Tagesarchiv für den 3. Mai 2011

Alles wird gut!! Irgendwann…

3. Mai 2011

Wer sich Michael Oenning dieser Tage so ansieht, der kann die Desillusionierung erkennen. Nannte es Interims-Boss Carl E. Jarchow gestern noch „die Mannschaft lässt ihn im Stich“, scheint Oenning erkannt zu haben, dass es nur noch um Schadensbegrenzung geht. Gerade jetzt, wo mit Leverkusen (Kampf um Platz zwei) und Borussia Mönchengladbach (Abstiegskampf) zwei Gegner bevorstehen, für die es um deutlich mehr geht als für den SC Freiburg – und schon diese Partie wurde mit 0:2 verloren. Und Oenning weiß um die Schwierigkeit, seine Spieler noch mal zu motivieren. „Diese Frustration ist das Ergebnis einer ganz langen Serie von Negativerlebnissen.“ Das zähle für Dinge auf dem Platz wie im Umfeld.

Womit ich ein hier im Blog immer wieder aufgegriffenes Argument behandeln möchte. Immer wieder lese ich, dass jetzt die verdammt werden, die Bernd Hoffmann abgewählt und abgesetzt haben – was grundsätzlich ja eine völlig legitime Meinungsäußerung ist. Allerdings kann ich nicht nachvollziehen, dass die aktuell schlechten Spiele und Ergebnisse als Argument genommen werden, dass die Neuen schlechter oder genauso schlecht sind wie der Vorstand um Bernd Hoffmann. Immerhin hat sich der Verlauf der Saison durch Entscheidungen entwickelt, die vor der Saison von eben jenem Vorstand getroffen wurden. Die aktuellen Zahlen und dazugehörigen Probleme, teure Transfers zu realisieren, beruhen auf dem Geschäftsgebaren der letzten Jahre und nicht auf dem der letzten Wochen. Ergo: Das, was jetzt abläuft, ist für Jarchow, Hilke und Co. lediglich das schwere Erbe, das es anzutreten gilt. Um sie ehrlich messen zu können, werden wir noch eine Zeit lang abwarten müssen.

Aber gut, die meisten von Euch haben das ja auch so erkannt und befinden sich da in guter Gesellschaft mit Jarchow – und eben auch dem derzeit viel gescholtenen Oenning. 0,4 Punkte im Schnitt weniger als Vorgänger Armin Veh holt der Münsterländer. Zudem ist er der erfolgloseste HSV-Coach seit Jahrzehnten – Oenning kriegt‘s wirklich knüppeldick. Nicht wenige befürchten, dass sich der 45-Jährige mit dieser peinlichen Endphase und der daraus resultierenden Stimmungslage bei den Fans früh verbrennt. Auch wenn er selbst das – was soll er auch sagen – anders sieht: „Ich mache mich frei von solchen Statistiken, ich weiß ja auch um die vorherrschende Problematik in der Mannschaft. Ich werde hier nicht verbrannt, sondern habe eine Situation, aus der ich sehr viele Lehren ziehen kann. Ich sehe, dass wir eine Mannschaft haben, die auf dem Papier richtig Qualität hat, die aber nicht als Mannschaft funktioniert.“ Und das nicht erst jetzt, sondern bereits seit Wochen, fügt der Coach hinzu.

Und er hat recht, bekommt diese Theorie mit schwachen Leistungen á la 0:2 gegen den SC Freiburg und neben dem Platz von sich langsam outenden Spielern wie Guy Demel bewiesen. Der Ivorer, bei dem ich schon am Sonnabend bezweifelte, dass er wirklich spielunfähig verletzt ist, hat bei Oenning versch…, um es auf gut Deutsch zu sagen. „Er kommt mit immer neuen Dingen. Kurz vor der Abfahrt zum Freiburg-Spiel war es der Knöchel, jetzt sind wir bei den Adduktoren angekommen. Ich glaube einfach, für ihn geht hier eine Reise zu Ende und er merkt das. Zumal er mir schon vor einigen Wochen mitgeteilt hat, dass er sich neu orientieren will.“ Ob er Verständnis für die unprofessionell destruktive Haltung des Rechtsverteidigers hat? Oenning klar: „Überhaupt nicht.“

Ich auch nicht. Im Gegenteil, ich finde so eine Einstellung erschütternd, unfassbar und nicht hinnehmbar. Der gute Mann hat hier jahrelang gutes Geld verdient, wurde von den Fans gefeiert (was ich mir eh nur so erklären kann, dass sich sein Name „Giiiiiii“ dafür einfach am besten eignete) und hat immer wieder Chancen erhalten, obwohl er seine eigene Ansprüche seit langer Zeit nicht mehr erreicht hat. Dass so ein Spieler jetzt abknickt, bevor die Saison vorbei ist, ist für mich unfassbar. Solche Spieler (die gibt es im kleinen Fußball auch zur Genüge) gehören ob ihrer Unsportlichkeit auf eine schwarze Liste und dürften eigentlich keinen Verein mehr finden. Und das sage ich, obwohl ich weiß, wie utopisch das ist…

Ganz realistisch analysiert Oenning indes die Stimmung in seiner Mannschaft. „Jetzt läuft die Saison einfach aus. Es ist schwer, die Spieler noch mal hinzukriegen. Um jetzt noch mal alles hochzufahren brauchst du Spaß. Und den haben wir nicht, weil er auch drumherum nicht da ist.“ Zu tief sitzt der Frust über die verkorkste Saison, zu vielfältig sind die Gründe dafür, glaubt Oenning.

