Tagesarchiv für den 12. Mai 2011

Die Abschiedstournee nimmt Fahrt auf

12. Mai 2011

Die Abschiedstournee beim HSV hat Fahrt aufgenommen. Jeden Tag stellt der HSV auf seiner Homepage (www.hsv.de) mindestens einen verdienten Spieler auf die Site – und das mit teils sehr schönen, umfangreichen und lesenswerten Portraits. „Es geht ja auch der eine oder andere, der einen schönen Abschied verdient hat“, sagt Michael Oenning und hat dabei auch den vielleicht größten Namen beim HSV der letzten Jahrzehnte im Kopf: Ruud van Nistelrooy. Den Mann, den ich als Jugendlicher als Angreifer bei Manchester United kennen- und lieben gelernt habe. Damals war Ruud mit seinen Storchenbeinen eine unfassbare Tormaschine. Der Niederländer mit dem unscheinbaren Blick hatte es faustdick hinter den Ohren. Hier einen Ellenbogen, da eine Stolle in die Gegnerhacken – nichts war dem heute 35-Jährigen einstigen Welttorjäger fremd auf dem Weg zum Erfolg. Er war nie der Stürmer, der die Bälle zirkelte oder besonders schön spielen wollte. Nein, Ruud war der Typ, der immer nur das Ergebnis im Kopf hatte. Solange der Ball drin war, war alles okay.

Umso gespannter war ich heute, was er uns erzählen würde. So kurz vor seinem Abschied aus Hamburg hatte ich mit einer persönlichen Abrechnung gerechnet. Immerhin ist inzwischen bekannt, dass sich der Niederländer bei seiner Vertragsunterschrift vor 17 Monaten zusichern ließ, den Verein für einen europäischen Topklub verlassen zu dürfen. Zudem hatte ihm im Winter der damalige Trainer Armin Veh signalisiert, ihn zu Real Madrid wechseln lassen zu wolle. Gleiches kam zunächst von Vorstandsboss Bernd Hoffman, der diese Meinung dann doch revidierte und Ruud nicht den Wunsch erfüllte, zu seiner großen Liebe Real Madrid zu wechseln.

Für Ruud Vergangenheit. Er blickt nicht mehr zurück.„Ich bin nicht der Typ, der im Nachhinein Leute verurteilt. Nein, ich gehe insgesamt mit einem guten Gefühl. Ich kann mit Überzeugung sagen, dass ich diesen Schritt genauso wieder gehen würde. Selbst wenn ich wüsste, dass am Ende so wenig dabei herauskommt wie jetzt. Und ich mag mir gar nicht vorstellen, wie toll das hier wäre, wenn alles gut liefe. Dann wäre das hier sicher das Paradies.“

Konjunktive. Etwas, was zu van Nistelrooys ansonsten immer geraden Art so gar nicht zu passen scheint. Deshalb besinnt sich auch er schnell wieder auf Fakten. „Ich kann natürlich sportlich nicht zufrieden sein. Da stehen am Ende viel zu wenig Tore auf meinem Konto, auch wenn ich alles gegeben habe.“ Selbst nach dem untersagten Wechsel zu Real habe er sich nie hängenlassen, „auch wenn gerade die Journaille das anders gesehen haben will, war ich immer der Profi, der ich auch vorher war. Und alle, die mich besser kennen und erlebt haben, die wissen das.“

So auch Michael Oenning. Der HSV-Trainer verzichtet dennoch für Sonnabend auf eine Startelfnominierung van Nistelrooys. „Auch wenn wir alle Abschiede im Hinterkopf haben, steht der sportliche Wettbewerb an erster Stelle.“ Und da heißt es, gegen den Abstiegskandidaten Mönchengladbach noch mal alles zu geben. Mit der vermeintlich besten Mannschaft. „Es gibt wenig Gründe, etwas zu verändern. Von daher wird es am Sonnabend auch keine großen Überraschungen geben.“ Ergo: van Nistelrooy wird sich neben seinen guten Freund Collin Benjamin vorerst wohl auf die Bank setzen müssen.

