Tagesarchiv für den 18. Mai 2011

Arnesen krempelt die Ärmel auf

18. Mai 2011

Er war kurz da und ist schon wieder weg. Aber das auch nur ganz kurz. Am Montag kehrt Frank Arnesen wieder nach Hamburg zurück, und von diesem Tag an, dem 23., Mai 2011, ist er dann auch in Amt und Würden, dann ist er tatsächlich der neue HSV-Sportchef. Bevor der Däne sich wieder nach London aufmachte, gab es für die Medien der Hansestadt noch die Gelegenheit, einige Fragen zu stellen. Geduldig stellte sich Arnesen den Reportern, er ist schon „voll drin“ in seiner Aufgabe, und ich habe einen wirklich guten Eindruck von diesem Mann. Er weiß genau, wovon er spricht, er weiß genau, was er will – und was nicht. Und er weiß auch, dass er etwas kann. Das sind keine Luftblasen, die Arnesen da von sich gibt, der Mann denkt sorgfältig nach, was er sagt, und es hat alles Hand und Fuß, was er so von sich gibt. Und selbst wenn er spontan antwortet, dann wird eines ganz offensichtlich: Dieser Mann ist Fußballer durch und durch, er kann auf einen riesigen Erfahrungsschatz zurückgreifen – und er weiß, was in Hamburg von ihm erwartet wird. Egal ob nun Strohhalm, Heilsbringer oder Hoffnungsträger – Frank Arnesen wird dem HSV helfen müssen, er hat sich darauf von A bis Z eingestellt. Und ich glaube nach diesem Treffen auch, dass er dem HSV helfen kann, helfen wird.

Kurz bevor unser Gespräch beendet war, gab es noch für mich ein besonderes Aha-Erlebnis. Es ging um Paolo Guerreros Verletzung, wie lange der Peruaner ausfallen wird, ob der HSV-Stürmer doch zur Copa America fliegen muss. Arnesen: „Wir werden die nächsten zwei Wochen abwarten, wie sich das alles entwickelt, dann werden wir miteinander sprechen.“ Eventuell, wenn Guerrero tatsächlich von Peru angefordert wird, muss ein HSV-Arzt mitfliegen, um dann vor Ort mit den Kollegen der Peruanischen Nationalmannschaft zu beraten, ob ein Einsatz sinnvoll ist. Dann sagte Arnesen etwas für mich Überraschendes und auch höchst Erfreuliches: „Wir sind ja schon früher in Peru gewesen, als Paolo seinen Kreuzbandriss hatte. Wir kennen die Leute, die Ärzte, wir haben ein gutes Verhältnis zu ihnen aufgebaut, wir haben sehr gute Beziehungen – und diese Erfahrungen brauchen wir auch diesmal, um Guerrero wieder fit zu bekommen.“
Habt Ihr auf die Feinheiten geachtet? Arnesen hat „wir“ gesagt. „Wir“ in einem Zusammenhang, den er gar nicht kennt, nicht kennen kann. Guerreros Kreuzbandriss liegt schon über eineinhalb Jahre zurück, aber „wir kennen die Leute, wir kennen die Ärzte . . .“ Kompliment, Herr Arnesen, Sie, „wir“ und der HSV – das ging aber fix! Und fängt schon viel versprechend an.

Und bewegt hat Frank Arnesen (als Chelsea-Mitarbeiter) auch schon einiges – in Hamburg. Der HSV sucht im Moment einen neuen Co-Trainer, im Gespräch ist ein Deutscher. Der wird Rodolfo Cardoso ersetzen, der wieder zurück zur Regionalliga-Mannschaft gehen wird. Und noch etwas wird neu sein beim HSV 2011: Das Team von Cardoso wird in Zukunft parallel zur Profi-Mannschaft trainieren – jedenfalls so oft es geht. Weg von Ochsenzoll, ran an die Arena. Durch die Nähe soll der Übergang der Talente in den Profi-Bereich leichter gemacht werden, sie stehen mehr unter Beobachtung – und sie können, je nach Bedarf, auch unkompliziert mal am Training der Profis teilnehmen. Eine sinnvolle Erneuerung. Arnesen: „Als wir jung waren, haben wir doch auch immer zu den Profis aufgeschaut, so wird die Kluft zwischen den Talenten und der ersten Mannschaft verringert, der Übergang wird damit leichter gemacht.“ Es sollen auch künftig schon B-Jugendliche zeitweise bei den Profis mittrainieren.