Aber was regen wir uns noch auf. Es sind noch zwei Spiele, zweimal Durchhalten und verzeihen, ehe es in die sehnlichst erwartete Sommerpause geht.

Also: Genug gemeckert. Leverkusen steht vor der Tür. Und ich ahne Böses. Die Werkself steht völlig berechtigt auf dem zweiten Platz. Und das wird sie am Sonnabend noch mal beweisen und die Champions-League-Teilnahme perfekt machen wollen. Auch Oenning rechnet mit einem bärenstarken Gegner, dem er Kompaktheit entgegenstellen will: „Mit Leverkusen kommt ein richtiger Brocken auf uns zu. Wir dürfen nicht zu offensiv denken, müssen den Spielfluss unterbinden. Am Ende gewinnt die Mannschaft, die die meisten Zweikämpfe gewinnt.“

Womit ein Einsatz Piotr Trochowskis als Ersatz für den gelbgesperrten Zé Roberto eher unwahrscheinlich wird. Stattdessen dürfte Oenning die defensiv stärkeren Tomas Rincon oder auch Robert Tesche bevorzugen, mit denen er eh langfristig plant. „Beides sind tadellose Profis, die eins brauchen: Spielpraxis. Die neue Saison wird eine komplett neue Chance für sie.“ Spielpraxis könnte es jedoch schon vorher geben. Oenning vielsagend: „Wenn wir der Situation etwas Gutes abgewinnen können, dann, dass wir die neue Saison schon planen können“ Schon in Leverkusen.

In der Planung inbegriffen ist, Demel abzugeben. Gleiches könnte für Eljero Elia gelten, den Oenning heute wieder, mächtig anzählte. Insbesondere der dilettantische Ballverlust gegen Freiburg kurz vor Schluss habe einmal mehr verdeutlicht, dass der hoch gelobte Offensivspieler noch nicht in Hamburg angekommen ist. „Ich mache mir so meine Gedanken bei ihm“, verrät Oenning, „ich habe ihn gefordert und gesagt, dass er bei mir spielt und ich etwas sehen will.“ Was meistens ausgeblieben ist. Ob Elia bei seinen Planungen eine wichtige Rolle einnimmt? Oenning: „Dass er besondere Fähigkeiten hat, steht außer Frage. Aber er muss sie irgendwann auch zeigen, irgendwann muss was kommen. Denn klar ist, Eljero wird nicht ewig Kredit haben.“

Gut so. Wenn schon Umbruch, dann bitte auch jeden Stein umdrehen. Auch in Sachen Ilkay Gündogan, der noch immer nicht endgültig beim BVB unterschrieben hat und vom Deutschen Meister hingehalten wird, weil deren Spielmacher Nuri Sahin noch nicht bei Real Madrid untergekommen ist. „Es gibt was Neues bei ihm“, sagt Oenning, der in ständigem Kontakt zum Mittelfeldtalent des 1. FC Nürnberg steht. Und ganz ehrlich, ich glaube, dass sich Gündogan trotz des natürlich sportlich attraktiveren Angebotes aus Dortmund auch mit dem HSV einen Gefallen tun könnte. Hier könnte er zu einer zentralen Figur und zum Symbol des Umbruchs werden – gerade weil er den Verlockungen des großen Geldes und der Champions League widerstanden hätte. Sein Wechsel nach Hamburg würde authentisch wirken. Und als Entscheidung aus Überzeugung – womit der Weg frei wäre, sich in Hamburg zur Identifikationsfigur einer neuen „Ära der jungen Wilden“ zu machen.

Das hätte doch auch was, oder? Zumindest wäre es mal eine schöne Abwechslung zum sich immer mehr erhärtenden Verdacht des Söldnertums innerhalb der aktuellen Mannschaft…

Oha, ich schweife ab. Merkt Ihr, wie ich schon zwanghaft nach etwas suche, was mich hoffen lässt?? Bitter irgendwie. Aber was soll’s…

In diesem Sinne: Alles wird gut!! Irgendwann.

Bis morgen!

Euer Scholle

18 Uhr

P.S.: Joris Mathijsen (Reha in den Niederlanden) fällt sicher für Sonnabend aus. „Selbst Gladbach ist bei ihm eher unwahrscheinlich“, glaubt Oenning nicht mehr an einen Saisoneinsatz des Niederländers, der seit November an den Folgen eines Bänderrisses im Knöchel laboriert. Ebenfalls Saisonende scheint für Mladen Petric (Adduktorenzerrung) und Ruud van Nistelrooy (Muskelfaserriss) zu sein. „Mit Mladen rechne ich diese Saison nicht mehr“, sagt Oenning und räumt van Nistelrooy eine minimale Restchance zumindest für das letzte Saisonspiel gegen Gladbach ein.

P.P.S.: Heute absolviert die Mannschaft einen Leistungstest, wird nicht auf dem Platz trainieren. Anhand der Ergebnisse sollen den Spielern individuelle Trainingspläne für die Sommerpause erstellt werden.