben bereits erwähnt, sollte heute Abend noch Bahnbrechendes bei der Aufsichtsratssitzung passieren, melde ich mich noch mal. Ansonsten ist morgen Dieter wieder da. Mit Neuigkeiten von Frank Arnesen. Persönlich hoffentlich…

Scholle
18.27 Uhr

In diesem Sinne,

Saisonanalyse, Teil 1: Die Defensive

16. Mai 2011

Die Sache mit der Fairplay-Wertung habt Ihr wahrscheinlich alle inzwischen gelesen. Aber, wer hatte allen Ernstes noch darauf gehofft? Es hätte einfach nicht in diese von Anfang bis Ende – vorsichtig formuliert – verkorkste Saison gepasst. Stattdessen erhalten Fairplay-Sieger Norwegen sowie die Platzierten England und Schweden je einen zusätzlichen Startplatz in der Europa League. Und selbst wenn Deutschland den Zuschlag der Uefa erhalten hätte – der SC Freiburg war fairer als der HSV. Auch dann wäre es nichts geworden

Nein, es wäre auch nicht verdient gewesen. Unverdient im Sinne des sportlichen Wettkampfes, den der HSV diese Saison nicht so gestalten konnte, wie er es wollte. Und eben noch weniger so, wie es erwartet werden durfte. Und bevor ich jetzt hier, gerade mal zwei Tage nach dem wirklich schönen und bewegenden Abschied von verdienten Spielern, anfange, wieder die Keule herauszuholen und auf alles einzudreschen, was die Raute trägt, versuche ich mich heute in der Analyse der HSV-Defensive. Ergo: die Torhüter und die Abwehr im Generalcheck. Als kleinen Bonbon hat uns die Firma Castrol die statistischen Saisondaten eines jeden einzelnen Spielers zur Verfügung gestellt. Los geht es:

Frank Rost:Die unumstrittene Nummer eins des HSV hat eine starke letzte Saison gespielt. In der Kabine wie auf dem Platz wurde er seiner Rückennummer gerecht und agierte nicht stromlinienförmig sondern mit seinen Kanten. Trotz seiner direkten Art, die erfolgsbesessen und selten diplomatisch war, hat er sich mannschaftsintern zum Leader gedient und konnte seine hohen Anforderungen selbst sehr wohl bestätigen. In der Liga gibt es kaum bessere Torhüter im Eins gegen Eins. Bei dem einen oder anderen Freistoß sah er nicht zwingend glücklich aus, aber diese wenigen Ausnahmen seien ihm verziehen. Auf jeden fall hat Rost die Messlatte für seinen Nachfolger hoch gehängt. Sehr hoch sogar…
Fäustl in Zahlen…
…Gespielte Minuten:
2652
Gegentore: 43
Zu-Null-Spiele: 7
Gehaltene Bälle (innerhalb des Strafraumes): 56
Gehaltene Bälle (außerhalb des Strafraumes): 37
Gehaltene Bälle / Schüsse gesamt in %: 68%
Hohe Bälle: Faustabwehr: 16
Gefangene hohe Bälle: 21
Fallengelassene hohe Bälle: 1
Quote hohe Bälle in %: 97%
Abschlag: Lange Abschläge: 213
Quote lange Abschläge in %: 68%
Abwürfe / kurze Abschläge: 157
Quote Abwürfe / kurze Abschläge in %: 99%

Jaroslav Drobny: Der Tscheche ist zum HSV gekommen, um hier die Nummer eins zu machen. Daraus wurde fast eine ganze Saison auf der Bank oder im Krankenstand. Drobo gilt als eher ruhiger Vertreter, was ihm in den wenigen und glücklosen Auftritten in dieser Saison Kritik einbrachte. Denn während die einen behaupten, es sei mangelnde Spielpraxis gewesen, sahen andere Drobnys fehlende Kommunikation als Grund für Abstimmungsprobleme mit seiner Abwehr. Allerdings, und das zeigte der Tscherche im Training, nachdem ihm gesagt worden war, dass er als neue Nummer eins eingeplant wird, er kann auch anders. Denn in den Übungseinheiten, die er eine zeitlang sogar trotz Daumenbruches absolvierte – er hielt da nur mit Füßen und einem Arm – wusste Drobny sehr wohl mit starken Reflexen und klugem Stellungsspiel zu gefallen. Sein größtes Problem wird sein, in die Fußstapfen von Vorgänger Frank Rost zu treten. Allerdings hat der 31-Jährige mit großen Fußstapfen kein Problem: immerhin hat er Schuhgröße 50. Und ein guter Torwart ist er allemal.
…Drobo in Zahlen:
…Gespielte Minuten: 408
Gegentore: 9
Zu-Null-Spiele: 0
Gehaltene Bälle (innerhalb des Strafraumes): 3
Gehaltene Bälle (außerhalb des Strafraumes): 6
Gehaltene Bälle / Schüsse gesamt: 50%
Hohe Bälle: Faustabwehr: 6
Gefangene hohe Bälle: 8
Fallengelassene hohe Bälle: 0
Quote hohe Bälle: 100%
Abschlag: Lange: 31
Quote lange Abschläge in %: 61%
Abwürfe / kurze Abschläge: 26
Quote Abwürfe / kurze Abschläge in %: 100%

