Tagesarchiv für den 16. Mai 2011

Saisonanalyse, Teil 1: Die Defensive

16. Mai 2011

Die Sache mit der Fairplay-Wertung habt Ihr wahrscheinlich alle inzwischen gelesen. Aber, wer hatte allen Ernstes noch darauf gehofft? Es hätte einfach nicht in diese von Anfang bis Ende – vorsichtig formuliert – verkorkste Saison gepasst. Stattdessen erhalten Fairplay-Sieger Norwegen sowie die Platzierten England und Schweden je einen zusätzlichen Startplatz in der Europa League. Und selbst wenn Deutschland den Zuschlag der Uefa erhalten hätte – der SC Freiburg war fairer als der HSV. Auch dann wäre es nichts geworden

Nein, es wäre auch nicht verdient gewesen. Unverdient im Sinne des sportlichen Wettkampfes, den der HSV diese Saison nicht so gestalten konnte, wie er es wollte. Und eben noch weniger so, wie es erwartet werden durfte. Und bevor ich jetzt hier, gerade mal zwei Tage nach dem wirklich schönen und bewegenden Abschied von verdienten Spielern, anfange, wieder die Keule herauszuholen und auf alles einzudreschen, was die Raute trägt, versuche ich mich heute in der Analyse der HSV-Defensive. Ergo: die Torhüter und die Abwehr im Generalcheck. Als kleinen Bonbon hat uns die Firma Castrol die statistischen Saisondaten eines jeden einzelnen Spielers zur Verfügung gestellt. Los geht es:

Frank Rost:Die unumstrittene Nummer eins des HSV hat eine starke letzte Saison gespielt. In der Kabine wie auf dem Platz wurde er seiner Rückennummer gerecht und agierte nicht stromlinienförmig sondern mit seinen Kanten. Trotz seiner direkten Art, die erfolgsbesessen und selten diplomatisch war, hat er sich mannschaftsintern zum Leader gedient und konnte seine hohen Anforderungen selbst sehr wohl bestätigen. In der Liga gibt es kaum bessere Torhüter im Eins gegen Eins. Bei dem einen oder anderen Freistoß sah er nicht zwingend glücklich aus, aber diese wenigen Ausnahmen seien ihm verziehen. Auf jeden fall hat Rost die Messlatte für seinen Nachfolger hoch gehängt. Sehr hoch sogar…
Fäustl in Zahlen…
…Gespielte Minuten:
2652
Gegentore: 43
Zu-Null-Spiele: 7
Gehaltene Bälle (innerhalb des Strafraumes): 56
Gehaltene Bälle (außerhalb des Strafraumes): 37
Gehaltene Bälle / Schüsse gesamt in %: 68%
Hohe Bälle: Faustabwehr: 16
Gefangene hohe Bälle: 21
Fallengelassene hohe Bälle: 1
Quote hohe Bälle in %: 97%
Abschlag: Lange Abschläge: 213
Quote lange Abschläge in %: 68%
Abwürfe / kurze Abschläge: 157
Quote Abwürfe / kurze Abschläge in %: 99%

Jaroslav Drobny: Der Tscheche ist zum HSV gekommen, um hier die Nummer eins zu machen. Daraus wurde fast eine ganze Saison auf der Bank oder im Krankenstand. Drobo gilt als eher ruhiger Vertreter, was ihm in den wenigen und glücklosen Auftritten in dieser Saison Kritik einbrachte. Denn während die einen behaupten, es sei mangelnde Spielpraxis gewesen, sahen andere Drobnys fehlende Kommunikation als Grund für Abstimmungsprobleme mit seiner Abwehr. Allerdings, und das zeigte der Tscherche im Training, nachdem ihm gesagt worden war, dass er als neue Nummer eins eingeplant wird, er kann auch anders. Denn in den Übungseinheiten, die er eine zeitlang sogar trotz Daumenbruches absolvierte – er hielt da nur mit Füßen und einem Arm – wusste Drobny sehr wohl mit starken Reflexen und klugem Stellungsspiel zu gefallen. Sein größtes Problem wird sein, in die Fußstapfen von Vorgänger Frank Rost zu treten. Allerdings hat der 31-Jährige mit großen Fußstapfen kein Problem: immerhin hat er Schuhgröße 50. Und ein guter Torwart ist er allemal.
…Drobo in Zahlen:
…Gespielte Minuten: 408
Gegentore: 9
Zu-Null-Spiele: 0
Gehaltene Bälle (innerhalb des Strafraumes): 3
Gehaltene Bälle (außerhalb des Strafraumes): 6
Gehaltene Bälle / Schüsse gesamt: 50%
Hohe Bälle: Faustabwehr: 6
Gefangene hohe Bälle: 8
Fallengelassene hohe Bälle: 0
Quote hohe Bälle: 100%
Abschlag: Lange: 31
Quote lange Abschläge in %: 61%
Abwürfe / kurze Abschläge: 26
Quote Abwürfe / kurze Abschläge in %: 100%