Am Dienstag hatte Frank Arnesen eine Gesprächsrunde mit dem Aufsichtsrat. Der Sportchef: „Ich hatte natürlich schon öfter solche Gespräche, aber noch nie mit zwölf Mann. Das war eine neue Erfahrung für mich, aber ich muss sagen, es war sehr interessant, und es war auch sehr positiv. Mir wurden sehr viel Fragen gestellt, und das mag ich sehr gerne.“ Erst hatte Michael Oenning seine Vorstellungen präsentiert (ein Rückblick und ein Ausblick), dann kam Frank Arnesen. Es wurde über jeden Spieler gesprochen – auch über noch anstehende Wechsel, auch über die Neuen. Arnesen: „Es war wirklich ein sehr positives Gespräch.“

Bastian Reinhardt wird sich künftig mehr um die Jugend, mehr um die Talente des HSV kümmern, er wird eine Art Vermittler spielen zwischen Jung und Alt. „Diese Position war Bastians Wunsch, ich glaube, er wird eine sehr gute Rolle für uns spielen können. Ich habe ihnen kennen gelernt, er ist ehrgeizig, er ist jung, er will – und er wird wichtig für uns werden“, sagt Arnesen, der die alte Scouting-Abteilung um Michael Schröder (noch oder vorerst) behalten will. Der Däne will alles zusammenfügen, und er will abwarten, wie sich diese Arbeit entwickelt. Klappt es gut, werden wohl alle beim HSV bleiben, klappt es nicht, werden doch noch Köpfe rollen: „Wir sind ein Team. Und ich werde mir das in Ruhe anschauen. Wir brauchen Qualität, und wenn wir Qualität haben, dann wollen wir die auch behalten. Auch gute Leute, die bleiben wollen, werden wir behalten. Ich werde mir die nächsten Monate genau ansehen, das ist mein Job, und wenn ich das Gespür habe, dass da ein guter Mann mit uns gehen will, dann geht er auch mit. Ich habe das Gefühl, dass es im Scouting-Bereich eine sehr gute Atmosphäre herrscht, dass die Leute da wollen. Wir müssen zusammenarbeiten, und ich habe dafür ein sehr gutes Gefühl.“

Dass nun (fast) alle HSV-Hoffnungen auf Frank Arnesen ruhen, das weiß der Däne. Und er geht locker damit um. Er sagt: „Ich bin es gewohnt, dass die Leute sehr viel von mir erwarten. Ich war Fußballer, dann Trainer, dann viele Jahre beim PSV Eindhoven, Tottenham und Chelsea, ich kann mit dem Druck leben, es ist ja doch immer wieder dasselbe. Es ist nun eine neue Herausforderung für mich, und darauf freue ich mich. Aber ich hoffe, dass die Hoffnungen der Hamburger nur zeitlich begrenzt auf meinen Schultern liegen, denn die Nummer eins müssen die Spieler sein.“ Aber davon gibt es zurzeit nicht mehr so viele. Und vielleicht werden es ja noch viel weniger, wenn ich so an Mladen Petric, Joris Mathijsen, Jonathan Pitroipa oder auch Robert Tesche denke. Da kann noch so viel passieren.

Dennoch sagt Arnesen, dass der HSV noch einige sehr gute Spieler in seine Reihen weiß. „Da sind sehr viele gute junge Spieler, die wir noch haben.“ Dann verrät der Sportchef: „Wir brauchen einen Innenverteidiger, wir wissen auch, dass wir einen Mittelfeldspieler brauchen – wir müssen auch wissen, dass noch der eine oder andere Spieler noch von sich aus gehen wird. Darauf müssen wir vorbereitet sein, darauf müssen wir reagieren können, und daran wird jetzt gearbeitet. Ganz klar aber ist, dass wir neue Spieler brauchen.“