Tom Mickel: Guter Ersatzmann, der bei der U23 auf sich aufmerksam machen konnte, aber partout nicht an Drobny geschweige denn Rost vorbeikommt. Im Training immer mit Feuereifer dabei, glänzt er auch hier. Den Status Ersatzmann kann Mickel in Hamburg allerdings nicht ablegen – und wenn man sich die HSV-Planungen anhört, bleibt dem 22-Jährigen wohl nur der Wechsel zu einem anderen Verein, um Spielpraxis zu bekommen. Statistisch mit null Einsätzen nicht zu bewerten.

Dennis Aogo: Der Mann mit Zukunft. Mit einer langen beim HSV. Immerhin wurde der Vertrag des letzten nominierten Deutschen Nationalspielers des HSV im Laufe der Saison bis 2015 verlängert. Und das mit Recht. Immerhin absolvierte der Linksverteidiger nach Startschwierigkeiten und einer langwierigen Verletzung am Saisonstart eine starke Serie mit 20 Einsätzen. Als Linksverteidiger löste er Marcell Jansen und Zé Roberto ab – und er ersetzte sie sehr gut. Inzwischen ist der 24-Jährige längst zum Führungsspieler aufgestiegen und verleiht diesem Status verbal außerhalb und sportlich auf dem Platz immer wieder Nachdruck. Im Training einer der fleißigsten (Dennis zieht wirklich nie zurück!), hat er auch im Spiel sein Phlegma abgelegt und marschiert vermehrt mit nach vorn. Am besten hat das in den wenigen Spielen mit Marcell Jansen und ganz am Ende mit Elia vor ihm funktioniert. “Aber zur neuen Saison werden wir uns länger einspielen und Automatismen entwickeln können”, kündigt der bibelfeste Profi bereits an.

Aogo in Zahlen……Gespielte Minuten: 1786
Tacklings gesamt: 43
Als letzter Mann erfolgreich getackelt: 0
Gewonnene Tacklings: 81%
Abgefangene Bälle: 27
Klärende Aktionen gesamt: 22
Klärende Aktionen per Kopf: 6
Auf der Linie geklärt: 0
Ecken verursacht: 13
Pässe gesamt: 865
davon angekommen: 83%
Offensiv: Tore: 0
Schüsse auf das Tor: 2
Schüsse vorbei: 3
Begangene Fouls: 24
Gelbe Karten: 3
Rote Karten: 0

Dennis Diekmeier: Kam spät – aber gewaltig. gerade mal acht Spiele hat der pfeilschnelle Rechtsverteidiger absolviert und dabei fast ausnahmslos überzeugt. Nicht zwingend mit filigranem Fußball oder außergewöhnlich gutem Stellungsspiel. Aber immer mit 100 Prozent Einsatz, Zweikampfstärke und dem einen oder anderen gelungen Flankenlauf. “Das wird noch mehr”, verspricht Diekmeier. Und ich vermag es zu glauben.

Diekmeier in Zahlen…
…Gespielte Minuten:
668
Tacklings gesamt: 12
Als letzter Mann erfolgreich getackelt: 0
Gewonnene Tacklings: 92%
Abgefangene Bälle: 13
Klärende Aktionen gesamt: 10
Klärende Aktionen per Kopf: 3
Auf der Linie geklärt: 0
Ecken verursacht: 4
Pässe gesamt: 209
davon angekommen: 69%
Offensive: Tore: 0
Schüsse auf das Tor: 0
Schüsse vorbei: 1
Begangene Fouls: 8
Gelbe Karten: 1
Rote Karten: 0

