Tagesarchiv für den 5. Mai 2011

Ode an Benjamin: Einer der letzten Idealisten geht

5. Mai 2011

Das ist etwas von dem, was mich an diesen Klub bindet. Nicht allein, dass ich fürs Schreiben über ihn bezahlt werde, nein! Der Klub hat noch echtes, ehrliches Leben in sich. Es gibt sie eben doch, die echten Typen, die sich mit Herzblut für „ihren“ Klub zerreißen. Deshalb widme ich den heutigen Blog bis auf einen kurz(weilig)en sportlichen Abschnitt einem Mann, der es sich verdient hat: Collin Benjamin.

Aber vorweg den sportlichen Teil. Denn, obwohl man es gar nicht glauben mag (oder besser: es nicht glauben will??), es geht noch zweimal auf dem Platz zur Sache. Zumindest hofft das Trainer Michael Oenning, der mit seinem Team am Sonnabend bei niemand geringerem bestehen möchte als beim Tabellenzweiten Bayer Leverkusen. Und die Werkself muss – im Gegensatz zum SC Freiburg zuletzt – noch punkten, um ihr Ziel aus eigener Kraft zu verwirklichen und in die Champions League einzuziehen.

„Wir müssen das zeigen, was uns zuletzt ausgezeichnet hat“, sagt Michael Oenning, und überrascht mit der zweiten Satzhälfte: „Für uns geht es darum, ehrlichen Fußball zu zeigen.“ Womit Oenning sicher nicht den blutleeren Auftritt á la 0:2 gegen Freiburg meint, sondern vielmehr Grundtugenden seiner Spieler fordert. Ob er defensiver spielen will? „Anders“, so Oenning kurz, „wir haben auf jeden Fall einen Plan, wie wir in Leverkusen erfolgreich sein können.“

Dass das eine defensivere Grundausrichtung zur Folge haben wird, ist dabei in bislang jedem Training mit Spiel erkennbar. Insbesondere die Rückwärtsbewegung wird dabei von Oenning immer wieder mit Nachdruck angemahnt. Wer genau die jeweiligen Positionen – insbesondere den Ersatz des gelbgesperrten Zé Roberto – übernehmen wird, ließ Oenning offen. Sowohl auf Nachfrage („Ich habe schon eine Vorstellung, wie wir spielen wollen. Mit wem das passiert, entscheide ich, nachdem ich mir die letzten Eindrücke geholt habe“) als auch im Training, in dem der 45-Jährige nahezu alle Variationen im Mittelfeld ausprobierte. Genaueres dürften wir frühestens morgen nach dem Abschlusstraining um 13 Uhr wissen.

Auf jeden Fall will Oenning eine Reaktion seiner Mannschaft provozieren. „Das wird ganz sicher kein Lustspiel für uns. Im Gegenteil, Leverkusen hat die größeren Ziele vor Augen und wir dürfen keine Sekunde nachlassen.“ Ansonsten würde der HSV bei den spielstarken Leverkusenern gewaltig unter die Räder kommen. „Eine zweite Chance“ nennt Oenning das Motto für die Auswärtsparie beim designierten Vizemeister. Und während Guy Demel diese (Oenning: „Zu dem Thema gibt es nichts mehr zu sagen“) nicht mehr erhalten wird, darf Elia darauf hoffen. Trotz einer (wie eigentlich bei allen) katastrophalen Leistung gegen Freiburg mit einem markanten Fehler, der zum 0:2 führte. „Es kann sein, dass er tatsächlich nicht spielt. Aber mir ist dabei nur wichtig, auch in schwierigen Zeiten Leistung einfordern zu können. Deshalb ist für ihn die Reise lange nicht zu Ende“, grenz Oenning das Beispiel Elia gegen Demels Fall ab.

Was die Reise gen Europa League betrifft, ist die Reise für den HSV spätestens seit dem peinlichen 0:2 gegen Freiburg beendet. Trotzdem glaubt Gästetrainer Jupp Heynckes, der nach der Saison zum FC Bayern wechselt, nicht an ein leichtes Spiel für seinen Noch-Klub: „Wir treffen auf einen Gegner aus dem Tabellen-Mittelfeld, der nichts mehr zu verlieren hat. Wie schwer das ist, hat man bei unserem Spiel gegen Hoffenheim gesehen. Deshalb müssen wir uns wieder gut präparieren und motiviert zu Werke gehen, um die drei Punkte einzufahren und der sehr guten Saison den krönenden Abschluss zu verpassen.“

Dass dieser für den HSV zumindest auf längere Sicht wieder möglich ist, daran glaubt Heynckes: „Der HSV ist aber ohne Frage ein großer Traditionsverein, der von seinem Spielerpotenzial immer um die oberen Plätze mitspielen sollte. Ich denke, die Verantwortlichen wissen genau, wie sie den angekündigten Umbruch nun durchführen werden. Wichtig ist, eine Balance zwischen erfahrenen und jungen entwicklungsfähigen Spielern zu finden. Dazu eine Kontinuität auf dem Trainerstuhl. Der Trainer muss mit der Vereinsführung harmonieren. Ich denke, beim HSV wird einiges passieren, so dass sie wieder um die Europa League-Plätze mitspielen können.“

Nettes Geplänkel vor einem Spiel. Mehr nicht.

