Tagesarchiv für den 23. Mai 2011

Uwe Seeler will wieder ein HSV-Team

23. Mai 2011

.Die Meldung war klein. Dennoch hatte sie etwas Tröstendes für mich: „Italiens Fußball-Rekordmeister Juventus Turin ist in der kommenden Saison nicht im Europapokal dabei. Juve kam am Sonntag am letzten Spieltag der Serie A daheim nur zu einem 2:2 gegen den SSC Neapel und blieb damit auf Platz sieben. Allerdings hätte den Turinern auch ein Sieg nicht zum Einzug in die Europa League genügt, da der AS Rom um Francesco Totti mit dem 3:1 gegen Sampdoria Genua Platz sechs verteidigte.“

Es geht also auch anderen Größen – außer dem HSV – so, dass mal das eine oder andere Ziel verpasst wird. Und wie heißt es doch so schön? Man kann mal hinfallen, man muss dann eben nur wieder aufstehen. Hoffentlich geling es „Juve“ – und auch dem HSV.

Heute beginnt eine neue Ära. Die von Frank Arnesen, denn der Däne hat seine Arbeit aufgenommen. Er ist mein Hoffnungsträger – sicher auch für die meisten von Euch. Drücken wir ihm die Daumen, dass er ein glückliches Händchen bei seinen Einkäufen hat. Einen Namen kann ich immer noch nicht nennen, denn vom „neuen HSV“ sickert ja kaum noch etwas durch. Mal abgesehen davon, dass sich Aufsichtsrats-Boss Ernst-Otto Rieckhoff am Sonntag noch etwas lautstärker als sonst über die „Plaudertaschen“ in seinem Aufsichtsrat beschwert hat. Aber der AR ist eben etwas anderes als der Vorstand. Da haben sie inzwischen das Schweigen gelernt.

Um noch einmal ganz kurz zurück zu kommen auf die Informations-Veranstaltung am Sonntag. Ich sprach danach noch in aller Kürze mit Rieckhoff, und er gab mir ein schnelles Resümee: „Ich habe das Gefühl, dass es keinen Hass mehr im HSV gibt.“ Er war deshalb sehr zufrieden mit dem Verlauf der Info-Versammlung. Ich weiß aber auch, dass sich einige Aufsichtsräte zu Unrecht angeprangert sahen (und sehen), und dass diese Herren „sauer“ sind. Mal abwarten, was aus der Ruhe, die schon rund um diesen neuen Aufsichtsrat herrschte, nun in den kommenden Wochen wird. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass es dort in Zukunft wieder unruhigere Zeiten geben wird – wer lässt sich, wenn er sich nichts zuschulden kommen lassen hat, schon gerne pauschal anprangern? Abwarten.

Ich hätte es übrigens ganz gut gefunden, wenn am Sonntag noch einmal ein „altes Vorhaben“ noch einmal neu aufgegriffen worden wäre. Um die letzte Jahreswende herum hieß es ja mal, dass Uwe Seeleer der Ehren-Präsident des HSV werden soll. Ein längst überfälliges Unterfangen. Da „uns Uwe“ aber nicht zur Jahreshauptversammlung geht, auch zur letzten nicht kommen konnte, wurde das „Unternehmen Ehren-Präsident“ erst einmal verschoben. Das allein ist ja nicht schlimm, aber man sollte es nicht ganz aufheben, sondern doch relativ zeitnah noch einmal anpacken. Und das hätte meiner Meinung nach am Sonntag doch ganz gut gepasst. Wo es doch jetzt die neue Ruhe im neuen HSV gibt, wo es nach einer weiteren verkorksten Saison gut gerne noch einmal etwas Erfreuliches gegeben hätte. Aber gut, so denke ich, die Herren beim HSV haben sicher andere Pläne – und das ist auch gut so.

Mit Uwe Seeler habe ich mich trotz allem – auch darüber – unterhalten. Zum Thema „Ehren-Präsident“ hat er mir gesagt: „Das ruht im Moment, das ist auch kein Problem für mich. Damals, als das vorgenommen werden sollte, hatte ich keine Zeit, nun warten wir mal ab. Das ist auf jeden Fall nicht aufgehoben, es gibt nur noch keinen Termin. Die Führung des Klubs hat ja auch im Moment ja ganz andere Sorgen, die gilt es jetzt erst einmal anzupacken. Ich kann warten, aber im Grunde genommen interessiert mich das ja auch nicht groß. Ich habe nur den einen Wunsch, dass alle im HSV mal wieder miteinander arbeiten, damit es mal wieder Erfolge für den HSV gibt.“

Wunderbar, Herr Seeler, das wünschen wir uns doch alle.

