Tagesarchiv für den 8. Mai 2011

Heute wären wohl alle Mütter stolz

8. Mai 2011

Muttertag. Der Tag, an dem Kinder und Ehemänner ihre Mütter, Ehefrauen und Omas beglücken. Und ich bin mir sicher, dass viele, um nicht zu sagen alle Mütter der HSV-Spieler stolz auf ihre Kinder wären, wenn sie das gestrige Spiel als Maßstab bewerten sollten. Denn da hat der HSV mit der wohl jüngsten Mannschaft dieser Saison bei niemand geringerem als dem Tabellenzweiten, der sehr wohl noch was zu verlieren hatte, nicht nur gut mitgehalten, sondern sogar mehr als ein Remis verdient gehabt. „Wir haben einen Schritt nach vorn gemacht – weil wir mit einer jungen Mannschaft und ohne Stars gezeigt haben, dass wir ein gutes Team sein können“, bilanzierte Gojko Kacar und erhielt Unterstützung seines Kompagnons in der Innenverteidigung: „Wir sind als Team aufgetreten, das sollte für die Zukunft Hoffnung machen. Ich bin total erleichtert – weil man gesehen hat, dass wir doch noch was können“, freute sich Torschütze und HSV-Kapitän Heiko Westermann. Selbst Interims-Klubboss Carl Edgar Jarchow war begeistert: „Das war endlich mal wieder Fußball, was wir geboten haben. Leider haben wir uns um den totalen Erfolg gebracht. Aber wir haben den Leuten etwas geboten – und darum geht es. Endlich hatte die Mannschaft wieder Biss. Eigentlich ja etwas Grundnormales. Aber eben nur eigentlich. In dieser Saison, bei dieser Mannschaft ist das dann doch schon ein Fortschritt.

Und darauf dürfen alle stolz sein. Selbst Jonathan Pitroipa, der gestern Chancen vergab, die wahrscheinlich selbst Benno reingemacht hätte. Mit verbundenen Augen wohlgemerkt ;-). Aber gut. Pitroipa hat sie eben nicht gemacht. Nicht mal aus zwei Metern freistehend nach einer flachen Hereingabe. Dabei hatte der Burkinabe seine Mission bis dahin erfüllt und mit einer Menge Tempo frischen Wind in das bis dahin von Heung Min Son und Paolo Guerrero mau geführte Angriffsspiel gebracht. Und hätte er nur eine seiner Chancen genutzt – er wäre der Gewinner einer eh schon ordentlichen Mannschaftsleistung gewesen.

Und obwohl auch seine Mutter selbstverständlich allen Grund hat, stolz auf seine Karriere zu sein, tat Pit heute gut daran, sich im Windschatten David Jarolims davonzustehlen. Denn während sich der Tscheche den Fragen stellte, nutzte Pitroipa die Gunst der Minute und seine Schnelligkeit, um sich schnell ins ebenfalls schnelle Sport-Coupé zu setzen und gen Heimat abzudüsen. Er wusste schon, welche Fragen er gestellt bekommen hätte…

Aber auch so wird er sich mit seinen Fehlschüssen beschäftigen müssen, die ihn bis auf wenige Ausnahmen durch seine gesamte Karriere begleiten. Das deutete Michael Oenning schon vorher an, als er immer wieder betonte, „dass sich Pit an seiner Effektivität messen lassen muss. Er muss sich daran messen lassen, ob er alles das zeigt, was man von ihm erwarten darf“. Worte, die sogar eine Trennung von Pitroipa und dem HSV nach sich ziehen könnten. Zumindest wird intern laut darüber nachgedacht.

Das wiederum fände ich sehr schade. Ebenso wie bei Eljero Elia, der gegen Leverkusen defensiv ackerte wie selten und sich auch offensiv immer wieder versuchte, sehe ich bei Pit eine Portion Extra-Qualität. Allein seine Schnelligkeit macht ihn zum dauerhaften Störfaktor in den gegnerischen Abwehrreihen. Er ist einer der Einwechselspieler, der das Spiel in seiner Art verändert. Kaum ein Stürmer ist besser für Konter geeignet – wäre da nicht der oben bereits erwähnte schwache Abschluss…

Gar nicht verstehen würde ich den Abgang von Änis Ben-Hatira, der nach seiner Einwechslung gestern auffällig, wenn auch glücklos agierte. Der Deutsch-Tunesier soll ein Angebot von Hertha BSC Berlin vorliegen haben. Von dem Klub, zu dem auch schon Tunay Torun nach dieser Saison wechselt. Wobei meine Verwunderung zwei gleichgroße Bausteine hätte: zum einen die Perspektive, zum anderen den Moment. Denn wann hatte Änis, wann hatten junge Spieler mehr Chancen beim HSV als in der kommenden Saison, die sich gerade durch Spieler wie sie auszeichnen soll? Sollte hier der HSV ein vernünftiges Vertragsangebot machen, dürfte Änis eigentlich nicht mehr lange überlegen.

