Tagesarchiv für den 10. Mai 2011

Keine Rochaden – Oenning wird zum “Spielverderber”

10. Mai 2011

Michael Oenning ist ein Spielverderber. Ein Spielverderber für die HSV-Profis, die hoffen, sich als Aktiver auf dem Platz zu verabschieden. „Ich glaube, dass man Spieler auch würdig verabschieden kann, ohne dafür in der Aufstellung zu viel verändern zu müssen. Zumal wir noch aktiv im Abstiegskampf mitwirken und schon daraus eine erhöhte Portion Motivation ziehen sollten. Nein, ich bin kein Freund solcher Spielchen und werde genau hinsehen, wer am besten für dieses Spiel passt“, sagt Oenning. Selbst einen Wechsel wie in den letzten Jahren, wo Torwart Frank Rost ca. 20 Minuten vor Schluss für seinen jeweiligen Ersatz Platz machte, wird es nicht geben. „Ich blockiere nicht eine Wechselmöglichkeit für sowas. Wir müssen unsere Abschiede zumindest über die 90 Minuten hinweg komplett ausblenden.“

Womit Oenning auch für den abstiegsbedrohten Gegner Borussia Mönchengladbach zum Spielverderber werden kann, der sich über die eine oder andere Schützenhilfe sicher nicht beschwert hätte. Es wäre eine andere Sache gewesen, wenn der HSV gegen eine Mannschaft gespielt hätte, für die es auch um nichts mehr geht, so Oennings nachvollziehbare Erklärung.

Aber ok, das klingt wenigstens ehrgeizig. Und anders darf es auch nicht sein, will man sich nicht dem Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung aussetzen. Auch wenn der Blick bei der Startelf weiter auf die neue Saison gerichtet sein wird und vornehmlich die auflaufen, mit denen der HSV den Umbruch umsetzen will. „Wir werden da weitermachen, wo wir gegen Leverkusen aufgehört haben“, sagt Oenning, der weiterhin auf Mladen Petric (Adduktorenprobleme), Marcell Jansen (Hüftbeuger) und wohl auch Joris Mathijsen verzichten muss, der seine Knöchelprobleme bis gestern in den Niederlanden behandeln ließ und der es nicht bis Sonnabend schaffen wird. Etwas mehr Hoffnung hat Oenning hingegen bei Ruud van Nistelrooy, der morgen wieder ins Training einsteigen will und wenigstens für einen Kurzeinsatz infrage kommt. Oenning: „Er ist sicher dabei, er wird es schaffen.“

Ebenso wieder dabei sein dürfte Zé Roberto – trotz seines inzwischen feststehenden Abganges. „Zé hat immer gespielt und ist mehr als eine Option für Sonnabend“, verrät Oenning kein Geheimnis. Wie der Abgang des Brasilianers kompensiert werden soll? Oenning: „Natürlich hätte ich Zé gern behalten. Mit ihm verlässt uns ein besonderer Sportsmann.“ Einer, der ersetzt werden muss. „Unsere Prioritäten liegen definitiv auch weiterhin auf dem Defensivbereich, das ist unverändert“, sagt Oenning und ergänzt: „Aber mit ihm verlässt uns ein kreativer Spieler, und das öffnet natürlich wieder eine weitere Tür.“

Dem Vernehmen nach soll der HSV größeres Interesse an dem jungen Nürnberger Mehmet Ekici haben. Ob dem so ist? Oenning weicht aus: „Ich werde einen Teufel tun und hier jeden Namen kommentieren. Aber losgelöst von der Frage nach unserem Interesse kann ich ganz allgemein sagen, dass Ekici ein guter Fußballer ist.“

Okay, hingenommen. Was soll Oenning auch sagen, ohne irgendwelche Verhandlungen unnötig zu beeinflussen. Manchmal ist weniger eben doch mehr. Obgleich er es im Fall des Cottbusers Nils Petersen dann doch macht. „Grundsätzlich ist er ein sehr interessanter Spieler, über den wir uns schon sehr frühzeitig Gedanken gemacht haben“, bestätigt Oenning das Interesse des HSV an dem 24-Tore-Angreifer von Energie Cottbus. Und er legt nach: „Aber wenn ich richtig informiert bin, sind die Gespräche mit dem FC Bayern schon sehr weit fortgeschritten.“

Mehr Gespräche fordert Oenning auch vereinsintern. Im Rahmen seiner Vorbereitungsgestaltung schließt er motivierende Gespräche á la DFB-Nationalelf (vor der WM mit Bergsteiger-Legende Reinhold Messner) nicht aus. Mehr noch, Oenning sieht dazu ausreichend Größen im eigenen Klub. „Ein Uwe Seeler, da bin ich mir absolut sicher, wird den Jungs noch einiges erzählen können. Oder auch ein Manfred Kaltz – wenn der sich mit Dennis Diekmeier hinsetzt, kann das für Dennis nur gut sein. Auf jeden Fall müssen wir solche Möglichkeiten zukünftig nutzen.“ Und das mit der doppelten Gewinnchance! Zum einen bereichern die Erfahrungswerte der Alt-Granden die aktuellen Profis, zum anderen gibt es eine engere Zusammenführung verschiedener Generationen, die Identifikationen schaffen kann. Ebenfalls angedacht ist, dass möglichst jeder Profi die Patenschaft einer Jugendmannschaft übernimmt.

