Tagesarchiv für den 24. Mai 2011

“Wir brauchen junge, hungrige Talente”

24. Mai 2011

Sommerloch? Wieso Sommerloch? Nein, nein, hier gibt es kein Sommerloch. Wer kommt denn auf so etwas Absurdes? Der Fußball läuft noch auf Hochtouren, die Tore fallen wie reife Früchte, und Namen werden gehandelt – unglaublich. Beim HSV wird zum Beispiel alle halbe Stund eine neue Nachricht ans Tageslicht befördert . . . Nein, nein, an alle jene User, die mich in den vergangenen Tagen gefragt haben, ob wir uns schon im Sommerloch befinden: Nein! Ein klares Nein! Das merkt ein jeder Fußball-Fan doch schon daran, dass auf allen Videotexten der Nation am Montag noch einmal und immer wieder der Wechsel von Piotr Trochowski zum FC Sevilla als perfekt gemeldet worden ist. Jetzt schon! Ich hatte gedacht, dass „Troche“ schon bald wieder nach Hamburg zurückkehren würde, so lange ist er gefühlt schon weg, aber im Videotext wird jetzt sein Wechsel vermeldet. Das ist doch kein Sommerloch! Auf keinen Fall. Übrigens, Videotext. Wer Interesse hat, der möge sich einmal auf N 3 die Videotext-Seite 238 ansehen. Hochaktuell. Und ganz sicher die eine oder andere alte Wunde aufreißend. Das macht Spaß. Aber Sommerloch? Natürlich nicht.

Dazu werden ja in der jetzigen Phase auch zu viele Namen gehandelt. Jeffrey Bruma zum Beispiel. Der Niederländer soll kommen, lässt aber noch auf sich warten. Auch deshalb, weil sein Berater Wessel Weezenberg im Moment die Arbeit „eingestellt“ hat, weil er mit seiner Frau im Krankenhaus weilt – das Ehepaar erwartet Nachwuchs. Auch eine Art Neuling. Ebenfalls als Neuling wird beim HSV der Schweizer Mittelfeldspieler Pirmin Schwegler gehandelt. Der Frankfurter soll sogar ein ganz heißer Kandidat sein, wird noch vor Bruma gehandelt. Was mich etwas überrascht: Der 24-jährige Schwegler soll einen Marktwert von sechs Millionen Euro haben. Kann der HSV diese Summe „wuppen“. Abwarten. Immerhin sind ja auch noch Verkäufe beim HSV zu erwarten: Joris Mathijsen, Jonathan Pitroipa, Guy Demel, Eljero Elia?

Zurück noch einmal zu Schwegler. Defensiver Mittelfeldspieler. Da denke ich mit Schrecken gleich an David Jarolim. Bislang hat „Jaro“ ja noch jeden Neuen, den er vor die Nase gesetzt bekam, „weggebissen“, aber ob man sich darauf immer verlassen kann? Und Jarolim war eigentlich meine Hoffnung, dass in der nächsten Saison aus einem Haufen Einzelspieler eine Mannschaft wird. Weil „Jaro“ ein Profi ist, der Mensch geblieben ist, der alles für die Mannschaft tut, dem Neid und Missgunst fremd sind. Aber gut, der HSV hat als Priorität ausgemacht, dass es in der Abwehr und im Mittelfeld hapert, deswegen wird er natürlich dementsprechend einkaufen.

Um noch einmal auf den Umstand zurück zu kommen, dass der HSV zuletzt keine Mannschaft hatte. Ich sprach heute mit zwei „Altmeistern“ des HSV, beides Spieler der Meistermannschaft von 1960. Jochen Meinke, der Kapitän und Stopper, und auch Rechtsaußen Klaus Neisner befanden unisono – aber unabhängig voneinander: „So lange der HSV keine richtige Mannschaft auf den Platz bringt, so lange wird der HSV auch keine Erfolge feiern können. Daran muss, so die beiden Vollblut-HSVer, die fast jedes Heimspiel im Volkspark verfolgen, dringend gearbeitet werden.

