Tagesarchiv für den 21. Mai 2011

Analyse Teil sechs: Ärger an der Spitze

21. Mai 2011

Es wird heiß diskutiert werden, es wird sicher auch heftig Kritik an so mancher HSV-Führungsposition geübt – aber es wird nichts beschlossen. Aus der einst als „Palast-Revolution“ geplanten Versammlung ist lediglich eine Informationsveranstaltung des HSV geworden, die an diesem Sonntag um 11 Uhr im Westen der Arena im Volkspark beginnen soll. Wenn es dem Klub dann hilft . . .

In jeder Generation schieden sich die Geister an der Führung des HSV. Unumstritten war in der jüngsten Vereinsgeschichte eigentlich niemand, das war einst schon zu Dr. Peter Krohns Zeiten und zur Amtszeit von Dr. Wolfgang Klein so. Immer gab es mal eine kleine, vielleicht auch einmal die eine oder andere größere Opposition. Und das war natürlich auch in der Ära von Bernd Hoffmann so. Wobei ich bei der Saisonanalyse Teil sechs bin.

Von Februar 2003 an war Hoffmann der HSV-Boss, er ist es bis ins Frühjahr 2011 geblieben. Dann gab es die Ablösung – auch deshalb, weil der Erfolg im Verein ausgeblieben ist. Um es noch einmal zu betonen: Ich habe nichts gegen Bernd Hoffmann, ich habe mich immer neutral ihm gegenüber verhalten. Fest steht, dass der HSV unter seiner Regie aufblühte. Unter seiner Regie, gemeinsam mit Katja Kraus und Sportchef Dietmar Beiersdorfer. Mir ist bis heute schleierhaft, wieso die drei Führungskräfte diese gut funktionierende, von etlichen zwischenmenschlichen Missverständnissen geprägte Zusammenarbeit aufs Spiel setzten. Aber das ist ein anderes Thema, das liegt schon länger zurück. Ich versuche es salopp unter dem Mott ab: „Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis . . .“

Den Erfolg Hoffmanns mache ich immer an den Transfers fest. Die Transfers vor seiner Zeit, und die während seiner Amtszeit. Im Jahre 2000 kamen Spieler wie Christoph Babatz, Alexander Bade, Thomas Gravesen, Dimitrios Grammozis, Vanja Grubac, Fabian Ernst, Özkan Gümüs, Sascha Ilic, Rasoul Khatibi und Josip Simunic nach Hamburg. Ein Jahr später, es stand immer noch Werner Hackmann an der Spitze des Klubs, waren es Spieler wie Jörg Albertz, Roda Antar, Kim Christensen, Marcel Maltritz, Bernardo Romeo, Raphael Wicky und Stefan Wächter. Ich habe gegen nicht einen dieser Profis etwas, alles nette Kerle und sicher auch brauchbare Fußballer.

Mit Hoffmann und mit Beiersdorfer waren es dann aber in den folgenden Jahren Spieler wie David Jarolim, Khalid Boulahrouz, Daniel van Buyten, Emile Mpenza, Benjamin Lauth, Thimotheee Atouba, Nigel de Jong, Guy Demel und vor allem Rafael van der Vaart. Später folgten noch Joris Mathijsen, Paolo Guerrero, Vincent Kompany und Ivica Olic, um nur einige Hochkaräter zu nennen – zuletzt Ruud van Nistelrooy. Namen, vor allem aber Kaufsummen (auch Leihsummen), an die sich der HSV vor Beginn der Hoffmann-Ära nie oder nur in ganz, ganz seltenen Fällen herangetraut hatte.

Natürlich gab es auch so manchen Flop seit 2003, aber wo gab, wo gibt es die nicht? Selbst der große FC Bayern, dort in Person von Über-Manager Uli Hoeneß, hat sich zahlreiche Fehleinkäufe geleistet. Für mich aber steht fest, dass es mit dem HSV unter Hoffmann, Kraus und Beiersdorfer deutlich bergauf ging. Deswegen habe ich Bernd Hoffmann auch geschätzt. Er hat der Raute sicher viel Gutes getan.

