Tagesarchiv für den 27. Mai 2011

Oenning ist noch die Ruhe selbst

27. Mai 2011

So richtig gesagt hat er nichts. Vor allem wohl auch deshalb, weil es derzeit noch nichts zu sagen gibt. Neue Namen, sagt Michael Oenning, wird es wohl nächste Woche geben. Immerhin, der HSV-Trainer ließ sich heute im Volkspark sehen, sprach zu uns. Der Versuch war da, und er ist einzigartig – für mich jedenfalls. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein HSV-Trainer während der Sommerpause zu uns gesprochen hat. Deswegen war der Versuch achtbar und ehrbar – auch wenn nicht soooo viel dabei herumgekommen ist. Was es an berichtenswerten Sachen gab, das hat die Deutsche Presse-Agentur DPA schnell einmal auf einen Nenner gebracht:

„Der HSV will seinen Kader auf 20 Profis und vier Junioren für die nächste Saison in der Fußball-Bundesliga reduzieren. In der abgelaufenen Spielzeit standen 29 Profis auf der Kaderliste. Ein dritter Trainingsplatz an der Arena im Hamburger Volkspark soll entstehen, um die U-23-Mannschaft in direkter Nachbarschaft zu den Profis beobachten zu können. Bislang trainierte der Nachwuchs im Leistungszentrum in Norderstedt. „Es wird Veränderungen auf allen Ebenen geben“, kündigte Trainer Michael Oenning am Freitag an.

Auch der Trainingsbereich der Profis soll umgestaltet werden. „Es wird eine Rückzugszone für die Spieler geben. Dabei geht es weniger um Rehabilitation als um Motivation“, sagte Oenning. Der neue Raum im Stadion soll oberhalb des Trainingsbereiches eingerichtet werden, dort gab es bislang eine Art Abstellkammer.

Beim Thema Neuverpflichtungen hielt sich Oenning zurück. „Das ist nicht meine Baustelle“, meinte der 45-Jährige. In der nächsten Woche werde jedoch die erste neue Verpflichtung erwartet. Derzeit ist der neue Sportchef Frank Arnesen in England unterwegs. Es wird erwartet, dass er von seinem früheren Verein FC Chelsea das 19 Jahre alte Abwehrtalent Jeffrey Bruma für den HSV gewinnen kann. Der HSV möchte den Innenverteidiger für zwei Jahre ausleihen.
Die Hamburger suchen zwei neue Abwehrspieler, weil Teilzeit-Verteidiger Gojko Kacar künftig ausschließlich im Mittelfeld spielen soll. Auch im Mittelfeld und im Sturm schließt Oenning Verstärkungen nicht aus.“

So, das war es heute Vormittag in kurzen Zügen.
Aber es gab am Rande doch noch, so sehe ich das, einiges mehr. Zum Beispiel das Thema Gojko Kacar. Innenverteidiger? Mittelfeldspieler? Michael Oenning dazu: „Er sagt grundsätzlich, dass er dort spielt, wo ich ihn hinstelle. Der ist ein richtiger Typ, ich bin der Meinung, dass der uns grundsätzlich gut tun wird. Er kann bei uns in eine Führungsrolle reinwachsen, er hat viel zu bieten . . . Er wird uns auch im Offensivbereich helfen, er ist ein gelernter Stürmer, ist sehr kopfballstark.“ Ganz klar: Unter Oenning wird Kacar wieder ins Mittelefeld rücken, Innenverteidiger wird er wohl nur noch dann spielen, wenn Not am Mann (am Innenverteidiger) ist.

