Tagesarchiv für den 6. Mai 2011

Zé geht, Heiko gesteht und Rincon hofft

6. Mai 2011

Die Entscheidung erhielten wir um 12.29 Uhr per HSV-App: Zé Robertos Vertrag beim HSV erhält keine Verlängerung. „Erhält“ nur deswegen, weil nicht wirklich klar ist, wer sich hier von wem trennt. Denn: der HSV wollte weiter mit dem Brasilianer arbeiten. Allerdings wollte dieser nichts von seinen bislang vier Millionen Euro Jahresgehalt einbüßen. „Solche Zahlungen wird es bei uns nicht mehr geben“, hatte Carl Edgar Jarchow zuletzt angekündigt – und es gestern in der abschließenden Vertragsrunde mit Zé Robertos Berater Christian Butscher in die Tat umgesetzt.

Dabei handelt es sich gleich um zwei Bausteine im neuen Vertrag, die zwischen Zé und dem HSV unvereinbar waren. So wollte der 36-Jährige im Gesamtpaket das knapp Vierfache dessen, was der HSV ihm bieten wollte/kann. Denn während Zé Robertos Gesamtpaket rund acht Millionen Euro umfasste, wollte der HSV nicht zweimal vier Millionen Euro, sondern nur einmal zwei Millionen Euro zahlen. „Wir hätten Zé gern noch für ein Jahr bei uns gesehen. Er möchte allerdings gern einen längerfristigen Vertrag unterschreiben“, erklärt Noch-Sportchef Bastian Reinhardt. „Wir sind froh darüber, einen so großartigen Fußballer und Menschen wie Zé bei uns gehabt zu haben und wünschen ihm für seine Zukunft nur das Beste. Er wird immer Willkommen sein beim HSV“

Ende. Und nur noch maximal ein Auftritt des gegen Bayer gelbgesperrten Linksfußes, der ob seiner überdimensionalen Fähigkeiten ebenso die Leute verzückt wie enttäuscht hat. Einfach zu selten blitzte das auf, was Zé zweifellos noch immer kann, und noch einmal zeigen will, wie er sagt: „Ich möchte mich dann bei allen Fans bedanken“, so Zé, der das am liebsten aktiv im Spiel am 34. Spieltag gegen Mönchengladbach machen möchte. „Ich hatte eine sehr schöne, intensive Zeit beim HSV und wünsche dem Verein alles Gute für den geplanten Umbruch. Ich selbst möchte gern für mindestens zwei Jahre bei einem Verein unterschreiben, um mehr Stabilität und Gewissheit für mich und meine Familie zu haben. Wohin uns der Weg führt, kann ich noch nicht sagen.“ Selbst Brasilien ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ausgeschlossen, nachdem sich der brasilianische Fußballmarkt eines unfassbaren Aufschwunges erfreuen darf. Finanzieller Natur wohlgemerkt.

Zé Robertos Abgang erfreut in der Mannschaft keinen wirklich, dafür ist der exzellente Techniker zu respektiert. Aber er bietet dem einen oder anderen eine neue Chance. Wie beispielsweise Robert Tesche, der als Ersatz für Zé schon morgen in Leverkusen agieren soll. Aber auch für Spieler wie Tomas Rincon, der seit drei Monaten ohne jede Spielminute geblieben ist und bei Bayer im rechten Mittelfeld eine Alternative darstellt. „Zé ist ein guter Freund. Es ist sehr schade, dass er nicht bleibt“, sagt Rincon, „aber sein Weggang ist auch eine Chance für uns andere Sechser, die Position in der kommenden Zeit zu spielen.“

Und ehrlich gesagt, bin auch ich hin- und hergerissen. Zum einen kann der Verein diese Gehaltsstruktur angesichts der eigenen Finanzsituation nur unterbrechen. Zum anderen verliert der Verein im Mittelfeld DEN Kreativspieler, der meiner Meinung nach als einziger in der Lage ist, das Spiel zu lenken, das Tempo zu bestimmen und sportlich ob seiner Qualitäten als Vorbild zu dienen. Zum anderen hat er es gerade in dieser Saison zu wenig gezeigt. Mit anderen Worten: Zé gehört zu den Spielern, bei denen nicht das Können über sein Spiel entscheidet, sondern der Wille. Er in einer halbwegs guten Verfassung wäre für den HSV sportlich eine Bereicherung. Allerdings, da lege ich mich fest, nicht für nur wenige Spiele wie zuletzt. Und schon gar nicht für vier Millionen Euro per annum.