„Man ist nicht in der Lage gewesen, aus den guten Einzelspielern ein Team zu formen. Ich jedenfalls hatte nie das Gefühl, dass da unten eine Mannschaft auf dem Rasen stand, in der jeder für den anderen da war. Meister Dortmund hat es uns doch vorgemacht, da war eine verschworene Gemeinschaft am Werk, die lief einer für den anderen“, sagt Jochen Meinke. Und sagt weiter: „Und noch ein anderes Beispiel: Manchester United gegen Schalke 04, ich habe beide Spiele gesehen, das ist eine Ansammlung von Weltstars. Und was machen die? Die
laufen 90 Minuten für den Nebenmann, Da ist sich keiner zu schade, einen Schritt für den Kollegen mehr zu machen. Das ist Weltklasse. Und dieses Beispiel zeigt mir, dass es auch möglich ist, als Star für einen anderen Star da zu sein. Und für sämtliche 90 Minuten – und länger.“

Meinke greift sich dann das Beispiel Wayne Rooney heraus: „Bestimmt kein begnadeter Techniker, aber wie der sich für das Team zerreißt – alle Achtung. So muss es sein.“ So war es einst mit Uwe Seeler. Der war der Star der Meistertruppe von 1960, gab aber auch in jedem Spiel alles. Vorbildlich. Meinke: „Ich will gar nicht über Uwe Seeler reden, aber in unserer Mannschaft wusste jeder was der andere macht. Da gab es nicht einen, der sich mal hängen ließ, nur weil das Spiel vielleicht mal unglücklich gegen den HSV lief. Bei der heutigen Mannschaft hatte ich aber oft das Gefühl, wenn es einmal nicht nach Wunsch lief, dass der eine oder andere Spieler innerlich aufgab und sich in sein Schicksal fügte: Dann eben im nächsten Spiel.“

Was aber kann der HSV jetzt tun, um wieder einmal eine Mannschaft auf den Rasen zu „zaubern“? Meinke: „Wir von der damaligen Meistermannschaft treffen uns ja regelmäßig bei den Heimspielen, und wir alle sind uns einig: Wir brauchen mal wieder junge, hungrige Talente. Junge Leute, die etwas für den HSV tun wollen, denen es nicht in erster Linie um das Geld geht, was sie nach Hause schleppen können.“ Jochen Meinke hat auch da noch ein Beispiel parat: „Ich kann es bis heute nicht verstehen, was der HSV mit Paolo Guerrero gemacht hat. Für mich ist es nach wie vor unmöglich, dass der HSV seinen Vertrag verlängert hat – und dann noch zu solchen Kondition, die man immer lesen muss. Unmöglich ist das.“

Der Meister-Kapitän hat noch andere wunde Punkte aus der vergangenen HSV-Saison ausgemacht. Meinke: „Es gibt auch zu viele Weicheier in dieser Truppe. Ein hochbegabter Mann wie Marcell Jansen, wie kann es angehen, dass er wegen eines Zehbruchs wochenlang fehlt? Oder Mladen Petric, der auch oft verletzt ist. Das sind Leute, die mal gute Spiele machen, aber insgesamt ist das viel zu wenig. Solche Leute sind gefordert, voran zu gehen.“ Im Vergleich zu damals gibt es heute für die HSV-Profis geradezu paradiesische Zustände. Meinke sagt: „Von einer solchen medizinischen Betreuung haben wir damals geträumt. Heute wird doch alles für die Spieler getan, notfalls arbeiten die Mediziner rund um die Uhr, um einen Spieler wieder auf die Füße zu stellen. Heute habe ich aber das Gefühl, dass sich ein Spieler schnell sagt, dass es diesmal eben nicht geht. Also aussetzen. In meinen Augen sollen die sich nicht so anstellen.“

Leicht gesagt. Die heutige Generation ist eben doch ein wenig anders. Ganz sicher nicht so kernig wie die Kämpfer von damals. Aber es ist ja wie es ist. Nur, wie schafft es der HSV, aus dem vorhandenen Kader eine echte Einheit zu formen? Jochen Meinke: „Man darf nur die Spieler ran lassen, von denen man auch überzeugt ist, dass sie sich zerreißen, dass sie alles geben für den HSV. Da nenne ich mal das Beispiel Dennis Diekmeier. Dem verzeihe ich mal den einen oder andern Fehler, denn er bringt Schwung, der ist vorne und hinten zu finden – von dem erwarte ich in Zukunft noch eine ganze Menge. Der gehört zu der Generation, die wir brauchen, der ist in meinen Augen aus jenem Holz geschnitzt, die wir für eine neue Mannschaft benötigen.“ Meinke weiter: „Wenn sich die elf Spieler auf dem Rasen einig sind, wenn sie alle kämpfen und alles geben, dann wird das auch ganz automatisch ein Team, davon bin ich überzeugt.“

