Tagesarchiv für den 13. Mai 2011

Das letzte Kapitel – endlich!

13. Mai 2011

Er wird im letzten Saisonspiel am Sonnabend gegen Mönchengladbach (15.30 Uhr) wohl wieder in der Startelf stehen. Auch, weil er einer von denen ist, mit denen der HSV für die kommende Saison plant. Zumindest noch. „Ich werde mir genau ansehen, wen der Verein noch verpflichtet und mich dann nach der Vorbereitung unterhalten“, sagt Robert Tesche, der auf das „bislang schlimmste Jahr meiner Karriere, ein verlorenes Jahr“ zurückblickt.

Er möchte die gegen Gladbach beschlossene Saison am liebsten komplett aus seinem Gedächtnis streichen. Wie viele von uns, werdet ihr jetzt sagen, aber bei Tesche verstehe ich den Frust. Denn der eher introvertierte Angler zählt zu den Spielern, die gefühlt bei jeder Trainingseinheit dabei waren. Er ist der Spieler, der immer nah dran, aber nie wirklich dabei war. Und das sage nicht ich, sondern er selbst. „Ich kann nichts Gutes finden an dieser Saison. Für die Fans nicht, für die Mannschaft nicht – und für mich noch weniger.“ Daran würden auch die letzten Saisonspiele nichts mehr ändern, in denen Tesche sogar zur Startelf gehört.

Gerade zehn Einsätze hatte der 23-Jährige in dieser Saison, die eigentlich im Winter ein Ende hätte finden sollen. Damals hatte Tesche ein unterschriftsreifes Angebot aus Hannover vorliegen und wollte die Option wahrnehmen. „Aber der Trainer hat mich – warum auch immer – nicht gehen lassen wollen“, so Tesche noch heute verständnislos, „danach wurde ich fünfmal in der 90. Minute eingewechselt, mehr nicht. Dabei ging es nur um ein halbes Jahr auf Leihbasis.“ Trotzdem, und das macht der ehemalige Bielefelder mit Vertrag bis 2012 deutlich, will er seine Chance beim HSV suchen. Und nutzen. „Es war ein Jahr, das ich schnell vergessen will. Aber ich habe nie aufgeben und werde das auch jetzt nicht tun. Vielleicht steckt in dem Umbruch ja meine Chance.“

Tesche setzt auf einen Neuanfang – womit der „Achter“, wie er sich fußballerisch als Mittelfeldspieler selbst kennzeichnet, eine große Parallele zu dem hier im Blog am meisten und kontroversesten diskutierten Spieler, Piotr Trochowski hat. Zu dem Spieler, der in Hamburg bis heute das schuldig geblieben ist, was alle von ihm erwarten. Er ist der Spieler mit den meisten HSV-Einsätzen in den letzten fünf Jahren, hatte zwischendurch Weltklasse-Spiele als Ersatz von Rafael van der Vaart auf der Zehn, aber eben auch einige erschütternde. Den Durchbruch zur Nationalmannschaft hat der in Billstedt aufgewachsene Mittelfeldmann geschafft, den Sprung in die Herzen der Hamburger irgendwie nie ganz. Zuletzt – das hatte „Troche“ nach eigener Aussage gar nicht mitbekommen, war er bei seiner Einwechslung gegen Freiburg sogar ausgepfiffen und bei einem Eckball aus der eigenen Fankurve mit Bier beschmissen worden. Ein Umgang, den ich im Übrigen zutiefst verurteile.

Und ich bin auch gespannt, wie die HSV-Spieler, die den Klub wechseln oder dessen Verträge schlichtweg nicht verlängert wurden, gegen Mönchengladbach verabschiedet werden. Jeder Pfiff gegen einen dieser Akteure – und da schließe ich auch Guy Demel mit ein, der sich durch sein unsportliches Verhalten zuletzt schwer geschadet hat – wäre ein Armutszeugnis für die HSV-Fans. Denn, und das können wir über Trochowski, Rost, Benjamin, van Nistelrooy und Zé Roberto mit Sicherheit sagen, hatte seinen Anteil an den Erfolgen der letzten Jahre. Jeder dieser Spieler verdient es, heute mit einem Dank von allen abtreten zu können.

Aber selbst die HSV-Fanbetreuer sind sich nicht ganz sicher, wie die Saison von Fanseite endet. Konsequenz: Wie schon nach der letzten Saison gibt es auch nach diesem letzten Saisonspiel keine gemeinsame Feier. Keine Bühne hinter der Westtribüne, wie die Jahre zuvor. Der Grund: Nachdem es im letzten Spiel lautstarke Proteste gab, hatten die Verantwortlichen die Befürchtung, das Fest könnte zum Reinfall werden. „Es ist der Situation geschuldet“, so Sportchef Bastian Reinhardt, „und wir haben ja auch tatsächlich nicht allzu viel zu feiern.“ Das stimmt sicherlich – aber auch hier muss ich sagen, hätten Verein und Fans ihre in den letzten Jahren immer wieder formulierte engen Zusammenhalt demonstrieren können.