Dann gibt es da noch die spannende Frage: Kommt Keeper Wolfgang Hesl aus Österreich, wo er beim SV Ried eine glänzende Saison gespielt hat, zurück? Eine heiße Frage, denn Jaroslav Drobny ist die neue Nummer eins, so hat es Oenning entschieden. Und zur Torwart-Situation allgemein befindet der HSV-Trainer: „Wir müssen in der Torwartfrage eine grundsätzliche Entscheidung herbeiführen. Da muss man genau überlegen, wie die Struktur sein soll. Wolfgang Hesl steht vor der Frage, wie realistisch ist es, dass er die Nummer eins wird beim HSV? Er hat ja auch nur eine Karriere, muss an sein Alter denken. Wenn er diese Frage nicht mit ja beantworten kann, dann ist es nicht sehr realistisch, dass er zurückkommt. Was nicht heißen soll, dass er nicht zurückkommen soll. Ich glaube aber, dass wir das ganz anders machen sollten. Dass wir einen jungen deutschen Torwart finden müssen, der hier aufgebaut wird und langsam reinwachsen kann. Da gibt es verschiedene Ansätze, da prüfen wir im Moment, was machbar ist.“

Im Verein ist dieser Keeper noch nicht. Jedenfalls nicht in der A-Jugend und nicht in der U 23. In der B-Jugend gibt es laut Michael Oenning allerdings gleich zwei große Talente, doch die sind natürlich noch zu jung. Also abwarten, auf wen es hinauslaufen wird. Hesl eher nicht.

Dann möchte ich noch einmal zurück auf jenes Thema kommen, was mich schon seit Jahren beschäftigt, worüber in dieser Woche Uwe Seeler, Klaus Neisner und Jochen Meinke, die Spieler der Meistermannschaft von 1960, hier bei „Matz ab“ sprachen: „Wir brauchen wieder eine Mannschaft.“ Weil der HSV schon lange kein richtig gutes Team hat, in dem jeder für den anderen da ist. Ich habe Oenning die Frage gestellt, ob er dieses Thema auch sehe? Der Coach: „Deswegen sind diese Veränderungen nötig, deswegen versuchen wir die Strukturen aufzubrechen, deswegen versuchen wir, etwas zu verändern. Es kann nur über den Mannschaftsgedanken gehen, wir müssen es jetzt schaffen, diese Mannschaft unter einem gemeinsamen Teamgedanken neu aufzustellen und zu formieren.“ Geht das eventuelle auch mit einer jüngeren Mannschaft besser? Oenning: „Das muss nicht unbedingt nur jünger sein. Es ist nicht so, dass man sich zehn junge Spieler holt und man sagt, nun haben wir eine Mannschaft. Man braucht ja auch in den schwierigen Phasen Leute, die vorne stehen, Spieler, an denen sich die Jungen anlehnen können, hinter denen sie sich verstecken können. Das wird schon wichtig sein.“

Wichtig ist natürlich die Hierarchie der Mannschaft. Und nun fehlen mit Frank Rost, Ze Roberto, Ruud van Nistelrooy und Collin Benjamin schon mal einige ältere Herren. Oenning: „Jetzt erwarte ich, dass da Leute sind, die die Chance erkennen und zeigen, dass sie wollen. Da setze ich sogar drauf. Ich glaube schon, dass wir d den einen oder anderen Spieler haben, der noch nicht so im Fokus stand, der sich nun aber zeigt, dass er doch das ist. Und dass der dann auch kommt.“ Hoffen wir alle, dass es so kommen wird . . .

Ein Thema ist für mich auch, dass immer davon gesprochen wird, dass der HSV Spieler für hinten und für das Mittefeld sucht, aber nie wird von der Offensive gesprochen. Wieso nicht? Ist der HSV-Angriff wirklich so stark? Ich habe das nicht so gesehen – und van Nistelrooy ist jetzt auch noch weg. Oenning: „Wir haben nie gesagt, dass wir nichts für die Offensive tun werden. Aber ich glaube, dass es schon wichtig ist, dass wir die Prioritätenliste durchsehen und wir uns fragen, wo es denn wirklich geknackt hat. Fakt ist, dass wir relativ viele offensive Spieler haben. Jetzt kann ich mich fragen, ob das reicht, oder ob es nicht reicht. Wenn ich aber, und das ist auch eine Überlegung, stabiler stehe und bestimmte Spieler habe, dass sich die anderen Sachen daraus vielleicht von allein ergeben.“ Das heißt, dass eine solide Abwehr und ein solides Mittelfeld den Angriff so beflügeln, dass die Stürmer nun auch wirklich heiße Angreifer sind. Oenning sagt ja auch: „Ich glaube, dass man Guerrero und Petric nicht einfach so wegwischen und sagen sollte, man hätte keine guten Sturm . . .“ Sicher geht so etwas nicht, aber ich gebe immerhin zu bedenken, dass sowohl der eine wie der andere des Öfteren mal verletzt sind. Oenning: „Ich muss für mich entscheiden, was ist mir wichtiger? Ich setze alles auf einen Top-Stürmer, der vielleicht zehn Tore schießt, oder ich versuche erst einmal, die Bude hinten zuzukriegen.“ Ich bin gespannt, wie dieser interne Oenning-Kampf ausgehen wird.