Den Abschied an sich will er dennoch genießen. „Beim HSV bin ich wieder Fußballer geworden, konnte mich nach 14 Monaten Pause wieder fit machen und spielen. Ich habe hier viele sehr gute Freunde gefunden, die ich sehr vermissen werde. Es war sportlich zwar keine erfolgreiche Geschichte, aber ich habe mich hier immer wohlgefühlt.“

Wie es für ihn weitergeht, entscheidet sich erst nach Saisonende. Trotz bereits diverser Angebote. „Selbst aus Australien hat mich jemand angerufen“, erzählt van Nistelrooy, „aber auch dem habe ich gesagt, dass ich mich sehr über das Angebot freue, aber erstmal absagen muss. Ich werde mir Zeit lassen, die Saison ordentlich zu beenden und danach entscheiden.“ Zumal er das erste Mal in seinem Leben ablösefrei ist. Ob er auf das große Geld á la Katar-Liga oder Dubai aus ist? „Nein“, antwortet Ruud, der noch immer sehr ehrgeizig ist, „“ich fühle mich noch gut und will mich weiter beweisen. Mein Ziel ist die Europameisterschaft nächstes Jahr in der Ukraine und Polen, da kommst du aber nicht hin, wenn du in Dubai oder Katar deine Karriere ausklingen lässt.“

Soweit ist er dann doch noch nicht. „Ich werde von Jahr zu Jahr sehen, ob es noch geht“, sagt Ruud, der im Gegensatz zu Zé Roberto sein Alter als klaren Grund für einen Einjahresvertrag sieht. „Mit 35 Jahren kriegst du einfach keine langen Verträge mehr. Das ist normal“, sagt van Nistelrooy. Warum er nach der schon bald 19 Jahre langen Profikarriere noch immer nicht genug hat? „Ich will mir nie vorwerfen müssen, vielleicht zu früh aufgehört zu haben. Ich spiele, solange ich mich gut genug fühle.“ Und das könnte durchaus noch ein paar Jahre andauern. Ginge es nach ihm selbst, am liebsten in Spanien oder Englands erster Liga.

Was er nach seiner aktiven Karriere macht, weiß Ruud noch nicht. Klar ist, dass er kein Spielerberater wird. Ebenso klar ist für ihn, dass er nicht sofort irgendwo als Trainer anheuert („Vielleicht mache ich erstmal meine Scheine“) – und klar ist auch, dass er nicht in veränderter Funktion zum HSV zurückkehrt. „Sicher nicht“, sagt er und lächelt dabei.

Dabei wünscht und prophezeit er dem HSV ein paar gute Jahre. „Ich wünsche dem HSV mehr Stabilität“, so ein kleiner Hieb in Richtung Vorstandsebene und Aufsichtsrat, „die Stadt und der Verein hätten es verdient.“ Die neue Philosophie, auf junge Leute zu setzen und mit wenig Geld viel zu erreichen sei genau das, was einst beim PSV Eindhoven, seinem ersten Profiklub mit 17 Jahren vorherrschte. Damals gab es Titelgewinne zu verzeichnen – einer sehr prägnanten Parallele zum heutigen Umbruch beim HSV: den neuen Sportchef. „Damals begann beim PSV Frank Arnesen. Er entdeckte mich und meine Karrierebegann sehr schnell. Er ist jemand, der ein Auge hat für eine gute Mannschaft. Das ist wichtig, wenn man wie hier alles neu machen will. Frank Arnesen hat eine Mannschaft vor Augen und weiß, welche Leute er dafür braucht. Und die holt er dann.“

Äußerst warme Worte für Arnesen, und das, obwohl er nicht einen Versuch unternommen hat, van Nistelrooy von seinem im Winter bereits verkündeten Abgang nach Saisonende abzubringen. „Nein, ich habe mit Arnesen nie gesprochen. Es gab ein kurzes Gespräch mit Jarchow – aber das Ergebnis war vorher klar.“ Daran gab es nichts mehr zu ändern. Und das ist nach Abwägung von Pro und Contra im Ergebnis auch völlig okay.

