Tagesarchiv für den 15. Mai 2011

Unvergessliche (Abschieds-)Momente

15. Mai 2011

Langsam, aber dennoch zügig, fuhr er mit seiner Nobelkarosse an den vielen Fans vorbei in Richtung Ausgang. Die letzte Fahrt aus dem Volkspark. Als schon lange keine Fans mehr „Spalier“ standen, da lief ein kleiner Junge mit Brille immer noch hinter dem Auto von Ze Roberto hinterher. Eigentlich wäre es normal gewesen, wenn der Brasilianer nicht mehr gehalten hätte. Zwischen ihm un dem Knaben lagen 20 Meter. Plötzlich aber leuchteten die Bremsleuchten des Wagens auf, der Junge holte den „großen Ze“ noch ein, bekam sein Autogramm und kehrte glücklich strahlend in Richtung Arena zurück. Und Ze fuhr davon . . .

Abschiedsstimmung im Volkspark. Viele Fans waren noch einmal gekommen, um den einen oder anderen Lieblingsspieler zu sehen, um vielleicht ein letztes Autogramm zu bekommen. Zudem fand dort, wo sich die Profis am Tag zuvor ein 1:1 gegen den Abstiegskandidaten Borussia Mönchengladbach erkämpft hatten, der Sponsoren-Cup statt – also „richtiger“ Fußball, vom Volk gespielt.

Die Gefühlslage unter den HSV-Anhängern lässt sich wahrscheinlich am besten mit „durchwachsen“ beschreiben. Das Motto dieser „Sonntags-Veranstaltung“ hätte lauten können: „Endlich ist diese Seuchen-Saison vorbei.“ Und trotz allem blicken wohl die meisten Fans schon der nächsten Spielzeit erwartungsfroh, vielleicht auch nur hoffnungsvoll entgegen. Oftmals ist aber auch deutlich ein Gemisch aus Hoffnung und Sorgen zu verspüren. Niemand weiß doch zum jetzigen Zeitpunkt so recht, wie es mit dem HSV weitergehen wird . . .

Bis zu diesem Wochenende war ja eigentlich schon die erste Neuverpflichtung angekündigt worden, aber davon war nichts zu hören. Dafür wissen nun alle, welche Spieler den Klub auf jeden Fall verlassen werden. Und dazu kommen sicher noch einige, die jetzt noch nichts von einem Abschied aus Hamburg wissen (wollen), dazu. Abwarten.

Dafür aber war doch die „Abschiedsparty“ am Sonnabend voll gelungen. Ich jedenfalls werde mich daran noch Jahre erinnern. Wie Collin Benjamin gefeiert wurde: EINMALIG. Danke, liebe HSV-Fans, das war Weltklasse. Und wenn ich jetzt, in diesem Moment so in mich hinein horche, dann muss ich lange suchen, wann ich einmal so etwas Eindrucksvolles miterlebt habe. Damals, als Uwe Seeler aufhörte, am 1. Mai 1972. Das ging mir ähnlich zu Herzen, wie nun dieser Benjamin-Abschied. Meine Augen wurden (leicht) feucht, ich gebe es zu, als „Collo“ da unten auf dem Rasen mit seinen beiden Kindern „herumturnte“, immer und immer wieder die Welle probte. Ich dachte so bei mir, als ich dort oben immer noch auf meinem Presseplatz saß, dass ich dort allein für mich sein würde – aber denkste. Einige Plätze neben mir saß noch ein Kollege. Ich blickte zu ihm hinüber, wollte wieder die Augen auf die „Collin-Benjamin-Show“ richten, da sah ich noch einmal genauer zu meinem Kollegen hin. So hatte ich ihn noch nie gesehen: Tränen rollten ihm über das Gesicht, er war völlig hin und weg in seinem Benjamin-Abschiedsschmerz. Meine Hochachtung! Sage ich ganz ehrlich. Mir hat das gewaltig imponiert – dass man auch mal alles Kritische vergisst, dass “Mann” auch mal menschlich mitleiden kann. Auch diese Tränen – unvergesslich für mich.