Noch sagt der Trainer über sich: „Ich bin ganz entspannt.“ Das bekräftigt er auch noch einmal: „Es muss bei uns etwas Vernünftiges entstehen. Es hilft mir nicht, jetzt ganz schnell zu sagen, das und das machen wir nun, wir haben nun gekauft, das ist jetzt die Mannschaft. Wir haben erst am 26. Juni wieder Training, bis dahin brauchen wir gar nichts zu sagen. Warum sollte ich mich denn ganz schnell entscheiden? In Ruhe etwas Vernünftiges machen, das ist wesentlich besser.“ Aber läuft der HSV nicht die Gefahr, dass jetzt schon alle guten Spieler vom Markt gekauft worden sind? Oenning: „Das stimmt doch nicht. Die Hälfte der Bundesliga wusste doch bis zum Schluss nicht, ob sie in der Liga bleiben oder nicht. Die haben doch auch noch nicht geplant, So geht es doch vielen Klubs. Ich bin durchaus bereit zu sagen, dass es ein wenig schwieriger wird, aber es ist auch durchaus noch vieles machbar. Viele Dinge werden erst kurz vor Beginn der Saison passieren, so war es doch schon oft in der Vergangenheit.“

Michael Oenning ist also die Ruhe selbst. Er weiß, dass die Dinge im Fluss sind, und zwar positiv, in seinem Sinne. Aber: Auf Nachfrage gibt er auch etwas anderes zu Protokoll: „Wenn alle Dinge, die wir probiert haben, dann nicht funktioniert haben, und wir stehen eine Woche vor dem Start, dann bin ich auch nicht mehr so entspannt, dann werde ich auch sicher hektisch – keine Sorge. Ich will schon die bestmögliche Mannschaft haben . . .“ Michael Oenning hat zweimal in dieser Gesprächs-Stunde seinen Sportchef Frank Arnesen gelobt. Dass er ihm vertraut, dass er überzeugt davon ist, dass der Däne die richtigen Sachen auch für den HSV tun wird. Da bin ich dann wieder ganz bei Michael Oenning. Ich erwarte und hoffe das auch.

Wobei der Coach auf die wiederholte Nachfrage, ob es nicht besser wäre für den Klub, jetzt doch einmal ein Zeichen in Sachen Neuverpflichtungen zu setzen, sagt: „Ich glaube es wäre schon gut, wenn wir jetzt mal einen Neuzugang präsentieren würden, das hielte ich auch für klug. Wir sollten damit nicht ewig warten, das ist schon richtig. Ich glaube aber auch, dass in der nächsten Woche etwas passieren wird.“

Also hoffen wir auch darauf. Weiterhin.

So, nun noch einige kleine Dinge am Rande.
Hier wurde zuletzt auch schon mal gefragt: „Wo ist Dieter?“ Also, ich lebe noch. Und heute bin ich ja auch wieder da. So ist das bei Leuten, die Arbeit in diesem Lande haben: Fünf Tage die Woche wird überwiegend gearbeitet, zwei Tage hat man frei. Das habe ich im Jahre 2010 nicht immer eingehalten (und hatte dadurch Urlaubstage und freie Tage im Überfluss), in diesem Jahr aber schon. Deswegen hatte ich zwei Tage frei, Scholle hatte, wie es dann angesagt ist, übernommen. Macht Euch also keine Sorgen um mich, wenn ich im Urlaub bin, oder wenn ich krank sein sollte, dann wird es auch mitgeteilt. Nächste Woche habe ich zum Beispiel einen Tag länger frei, weil ich in der vergangenen Woche eine Fortbildung im Springer-Haus hatte . . . Also, null Problemo, alles geht seinen geregelten Gang.