Im Ergebnis eine Sensation, und das möchte ich an dieser Stelle noch einmal ausreichend würdigen, ist die Leistung der HSV-Handballer, die am Mittwoch nach einer langen, harten, und fast durchgehend überragend gespielten Saison den Deutschen Meister machten. „Ich hatte das Glück, live dabei gewesen zu sein“, freute sich heute auch Oenning, „denn ich war Zeuge einer wundervollen Leistung. Sowas motiviert, zu sehen, wie schön es doch sein kann, erfolgreich zu sein.“ Allerdings bedarf es dafür neben sportlicher eben auch menschlicher Qualität, die bei den Handballern verglichen mit Fußballprofis exorbitant häufig und in hohem Maße vorhanden ist. Irgendwie sind Handballer – natürlich auch ob fehlender Millionenverträge – noch deutlich bodenständiger. Dabei ist das Spiel kein Deut leichter, das Training nicht selten körperlich deutlich anstrengender, die Spielanzahl fast immer genauso hoch – und niemand meckert. Ich wäre ehrlich gesagt wirklich froh, wenn sich die Fußballer davon inspirieren ließen.

Aber okay, ich schweife ab. Obwohl, in diesem Zusammenhang ist noch zu vermelden, dass alle Spieler fit sind. Bis auf David Jarolim (Armprellung), der ob der zehnten Gelben eh gesperrt wäre. Und auch Marcell Jansen (Hüftbeuger) und Guy Demel („Er hat was am Bein“) konnten verletzungsbedingt heute nicht mittrainieren und fallen für Sonnabend definitiv aus. Oenning deutlich: „Keiner, der heute nicht trainiert hat, hat noch eine Chance auf den Kader.“

In diesem Sinne, mit einem ganz klaren „Tschüss“ und bis morgen,

Scholle

P.S.: Trainiert wird am Freitag um 16 Uhr. Wo genau, stand noch nicht fest.

P.P.S.: Wer heute neue Transfergerüchte lesen wollte, dem sei gesagt, dass es wenig bis nichts Neues gibt. Ekici steht noch immer kurz vor einem Wechsel zu Werder Bremen und auch Nils Petersen hat seine Meinung, die Bayern dem HSV vorzuziehen, offenbar noch nicht verändert. Allerdings kann ich sagen, dass die tägliche Dosis von Namen, an denen der HSV interessiert sein soll (die ich solange nicht erwähne, wie sie mir nicht bestätigt werden) langsam steigt. Und das deutet darauf hin, dass der HSV fleißig ist. Vielleicht vermeldet der Klub ja schon am Sonntag, wenn feststeht, welche Mannschaften aus der Bundesliga absteigen, erste Namen. Allein bei Mönchengladbach stehen ein bis zwei Namen angeblich auch in Hamburg hoch im Kurs. Wobei mich der hier bereits spekulierte Innenverteidiger Dante weniger begeistern kann als der Offensivspieler, der nach Saisonende verdient seine Premiere im Nationalteam feiern soll. Allerdings, das muss man festhalten, Marco Reuss steht auch beim Deutschen Meister Dortmund sowie dem FC Bayern und Bayer Leverkusen auf dem Wunschzettel. Mehr Konkurrenz geht kaum…

P.P.S.: Dennis Aogo wurde von Bundestrainer Joachim Löw als einziger HSVer für das Länderspiel gegen Uruguay (29. Mai) sowie die für die EM-Qualifikationsspiele gegen Österreich (3. Juni) und Aserbeidschan (7. Juni) nominiert. Während Piotr Trochowski und Marcell Jansen nicht nominiert wurden, soll sich Heiko Westermann – so der HSV – mit Löw darauf geeinigt haben zu pausieren. So soll der Abwehrchef, der beim HSV keine einzige Bundesligaminute fehlte, länger regenerieren.