„Ich war nie der beste HSV-Spieler, aber dieser Abschied, der mir nun bereitet worden ist, der ist unglaublich, das ist Leidenschaft pur“, sagte der sichtlich gerührte Collin Benjamin. Ich kann irgendwie noch nicht glauben, dass der „ewige Collo“ nun nicht mehr dabei sein soll. Er hat, dass ist total unverständlich für mich, noch keinen neuen Klub – vielleicht greift ja der alte Arbeitgeber (ich meine den HSV) doch noch einmal zu, wenn alle geplanten Transfer-Vorhaben scheitern sollten . . . Wie gesagt, „Collo“ war ja nie der beste HSV-Spieler, aber Verlass war immer auf ihn – und ein ganz, ganz feiner Mensch ist er noch dazu.

Ja, ja, ich weiß, „feiner Mensch“ hin, „feiner Mensch“ her, im Profi-Fußball zählt nur die Leistung – und was unter dem Strich an Erfolgen steht. Und da steht eben beim HSV schon seit „Jahr und Tag“ eisern die Null. Deswegen ist dieser Umbruch, der nun eingeläutet worden ist, in meinen Augen auch völlig richtig. Wobei ich nicht weiß, wie sich zum Beispiel der Weggang von Frank Rost bemerkbar machen wird. Ich weiß es nicht. Jaroslav Drobny traue ich zu, dass er Rost beerben kann, aber ich weiß es eben nicht. Keiner weiß das. Das wird sich erst zeigen müssen.

Wie aber Frank Rost an diesem Sonnabend – schon vor dem Spiel – gefeiert wurde, das war ebenfalls Extraklasse. Auch dafür ein großes Dankeschön an alle Fans. Vor allem die im Norden. Die würden wohl heute noch in ihrer Kurve stehen, wenn sich der Keeper nicht noch einmal hätte sehen lassen. „Wir woll’n den Torwart seh’n“ skandierten die HSV-Fans, und: „Ohne Torwart geh’n wir nicht nach Haus’.“ Um 17.44 Uhr war es dann endlich so weit: Rost, schon geduscht und in Jeans, erschien noch einmal auf dem Rasen – gemeinsam mit Töchterchen Elisa Annabel. Ein Traumpaar.

Immer wieder die Welle, im Sitzen, im Hüpfen und im Stehen beidseitiger Applaus, sogar die Gladbacher Fans, die zu diesem Zeitpunkt noch auf ihren Plätzen waren, klatschten und jubelten Rost zu. Unglaublich. Aber auch sehr, sehr schön. Und ebenso zu Herzen gehend wie der Abschied der Familie Benjamin. „Fraaaaaank Rost. Fraaaaaaank Rost.“ Immer wieder. Es war phantastisch!

Der Torwart danach: „Das war das schönste Geschenk, das mir die Fans damit gemacht haben, es war ein tolles Gefühl, so gefeiert zu werden.“ Hatte er das, hatte er so etwas erwartet? Rost: „Das zeigt, dass die Leute es schätzen, wenn man sich verbindlich gibt. Wenn man eine Meinung hat und auch dazu steht. Auch wenn man dann auch schnell als kritischer Geist gilt.“

„Niemals geht man so ganz“, sang einst Trude Herr. Und Carl Edgar Jarchow hat ja schon vor Wochen einmal gesagt, dass er durchaus Möglichkeiten sieht, verdiente Spieler wie zum Beispiel Frank Rost eines Tages zum HSV zurückzuholen. Warum nicht? Rost war ein sicherlich sehr guter Torwart für den HSV, er war maßgeblich daran beteiligt, dass 2007 (unter Huub Stevens) noch soeben die Klasse gehalten wurde. Dass der Keeper ein kritischer Zeitgeist ist, das will ich damit nicht kaschieren und auch keineswegs verheimlichen, auch ich hatte den einen oder anderen „Tanz“ mit ihm – dennoch würde ich mich freuen, wenn er eines Tages wieder für die Raute arbeiten würde (in welcher Funktion auch immer), denn eines ist gewiss: Frank Rost hat einen enormen sportlichen Ehrgeiz, und er hat Ahnung von dem, was er die letzten Jahre gemacht hat. Er hat auch klare Vorstellungen davon, wie etwas zu laufen hat – und wie nicht. Und genau das hat er auch sehr, sehr vielen Funktionären voraus.