Und wo hat der HSV in der Vergangenheit Fehler gemacht? Meinke: „Es sind bestimmt auch Fehler in der Chef-Etage des HSV gemacht worden, aber jetzt alle Schuld dem Bernd Hoffmann in die Schuhe zu schieben, das ist mit Sicherheit falsch. Der wollte nur das Beste, der hat finanziell viel Gutes für den HSV bewirkt.“ Ganz sicher. Auf der anderen Seite gab es unter Hoffmann aber keine sportliche Kontinuität. Die vielen Trainer-Wechsel waren sicherlich nicht förderlich. Meinke sieht das ähnlich: „Da sind auch große Fehler gemacht worden, in der tat, man hätte vielleicht in dem einen oder anderen Fall mehr Geduld beweisen müssen. Und Bernd Hoffmann hätte sich mehr um die finanzielle Seite des Klubs kümmern sollen, als um die sportliche. Dafür hatten wir doch den Didi Beiersdorfer, den ich immer noch sehr schätze – aber der konnte sich wohl gegen Hoffmann nicht durchsetzen.“

Sorgt sich Jochen Meinke um den HSV? „Ich habe mir in dieser Saison, speziell in der Rückrunde, die für mich eine einzige Katastrophe war, große Sorgen gemacht. Und ich war mehr als froh, als wir die 40 Punkte erreicht hatten. Und für die neue Saison erwarte ich ja nicht, dass der HSV Platz, drei, vier oder fünf belegt. Ich erhoffe mir in erster Linie, dass es eine Mannschaft gibt. Endlich einmal eine Mannschaft. Aber da muss man Geduld haben, oftmals wird ja viel zu viel erwartet.“

Und trotz der Spieler, die den HSV bereits verlassen haben, und jener Spieler, die noch gehen werden, denkt Meinke, dass der HSV auch in Zukunft eine gute Mannschaft haben wird – so sie dann zusammenhält: „Wenn ich mir das hinten ansehe: Diekmeier gut, Kacar und Westermann gut, obwohl der Kapitän fußballerisch nicht der beste Hamburger ist, dazu Aogo. Und im Mittelfeld würde ich viel lieber und viel häufiger den Tomas Rincon sehen wollen. Der auf der Sechs, das kann er sehr gut, der ist der geborene Abfangjäger. Und auch Jarolim würde ich immer spielen lassen, der ist einer, der 90 Minuten lang für die Mannschaft unterwegs ist.“ Dann blickt Meinke noch einmal zum Saisonanfang im Jahre 2010 zurück: „Da hat Trainer Armin Veh seinen größten Fehler gemacht, denn er hätte Jarolim niemals die Kapitänsbinde wegnehmen dürfen. Jaro ist doch ein Vorbild für alle. Da sind schon Fehler gemacht worden, auch einige krasse.“ Abschließend sagt Jochen Meinke: „Ich könnte über den HSV Stunden reden, denn wir alten HSVer machen uns doch auch Gedanken um den Klub. Wir wollen doch, dass er mal wieder ganz nach oben kommt. Wir brauchen dazu aber, ich habe es schon gesagt, junge, hungrige Leute.“

So wie er es einst miterlebt hat. 1954, da gab es beim HSV auch schon einmal einen gravierenden Umbruch. Nordmeister wurde damals Hannover 96, der HSV belegte „nur“ Platz zehn – eine Enttäuschung für jeden Hamburger. Meinke, inzwischen 80 Jahre alt, erinnert sich noch ganz genau: „Damals kam vom Präsidium Carl Mechlen zu uns und sagte, dass er und die gesamte Führung zufrieden sein würde, wenn wir mit dieser nun neuen und jungen Mannschaft Platz sechs belegen würden. Und wir wurden gleich Meister. Bis 1963, bis zur Einführung der Bundesliga, wurden nur wir Nordmeister. Aber das kann man natürlich nicht immer schaffen.“

