Tagesarchiv für den 11. Mai 2011

Zé hofft auf einen würdigen Abschied – Jansen auf die Linksverteidigerrolle

11. Mai 2011

Da saß er nun. Und zwischen seinen kunstvoll gedrehten Locken zeichnete sich keine einzige Schweißperle ab, obwohl er noch wenige Minuten zuvor auf dem Trainingsplatz stand und dort wie so oft mit technischen Raffinessen zu glänzen wusste und den Jungspunden im Team, denen er in der kommenden Saison seinen Platz räumen muss, in nichts nachstand. „Ich wäre gern noch länger hiergeblieben“, so dann auch die erste Ansage des Brasilianers, die schon etwas überraschend kam. Immerhin hatte der Linksfuß gerade erst bekanntgegeben, dass er Hamburg verlassen wird, obwohl ihn der Verein grundsätzlich halten wollte.

Aber der Reihe nach. Zuletzt hatte es geheißen, der HSV trenne sich von seinem Kreativspieler, den Trainer Michael Oenning nur zu gern behalten hätte, weil man sich nicht einigen konnte. Der Brasilianer soll demnach einen Zweijahresvertrag mit je vier Millionen Jahresgage gefordert haben, der HSV ihm allerdings nur einen Einjahresvertrag mit einem Jahressalär von nur zwei Millionen geboten haben. Jetzt sagt Zé, er wäre gern geblieben. Aber wohl nicht für weniger Geld, wollte ich wissen. „Das Geld hat bei der Entscheidung keine Rolle gespielt. Darüber haben wir gar nicht gesprochen. Das Geld war nicht das Problem, immerhin weiß ich um die Situation des Vereins“, sagt Zé, der allerdings unter keinen Umständen von seiner Forderung nach einem Zweijahresvertrag abrücken wollte und will. Warum er so stur ist? „Ich suche nach Stabilität für meine Familie, für meine Kinder, die zur Schule gehen.“ Und dafür wolle er nicht jedes Jahr umziehen müssen.

Okay, mal abgesehen davon, ob es nun die Kohle oder tatsächlich nur die Laufzeit war, weshalb er geht, ich verneige mich hiermit offiziell vor einem der besten Fußballer, die ich beim HSV jemals live erleben durfte. „Ich hoffe, das ganze Stadion feiert mit mir meinen Abschied“, sagt Zé und hat in mir einen zum Teil trauernden und zum anderen Teil einen verständnisvollen Fan gefunden, der sich brav bedanken und ihm von Herzen alles Gute wünschen wird.

Denn, und das muss ich bei aller Sympathie für das spektakuläre Spiel des Brasilianers mit den außergewöhnlichen Fähigkeiten zugeben, er würde wohl tatsächlich nicht in die neue HSV-Philosophie passen. Darin sollen sich offenbar jüngere, zentrale Mittelfeldspieler wie Mehmet Ekici oder auch Ilkay Gündogan wiederfinden. Obgleich nun nach Gündogan (wechselt zu Borussia Dortmund) wohl auch aus Ekici nichts wird. Dem Vernehmen nach soll der an Nürnberg ausgeliehen Mittelfeldmann sich bereits mit Bayern München einig sein, die ihn für vier bis fünf Millionen Euro gen Werder Bremen veräußern wollen. Der HSV, der das Talent ausleihen wollte, hat demnach nur noch Außenseiterchancen.

Gleiches gilt für die Personalie Nils Petersen, der sich – sofern die Erzählungen stimmen und er nicht primär auf viel Geld aus ist – dazu entschieden hat, sich beim deutschen Rekordmeister durchsetzen zu können und zu wollen. Spätestens Anfang kommender Woche will der noch bei Energie Cottbus unter Vertrag stehende Topstürmer der Zweiten Liga seine endgültige Entscheidung bekanntgeben.

Klingt nicht zu gut für den HSV, der leer auszugehen droht. „Wir arbeiten nicht im luftleeren Raum“, entgegnet Oenning und ich bin gewillt, es ihm zu glauben. Zudem kommt ja schon Ende der kommenden Woche auch Frank Arnesen nach Hamburg. Und dann wird alles gut.