Losgehen soll das alles mit Vorbereitungsbeginn, der definitiv am Sonntag 26. Juni sein wird. Und wenn es am 28. Juni bis zum 3. Juli nach Sylt ins erste von zwei Trainingslagern geht (zudem geht zwischen dem 9. und 16. Juli ins Zillertal), will Oenning den Großteil seiner Mannschaft zusammenhaben. Zumindest die, die jetzt schon hier sind – und das unabhängig von deren Länderspielen im Anschluss an die Saison. „Ich glaube, dass unsere Nationalspieler da nicht allzu hohen Bedarf an Sonderurlaub haben werden“, sagt der Coach und macht zwei explizite Ausnahmen: „Tomas Rincon und Paolo Guerrero haben da mit der Copa America andere Voraussetzungen. Beide bekommen eine Woche Urlaub nach ihrem jeweils letzten Turnierauftritt. Allerdings mit der Auflage, diese Woche in Europa zu verbringen.“ So soll noch mal zusätzlicher Reisestress vermieden werden.

Ein individuelles Trainings- und Ernährungsprogramm haben dann allerdings auch die beiden im Gepäck. Vergangene und diese Woche (überraschend auch heute) werden Leistungstests absolviert, anhand derer ein personalisiertes Trainingsprogramm erstellt wird. Wirklich Pause hat demnach kein HSV-Profi, wie Oenning versichert. „Aber das ist heute kein Problem mehr“, so der Cheftrainer, „im Gegenteil: die Jungs von heute kommen auf uns zu und fragen nach solchen Programmen.“ Wobei, und das stellt Oenning klar, dem einen oder anderen auch gesagt werden muss, dass sie nicht zu viel machen. Wie beispielsweise Heung Min Son, der nach und vor jeder Profieinheit zusätzlich für sich Einheiten einlegt. Wie genau hingesehen wird, zeigt allein schon die Tatsache, dass der HSV sogar Augen- und Zahntests machen lässt. „So etwas schwebt uns vor“, so Oenning.

Klingt gut. Dazu ein Umbruch innerhalb der Mannschaft, neue, erfolgshungrige junge Leute und der Verein gibt eine Perspektive vor, mit der ich mich anfreunden könnte und der ich eine gewisse Zeit einräumen würde, auch wenn es nicht alles sofort greift.

Eigentlich wollte ich hiermit abschließen. Allerdings gibt es gerade zum letzten Blog einige Posts, die ich nicht unbeantwortet lassen will. Insbesondere wegen Paolo Guerrero. Gerade über den Stürmer, den ich hier im Blog zuvor immer am meisten gelobt und den ich immer verteidigt habe. Und auch wenn es eigentlich keine Rolle spielt: Paolos Art Fußball zu spielen gefällt mir. Sehr sogar. Zudem hatte ich das Glück, in den letzten Jahren etliche Male auch privat mit ihm zu sprechen und kann über den Privatmenschen Guerrero ebenfalls nur Positives sagen. Auch deshalb ist der Vorwurf, ich würde eine falsche Gehaltszahl nennen, um so Stimmung gegen den Peruaner zu machen, schon sehr konstruiert. Ich glaube auch, dass das nur bei ihm der Fall ist, weil er durch den einen oder anderen Zwischenfall zufällig etwas kritischer beäugt wird.

Ich habe von 4,6 Millionen Euro geschrieben, die Paolo im Jahr kassiert. Und diese Summe stimmt. Wie die sich aufteilt und dass dort auf drei Jahre jeweils eine Million Euro allein für die Unterschrift vor einem knappen Jahr steckt, spielt doch im Ergebnis gar keine Rolle. Nun lass ich mich gern von Paolo oder dem Sport- oder auch Finanzchef des HSV eines Besseren belehren, aber dem ist nicht so. Im Gegenteil, keiner meckert. Stattdessen melden sich hier User, die ihren Einblick und den Beweis für ihre Behauptungen schuldig bleiben und behaupten, ich würde bewusst die Unwahrheit schreiben. Ich könnte jetzt ähnlich beleidigend antworten, belasse es aber meiner Art entsprechend dabei: Liebe Kritiker, auch da liegt ihr falsch.

In diesem Sinne, nichts für ungut! Auf viele weitere, interessante, kritische, informative und konstruktive Posts,

Scholle

P.S.: Am Mittwoch wird um 10 Uhr auf dem Platz trainiert.

P.P.S.: Der zunächst befürchtete Armbruch bei David Jarolim hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Der Tscheche zog sich im Spiel gegen Leverkusen lediglich eine schmerzhafte, schwere Prellung zu. Gute Besserung!