Zur Info-Versammlung von Sonntag wollte sich der Ehrenspielführer nicht äußern: „Dazu kann und will ich nichts sagen. Ich hoffe nur, dass die Herren wieder Ruhe in den Verein bekommen. Und zwar Ruhe, bevor es dann wieder unruhig wird. Ich drücke den Verantwortlichen die Daumen, dass sie Lösungen finden für die derzeitigen Probleme, und zwar solche Lösungen, die den HSV auch wieder voranbringen.“

Sowohl Trainer Michael Oenning als auch der Vorstandsvorsitzende Carl-Edgar Jarchow haben in der Vergangenheit öfter einmal davon gesprochen, dass verdiente HSV-Mitglieder und –Legenden wie zum Beispiel Uwe Seeler, Willi Schulz, Horst Hrubesch, Manfred Kaltz und andere künftig mehr um Rat gefragt werden sollen, dass sie wieder mehr ins HSV-Boot geholt werden sollen, um auf diese Art Anschubarbeit zu leisten. Wie steht Uwe Seeler zu diesem Vorhaben? „Herr Jarchow hat schon einmal kurz mit uns gesprochen, das Gespräch war aber allgemein gehalten. Das bewerte ich nicht über, es ging um nichts Konkretes, es wird da vielleicht noch einmal an anderer Stelle etwas erfolgen – vielleicht mal bei einer guten Tasse Kaffee“, sagt Seeler. Und wie könnte seine Hilfe für den HSV aussehen? Er sagt: „Ich kann nur das sagen, was ich sehe. Und dann werde ich einen Rat geben und abwarten, ob sie davon etwas annehmen werden. Mehr geht ja gar nicht, denn die Herren sind ja verantwortlich für den Klub, sie treffen die Entscheidungen, da möchte ich mich auch weiterhin heraushalten.“

Wie schon in der Zeit nach seiner HSV-Präsidentschaft. Ein Amt im Klub wird Uwe Seeler nie wieder annehmen. Er lacht, als ich diese Frage stelle: „Nein, nein, um Gottes Willen, um Gottes Willen, nie wieder.“ Und ein Rat von „uns Uwe“ stellt sich das Mittelstürmer-Idol wie folgt vor: „Wir sitzen beisammen, ich sage meine Meinung, und die Herren aus der Vorstandsriege können sich dann ihre Gedanken machen, vielleicht auch ihre Meinung oder ihre Pläne mal überdenken, wenn ich eine etwas andere Meinung vertrete. Wenn das nicht der Fall ist, wenn wir auf einer Wellenlänge liegen, dann ist es umso besser, dann können sie sich bestätigt fühlen. Sie allein aber entscheiden zum Wohle des HSV. Und das kann alles in Ruhe und intern geklärt werden.“ Seeler, dem er HSV, „sein“ HSV, noch immer am Herzen liegt, sagt weiter: „Man kann ein Gespräch führen, aber es muss auch nicht sein. Bislang, wie gesagt, habe ich auch noch nichts Konkretes vom HSV gehört.“

Dass es nun diesen Umbruch im Klub gibt, innerhalb der Bundesliga-Mannschaft, das befürwortet Uwe Seeler: „Ich glaube, das war genau die richtige Idee und die richtige Konsequenz. Man muss jetzt von vorne anfangen und eine neue Mannschaft aufbauen, denn wie wir gesehen haben, in den letzten beiden Jahren, haben wir kein Team gehabt. Das war keine Mannschaft, die da gespielt hat, und so kommt man nicht weiter. Wenn man aus dem alten Trott heraus wollte, dann muss man der HSV-Mannschaft ein neues Gesicht aufbauen.“ Das hat der HSV nun schon in Angriff genommen, und „uns Uwe“ sagt: „Ich hoffe darauf, dass die Herren ein glückliches Händchen entwickeln, dass der Neuaufbau gelingt, dass der HSV zumindest im gesicherten Mittelfeld mitspielen wird, ohne in Abstiegsgefahr zu geraten. Wir haben die letzte Saison erlebt, die war ganz sicher nicht gut, eine Wiederholung sollte man am besten verhindern.“