Zumindest glaubt Zé Roberto fest daran. „Ich denke, der HSV steht vor einer guten Zukunft. Es wird auf junge, gute Spieler gesetzt. Und davon sind schon einige da. Und der HSV hat einen Trainer mit Michael Oenning, der eine gute Philosophie hat. Das braucht der HSV. Wir hatten bislang immer viele individuell sehr gute Leute, die aber nicht immer zuerst an die Mannschaft gedacht haben. Das muss sich ändern. Es ist wichtig, dass der Verein eine komplett neue Philosophie bekommt. Dafür wird Geduld wichtig werden. Auch wenn Teile davon gegen Leverkusen vergangene Woche schon sehr gut funktioniert haben.“

Und damit beschloss Zé, dessen Kinder traurig über den Weggang aus Hamburg sind die heutige und wahrscheinlich letzte Runde als HSV-Profi. Ohne sein Ziel erreicht zu haben. „Ich wollte einmal mit dem HSV Champions League spielen“, trauert der 36-Jährige, der vier Jahre bei Bayer Leverkusen, sechs beim FC Bayern und zwei beim HSV gespielt hat und mit seinem 336. Bundesliga-Spiel als Ausländer mit den meisten Bundesligaeinsätzen verlassen wird. Zumindest klingt das so. „Ich habe bei Bayer und Bayern keine Blumen zum Abschied bekommen, weil es sich nicht ergab. Und ich bin in der Bundesliga geblieben. Jetzt bekomme ich Blumen – und ich glaube, dass der HSV auch die letzte Station in Deutschland sein wird, dass ich dann auch gehen werde.“ Neben Red Bull New York und einem finanzkräftigen Angebot aus Dubai hat Zé auch Angebote aus Brasilien, dessen Fußballmarkt durch die bevorstehende WM 2014 einen finanziellen Boom erlebt. „Bis Ende des Monats werde ich wissen, wohin es geht“, kündigt Zé an und man merkt, dass auch ein so erfahrener Mann wie Zé Roberto nach all der Zeit noch nicht emotional abgestumpft ist. Denn sichtlich traurig schiebt er nach: „Ich werde Hamburg vermissen. Die Stadt, die brasilianische Gemeinde, mit der wir uns immer sonntags getroffen haben, und vor allem das Stadion und die Fans. Ich werde nie vergessen, wie wir hier 1:0 gegen Bayern gewonnen haben, in meinem ersten Spiel gegen die nach dem Wechsel. Damals sind alle Fans verrückt geworden und ich wurde überall angesprochen. Die HSV-Fans geben immer 110 Prozent.“

Und sie dürsten nach Spielen wie das von Zé erwähnte. Allerdings, das in eigener Sache, ich muss mich outen. Sollte am Wochenende ein Gladbach-Sieg nötig sein, um die Borussia vor dem Abstieg zu retten, dann bin ich das erste Mal in meinem Leben bereit, eine Niederlage in Kauf zu nehmen. Ich finde einfach, dass ein sympathischer Klub wie die Gladbacher, noch dazu mit dem tollen Stadion, der großen Fangemeinde und der Geschichte einfach in die erste Liga gehören. Ich werde hier jetzt nicht sagen, wem ich bei einem Abstieg am wenigsten nachtrauern würde, nur so viel: Gladbach soll es nicht treffen.