Ganz zum Schluss sprach Jochen Meinke auch einen weiteren wunden Punkt an: „Im Grunde genommen müsste aus der Nachwuchsarbeit doch viel mehr herauskommen. Das ist mir jedenfalls zu wenig in all den Jahren gewesen. Nicht nur beim HSV, auch bei anderen Klubs, aber beim HSV tut es mir natürlich sehr weh. Für diese großen Anstrengungen, die da unternommen werden, kommt da viel zu wenig.“

Zu wenig ist das Stichwort. Das war es für Klaus Neisner (75), der heute (und schon seit Jahren) der Manager der Altliga ist. „In den letzten Jahren passte in Sachen Mannschaft nie etwas zusammen. Zudem gab es für mich zwei Ausfälle: Jonathan Pitroipa, den ich nur den Zappelphilipp nennen, und Eljero Elia. Hinzu kam, dass für mich auch ein Ruud van Nistelrooy nicht das gebracht hat, was alle in Hamburg von ihm erwartet hatten. Ich verstehe bis heute nicht, wieso Real Madrid in zurückholen wollte. Haben sich die Spanier diesen Ruud van Nistelrooy eigentlich einmal in Hamburg angesehen? Ich kann es nicht glauben.“

Für Neisner haperte es im Spiel des HSV auch an anderen Dingen: „Das Aufbauspiel ist eine Katastrophe. Frank Rost haute den Ball oft weit in die gegnerische Hälfte – und weg war die Kugel. Und dann, wenn zum Beispiel Westermann oder Mathijsen aufbauen sollten, dann kamen lange Dinger nach vorne, die nie bei einem Hamburger ankamen. Von zehn Bällen, die nach vorne gebolzt wurden, landeten acht oder neun beim Gegner – und schon läuft man dem Ball wieder nur hinterher. Die sollten sich alle mal ein Spiel vom FC Barcelona ansehen, da gibt es kaum mal einen langen Ball . . .“

Und im Mittelfeld? Neisner: „Ze Roberto hat für mich auch oft nur Alibi-Fußball gespielt. Zu oft. Geniales kam von ihm, ein Mann seiner Klasse, viel zu selten. Heung Min Son hatte Pech, dass er sich früh schwer verletzte, Ben-Hatira spielte mir viel zu unterschiedlich – es gab zu große Schwankungen in dieser Mannschaft, da war nie Konstanz drin.“ Dann sagt Klaus Neisner das, was ich schon seit langem behaupte: „Diese Truppe war untrainierbar, daraus hätte kein Trainer der Welt ein Team formen können, da bin ich mir sicher.“ Und weiter: „Mir hat auch zu oft der letzte Biss gefehlt. Wenn ich sehe, wie andere Mannschaften sich reinhauen, dann muss der HSV schon noch viel, viel lernen.“

Hoffentlich sieht es die Führung auch so, hoffentlich sehen es vor allem die Spieler, die noch bleiben werden, auch so. Neisner vertraut aber der neuen sportlichen Führung: „Ich bin mir sicher, dass Arnesen und Oenning eine Mannschaft zusammenstellen werden, mit der wir nicht in Abstiegsgefahr geraten werden. Aber ich bin mir auch sicher, dass wir auch im nächsten Jahr nichts mit Europa zu tun haben werden. Es sei denn, es werden noch viele junge, heiße Talente verpflichtet – Arnesen soll ja von den großen europäischen Nationen alle Namen der besten Talente kennen. Da kann man nur hoffen, dass er auch einige davon nach Hamburg holen kann – ich bin aber zuversichtlich. Der Däne ist ja als guter Mann bekannt, und wer so lange für Chelsea arbeitet, der muss schon etwas können.“

Darauf hoffen wir mal.

18.17 Uhr

PS: Am Mittwoch wird im Volkspark (und damit beim HSV) nicht trainiert, auch nicht gespielt, vielleicht gibt es aber dann doch den einen oder anderen Neuzugang. Auf jeden Fall aber gibt es KEIN Sommerloch.

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