Er hat sich alle letzten HSV-Spieler auf DVD’s angesehen, er weiß, wo der Hebel anzusetzen ist, Frank Arnesen ist „schon voll drin“. Er sagt: „Wir wollen das Beste für den Klub, und ich denke, dass wir Anfang August auch eine gute Mannschaft haben werden. Noch haben wir alle Zeit, um gute Spieler für uns zu finden, um alles zu bekommen, was wir wollen.“ Und die Zielsetzung? Arnesen: „Platz sechs oder sieben, darüber möchte ich nicht sprechen. Ich spreche über den ganzen Prozess, den wir nun vor uns haben, über neue Strukturen. Um gute Resultate zu bekommen, muss man stark sein. Und stark müssen nicht nur die Spieler sein, sondern alle, das gesamte Umfeld. Wenn alles bei 100 Prozent ist, die Spieler, die Trainingsbedingungen, die Stadt, das Stadion, der Vorstand, die Trainer, und haben wir einen guten Plan, dann kommt auch das Resultat. Wenn wir jetzt Saisonziele nennen, dann fangen wir bei Z an, wir müssen aber erst einmal mit dem A beginnen. Und alles muss zusammenarbeiten, wir müssen ein Team werden. Alle.“

Und wer kommt? Namen wie Geal Kalkuta, Patrick van Aanholt und Jeffrey Bruma werden gehandelt. Arnesen wollte dazu nicht Stellung nehmen, sagte nur in einem Nebensatz: „Bruma ist ein Thema, aber ob er kommen wird? Ich weiß es nicht.“ Es hängt doch auch am lieben Geld. Und davon hat der HSV nicht mehr ganz so viel. Ob noch Geld in die Kasse kommen wird, hängt auch von den Verkäufen ab. Petric, Mathijsen, Pitroipa. Arnesen, speziell auf Mladen Petric angesprochen, sagt aber auch: „Ich hoffe sehr, dass er bleiben wird. Ich werde mit ihm sprechen. Ganz klar, wir werden alles tun, um die besten Spieler zu behalten.“

20 Spieler, dazu vier hungrige Talente, mit diesem Kader will der HSV, so sagte es einst Trainer Michael Oenning, in die neue Saison gehen. Frank Arnesen: „Da bin ich mir mit dem Trainer absolut einig: 24 Spieler, darunter drei Torhüter, vielleicht auch 25 Spieler – so sollte das aussehen.“ Der Sportchef will in Zukunft ganz nah an der Mannschaft sein, will auch mit ins Trainingslager – aber er wird nicht auf der Bank sitzen: „Das ist nicht mein Platz.“ Das überlässt er dem Trainer. Und über den schwärmt Arnesen schon: „Ich habe ein sehr gutes Gefühl, die Zusammenarbeit mit Michael Oenning war in den letzten zwei Monaten schon sehr gut. Ich bin dafür da, ihn zu 100 Prozent zu unterstützen.“ Dass der Veh-Nachfolger in seinen acht Begegnungen als HSV-Chef-Trainer nur einen Sieg landen konnte, das ficht Arnesen nicht an: „Das muss man über die gesamte Saison sehen. Und wenn ich so an die letzte Minute gegen Dortmund denke, an das 1:1 gegen Leverkusen – das waren Spiele, da hatten wir Pech, die hätten auch gewonnen werden können . . . Ich habe die Spiele analysiert, und ich habe dabei festgestellt, dass die Spieler unter der Regie von Michael Oenning wollten. Sie wollten spielen, sie wollten arbeiten, sie wollten gewinnen. Und manchmal hat man eben mehr Glück, manchmal nicht.“

Auch darüber, dass der HSV in der jetzigen Phase ziemlich „klamm“ ist, sprach Frank Arnesen: „Ganz klar, wir haben im Moment nicht gerade die beste Phase, das wissen wir. Damit habe ich aber keine Probleme, das ist eine Herausforderung für mich. Ich habe gespürt, dass der gesamte Verein sehr positiv ist, das habe ich auch bei dem Gespräch mit dem Aufsichtsrat gemerkt. Und ich bin mir sicher, dass wir noch das eine oder andere werden machen können.“ Will er zaubern? Arnesen: Ich glaube, dass wir mit meinen Kontakten, mit Intelligenz, mit gutem Scouting, mit einem guten Auge alle zusammen auch etwas Gutes machen können.“ Heißt das auch, dass der HSV mehr leihen als kaufen wird? Arnesen: „Das kann es heißen. Wenn gute Spieler da sind, die uns helfen können, die wir aber nicht bezahlen können, dann werden sie ausgeliehen – damit haben wir, es wurde darüber gesprochen, keinerlei Probleme. Und ich in jetzt im Vorstand, ich muss auch an die finanzielle Seite des Klubs denken, und das werde ich auch selbstverständlich tun.“