Trotz allem war er nie unumstritten. Was sicherlich auch mit der Art seiner Menschenführung zu tun hatte. Da hat (oder hatte) er sicher Defizite, aber, und das muss ich bei der Gelegenheit auch ganz deutlich sagen, die gab es auch bei so manchem Hoffmann-Vorgänger zu registrieren. Weil solche Schwächen schnell einmal bei Chefs generell auszumachen sind. Sonst werden solche Menschen vielleicht auch keine Chefs.

Was mich bei Bernd Hoffmann bis heute massiv gestört hat, das ist die Tatsache, dass er mir Christian Reichert, Dietmar Beiersdorfer und zuletzt auch Oliver Scheel Männer an seiner Seite hatte, die die Raute bis heute im Herz tragen, die aber, wenn es um die Führung des Klubs ging, stets nur Papiertiger waren. Hoffmann und Kraus trafen die meisten ihrer Entscheidungen allein, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass es auch noch ein drittes Vorstandsmitglied gab. Davon darf sicher jeder gerne selbst sein eigenes Bild verschaffen, er muss nur einmal mit diesen drei betroffenen Herren sprechen. Sie haben ganz sicher andere Vorstellungen von einer vernünftigen Art der Zusammenarbeit gehabt, bevor sie in den HSV-Vorstand kamen. Letztlich sind Reichert und Beiersdorfer daran gescheitert, und natürlich ist es hypothetisch, aber ich könnte wetten, dass auch ein guter Mann wie Scheel letztlich daran zerbrochen wäre – wenn es nicht zu jener Abberufung des Vorstandes kam, über die an diesem Sonntag ganz sicher auch diskutiert wird.

Ich behaupte einmal ganz frech: Hätten Bernd Hoffmann und auch Katja Kraus eine vernünftige Zusammenarbeit mit allen dem Vorstand angehörenden Personen gewählt, sie alle wären noch heute in Amt und Würden. Aber auch das ist natürlich hypothetisch.

Darüber, dass nun die Kassen des HSV leer sind, darüber sollen andere Leute befinden. Bernd Hoffmann hatte jahrelang immer wieder betont, dass er dafür stehe, nur das Geld auszugeben, das der HSV auch tatsächlich hat. Diese sicherlich gute und vorbildliche Vorstellung der Klub-Führung habe ich immer an Hoffmann geschätzt. Aber, und nun kommt das aber, er hat in den letzten (beiden?) Jahren diesen Pfad verlassen. Er ging offenbar, weil er ein überehrgeiziger Mann ist, mehr Risiko. Auch wohl deshalb, weil er die Zeiten leid war, in denen ganz Hamburg vergeblich auf einen Titelgewinn gewartet hat. Hoffmann wollte es – vielleicht mit behutsamer Gewalt – erzwingen, doch das Vorhaben ging schief, wie wir inzwischen alle schmerzlich erfahren mussten.

Auch deshalb geriet Bernd Hoffmann mehr und mehr in die Kritik. Der „neue“ HSV lässt nun ja sogar alle Verträge überprüfen, die in der Hoffmann-Ära abgeschlossen wurden. Das sei legitim, wurde von der jetzigen Führung und auch aus dem Kreis des Aufsichtsrates geäußert. Es mag legitim sein, keine Frage, aber es ist auch nicht nur höchst ungewöhnlich, es ist auch ein Novum in der HSV-Geschichte. Einen solchen Vorfall hat es meines Wissens nie zuvor gegeben. Wobei ich zu gerne einmal wüsste, weshalb das „alte“ Vorstandsduo einen Berater-Vertrag (kostete immerhin eine sechsstellige Summe) mit einer angesehenen Hamburger Firma abgeschlossen hatte. Auch das ist ein Novum. Zu früheren Zeiten gab es solche Beraterverträge (meines Wissens) nicht. Da waren die Klub-Chefs immer selbst in der Lage, ihren Weg zu gehen. Aber vielleicht ist es ja auch Mode geworden – denn die hohe, die ganz, ganz große Politik bedient sich ja auch schon seit Jahren solcher externer Berater.