Und dennoch macht er es. Weil seine Familie in Berlin lebt. Trotz Vertrages bis 2012. Und obwohl sich der HSV bereits seit Monaten in Gesprächen mit dem Talent befindet, hat er es der noch nicht geschafft, den Vertrag zu verlängern.

Die Frage ist, warum nicht??

Hörte man bei Torun etwas von überdimensionalen Forderungen jenseits der Millionengrenze, sollen die Gespräche mit Ben-Hatira seitens des Vereins zuletzt nicht mehr forciert worden sein, was Änis enttäuscht haben soll. Dazu der Ärger nach dem verweigerten Handschlag am vergangenen Wochenende und Berlins final gemachter Aufstieg in die erste Bundesliga – und der HSV hat eine Baustelle, die schon lange hätte geschlossen sein können.

Womit ich Änis nicht aus der Pflicht nehmen möchte. Er hat dem HSV viel zu verdanken, hier ist der nach dem Desaster beim MSV Duisburg bereits abgeschriebene 23-Jährige noch mal zum Bundesligaprofi geformt worden. Hier wurde ihm das Vertrauen entgegengebracht, was so junge Leute brauchen. Und hier wird mit ihm geplant. Beste Voraussetzungen also. Sollte man meinen. Aber okay, noch ist nichts entschieden.

Schuld daran könnte aber auch der neue Sparkurs des HSV sein. Denn auch wenn sich hier einige noch immer gegen Fakten wehren, der HSV hat sich wirtschaftlich in den letzten Jahren nicht optimal verhalten. „Der Vorstand hat zu hoch gepokert“, umschreibt Jarchow diplomatisch, dass der HSV mehr Geld ausgegeben als eingenommen hat. Diese Saison wurden rund 350000 Euro plus erwirtschaftet, allerdings allein 2009/2010 satte 21 Millionen Euro mehr in neue Spieler gesteckt, als durch abgegebene eingenommen.

Deshalb der Sparkurs, der durch einen Umbruch mit jungen, günstigeren Talenten vollzogen werden soll. Und das bekommen jetzt teure Spieler wie Ruud van Nistelrooy, Mladen Petric und Zé Roberto in ihren Vertragsgesprächen zu spüren. Ebenso wie Paolo Guerrero, der vor der vergangenen Saison einen mit rund vier Millionen Euro Jahresgage viel zu hohen Vertrag unterschrieb.

Auch der Peruaner gilt als Verkaufs-Potenzial. Sollte sich ein Interessent mit einem akzeptablen Kaufangebot melden, würde der HSV den Angreifer ziehen lassen. Und obwohl ich persönlich davon überzeugt bin, dass ein gesunder Guerrero immer eine Verstärkung ist, könnte ich einen solchen Verkauf logisch nachvollziehen. Ganz im Gegensatz zu Ben-Hatira und Torun.

In diesem Sinne, hoffen wir, dass sich der HSV für die kommende Spielzeit besser rüstet als zuletzt. Immerhin haben wir nach einem für die die Geschicke der letzten Saison erst zu spät eingesetzten Sportchef Bastian Reinhardt heuer mit Frank Arnesen einen neuen Sportchef, der zwar nicht körperlich anwesend, dafür aber hinter den Kulissen dem Vernehmen nach sehr fleißig sein soll. Ergo: abwarten.

Und das ist wahrscheinlich nur die erste von vielen Geduldsproben.

Scholle
18.05 Uhr

P.S.: Dennis Diekmeier zog sich eine leichte Prellung in der Wade zu und soll am Mittwoch spätestens wieder ins Mannschaftstraining einsteigen. Der gesunde Teil der Mannschaft nimmt dagegen am Dienstag um 10 Uhr das Training auf.