Aber egal. Die Entscheidung ist gefallen. Wie bei Troche, der seinen Entschluss, nach Sevilla zu wechseln nicht bereut. Dabei glaube ich ganz ernsthaft – auch auf die Gefahr hin, hier von einigen Bloggern dafür bepöbelt zu werden -, dass Troche genau den Zeitpunkt zum Wechsel nimmt, der eigentlich das erste Mal eine echte Chance für ihn in Hamburg bedeutet hätte. Er wusste bei seinem Entschluss noch nicht, dass es den großen Umbruch geben sollte. „Das stimmt, die Vorzeichen haben sich verändert. Aber ich blicke nicht mehr zurück. Jedes Jahr habe ich gesagt, ich schaue mir die nächste Saison an und entscheide dann. Irgendwann musste ich mich entscheiden. Und ich glaube, das habe ich richtig gemacht.“ Zusammen mit seiner Bald-Ehefrau Melani (Hochzeit ist am 11. Juni) zieht er nach den Flitterwochen nach Sevilla um. Wann dort Trainingsstart ist, hängt noch vom Abschneiden des FC ab, der darum kämpft, sich direkt für die Europa League zu qualifizieren.

Dass Trochowski in Sevilla noch weiter aus dem Fokus von Bundestrainer Joachim Löw rücken könnte, befürchtet er nicht. Zumindest nicht zwingend. „Ich habe sicherlich nicht den leichtesten Weg gewählt“, sagt Trochowski, der für vier Jahre in der statistisch heißesten Stadt Europas unterschrieben hat. „Wenn ich dort regelmäßig spiele und meine Leistung bringe, dann werde ich auch für die Nationalelf schnell wieder eine Rolle spielen“, so Trochowski noch gelassen. Denn immerhin findet im kommenden Jahr die EM in seinem Heimatland Polen sowie der Ukraine statt. Trochowski: „Das ist mein Ziel.“

Um den Nachteil, schon geografisch bedingt nicht mehr so im Fokus des Bundestrainers zu stehen wie es die jungen Kollegen aus Dortmund, Bayern und Leverkusen beispielsweise können, weiß Trochowski. „Aber diesen Wettkampf muss und möchte ich annehmen. Und die Leute bei der Nationalmannschaft wissen auch, was ich kann. Deshalb bleibe ich ganz ruhig.“ Noch zumindest.

Zusammengefasst kann ich sagen, dass für mich mit Trochowski ein äußerst talentierter Spieler geht, bei dem ich bedaure, dass er nicht durchgestartet ist. Allerdings ist Troche auch der Typ Spieler, dem ich nach seinen stagnierenden letzten Jahren dringend zum Wechsel geraten hätte. Obgleich es dafür ganz sicher schon bessere Zeitpunkte als einen Umbruch auf junge Spieler beim HSV gab. Denn der Umbruch böte Troche eine große Chance – allein ob er sie zu nutzen wüsste, wäre unsicher. Ergo: alles, alles Gute Troche!

Gutes Wetter wünsche ich heute den HSV-Fan. Und hoffentlich täuscht sich das Wetteramt bei dem Wetterbericht für das Gladbach-Spiel. 18 Grad warm und wechselhaft mit vereinzelten Regenschauern sind angekündigt. Wodurch die kreative Idee der Fan-Gruppierung „Chosen few“ ins Wasser fallen. Denn wie der Fan-Klub auf seiner Internetseite (www.cfhh.net) verkündet, soll morgen Sommerfeeling in der Imtech-Arena verbreitet werden. Der Wortlaut: „Alle sind ausdrücklich aufgefordert, im Strandoutfit inklusive Badetuch, Luftmatratze und sonstigen aufblasbaren Gegenständen zu erscheinen“.

Und zum Schluss dann doch noch ein kleiner Motivationsfaktor: Eine Gelbe Karte ist der SC Freiburg national noch vorn, ansonsten wäre der HSV der erste deutsche Anwärter auf den zusätzlichen Startplatz in der Europa League, den die Uefa für die fairste Mannschaft ausgelobt hat. Am Montag soll das abschließende Ranking veröffentlicht werden. Den ersten drei Ländern winkt ein zusätzlicher Startplatz in der ersten Qualifikationsrunde der Europa League 2011/12. Deutschland lag in dieser Wertung zum Jahreswechsel auf Platz fünf, jedoch mit nur marginalem Abstand auf den Dritten Schweden. Wobei noch eine große Unbekannte in der Rechnung auftaucht: das Fanverhalten.

In diesem Sinne, freuen wir uns alle auf das letzte Kapitel einer durchwachsenen, verkorksten, schlecht gespielten und manchmal sogar noch schlechtergeredeten, enttäuschenden, allerdings auch hochgradig lehrreichen (oder welches Adjektiv auch immer Ihr dafür benutzt) Saison. Ich verabschiede mich aus meiner Vertretungszeit von Dieter, der tiefenentspannt ab morgen wieder das Zepter schwingt!

Bis morgen!

Euer Scholle (18.30 Uhr)

P.S. (Korrektur! Tesche natürlich statt des gelbgesperrten Jaro…): Die voraussichtliche Startelf: Rost – Diekmeier, Westermann, Kacar, Aogo – Rincon, Zé Roberto, Tesche, Elia – Guerrero, Ben-Hatira. Wobei Änis als Son-Ersatz im Abschlussspiel in der Arena nicht wirklich überzeugte…

P.P.S.: Ach ja, weil es hier immer noch Leute gibt, die etwas über den Boxkampf lesen wollen. Das Trainingslager auf Sylt wird am 3. Juli mit einem Testspiel in Flensburg beendet. “Der Boxkampf interessiert mich bei den Planungen nicht im Geringsten”, sagt Trainer Michael Oenning zumindest. Und so sehr ich Euch und Eure guten Quellen schätze, ich glaube diesmal dem Trainer…