Frank Arnesen nimmt seine Arbeit beim HSV nun runde sechs Wochen eher auf als geplant, aber dafür muss keine „Ablöse“ an Chelsea zahlen. Die Engländer zeigten sich spendabel. Immerhin hat der Däne ja auch schon in den vergangenen Wochen – nebenbei – immer für den HSV gearbeitet. Auch wohl deswegen identifiziert er sich schon so sehr mit der Raute: „Der HSV war einst die Nummer eins in Europa, die Stadt ist super, das Klub-Umfeld ist hervorragend, der Name HSV ist top – da müssen wir wieder hinkommen. Das ist mein absolutes Ziel. Ich will, dass der HSV wieder mehr gewinnt als verliert. Und hier stimmt das gesamte Umfeld. Hamburg hat es verdient, dass der HSV dort wieder hinkommt, wo er einst war.“ Und er fügt hinzu: „Kontinuität ist dabei sehr wichtig, Kontinuität und Qualität. Und es muss einen guten Aufbau im Verein von unten geben.“

Letzeres dauert aber. Oder kann dauern. Aber es gibt in der Bundesliga schon lange keine Zeit mehr. Schon gar nicht in Hamburg. Das weiß auch Arnesen: „Das wissen wir das ist der Fußball. Dazu müssen wir den Verstand gebrauchen, damit müssen wir umgehen, das ist normal. Der Druck von außen wird groß sein, aber wir alle in Hamburg wollen gewinnen, dafür werden wir arbeiten.“

Wenn es geht, wird sich der HSV auch demnächst wieder einen dänischen Spieler holen. Und auch einen schwedischen. Dieser Name steht schon fest: Marcus Berg. Arnesen: „Er ist unser Spieler, er kommt von PSV Eindhoven zurück. Das steht fest.“ Heute wurde der Stürmer in Schweden an der Hüfte operiert, diese Operation könnte sich auch auf die Vorbereitungsphase auswirken. Nämlich dann, wenn die Schmerzen noch bis in den Juli und August anhalten sollten. Weil es diese Umstände gibt, deswegen steht auch für mich fest, dass Berg auf jeden Fall nach Hamburg zurückkehren wird, denn welcher Verein verpflichtet schon einen kranken Spieler?

Meine letzte Frage an Frank Arnesen: Vor etwas mehr als einem Jahr hatte der alte HSV-Vorstand davon gesprochen, nur noch Spieler „mit Charakter“ verpflichten zu wollen. Was hält der neue Sportchef davon? Er sagt: „Wir arbeiten nach fünf Dingen: technisch-taktisch, physisch, mental, medizinisch und dazu die Lebensweise. Darauf achten wir bei jedem Spieler, das sehen wir uns unter diesen Gesichtspunkten ganz genau an. Charakter muss ein jeder haben, aber es gibt eben auch Spieler, die dazu extrovertiert oder introvertiert sind, das ist dann die Persönlichkeit des Spielers. Wichtig ist, dass ein Spieler den Charakter hat, um zu gewinnen, und wir brauchen, das steht auch fest, Führungsspieler.“
Und weil er das weiß, wird er auch dementsprechend auf dem Markt zuschlagen, davon bin ich überzeugt. Frank Arnesen weiß, ich schrieb es eingangs, ganz genau, was er will. Und was nicht.

Die nächsten Wochen und Monate werden es zeigen, ob ich den Dänen zu viel zugetraut und auch zugemutet habe.

PS: In diesem Artikel ist ein Foto eingeklinkt, es zeigt den Gewinner des Rost-Trikots, es ist Andre Wolff aus Haselund im Kreise seiner Lieben. Nochmals herzlichen Glückwunsch.

18.54 Uhr

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