Tagesarchiv für den 4. Mai 2011

Querdenker sind gefragt – ebenso wie Drobny

4. Mai 2011

Nicht mehr zurückblicken, nur noch nach vorn. Das wäre es doch. Eben so, wie es Jaroslav Drobny macht. Er ist einer der wenigen, denen ich zugestehe, dass die Saison für sie noch besch…eidener als für viele andere war. Immerhin wurde der Tscheche im vergangenen Sommer als Nummer eins nach Hamburg gelockt – und saß fortan fast die gesamte Saison als Nummer zwei hinter Frank Rost auf der Bank. Eine Situation, die Drobny heute nicht mehr besprechen will. „Es ist vorbei, darüber denke ich nicht mehr nach und darüber möchte ich auch nicht mehr sprechen.“

Gut. Kann ich verstehen. Ist vielleicht auch besser, als jetzt die Wahrheit zu sagen, denn die würde sicher nicht besonders schön. Als „Schweigegeld“ für Drobny darf dabei durchaus die Ankündigung von Trainer Michael Oenning genommen werden, in der kommenden Saison mit Drobny als Nummer eins zu planen. „Natürlich ist das schön zu hören “, sagt Drobny, „und auch wenn ich natürlich von Anfang an die Nummer eins sein wollte, freue ich mich jetzt darüber. Und ich traue mir das auch zu.“

Für Drobny („Ich tue einfach so, als gäbe es diese Saison gar nicht“) beginnt mit einem Jahr Verspätung das Abenteuer Hamburg. Der nach außen still gebliebene, intern als Spaßvogel verschriene 31-Jährige ist nach seinem Daumenbruch wieder auf dem Weg der Besserung. „Ich bin fit, der Daumen ist wieder okay. Ich brauche zwar noch einen stützenden Verband – aber alles hält.“ Dass er bis Saisonende keinen Einsatz mehr hat, davon geht er dennoch aus. „Frank ist doch da.“

Der Zuhörer ist bei Drobny stets hin- und hergerissen. Zum einen verhält sich der Qualitätskeeper extrem sportlich, indem er schweigt. Andererseits wirkt der Tscheche fast schon zu ruhig dafür, dass er eigentlich den Anspruch haben muss, die Nummer eins zu sein. Ob er sich schon mit dem neuen Torwart, den der Klub noch holen will, beschäftigt hat? Drobny: „Nein, warum? Ich weiß nicht, wer kommt. Und es ist mir auch egal.“ Bislang ist eine Rückholaktion von Wolfgang Hesl (an SV Ried verliehen) angedacht, der als Nummer zwei agieren soll. Allerdings besteht hier beiderseitig noch Gesprächsbedarf, die Sache ist noch nicht beschlossen. Ob Drobny auch zufrieden wäre, selbst wenn der HSV wieder eine zweite potenzielle Nummer eins holt? „Ja, ich weiß nämlich, dass du Konkurrenz im Team brauchst. Und letztlich entscheiden eh der Klub und der Trainer.“

Der Klub, das wäre in diesem Fall Frank Arnesen. Der designierte Sportchef, dessen Kompagnon Lee Congerton bereits seit Wochen von Chelsea freigestellt in Hamburg weilt, allerdings bislang zu keinem Gespräch zu bewegen war. Allerdings ist Congerton aktuell das Bindeglied zwischen Hamburg und London, wo Arnesen voraussichtlich noch bis Ende der Premier-League-Saison am 22. Mai bleiben muss. Und dann vielleicht sogar als neuer Titelträger zum HSV wechselt.

Und das mit einer Idee, die ich persönlich sehr interessant finde: die Amateure sollen nach Möglichkeit parallel zu den Profis trainieren. So soll der Anreiz, von unten nach oben visualisiert forciert werden. „Immer wieder werden einzelne Spieler in das Profitraining integriert. So steigern wir das Niveau der Spieler und der gesamten Mannschaft. Ich sage Euch: Jeder, der auf dem Nebenplatz trainiert, will auf den Hauptplatz. Und von da in die Arena“, glaubt Arnesen – und er hat damit nicht Unrecht. Zumal das ganze etliche positive Nebeneffekte hätte. So würde die Zusammenarbeit zwischen Nachwuchs und Profis verbessert. „Ich werde schon in der Vorbereitung einige Talente dazunehmen“, kündigt Oenning an. Der Cheftrainer will die letzten Plätze im Kader nicht mit irgendwelchen Spielern von außen besetzen, sondern vermehrt auf den hiesigen Nachwuchs setzen. „Dabei habe ich nicht nur die U23 im Auge, sondern auch unsere A-Jugend.“

Dass das alles nur dann nach oben eine Durchlässigkeit bewirkt, wenn die Qualität der vereinseigenen Talente hoch genug ist, ist klar. Aber es wird ein erstes, richtiges und wichtiges Signal gesetzt, dass für einige noch nicht beim HSV untergebrachten Talenten anziehend wirken kann.