Tom Mickel: Guter Ersatzmann, der bei der U23 auf sich aufmerksam machen konnte, aber partout nicht an Drobny geschweige denn Rost vorbeikommt. Im Training immer mit Feuereifer dabei, glänzt er auch hier. Den Status Ersatzmann kann Mickel in Hamburg allerdings nicht ablegen – und wenn man sich die HSV-Planungen anhört, bleibt dem 22-Jährigen wohl nur der Wechsel zu einem anderen Verein, um Spielpraxis zu bekommen. Statistisch mit null Einsätzen nicht zu bewerten.

Dennis Aogo: Der Mann mit Zukunft. Mit einer langen beim HSV. Immerhin wurde der Vertrag des letzten nominierten Deutschen Nationalspielers des HSV im Laufe der Saison bis 2015 verlängert. Und das mit Recht. Immerhin absolvierte der Linksverteidiger nach Startschwierigkeiten und einer langwierigen Verletzung am Saisonstart eine starke Serie mit 20 Einsätzen. Als Linksverteidiger löste er Marcell Jansen und Zé Roberto ab – und er ersetzte sie sehr gut. Inzwischen ist der 24-Jährige längst zum Führungsspieler aufgestiegen und verleiht diesem Status verbal außerhalb und sportlich auf dem Platz immer wieder Nachdruck. Im Training einer der fleißigsten (Dennis zieht wirklich nie zurück!), hat er auch im Spiel sein Phlegma abgelegt und marschiert vermehrt mit nach vorn. Am besten hat das in den wenigen Spielen mit Marcell Jansen und ganz am Ende mit Elia vor ihm funktioniert. “Aber zur neuen Saison werden wir uns länger einspielen und Automatismen entwickeln können”, kündigt der bibelfeste Profi bereits an.

Aogo in Zahlen……Gespielte Minuten: 1786
Tacklings gesamt: 43
Als letzter Mann erfolgreich getackelt: 0
Gewonnene Tacklings: 81%
Abgefangene Bälle: 27
Klärende Aktionen gesamt: 22
Klärende Aktionen per Kopf: 6
Auf der Linie geklärt: 0
Ecken verursacht: 13
Pässe gesamt: 865
davon angekommen: 83%
Offensiv: Tore: 0
Schüsse auf das Tor: 2
Schüsse vorbei: 3
Begangene Fouls: 24
Gelbe Karten: 3
Rote Karten: 0

Dennis Diekmeier: Kam spät – aber gewaltig. gerade mal acht Spiele hat der pfeilschnelle Rechtsverteidiger absolviert und dabei fast ausnahmslos überzeugt. Nicht zwingend mit filigranem Fußball oder außergewöhnlich gutem Stellungsspiel. Aber immer mit 100 Prozent Einsatz, Zweikampfstärke und dem einen oder anderen gelungen Flankenlauf. “Das wird noch mehr”, verspricht Diekmeier. Und ich vermag es zu glauben.

Diekmeier in Zahlen…
…Gespielte Minuten:
668
Tacklings gesamt: 12
Als letzter Mann erfolgreich getackelt: 0
Gewonnene Tacklings: 92%
Abgefangene Bälle: 13
Klärende Aktionen gesamt: 10
Klärende Aktionen per Kopf: 3
Auf der Linie geklärt: 0
Ecken verursacht: 4
Pässe gesamt: 209
davon angekommen: 69%
Offensive: Tore: 0
Schüsse auf das Tor: 0
Schüsse vorbei: 1
Begangene Fouls: 8
Gelbe Karten: 1
Rote Karten: 0