Wieso, weshalb, warum? Ich habe keinerlei Erklärungen dafür. Wenn ich ein solches Amt bekleiden will, dann muss ich auch wissen, welche Voraussetzungen ich erfüllen muss, um diesen Anforderungen gerecht zu werden – sonst muss ich es geeigneteren Personen überlassen. Deshalb bin ich gespannt, was letztlich aus dem Überprüfen der Verträge heraus kommt.

Quintessenz dieses Vorstands-Theaters: In einem Sport-Verein sollte es in den meisten Fällen gemeinsam gehen, dieses Thema wurde in den letzten Jahren beim HSV verfehlt. Und wenn heute beklagt wurde, dass ein großer Fehler in der Vergangenheit gemacht wurde, als es keinen Sportchef (Nachfolger von Beiersdorfer) gab, dann kommt diese Einsicht Jahre zu spät. In jener Zeit wurden alle diesbezüglichen Fragen schnell abgewimmelt: Man hätte alles im Griff, es fehlt an nichts, es fehlt vor allem kein Sportchef. Heute wissen es alle besser.

Noch ein kurzer Absatz zu Katja Kraus. Sie, das habe ich immer wieder betont, wurde auch von „Oppositionellen“ des HSV für ihre Arbeit, die sie für den Klub verrichtete, gelobt. Ich teile das. Ihr wohl größter Fehler war, dass sie zwar alles für Bernd Hoffmann getan hat, dass sie ihm aber nicht beizeiten auf die Füße getreten ist, was eine gute, vorbildliche und fruchtbare Zusammenarbeit in der Führungsetage eines Sport-Vereins betrifft. Katja Kraus war Nationaltorhüterin, sie hätte ihrem Boss (Hoffmann) durchaus einmal etwas von Teamgeist verklickern können. Vielleicht hat sie es aber auch gemacht, vielleicht hat er es nur nicht angenommen – das vermag ich nicht zu sagen.

Über den „alten“ Aufsichtsrat habe ich schon viel und oft geschrieben. Er hat auf ganzer Linie versagt, das werde ich nur noch einmal wiederholen. Er hat deshalb versagt, weil er es versäumt hat, der Klub-Führung kontrollierend auf die Hände zu gucken. Er hat auch deshalb versagt, weil es zu viele Gemeinsamkeiten mit Bernd Hoffmann gab. Als ich das einmal ansprach, erfuhr ich nur: „Eine gute Zusammenarbeit kann nur dann erfolgreich sein, wenn man sich versteht und gemeinsam an einem Strang zieht.“ Aha. Habe ich damals gedacht, denke ich immer noch.

Nach dem Wechsel an der Klub-Spitze in diesem Frühjahr ist nun wieder Ruhe in den Klub eingekehrt. Zum Glück. Ich habe das Gefühl, dass die Führung und der Aufsichtsrat besser, mehr und auch (vor allem) im Team arbeiten. Ich jedenfalls vertraue dieser Konstellation, und ich kann nur hoffen, dass sich das letztlich auch auf die sportliche Seite niederschlägt. Wenn die Menschen, die nun beim HSV am Ruder sind, merken, dass nicht sie glänzen müssen, sondern nur der Klub, dann ist schon viel gewonnen. Persönliche Eitelkeiten haben vor allem in der jetzigen schwierigen Phase des HSV nichts zu suchen, dafür gibt es im Moment keinen Millimeter Platz. Arbeiten, rackern, schuften und alles für den Erfolg der drei größten Buchstaben der Hansestadt und der Bundesliga tun, das ist nun das Gesetz der Stunde.

17.56 Uhr