Was Frank Rost jetzt in den nächsten Monaten oder Jahren machen wird, das steht noch nicht fest. Er will jetzt „erst einmal zwei bis drei Wochen alles sacken lassen“, will in aller Ruhe überlegen, wie es weitergehen soll oder kann: „Mal abwarten, was so passiert.“ Ist auch ein neues Engagement in der Bundesliga vorstellbar? Rost: „Ich kann und werde nichts ausschließen. Aber ich mache es nur, wenn ich mich mit diesem Klub, mit dieser Aufgabe auch identifizieren kann.“ Ja, genau. So ist Frank Rost. Es muss passen. Irgendetwas, das passt eben nicht zu ihm.

Nun aber steht erst einmal fest: Rost ist HSV-Geschichte, Benjamin auch. Und für andere Spieler ist und wird das Kapitel HSV auch geschlossen. So ist der Profi-Fußball. Zum Benjamin-Abschied befand Trainer Michael Oenning: „Dieser Jubel, diese Feier zeigt, dass er hier nicht nur Spuren hinterlassen hat, er wird auch geliebt. So etwas muss man sich erarbeiten, er hat sich darüber sehr gefreut, und auch ich freue mich unheimlich für ihn.“

Resümierend befand Oenning: „Es war ja nun wirklich keine einfache und keine schöne Saison, deswegen werden wir uns nun hinsetzen, durchatmen und dann die Sache mit hoffentlich großer Motivation die Sache wieder angehen.“ Die Sache. Diese Sache dürfte nicht einfach werden. Nicht so ganz einfach jedenfalls. Michael Oenning weiß das. Er sagte nach dem Gladbach-Spiel: „Wir stecken nun mitten im Umbruch, das war auch so gewollt. Ich habe auch das Gefühl, dass alle gewillt sind, diesen Weg mitgehen wollen. Mir macht diese Aufgabe Spaß, denn man hat nicht so oft die Chance, etwas so grundlegend zu verändern. Wir können das jetzt, denn es verlassen uns viele Spieler. Dieser Weg wird sicherlich Geduld erfordern, und er wird auch noch viele Fragen aufwerfen. Aber wir werden nichts kommentieren, wir werden die nächsten Wochen dazu nutzen, mit Ruhe und Bedacht zu arbeiten. “

In den letzten Wochen hat dieses Rezept nicht ganz so gut geklappt. Acht Spiele unter Michael Oenning, ein Sieg, fünf Unentschieden. Insgesdamt steht dieser HSV in der Rückrunden-Tabelle auf Rang zwölf! Aussagekräftig? Nur ein Spieler 8von insgsamt acht in der Liga) hat alle HSV-Spiele dieser Saison bestritten, und das ist der oft und viel gescholtene Kapitän, Heiko Westermann. Ansonsten taucht die Raute kaum in einer der vielen Bestenliste der Bundesliga 2010/11 auf. Abhaken.

Im Hinblick auf die nächste Spielzeit wird viel davon abhängen, wie Frank Arnesen als neuer Sportdirektor einschlägt. Am Dienstag soll der Däne nach Hamburg kommen, dann könnte es intensiv losgehen. Auch Michael Oenning wird von Arnesen abhängen, der Trainer, wer weiß es nicht, ist das schwächste Glied in der Kette. Oenning selbst weiß, dass er auf keinem sicheren Stuhl sitzt. Dennoch wirbt er für sich, für die Situation, bittet um Ruhe und um eine richtige, ernsthafte Chance. „Gerade deshalb muss man Bedachtsames und Vernünftiges machen. Aber mir geht es gut dabei, ich kann noch gut schlafen dabei“, sagt Oenning. Auf die Frage, ob Borussia Dortmund ein Vorbild für den HSV sein könne, sagte der Coach: „Dortmund hat drei Jahre gebraucht, um eine solche Mannschaft aufzubauen – drei Jahre wären okay.“ Also auch drei Jahre für den HSV? Und damit auch für Oenning?