Guy Demel: Der Verlierer der Saison. Zuerst bei Trainer Armin Veh als zu verletzungsanfällig immer in der Kritik, kam er aus dieser Rolle auch nach dessen Demission und unter dem neuen Trainer Michael Oenning nicht heraus. Am Ende leistete sich der Ivorer, der in dieser Saison eigentlich zum Publikumsliebling avancierte, den unerklärlichen Fehler, seiner Mannschaft bewusst zu schaden, indem er sich und seine sportliche Hilfe verweigerte. Grund dafür soll eine ausgelebte Fehde zwischen ihm und Oenning gewesen sein. Egal wie, in seinen am Ende immerhin 21 Saisonspielen wusste Demel auch zu gefallen. Obgleich er zu wenige Offensivakzente setzte, setzt er einige Gute und deutete seine Klasse an. Allein, das reicht ihm genauso wenig wie dem HSV, der ihn deshalb trotz Vertrages bis 2012 abgeben will und aller Voraussicht nach auch abgeben wird.
Guy Demel in Zahlen…
…Gespielte Minuten:
1664
Tacklings gesamt: 30
Als letzter Mann erfolgreich getackelt: 0
Gewonnene Tacklings: 90%
Abgefangene Bälle: 34
Klärende Aktionen gesamt: 42
Klärende Aktionen per Kopf: 18
Auf der Linie geklärt: 0
Ecken verursacht: 16
Pässe gesamt: 885
davon angekommen: 81%
Offensive: Tore: 0
Schüsse auf das Tor: 1
Schüsse vorbei: 0
Begangene Fouls: 22
Gelbe Karten: 2
Rote Karten: 0

Collin Benjamin:Der gefeiertste Spieler nach dem letzten Saisonspiel am Sonnabend. Und das völlig zurecht. Denn Collo hat in seinen zehn Jahren beim HSV ehrlichste Arbeit abgeliefert, war immer eine Integrationsfigur und ein außergewöhnlich wichtiger Faktor beim Teambuilding, wie bislang noch alle seine Trainer und Mitspieler bestätigten. Und auch in seinen letztlich nur acht Einsätzen in dieser Saison zeigte der 32-Jährige, dass man sich auf ihn verlassen kann. Denn obgleich ihm etwas Schnelligkeit abhanden gekommen scheint, wusste der Namibier durch gefälliges Stellungsspiel und hohen Einsatz zu gefallen. Dass es sportlich irgendwann ein Ende geben würde, war ihm und allen Beteiligten klar. Ebenso, dass der jetzt erfolgte Schnitt vertretbar ist. Denn seine Konkurrenz (s. Diekmeier) zieht langsam vorbei.
Collo in Zahlen…
…Gespielte Minuten:
341
Tacklings gesamt: 10
Als letzter Mann erfolgreich getackelt: 0
Gewonnene Tacklings: 90%
Abgefangene Bälle:3
Klärende Aktionen gesamt: 10
Klärende Aktionen per Kopf: 3
Auf der Linie geklärt: 0
Ecken verursacht: 1
Pässe gesamt: 161
davon angekommen: 72%
Offensive: Tore: 0
Schüsse auf das Tor: 0
Schüsse vorbei: 1
Begangene Fouls: 5
Gelbe Karten: 1
Rote Karten: 0

Joris Mathijsen: Der eigentlich Unkaputtbare geht in Hamburg langsam doch kaputt. Und das auf brutalste Weise wie beim Länderspiel seiner Niederländer im vergangen November, in dem sich der solide Innenverteidiger im Knöchel einen doppelten Bänderriss zuzog (die TV-Bilder damal waren grausam…). Denn seitdem kam Mathijsen nicht mehr wirklich auf die Beine und absolvierte eher mäßige Leistungen in seinen für seine Verhältnisse mickrigen 19 Saisonspielen. Zuletzt wurde der Niederländer nach offiziellen Angaben geschont. Allerdings, und das ist ein offenes Geheimnis, zählt auch Mathijsen zu den Spielern, die der HSV bei einem passenden Angebot gern abgeben würde. Zumindest erscheint es mehr als fraglich, ob der mäßig schnelle, allerdings mit einer perfekten Grätschensetzung ausgestattete Innenverteidiger überhaupt an seiner letzten Konkurrenz – Gojko Kacar – vorbeigekommen wäre.
Joris in Zahlen…
…Gespielte Minuten:
1664
Tacklings gesamt: 35
Als letzter Mann erfolgreich getackelt: 0
Gewonnene Tacklings: 77%
Abgefangene Bälle: 57
Klärende Aktionen gesamt: 48
Klärende Aktionen per Kopf: 20
Auf der Linie geklärt: 0
Ecken verursacht: 12
Pässe gesamt: 909
davon angekommen: 81%
Offensive: Tore: 2
Schüsse auf das Tor: 7
Schüsse vorbei: 3
Begangene Fouls: 17
Gelbe Karten: 4
Rote Karten: 0