44 abziehen will Drobny, der bislang mit der Rückennummer 45 („Die hatte ich schon mal in Bochum und alle anderen waren weg, als ich nach hamburg kam“) auflief. „Ich werde die Eins auf dem Rücken tragen“, freut sich Drobny, der bereits Griechenland (Panionios Athen), England (FC Fulham), den Niederlanden (ADO Den Haag) und eben der Bundesliga (Bochum und Hertha BSC) Erfahrung sammeln konnte und diese an die jungen Spieler weitergeben soll und will. Aus dem Abseits zum Leader – für Drobny kein Problem. Im Gegenteil, der Tscheche plant sogar seine Rückkehr in die tschechische Nationalelf. „Ich hatte mich zuletzt entscheiden, nicht zur Nationalmannschaft zu reisen, weil ich in Hamburg nur auf der Bank saß und das nicht dort auch noch wollte. Das habe ich dem Nationaltrainer auch so mitgeteilt und er hat es akzeptiert. Er sagte, er würde mich anrufen, wenn sich einer verletzt – und jetzt eben, wenn ich wieder spiele.“

Drobny wirkt klar. Der Mann mit den größten Füßen (Schuhgröße 50 wird gemunkelt), die ich je live gesehen habe ist aufgeräumt. Keine Spur von Verbitterung. Zumindest nicht sich selbst betreffend. Nur, wenn man die sechs Pflichtspiele anspricht, die er spielen durfte, wirkt er leicht genervt. Wobei der 1,92 Meter große Keeper in den fünf Liga- und dem einen Pokalspiel auch satte 14 Gegentore kassierte – und das, ohne dabei viel machen zu können. Drobny winkt ab. „Das war hart.“ Mehr gäbe es nicht zu sagen.

Was im Grund auch für mich gilt. Heute absolvierten die Spieler ihre individuellen Leistungstests, reguläres Training fand nicht statt. Deshalb nur ein, genau genommen zwei Reaktion auf Eure Posts:

Von „jeden Tag eine neue Saus durchs Dorf treiben“ kann bei Demel nun wirklich nicht die Rede sein. Im Gegenteil, eine genaue Analyse der aktuellen Situation zu fordern, dort insbesondere charakterliche Eignungen überprüfen lassen zu wollen und zugleich bei einer derartigen Prüfung mit schlechtem Ausgang „von Sau durchs Dorf treiben“ zu sprechen ist falsch. Das wäre Augenwischerei. Analysen beinhalten manchmal eben auch unangenehme Wahrheiten. Wie bei Guy, der sich mit seiner Frustaktion gerade selbst geoutet hat und dafür angezählt wird. Trotzdem gebe ich zu bedenken, dass seine jetzt gezeigte Einstellung ganz sicher nur eines von vielen (nicht genannten weil nicht bekannten) Beispielen für das ist, was aktuell falsch läuft beim HSV. Guy spricht es im Gegensatz zu vielen Kollegen eben auch laut aus…

Zum zweiten, für mich schwer nachvollziehbaren Gedanken im Blog: Bernd Hoffmann, der die gesamte Zeit über die Sportchefsuche – von Roman Grill bis Frank Arnesen – maßgeblich mitgesteuert hat, jetzt als denjenigen zu bezeichnen, der die desaströse Sportchefsuche durch eigenes Einschreiten beendet hat – oha!! Das wissen inzwischen vom Hoffmann-Hasser bis zu den schwersten Hoffman-Fanatikern alle besser. Und ich bin mir sicher, dass auch Ehrenmann Hoffmann sich diesen Schuh nicht anziehen würde. Zumal er sich selbst die Sportchefsuche als einen seiner eher unrühmlichen Akte ankreidet.

Aber gut, jeder hat seine Meinung und nicht alles muss sich mir erschließen. Im Gegenteil: manchmal sind es ja gerade die quersten Querdenker, die vorhandene Strukturen durchbrechen und für positive Veränderungen sorgen. So, wie wir es von Arnesen hoffen…

In diesem Sinne, bitte weiter Querdenken!!

Bis morgen,

Euer Scholle

18.35

P.S.: Training ist heute um zehn Uhr an der Arena.