Der Trainer erhofft sich auf seinem Weg Geduld. Er sagt: „Man muss die Leute dabei mit ins Boot nehmen, muss erklären, begleiten. Man muss natürlich auch immer Ergebnisse liefern müssen, das ist normal, aber es ist schon ein Unterschied, wie man ein Spiel bewertet. Von der Erwartungshaltung her, von der Grundstimmung her.“ Das allerdings war und ist in Hamburg schon immer ein heiles Kapitel gewesen. Michael Oenning weiß das: „So ist es aber. Ich verlange ja nichts Unrealistisches. Das andere hat ja nicht funktioniert, deswegen müssen wir nun versuchen, einen anderen Weg zu gehen. Ob das funktioniert? Das hoffe ich.“

Ruhe, Hoffnung, Geduld. Das ist jenes Gemisch, mit dem sich der HSV wieder eine Spitzenposition in der Bundesliga erarbeiten will. Irgendwann einmal. Nicht sofort. Das wäre auch utopisch. Dieser HSV, der finanziell keine großen Sprünge mehr machen kann, wird zunächst einmal kleinere Brötchen backen müssen. Meisterschaft? Champions League? Europa League? Das dürfte ein ganz, ganz weit entfernter Traum sein. Oenning sagt zu seinen Vorstellungen: „Wir gucken erst einmal, wie wir die Mannschaft zusammengestellt haben. Dann werden wir in die Vorbereitung gehen und werden sehen, wie die Dinge zusammenwachsen. Und dann gehen wir in die ersten Wettbewerbsspiele, und dann gucken wir mal, wie wettbewerbsfähig wir sind. Und dann müssen wir im Winter gucken, wie das alles aussieht. Und erst dann kann man auch Ziele formulieren.“ Er fügt dann nach einer kurzen Pause an: „So wäre es vernünftig. Man sollte sich nicht schon im Vorfeld wieder einen Rucksack aufsetzen.“
Meine Frage daraufhin: „Ist das so auch mit dem Vorstand abgesprochen?“ Michael Oenning: „Das habe ich ja gerade gesagt. Das sind meine Vorstellungen.“ Ich dann: „Es könnte ja durchaus sein, dass der Vorstand etwas anderes will und es auch sagt . . .“ Oenning: „Das könnte sein.“

Abwarten. Mehr bleibt ihm nicht. Und auch Euch nicht.

In Geduld muss sich auch Paolo Guerrero üben. Der Peruaner humpelte heute mit schmerzverzerrtem Gesicht zu seinem Auto, um sich nach Hause fahren zu lassen. Er soll sich einen Innenbandabriss im rechten Knie zugezogen haben. Guerrero: „Das Kreuzband ist es auf keinen Fall wieder, ich habe Stabilität im Knie. Entweder Meniskus oder Innenband“, sagte Guerrero. Er wird wohl für die Copa Amerika ausfallen, und das könnte dann doch ganz gut für den HSV sein, denn ansonsten hätte Paolo Guerrero wieder einmal keine vernünftige Vorbereitungsphase genießen können. Am Montag wird eine Kernspintomographie Aufschluss über die Schwere der Verletzung bringen.

Und noch einer war nach diesem 1:1 gegen die Gladbacher traurig: Eljero Elia. Der Niederländer saß nach dem Spiel mit gesenktem Kopf in der Kabine und war von sich enttäuscht. Weil er kein Tor geschossen hatte. Michael Oenning: „Das hat mich gefreut, das ist ja genau die richtige Reaktion. Viel schlimmer wäre es doch, wenn es ihm egal gewesen wäre.“ Für Elia kommt diese Sommerpause total ungelegen. Jetzt, wo er in Schwung gekommen ist (oder es jedenfalls so scheint), da muss er pausieren- So ungerecht kann das Leben als Profi-Fußballer eben auch mal sein.

Doch auch ihm bleibt die Hoffnung. Die Hoffnung auf die neue Saison. Hoffen wir nicht alle?

16.28 Uhr