Sorgt sich Uwe Seeler um den HSV, der ja kein Geld hat, um den eine oder anderen guten Spieler zu verpflichten? Seeler: „Das fängt ja schon mit dieser Frage an: gute Spieler? Was sind gute Spieler? Gute Spieler kosten viel Geld. Ist es aber gut, wenn ich immer gute Spieler hole? Ich muss jetzt zusehen, dass ich mal wieder eine Mannschaft kriege. Dazu sind natürlich gewisse Leistungsträger wichtig, aber wenn man dazu willige, junge Marschierer im Team hat, und das dann zusammenpasst, dann hat man auch Erfolg. Das hat man doch gesehen. Mannschaften wie Mainz oder Freiburg die kamen besser zurecht, als arrivierte Klubs wie Wolfsburg, Stuttgart, der HSV oder auch Werder Bremen. Nein, wenn man einen Neuaufbau macht, dann muss es eine gute Mischung aus Jung und Alt geben – dann darf man nicht nur auf gute Spieler setzen, die teuer sind.“

Es fehlt meine Meinung nach dem HSV schon seit Jahren ein Stürmer (oder zwei), der so stürmen kann wie einst Uwe Seeler. Der konnte in die Gasse geschickt werden, der ging mit dem Kopf durch die Wand, der setzte seins Spurtschnelligkeit, seinen Körper und seinen unbändigen Willen ein. Fehlt Uwe Seeler nicht auch ein solcher Stürmer? Er sagt: „Stürmer, die eine Abwehr aufreißen könne, die braucht man. Gut wäre es schon, wenn man zwei davon hätte, einer der dabei aus der zweiten Reihe kommt, dann wird man natürlich gefährlich, das ist klar. Aber dann muss man jetzt sehen, dass man solche Leute auch bekommt, das wird Sache des Trainers und des Sportchefs sein.“

Und über die Anforderungen an die neuen HSV-Spieler ist sich Uwe Seeler auch schon im Klaren: „Erstens müssen sie gute Fußballer sein, zweitens müssen sie zusammen eine intakte Mannschaft sein, drittens braucht man auch Arbeiter, die so genannten Wasserträger. Nur dann hat man Erfolg, nur dann wird es Erfolg geben. Aber Arbeiter oder Wasserträger haben wir zuletzt nicht gehabt. Und man kann sich auf den Kopf stellen oder auch nicht, Fußball wird immer ein Mannschaftssport sein. Gibt es keinen Zusammenhalt in der Truppe, wird es auch keine Titel geben.“

Für viele Experten wird dem HSV ja auch immer das Beispiel Borussia Dortmund vor Augen gehalten. Kein Geld in der Kasse, junge Leute geholt – Meister geworden. Ähnlich denkt auch Uwe Seeleer: „Dortmund hat Glück gehabt, denn dort funktionierte der Neuaufbau innerhalb von zwei Jahren. Das klappt nicht überall so schnell. Im vergangene Jahr hatte Dortmund noch hin und wieder leichte Einbrüche, aber in dieser Saison waren sie stabil – und sind ein würdiger Meister geworden.“

Kann denn Uwe Seeler mit einem sechsten, siebten oder auch achten Platz für den HSV in der kommend leben? „Ich wäre froh, wenn wir im gesicherten Mittelfeld landen würden. Und alles was besser ist, das ist dann positiv.“ Ich hoffe ja bei diesem Neubeginn auf Frank Arnesen. Der Mann muss es ganz einfach richten. Ohne Wenn und Aber. So denke ich.
Und Uwe Seeler? „Die Frage ist für mich, wie gut Frank Arnesen den HSV schon kennt, wie gut und genau er diese Mannschaft schon kennt, denn er muss sie ja dementsprechend mischen. Davon hängt es ja ab, was in der nächsten Saison passiert.“ Uwe Seeler weiter: „Natürlich hoffen wir alle, dass es in der nächsten Saison mal wieder besser laufen wird. Verlieren kann man ja mal, aber es muss erkennbar sein, dass da unten eine echte Gemeinschaft, eine Mannschaft mit Teamgeist um den Sieg kämpft. Ich erwarte mehr Freude und Begeisterung in dieser HSV-Mannschaft, und wenn das wieder da ist, dann wird das auch das Publikum honorieren. Wenn die Fans sehen, dass man will, dann wird das auch ganz sicher anerkannt.“

Hoffen wir mit Uwe Seeler. Und: „uns Uwe“ for Ehren-President.

17.51 Uhr

PS: Am Dienstag kein Training im Volkspark auch kein Spielchen – dafür vielleicht den ersten “Neuen”. Wer weiß?