Deutlich ehrlicher ist da Collin Benjamin. Was ich nicht negativ gegenüber dem einfach nur höflich-sympathischen Heynckes meine. Nein, Collo braucht schlichtweg nicht mehr taktisch zu sprechen. Als Urgestein seit nunmehr zehn Jahren mit kurzer Unterbrechung beim HSV, „feiert“ der Namibier in Leverkusen sein letztes Auswärtsspiel für den Klub. „Und wenn ich von Training heute ausgehe, nicht in der Startelf“, flachst der Allrounder aus dem wunderschönen Stadtteil Niendorf ;-) und es wirkt fast, als wolle er sich selbst trösten, indem er sagt: „Alles hat ein Anfang – und alles hat eben auch ein Ende.“

Allein bewusst ist ihm das Ende noch nicht wirklich. „Die Jungs flachsen mich in der Kabine schon und zählen meine restlichen Tage rückwärts“, sagt Benjamin, „aber mir ist das alles noch nicht klar. Irgendwie realisiere ich noch gar nicht, was passiert. Das mache ich wahrscheinlich erst dann das erste Mal, wenn ich nicht mehr jeden Morgen aus Niendorf auf die A7 Richtung Stellingen fahre.“

Und das ist schon bald der Fall. Leverkusen auswärts und dann daheim gegen Gladbach. Mit ihm, wie Benjamin fordert. „Meine schlimmste Enttäuschung war, als ich diese Saison nicht mal für den Kader gegen St. Pauli nominiert worden bin. Damals hätte ich dem Trainer eine reinhauen können“, erzählt Collo, der es in zehn Jahren auf immerhin 184 Bundesligaspiele und 14 Tore brachte. Und zu den bisher absolvierten 12173 Bundesligaspielminuten (ausschließlich für den HSV) sollen sich am letzten Spieltag 90 weitere gesellen. Ansonsten, das kündigt Benjamin, der beim HSV aus sportlich-perspektivischen Gründen keinen neuen Vertrag mehr erhält, nicht ganz ernst gemeint an, „gibt es ne richtige Klatsche für den Trainer“. In diesem Fall für Michael Oenning.

Was Oenning macht? Er riskiert tatsächlich die Tracht Prügel. Zumindest verspricht er dem ausgemusterten 32-Jährigen nichts. Obwohl er ein wahres Loblied auf Benjamin singt: „Ich würde mir wünschen, mehr solche Typen in der Mannschaft zu haben. Für mich ist es nicht schön, dass er die Gruppe verlässt. Der wird uns fehlen“, sagt Oenning und man spürt, welch menschliche Qualität mit Collin Benjamin den Kader verlassen wird.

Und obwohl ich mich hier als befangen erkläre, weil ich Collin seit seiner ersten Auftritte bei Germania Schnelsen kenne und ihn so gern mag, dass ich mich sogar selbst verdächtige, seine sportlichen Leistungen nicht objektiv beurteilen zu können, vermag ich trotzdem nicht aufzuhören, ihn zu würdigen. Er war es, der dem HSV selbstlos seinen Vertrag aufkündigte als er verletzt war, damit der HSV so einen weiteren EU-Ausländer holen konnte. Er ist es, den wirklich alle Spieler, von A wie Aogo bis Z wie Zé Roberto, gleichermaßen hoch schätzen und ausnahmslos respektieren. Collin zählt zu den ganz wenigen Menschen, die immer positiv sind und sich selbst in einem Millionen-Geschäft wie dem Profifußball nie zu ernst genommen haben und noch weniger sich selbst in den Vordergrund stellen. Collin ist einer der wenigen Fußballer, denen ich es abnehme, wenn sie ihr Trikotwappen küssen. Er ist einer derjenigen, denen ich die (bei seiner Verabschiedung garantiert laufenden) Tränen zum Abschied ohne Bedenken abnehme.

Kurzum: Collin ist charakterlich der Typ Fußballer, den der HSV sucht. Genau der Typ Fußballprofi, den er suchen muss, wenn er irgendwann mal losgelöst von charakterlichen Problemen eine Saison absolvieren will.

In diesem Sinne, ich hoffe, dass Collo beide Spiele von der ersten bis zur letzten Minute machen darf. Er hätte es mehr verdient, als jeder sonst im Kader. Es wäre in der aktuellen Phase wenigstens ein Spieler der Sorte, mit dem ich mich charakterlich noch identifizieren kann.

Scholle
19.02 Uhr

P.S.: Training ist heute um 13 Uhr an der Arena.