Guy Demel: Der Verlierer der Saison. Zuerst bei Trainer Armin Veh als zu verletzungsanfällig immer in der Kritik, kam er aus dieser Rolle auch nach dessen Demission und unter dem neuen Trainer Michael Oenning nicht heraus. Am Ende leistete sich der Ivorer, der in dieser Saison eigentlich zum Publikumsliebling avancierte, den unerklärlichen Fehler, seiner Mannschaft bewusst zu schaden, indem er sich und seine sportliche Hilfe verweigerte. Grund dafür soll eine ausgelebte Fehde zwischen ihm und Oenning gewesen sein. Egal wie, in seinen am Ende immerhin 21 Saisonspielen wusste Demel auch zu gefallen. Obgleich er zu wenige Offensivakzente setzte, setzt er einige Gute und deutete seine Klasse an. Allein, das reicht ihm genauso wenig wie dem HSV, der ihn deshalb trotz Vertrages bis 2012 abgeben will und aller Voraussicht nach auch abgeben wird.
Guy Demel in Zahlen…
…Gespielte Minuten:
1664
Tacklings gesamt: 30
Als letzter Mann erfolgreich getackelt: 0
Gewonnene Tacklings: 90%
Abgefangene Bälle: 34
Klärende Aktionen gesamt: 42
Klärende Aktionen per Kopf: 18
Auf der Linie geklärt: 0
Ecken verursacht: 16
Pässe gesamt: 885
davon angekommen: 81%
Offensive: Tore: 0
Schüsse auf das Tor: 1
Schüsse vorbei: 0
Begangene Fouls: 22
Gelbe Karten: 2
Rote Karten: 0

Collin Benjamin:Der gefeiertste Spieler nach dem letzten Saisonspiel am Sonnabend. Und das völlig zurecht. Denn Collo hat in seinen zehn Jahren beim HSV ehrlichste Arbeit abgeliefert, war immer eine Integrationsfigur und ein außergewöhnlich wichtiger Faktor beim Teambuilding, wie bislang noch alle seine Trainer und Mitspieler bestätigten. Und auch in seinen letztlich nur acht Einsätzen in dieser Saison zeigte der 32-Jährige, dass man sich auf ihn verlassen kann. Denn obgleich ihm etwas Schnelligkeit abhanden gekommen scheint, wusste der Namibier durch gefälliges Stellungsspiel und hohen Einsatz zu gefallen. Dass es sportlich irgendwann ein Ende geben würde, war ihm und allen Beteiligten klar. Ebenso, dass der jetzt erfolgte Schnitt vertretbar ist. Denn seine Konkurrenz (s. Diekmeier) zieht langsam vorbei.
Collo in Zahlen…
…Gespielte Minuten:
341
Tacklings gesamt: 10
Als letzter Mann erfolgreich getackelt: 0
Gewonnene Tacklings: 90%
Abgefangene Bälle:3
Klärende Aktionen gesamt: 10
Klärende Aktionen per Kopf: 3
Auf der Linie geklärt: 0
Ecken verursacht: 1
Pässe gesamt: 161
davon angekommen: 72%
Offensive: Tore: 0
Schüsse auf das Tor: 0
Schüsse vorbei: 1
Begangene Fouls: 5
Gelbe Karten: 1
Rote Karten: 0

Joris Mathijsen: Der eigentlich Unkaputtbare geht in Hamburg langsam doch kaputt. Und das auf brutalste Weise wie beim Länderspiel seiner Niederländer im vergangen November, in dem sich der solide Innenverteidiger im Knöchel einen doppelten Bänderriss zuzog (die TV-Bilder damal waren grausam…). Denn seitdem kam Mathijsen nicht mehr wirklich auf die Beine und absolvierte eher mäßige Leistungen in seinen für seine Verhältnisse mickrigen 19 Saisonspielen. Zuletzt wurde der Niederländer nach offiziellen Angaben geschont. Allerdings, und das ist ein offenes Geheimnis, zählt auch Mathijsen zu den Spielern, die der HSV bei einem passenden Angebot gern abgeben würde. Zumindest erscheint es mehr als fraglich, ob der mäßig schnelle, allerdings mit einer perfekten Grätschensetzung ausgestattete Innenverteidiger überhaupt an seiner letzten Konkurrenz – Gojko Kacar – vorbeigekommen wäre.
Joris in Zahlen…
…Gespielte Minuten:
1664
Tacklings gesamt: 35
Als letzter Mann erfolgreich getackelt: 0
Gewonnene Tacklings: 77%
Abgefangene Bälle: 57
Klärende Aktionen gesamt: 48
Klärende Aktionen per Kopf: 20
Auf der Linie geklärt: 0
Ecken verursacht: 12
Pässe gesamt: 909
davon angekommen: 81%
Offensive: Tore: 2
Schüsse auf das Tor: 7
Schüsse vorbei: 3
Begangene Fouls: 17
Gelbe Karten: 4
Rote Karten: 0

