Tagesarchiv für den 20. Mai 2011

Analyse Teil fünf: Veh kam zur falschen Zeit

20. Mai 2011

Neue Leute braucht der Klub. Das hat der HSV erkannt. Und auch wenn es noch immer keine Namen von Neuzugängen gibt, mir wurde versichert: „Es ist alles bestens im Fluss.“ Also, wir alle werden uns noch in Geduld üben müssen. Unterdessen sind die „kleineren“ personellen Spielchen weiter im vollen Gange. Im Moment trennt sich der HSV von einigen Mitarbeitern, um auch für frisches Blut im Verein zu sorgen. Erstens soll abgespeckt werden, zweitens sollen, so wurde mir zugeflüstert, auch neue Kräfte für eine neue positive Stimmung innerhalb des Klubs sorgen – und auch im Umfeld der Mannschaft. Deswegen werden noch weitere Entscheidungen folgen, denn, so heißt es, der neue Sportchef Frank Arnesen will ein absolut positives, freundliches und emotionales Umfeld. Auf einen Nenner gebracht: Beim HSV soll wieder mehr Optimismus verbreitet werden, es soll auch wieder mehr gelacht werden – auch wenn es sportlich dafür nicht die besten Voraussetzungen gibt. Aber vielleicht ist das ja mal ein Anfang.

In der Saisonanalyse geht es heute um die Männer, die keine Tore schießen oder verhindern, dennoch etwas für den HSV tun. Der Stab um den Chef-Trainer.

Armin Veh trug bis Mitte März die Verantwortung für die Bundesliga-Mannschaft, dann wurde er von seinem Amt entbunden. Die 0:6-Vernichtung bei Bayern München war ausschlaggebend für diese Trennung, die aber keineswegs überraschend kam. Die Stimmung im Verein war auf dem Nullpunkt, die Mannschaft schien am Ende, der Trainer wirkte so, als würde er jeden tag auf seine Beurlaubung warten, nach so manche Aussage von Veh schien dieser Schritt überfällig – dann wurde er endlich vollzogen.

Ich sage es noch einmal: Armin Veh kam zum falschen Zeitpunkt zum HSV. Er hatte frühzeitig erkannt, dass es seine Hauptaufgabe sein würde, aus dieser Truppe eine Mannschaft zu formen, ich sage ausdrücklich: auch Veh hat es nicht geschafft. Wie alle seine Vorgänger. Am besten hatte es – für eine gewisse Zeit – noch Thomas Doll hinbekommen. Die se HSV-Profis aber waren nicht fähig, oder besser, sie wollten nicht fähig sein, als Team, als verschworener Haufen aufzutreten. Das war das große Dilemma – auch in der abgelaufenen Saison.

Ganz sicher hat auch Armin Veh einige Fehler begangen. Einige waren davon auch gravierender Art. Aber welcher HSV-Trainer war schon frei von Fehlern? Nicht einer. Es wird auch keinen geben, der fehlerlos ist. Von den Spielern jedenfalls waren lange keine Beschwerden über den Trainer (hinter der vorgehaltenen Hand) zu hören, wie es sonst so oft der Fall gewesen ist. Veh hatte die Spieler im Training am Band, wie es so schön heißt, sie taten das, was ihm der Trainer ansagte – aber mehr eben auch nicht. Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn Veh einen anderen Spieler zum Kapitän befördert hätte. Heiko Westermann, den es als Neuzugang traf, hatte null Lobby in der Mannschaft. Ich hätte David Jarolim auf diesem Amt gelassen (ganz eindeutig), oder ich hätte, wenn es denn unbedingt einen neuen Spielführer hätte geben sollte, einen der „älteren“ Herren bestellt. Ze Roberto oder Joris Mathijsen. So mussten die Spieler einem Mann folgen, den sie gar nicht kannten. Das konnte nicht gut gehen.

Der „Fall Kapitän Westermann“ ist der Hauptgrund für mich, warum Armin Veh in Hamburg gescheitert ist. Er war es praktisch schon gegen Ende des Jahres 2010, damals galt Veh intern schon als entlassen, aber die Mitgliederversammlung rettete den coach noch einmal – weil der damalige Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann seine Wiederwahl nicht gefährden wollte. Bei einer Veh-Entlassung, dann noch unmittelbar vor der Versammlung, hätte es sicher Tumulte, Unmutserklärungen und Proteste gegen Hoffmann gegeben – also ging der Boss auf Nummer sicher.