Womit ich den Übergang zu einer zuletzt intern noch mehr als öffentlich umstrittenen Person geschafft hätte: Marcell Jansen. Ich hatte das Glück, den in Gladbach groß gewordenen Nationalspieler zusammen mit meinem Kollegen Kai Schiller interviewen zu dürfen und muss mal wieder zugeben, dass Marcell nur selten dummes Zeug redet. Sehr selten sogar. Und das, obwohl er (eben typisch Rheinländer) nicht mundfaul ist und offensichtlich und hörbar viel redet. Sehr viel sogar. Wie auch diesmal, wo wir uns über seine persönliche Entwicklung beim HSV unterhielten (das Interview stelle ich noch mal ans Textende für die, die es noch nicht gelesen haben). „Ich kann nicht zufrieden sein“, sagt Jansen und nimmt bei der Kritik nicht nur die Trainer („Ich hatte fünf in drei Jahren“) sondern sehr wohl auch sich in die Kritik. Im Sommer will er deswegen Extratraining in den USA absolvieren, und dann ganz neu angreifen. „Zuletzt habe ich mal hinten links, mal davor gespielt“, so der gelernte Linksverteidiger, der sich auch schon mit dem neuen Trainer Michael Oenning über die neue Saison unterhalten hat. „Ich habe ihm gesagt, dass ich natürlich alles spiele, mich aber ganz klar als Linksverteidiger am besten aufgehoben fühle.“ Soll heißen: Jansen macht seinem Kollegen aus der deutschen Nationalmannschaft, Dennis Aogo, Konkurrenz. Zwei Nationalspieler für eine Position. „Ja“, sagt Jansen, der diese Entscheidung auch wegen eines Perspektiv-Gespräches mit Bundestrainer Joachim Löw getroffen hat. „Ich hatte mich für die Defensive und die Offensive angeboten und bin auf der Strecke geblieben. Das darf nicht sein“, sagt Jansen und kündigt an: „Jetzt liegt es an mir. Ich muss hart arbeiten und mich erst mal wieder neu beweisen. Das ist meine erste Verantwortung.“

Ob dies zwingend beim HSV passiert, ist weiter offen. Auch Jansen weiß, dass er intern nicht unumstritten ist, sein Verkauf bei einem entsprechenden Angebot möglich wäre. Dennoch setzt er vorerst auf einen Neuanfang, nachdem er sich mit Oenning über die verkorkste Saison unterhalten hat („Ich hatte mich lange Zeit verloren gefühlt – jetzt ist alles geklärt“). Auch über das Spiel gegen Mönchengladbach haben sich die beiden unterhalten. Mit dem Ergebnis, das Jansen nicht spielen wird. Was ihn wiederum nicht allzu sehr stört. „Es wäre schon besonders emotional, gegen meinen Heimatklub zu spielen. Ich habe da 14 Jahre gespielt, kenne viele Leute und weiß, dass es auch um Arbeitsplätze geht. Ich hoffe, Gladbach bleibt drin.“

Ich auch. In diesem Sinne, morgen melde ich mich wieder, nachdem wir mit Ruud van Nistelrooy gesprochen haben.

Euch allen einen schönen Abend,

Scholle (19.37 Uhr)

P.S.: Am Donnerstag wird um 10 Uhr an der Arena trainiert.

Und hier noch mal das Interview aus der heutigen Abendblatt-Ausgabe für alle die, die es noch nicht gelesen haben:

Abendblatt: Herr Jansen, am letzten Spieltag trifft der HSV am Sonnabend auf Ihren früheren Klub Borussia Mönchengladbach. Um welchen Verein machen Sie sich derzeit mehr Sorgen?

Marcell Jansen: Ich mache mir gar keine Sorgen. Gladbach wird sich über die Relegation noch retten, und beim HSV bin ich guter Hoffnung, dass es im kommenden Jahr gut läuft.
Abendblatt: Was halten Sie als Ex-Borusse von der Gruppe um Stefan Effenberg, die den Gladbacher Vorstand stürzen will?
Jansen: In den vergangenen Jahren wurde immer sehr viel Geld in Gladbach investiert, trotzdem hat man dann nur gegen den Abstieg gespielt. Ich finde es gut, dass Stefan Effenberg nun überlegt, wie er dem Verein helfen kann. Man sollte ihm eine Chance geben.

Abendblatt: Was macht Ihnen beim HSV Hoffnung?
Jansen: Wichtig ist, dass unsere Mannschaft eine klare Struktur bekommt.

Abendblatt: Es scheint einen Konsens zu geben, dass die aktuelle Mannschaft nicht als Team funktioniert. Warum nicht?
Jansen: Das ist schwer zu beantworten. Jeder sollte sich im Sommer Gedanken über sich selbst machen und dann in der kommenden Saison neu angreifen.

Abendblatt: Haben die Führungsspieler des HSV in dieser Saison versagt?
Jansen: Es gibt viele Gründe, warum der Erfolg in dieser Saison ausblieb. Im Nachhinein auf einzelne Spieler zu zeigen, ist mir zu populistisch. Wir hatten beispielsweise einen Frank Rost in der Mannschaft, der immer als Führungsspieler vorangegangen ist und seinen Kasten sauber gehalten hat.