Heiko Westermann:Der Unkaputtbare. Körperlich (er absolvierte alle 34 Spiele über die volle Distanz) und mental hat sich der diesjährige HSV-Kapitän in seinem ersten Jahr eindrucksvoll eingebracht. Bei ihm muss allen klar sein, was sie nie bekommen werden. Denn technisch hochwertige, filigrane Einlagen kann der Fußballarbeiter Westermann nicht bieten. Dafür eine beeindruckende Kopfballstärke, Torgefahr, eine starke Zweikampfführung und nimmermüden, vorbildlichen Einsatz. Westermann hat sich mit den einfachen Bordmitteln bei den Fans etabliert und zur festen Größe gemausert. Er verkörpert am besten das, was der HSV durch verschiedene Charaktertest sicherstellen wollte. Er ist einfach ein durch und durch loyaler, einsatzfreudiger und mannschaftsdienlicher Spieler.
Westermann in Zahlen…
…Gespielte Minuten:
3060
Tacklings gesamt: 90
Als letzter Mann erfolgreich getackelt: 0
Gewonnene Tacklings: 79%
Abgefangene Bälle: 100
Klärende Aktionen gesamt: 172
Klärende Aktionen per Kopf: 83
Auf der Linie geklärt: 0
Ecken verursacht: 28
Pässe gesamt: 1789
davon angekommen: 78%
Offensive: Tore: 2
Schüsse auf das Tor: 5
Schüsse vorbei: 14
Begangene Fouls: 33
Gelbe Karten: 4
Rote Karten: 0

Gojko Kacar: Gojko wird in der Datenbank nicht als Abwehr- sondern als Mittelfeldspieler geführt. Dennoch hat er sich in Hamburg als Innenverteidiger etabliert und dort trotz der ungewohnten Position starke Leistungen abgerufen. Der Serbe, der im defensiven Mittelfeld Zé Roberto und Jarolim nicht Paroli bieten konnte, ist einer der kopfballstärksten Spieler und kennt in der Härte der Zweikämpfe kaum Grenzen. Allerdings, und das ist die Gefahr bei seinem riskanten Zweikampfverhalten: wenn einer an ihm vorbeikommt, holt er ihn seltenst mehr ein, weil er sehr abrupt attackiert. Wobei, so ehrlich muss man sein, Kacars Stellungsspiel hat sich von Spiel zu Spiel verbessert. Zudem ist der 24-Jährige bei Standards hinten eine Bank und vorn eine ernstzunehmende Waffe für die eigene Mannschaft.

Muhamed Besic:Das Riesentalent wurde nach einer unglücklichen Leistung in Hannover früh fallengelassen. Sogar zu früh, wie ich meine, denn zuvor war der Bosnier in nicht müde werdenden Wiederholungen vom damaligen Trainer Armin Veh in den höchsten Tönen gelobt worden. Anschließend kam der 18-Jährige nicht mehr auf die Beine. Zumindest nicht beim HSV. Denn während Besic in der Nationalelf seines Heimatlandes debütierte, wurde er beim HSV nur noch sporadisch eingesetzt. Grund dafür waren fehlende Kopfballstärke, mangelnde Schnelligkeit und “schlicht und einfach stärkere Konkurrenz”, so zunächst Veh und jetzt auch Michael Oenning. Allerdings, und das müssen sich beide HSV-Trainer als Kritik gefallen lassen, der Umgang mit Besic’ Einsatzzeiten war äußerst unglücklich. Ein Talent aufzubauen bedeutet auch, ihm Vertrauen zu schenken. Auch – nein: gerade wenn es mal nicht so gut läuft.
Besic in Zahlen…
…Gespielte Minuten:
190
Tacklings gesamt: 10
Als letzter Mann erfolgreich getackelt: 0
Gewonnene Tacklings: 80%
Abgefangene Bälle: 5
Klärende Aktionen gesamt: 11
Klärende Aktionen per Kopf: 3
Auf der Linie geklärt: 0
Ecken verursacht: 4
Pässe gesamt: 71
davon angekommen: 70%
Offensive: Tore: 0
Schüsse auf das Tor: 0
Schüsse vorbei: 0
Begangene Fouls: 3
Gelbe Karten: 0
Rote Karten: 0

Lennard Sowah: Der Zugang aus England mit Hamburger Wurzeln – ein Totalausfall. Vom anfangs der Saison noch designierten neuen Sportchef Urs Siegenthaler als DAS Talent angepriesen, fiel der 18-Jährige bei Veh sofort durch. Zuletzt war er zwar verletzt, allerdings hatte Sowah auch zuvor schon bei der eigenen Zweiten keine Chance mehr, weil die Konkurrenz stärker war/ist.

Ohne Wertung: Miroslav Stepanek.

Bis morgen, dann mit dem Mittelfeld,

Scholle
19.28 Uhr

P.S.: Angreifer Paolo Guerrero hat sich leider im Spiel gegen Gladbach einen Innebandriss im Knie zugezogen und muss vier bis sechs Wochen pausieren. Damit ist auch seine Teilnahme an der im Juli beginnenden Copa America für sein Heimatland Peru gefährdet.

« Vorherige Einträge - Nächste Einträge »

In eigener Sache
Pfeil
0  00 : 00 : 00
Tage  Std.  Min.  Sek.