Heiko Westermann:Der Unkaputtbare. Körperlich (er absolvierte alle 34 Spiele über die volle Distanz) und mental hat sich der diesjährige HSV-Kapitän in seinem ersten Jahr eindrucksvoll eingebracht. Bei ihm muss allen klar sein, was sie nie bekommen werden. Denn technisch hochwertige, filigrane Einlagen kann der Fußballarbeiter Westermann nicht bieten. Dafür eine beeindruckende Kopfballstärke, Torgefahr, eine starke Zweikampfführung und nimmermüden, vorbildlichen Einsatz. Westermann hat sich mit den einfachen Bordmitteln bei den Fans etabliert und zur festen Größe gemausert. Er verkörpert am besten das, was der HSV durch verschiedene Charaktertest sicherstellen wollte. Er ist einfach ein durch und durch loyaler, einsatzfreudiger und mannschaftsdienlicher Spieler.
Westermann in Zahlen…
…Gespielte Minuten:
3060
Tacklings gesamt: 90
Als letzter Mann erfolgreich getackelt: 0
Gewonnene Tacklings: 79%
Abgefangene Bälle: 100
Klärende Aktionen gesamt: 172
Klärende Aktionen per Kopf: 83
Auf der Linie geklärt: 0
Ecken verursacht: 28
Pässe gesamt: 1789
davon angekommen: 78%
Offensive: Tore: 2
Schüsse auf das Tor: 5
Schüsse vorbei: 14
Begangene Fouls: 33
Gelbe Karten: 4
Rote Karten: 0

Gojko Kacar: Gojko wird in der Datenbank nicht als Abwehr- sondern als Mittelfeldspieler geführt. Dennoch hat er sich in Hamburg als Innenverteidiger etabliert und dort trotz der ungewohnten Position starke Leistungen abgerufen. Der Serbe, der im defensiven Mittelfeld Zé Roberto und Jarolim nicht Paroli bieten konnte, ist einer der kopfballstärksten Spieler und kennt in der Härte der Zweikämpfe kaum Grenzen. Allerdings, und das ist die Gefahr bei seinem riskanten Zweikampfverhalten: wenn einer an ihm vorbeikommt, holt er ihn seltenst mehr ein, weil er sehr abrupt attackiert. Wobei, so ehrlich muss man sein, Kacars Stellungsspiel hat sich von Spiel zu Spiel verbessert. Zudem ist der 24-Jährige bei Standards hinten eine Bank und vorn eine ernstzunehmende Waffe für die eigene Mannschaft.

Muhamed Besic:Das Riesentalent wurde nach einer unglücklichen Leistung in Hannover früh fallengelassen. Sogar zu früh, wie ich meine, denn zuvor war der Bosnier in nicht müde werdenden Wiederholungen vom damaligen Trainer Armin Veh in den höchsten Tönen gelobt worden. Anschließend kam der 18-Jährige nicht mehr auf die Beine. Zumindest nicht beim HSV. Denn während Besic in der Nationalelf seines Heimatlandes debütierte, wurde er beim HSV nur noch sporadisch eingesetzt. Grund dafür waren fehlende Kopfballstärke, mangelnde Schnelligkeit und “schlicht und einfach stärkere Konkurrenz”, so zunächst Veh und jetzt auch Michael Oenning. Allerdings, und das müssen sich beide HSV-Trainer als Kritik gefallen lassen, der Umgang mit Besic’ Einsatzzeiten war äußerst unglücklich. Ein Talent aufzubauen bedeutet auch, ihm Vertrauen zu schenken. Auch – nein: gerade wenn es mal nicht so gut läuft.
Besic in Zahlen…
…Gespielte Minuten:
190
Tacklings gesamt: 10
Als letzter Mann erfolgreich getackelt: 0
Gewonnene Tacklings: 80%
Abgefangene Bälle: 5
Klärende Aktionen gesamt: 11
Klärende Aktionen per Kopf: 3
Auf der Linie geklärt: 0
Ecken verursacht: 4
Pässe gesamt: 71
davon angekommen: 70%
Offensive: Tore: 0
Schüsse auf das Tor: 0
Schüsse vorbei: 0
Begangene Fouls: 3
Gelbe Karten: 0
Rote Karten: 0

Lennard Sowah: Der Zugang aus England mit Hamburger Wurzeln – ein Totalausfall. Vom anfangs der Saison noch designierten neuen Sportchef Urs Siegenthaler als DAS Talent angepriesen, fiel der 18-Jährige bei Veh sofort durch. Zuletzt war er zwar verletzt, allerdings hatte Sowah auch zuvor schon bei der eigenen Zweiten keine Chance mehr, weil die Konkurrenz stärker war/ist.

Ohne Wertung: Miroslav Stepanek.

Bis morgen, dann mit dem Mittelfeld,

Scholle
19.28 Uhr

P.S.: Angreifer Paolo Guerrero hat sich leider im Spiel gegen Gladbach einen Innebandriss im Knie zugezogen und muss vier bis sechs Wochen pausieren. Damit ist auch seine Teilnahme an der im Juli beginnenden Copa America für sein Heimatland Peru gefährdet.

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