Abendblatt: Was lief dann schief?
Jansen: In Dortmund oder in Mainz sind alle Spieler für ein Ziel gelaufen. Das war bei uns in dieser Saison zu selten der Fall. Da wollen wir aber wieder hinkommen. In der Vergangenheit war das schon mal anders. Als ich vor drei Jahren nach Hamburg gekommen bin, waren wir eine tolle Truppe. Wir hatten Spieler wie Nigel de Jong, die einfach mal dazwischen gehauen haben. Natürlich haben wir damals auch mal schlecht gespielt, aber trotzdem haben wir 13 Spiele mit 1:0 gewonnen. Und wir hatten Erfolg, waren in zwei Halbfinals und in der Liga auch nicht so schlecht. Die Mischung hat offensichtlich zuletzt nicht mehr gepasst.

Abendblatt: Warum hat die Mischung vor drei Jahren gepasst, jetzt aber nicht mehr?
Jansen: In den vergangenen Jahren wurde zwar viel investiert, aber die Rendite blieb leider aus.

Abendblatt: Deswegen soll jetzt aus der Not eine Tugend gemacht und der Umbruch gewagt werden. HSV-Chef Carl Edgar Jarchow hat zuletzt betont, dass kein Spieler mehr unverkäuflich sei, auch Sie nicht.
Jansen: Das ist sein gutes Recht. Natürlich ist kein Spieler unverkäuflich, so ist das Geschäft.

Abendblatt: Wollen Sie in Hamburg bleiben?
Jansen: Obwohl es in dieser Saison nicht so gut gelaufen ist, fühle ich mich beim HSV wohl. Ich habe mich immer zu diesem Verein bekannt, auch in Phasen, in denen es mir nicht so gut ging. Ich erwarte nur Ehrlichkeit. Es muss eine klare Kommunikation untereinander geben. So war das auch vor drei Jahren bei Bayern, als ich mit Jürgen Klinsmann besprochen habe, dass es besser wäre, wenn ich wechseln würde.

Abendblatt: Vor sechs Wochen haben Sie kritisiert, der Verein habe Ihnen Steine in den Weg gelegt. Wie meinten Sie das?
Jansen: Ich habe damals vor allem betont, dass es überhaupt nicht primär um meine Person geht, sondern um den Verein. Trotzdem wollte ich klarmachen, dass ich mit meiner damaligen Situation nicht zufrieden war und nicht zufrieden sein konnte. Ich hätte mir ein Gespräch darüber gewünscht, warum ich nicht spielen durfte.

Abendblatt: Hat sich die Situation geändert?
Jansen: Ich habe mittlerweile mit Trainer Michael Oenning und auch mit Bastian Reinhardt länger gesprochen und die Sache aus der Welt geschafft. Im Nachhinein war es vielleicht ein Fehler, dass ich in der Vergangenheit nie an meine eigene Person gedacht habe. Ich bin eigentlich ein Linksverteidiger, habe aber immer ohne Murren im linken Mittelfeld gespielt. Das würde ich natürlich auch weiter so machen, wenn es der Trainer von mir fordert. Aber meiner Nationalmannschaftskarriere hat es nicht unbedingt geholfen.

Abendblatt: Wann haben Sie das letzte Mal mit Joachim Löw gesprochen?
Jansen: Wir haben kürzlich telefoniert, um gemeinsam mit Michael Oenning meine Reise in die USA abzusprechen.

Abendblatt: Was genau planen Sie in den USA?
Jansen: Ich fliege vor dem Trainingsauftakt zusammen mit Jerome Boateng für eine Woche nach Arizona. Chad Forsythe, der Fitnesstrainer der Nationalmannschaft, will uns richtig fit machen. Erst wenn ich wieder völlig gesund bin, kann ich mich über den Verein für die Nationalmannschaft qualifizieren.

Abendblatt: Ihr Ziel bleibt also die Europameisterschaft im kommenden Jahr?
Jansen: Dafür muss ich erst mal fit werden. Dann ist die Europameisterschaft aber natürlich mein Ziel. Und ich bin mir sicher, dass ich das schaffe.