Es war auch Zé, den Heiko Westermann mit einbezog, als er von einem „inneren Kreis“ sprach, der sich dauerhaft um die Geschicke des Vereins schert. „Wir haben einen Kern, der zusammenhält“, verrät der HSV-Kapitän, der sichtlich genervt ist von der Diskussion über den fehlenden Charakter einiger Spieler. „Ich rede viel mit David Jarolim, Dennis Aogo. Wir brauchen diesen Kern, der immer zusammenhält.“ Gerade jetzt, wo sich der eine oder andere Spieler wenig engagiert zeigt? „Wir sprechen intern viel an. Aber dabei steht immer die Mannschaft im Vordergrund. Wenn einer der Meinung ist, einen Alleingang machen zu müssen, fällt er durch. Dafür haben wir momentan zu viele andere Baustellen.“

Wie beispielsweise das Spiel in Leverkusen, das viele als kommendes Desaster befürchten, nachdem sich der HSV gegen Freiburg peinlich leblos präsentiert hatte. „Wir brauchen einfach das Erfolgserlebnis“, sagt Westermann, der insgeheim noch auf einen halbwegs versöhnlichen Saisonausklang mit Siegen in Leverkusen und zuhause gegen Gladbach hofft. Warum er daran glaubt? Weil gut trainiert wurde, sagt er. „Ich weiß, dass das schon oft der Fall war und es anschließend nicht so gut lief. Aber so stabil wie am Donnerstag waren wir in dieser Saison noch nie.“ Womit Westermann die Defensive meint, auf die Trainer Michael Oenning in dieser Woche besonders viel Wert gelegt hat.

Womit klar sein dürfte, was uns in Leverkusen erwartet. Der HSV wird aus einer kompakten Defensive agieren, nicht wie zuletzt früh attackieren. „Damit haben wir uns selbst geschadet“, bilanziert Westermann, „speziell gegen Stuttgart wollten wir früh angreifen und sind ins offene Messer gelaufen. Dabei ist das offensive Spiel vielleicht gar nicht unseres. Und das haben wir offenbar nicht so drauf, wie wir es gern wollen“, gesteht Westermann spät und fügt hinzu: „Vielleicht können wir das ja auch gar nicht.“

Um nicht ins offene Messer zu laufen, setzt Oenning im Rheinland auf defensive Mittelfeldspieler. Womit wir wieder bei Tesche und Rincon sind. Denn während der ehemalige Bielefelder zentral – so war es im heutigen Abschlusstraining – neben David Jarolim und links Elia aufläuft, soll überraschend Tomas Rincon zum Einsatz kommen. Der Venezolaner, der seit rund drei Monaten keine einzige Spielminute bekommen hat, dafür allerdings erstaunlich (das meine ich positiv!) selbstbewusst auftritt: „Mir ist die Position egal, ich durfte lange nicht. Jetzt noch mal die Möglichkeit zu bekommen, ist gut.“ Nicht wirklich dafür entscheidend, aber sicher auch kein Gegenargument, waren dabei Rincons Werte beim Leistungstest unter der Woche: da wurde er zweitbester hinter Muhamed Besic.