Am Donnerstag, als ich frei hatte, war ich beim traditionellen Saisonausklang der Hamburger Schiedsrichter. Ein schon immer großartiger und stimmungsvoller Abend. Auch auf diesem Weg ein herzliches Dankeschön dafür. Ich glaube, dass solche Abende auch langfristig dazu führen (geführt haben), dass das Verhältnis Schiedsrichter/Presse besser und lockerer geworden ist. Und ich glaube auch, dass die Leistungen der Unparteiischen längst anerkannter sind, dass dem 23. Mann gegenüber auch wesentlich mehr Respekt entgegengebracht wird, als noch vor Jahren.
Das gilt übrigens nicht nur für den Amateurfußball, sondern auch ganz sicher für die Bundesliga. Habt Ihr eigentlich bemerkt, dass es in der vergangenen Saison kaum einmal solche Kommentare gegeben hat wie diesen: „Tomaten-Anfall bei Schiedsrichter . . .“ Ich habe wirklich das Gefühl, dass die Leistungen der Unparteiischen besser geworden sind, was auch daran liegen kann (es liegt in meinen Augen daran), dass mit Herbert Fandel (DFB) und Hellmut Krug (DFL) zwei Weltklasse-Schiedsrichter an den Spitzen stehen, denen nichts vorzumachen ist. Zwei Namen habe ich an diesem Schiedsrichter-Abend immer wieder genannt: Manuel Gräfe aus Berlin ist verdientermaßen Schiedsrichter des Jahres geworden, und der Bremer Peter Gagelmann hat in meinen Augen einen sehr steilen Aufstieg in die deutsche Spitze hinter sich. Er ist wirklich ein erstklassiger Mann geworden, Kompliment, er hat auch die Partie VfL Bochum – Mönchengladbach souverän gepfiffen.

Dann erreichen uns immer wieder Mails, die das Trikot von David Jarolim haben möchten. Die User wollen entweder schon die Fragen lösen (die es noch nicht gibt), oder sie möchten das Trikot so – auf „lau“ – haben. Noch einmal: Die Fragen zu diesem Trikot wird es dann geben, wenn der Spielplan der neuen Saison draußen ist. Und auf „lau“ gibt es schon mal gar nichts, alles hat seinen Preis.

Zum Thema Sommerloch, ja oder nein: In dieser Woche schrieb eine Zeitung ja sogar schon über die Stadionwurst. Ich möchte dazu noch einmal das Thema „Pinkelbecken“ in der Arena auf den Plan bringen – ist die Situation wirklich schon besser geworden?

Und noch eine Anmerkung zum Sommerloch: Vielfach wurde ich gefragt, ob es nicht wieder Sommer-Geschichten rund um den HSV, Euren HSV geben sollte? Ich habe absolut nichts dagegen, ich denke immer noch, dass wir so viele schöne und lesenswerte Storys hier hatten. Wer sich also aufgerufen fühlt, eine solche Geschichte zu schreiben – bitte, immer rein damit, ich würde mich freuen. Sie wäre an die Gewinnspiel-Adresse von Matz ab zu schicken.

PS: Beim Schiedsrichter-Abend wurde mir gleich dreimal gesagt, ich solle keine „Romane“ schreiben. Ich nehme diesen Hinweis auf – und werde mich, so hoffe ich für mich (und für Euch), mäßigen.
Und noch ein Zusatz: Erstmals seit vielen Jahren siegten im Abschluss-Spiel die Schiedsrichter mit 5:2 gegen die Trainer. Diese Partie gibt es schon seit Jahrzehnten, zuvor hatte es erst einen einzigen Sieg der „Schwarzkittel“ über die Trainer gegeben – aber dieses 5:2 spricht vielleicht auch für die neu gewonnene Klasse der Hamburger Schiris.

So, nun bin ich doch schon wieder zu lang geworden, sorry. Euch allen ein schönes Wochenende, wer Zeit hat (und noch nichts auf dem Zettel): Lotto King Karl ist heute und morgen im Stadtpark unterwegs, ich werde am zweiten Tag dabei sein.

16.12 Uhr