Veh-Nachfolger Michael Oenning startete bravourös mit einem 6:2-Sieg gegen den 1. FC Köln. Es blieb leider in acht Spielen bis zum Saisonende sein einziger Dreier. Oenning bleibt aber trotzdem der Chef-Trainer, und ich bin sehr gespannt, wie und ob er seine Linie auch von Saisonbeginn an durchziehen wird und kann. Er hat, und das finde ich absolut erfreulich, die Zügel angezogen, er hat härter trainieren lassen – und das erwarte ich auch in Zukunft von ihm. Ich behaupte ganz einfach, dass diese HSV-Mannschaft in den vergangenen Jahren zu wenig im Training getan hat – und ganz offenbar hat auch Michael Oenning das erkannt. Ich hpoffe es jedenfalls. Wer mehr erreichen will, der muss auch mehr tun. Das hat einst Felix Magath hier verkündet – und es auch in die Tat umgesetzt. Ich plädiere dabei gewiss nicht für Medizinbälle, aber ich möchte, dass sich im Training wenigstens zwei Mal die Woche richtig (gut und schön und nach allen Regeln der Kunst) gequält wird. Auch das hat Magath eins propagiert: „Qualität kommt von Qual.“ Und überhaupt: Bei diesem Thema fällt mir spontan immer unser „Matz-ab-Reporter“ Benno Hafas ein, der nach einem halben Jahr „Matz ab“ öffentlich fragte: „Wann wird beim HSV eigentlich mal Kondition trainiert? Nachts?“

Deswegen setze und hoffe ich auf Michael Oenning. Und auf Günter Kern, dessen Vertrag als Konditionstrainer gerade verlängert wurde. Diese beiden Herren haben es offenbar erkannt, dass ein bisschen mehr getan werden muss – sie werden es schon richten. Und wenn dann auch die fußballerische Komponente nicht zu kurz kommt (in der neuen HSV-Mannschaft 2011/12), dann könnte mit dem zu erwartenden Angriff auf die (Bundesliga-)Spitze quasi sofort begonnen werden.

Zum Trainer-Team der vergangenen Saison gehörte auch Torwart-Trainer Ronny Teuber. Jetzt, wo alles hinterfragt wird, wo offenbar viele Mitarbeiter auf dem Prüfstand stehen, einiges schon geändert wurde und auch noch geändert wird, hoffe ich darauf, dass Teuber bleibt. Er hat seine Sache – meiner Meinung nach – gut gemacht, er strahlt Ruhe aus und ist kompetent. Seine Ablösung ist aber derzeit auch kein Thema, doch in so unruhigen Zeiten wie diesen weiß man ja nie . . .

Und es hat ja jetzt auch schon Manfred Düring getroffen. Für mich eine überraschende Personalie. Aber sie hat sicher in erster Linie einsparenden Charakter. Es war dem „neuen HSV“ bestimmt der eine oder andere Trainer zuviel an Bord, und dann hat es Düring getroffen. Wobei ich mich vor allem an den Beginn dieser Saison erinnere, als der Leistungsdiagnostiker oftmals das Training (vor allem auf Sylt) leitete – und dabei einen erstklassigen Eindruck hinterließ. Das war meine Wahrnehmung, das war aber auch von den Spielern zu erfahren. In diesem Jahr jedoch stieß Günter Kern zu diesem Trainer-Stab, und diese Verpflichtung war sicher ausschlaggebend dafür, dass Düring nun gehen musste.

Bleiben darf dagegen Markus Günther. Der Reha-Trainer arbeitet still und im Hintergrund mit den verletzten Spielern, und diese Aufgabe erfüllt er schon seit Jahren sehr gut. Es ist kein Kriterium zum Bleiben, aber ich schreibe es trotz allem: Über Günther hat sich in all den Jahren, in denen er für den HSV arbeitet, noch nie ein Spieler abfällig geäußert. Das spricht für Günther.

Zum Schluss der Saison stieß noch Rodolfo Cardoso zum Team von Michael Oenning, aber dieses Gastspiel fand nun auch schon wieder ein schnelles Ende. Der ehemalige HSV-Regisseur kehrt zur Regionalliga-Mannschaft zurück, weil sich Oenning nun an Frank Heinemann (VfL Bochum) erinnerte – er ist der neue Assistent des neuen Chefs. Cardoso hat sich in den Wochen, in denen er bei den Profis auftaucht, nicht in den Vordergrund gespielt – es ist nicht seine Art. Der Argentinier ist eher ein leiser und zurückhaltender Mensch, und gerade deshalb habe ich es so empfunden, dass Rodolfo nicht besonders gut zu Oenning gepasst hat. Bei einem Training, erst recht bei einem Spiel, darf es meiner Meinung nach auch mal am Spielfeldrand krachen, so richtig schön laut und turbulent zugehen, damit die Spieler wissen, dass auch draußen Emotionen versprüht werden – ich hoffe sehr, dass auch daran verstärkt gearbeitet wird.

So, Euch allen ein wunderschönes Wochenende, dem HSV noch viele namhafte Verstärkungen (und die schon bald) und dem Klub eine interessante und lebhafte und faire Informationsveranstaltung am Sonntag (Beginn 11 Uhr) in der Westtribüne.

16.41 Uhr