Was wiederum nicht wirklich verwundert, angesichts des Terminplans bei dem venezolanischen Nationalspielers. Er muss topfit sein. Schließlich geht es schon am 31. Mai zu seiner Nationalelf ins Trainingslager, um sich dort auf die am 1. Juli beginnende Copa America vorzubereiten. Für Venezuelas Auswahl samt Rincon startet das Turnier am 3. Juli gegen niemand geringeren als Brasilien. „Um reinzukommen“, scherzt Rincon, der sich via Copa beim HSV weiter empfehlen will. Zumal er im venezolanischen Nationalteam seine Lieblingsposition, die „Sechs“ spielt und sich für selbige auch beim HSV empfehlen will. Rincon: „Ich war mir immer sicher und bin es auch jetzt noch: ich schaffe es beim HSV!“

Empfohlen – ich springe ein wenig in den Themen, möchte das aber unbedingt noch erwähnen – hat sich bei mir heute auch Heiko Westermann. Sportlich ist der Kapitän wie er selbst weiß und zugibt, vieles schuldig geblieben. „Ich bin mit ganz anderen Ambitionen hergekommen, diese Saison war schlichtweg richtig schlecht“, sieht er ein, „und das gilt für mich allein ebenso wie für die gesamte Mannschaft. Wer hätte schon gedacht, dass wir am Ende Achter sind?“ Und bevor sich Westermann eine deprimierende Antwort für die letzte Frage einfangen konnte legte er nach, nahm die Mannschaft in die Pflicht. „Jeder muss jetzt 100 Prozent und mehr geben. Auch ich muss wieder vornewegmarschieren“, fordert der Kapitän, der bislang in keiner Minute gefehlt hat und dem man vieles vorwerfen kann, allerdings nie mangelnde Einstellung. Und noch weniger Ehrlichkeit und Selbstreflexion: „Ich weiß selbst, dass das eine Scheiß-Saison war. Es herrscht eine totale Verunsicherung bei uns, die sich gegen Freiburg ganz extrem geäußert hat. Und es ist auch klar, dass wir nicht mit breiter Brust nach Leverkusen fahren. Aber wenn wir diese Saison noch halbwegs mit einem guten Gefühl beenden wollen, dann müssen wir gewinnen. In Leverkusen und danach zuhause gegen Gladbach. Dafür müssen wir zuallererst wieder hart arbeiten. Das Fußballspielen kommt danach. Und gerade ich als Kapitän muss und werde vorwegmarschieren. Ich werde mich für den HSV weiter ins Feuer werfen, weil ich davon überzeugt bin, dass dieser Klub das größte Potenzial in Deutschland hat.“

Nun denn, große Worte hatten wir zuletzt fast immer. Allein die Umsetzung hakte. Oder besser: sie fand nicht statt. Dennoch glaube ich, dass Westermanns Art, seine ungeschönte Einsicht, ein richtiger Schritt sein kann auf dem Wege der Verbesserung. Zumindest bin ich mir sicher, dass Zé Roberto mit einer derartigen Einstellung dem HSV zu einer deutlich besseren Platzierung verholfen hätte.

Aber genug der Konjunktive, warten wir einfach mal ab, was die Mannschaft beim Tabellenzweiten abliefert.

In diesem Sinne, nie die Hoffnung verlieren!

Und so könnte der HSV beginnen: Rost – Diekmeier, Westermann, Kacar, Aogo – Rincon, Tesche, Jarolim, Elia – Son, Guerrero.

In der Hoffnung, dass Collin Benjamin bei Bayer wenigstens eingewechselt und im letzten Spiel von Beginn an dabei sein wird,

Scholle
18.35 Uhr

P.S.: Weil es immer wieder gefragt wird: Carl Edgar Jarchows Vertrag wird, so hat es mir heute Aufsichtsratsboss Ernst-Otto Rieckhoff erklärt, frühestens nach Saisonende im Sommer besprochen. „Vorher passiert nichts“, so Rieckhoff. Bis dahin gilt Jarchows Vertrag, der maximal drei jahre läuft, weiter. Sollte in der Zwischenzeit ein neuer Erster Mann gefunden werden, würde Jarchows Vertrag zeitgleich mit der Bestellung des Neuen enden.

P.P.S.: Auslaufen ist am Sonntag um 10 Uhr an der Imtech-Arena.

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