Tagesarchiv für den 2. Mai 2011

Jarchow setzt auf Mannschaftsgeist – nicht auf Namen

2. Mai 2011

Oha, die Erwartungshaltung hier im Blog ist deutlich höher, als an die Mannschaft, der offenbar auch von Euch keiner mehr viel zutraut. Und ich hoffe, diese Erwartungen trotz eines sich bei mir immer tiefer setzenden Frusts bedienen zu können.

Heute hatten wir das Vergnügen, uns mit unserem Interims-Vorstandsboss Carl E. Jarchow unterhalten zu können. Mehr als eine Stunde nahm sich der frisch in die Hamburger Bürgerschaft gewählte FDP-Politiker („Ich habe schon das Gefühl, dass ich das im Moment etwas vernachlässige“) für uns Zeit. Und man kann über Herrn Jarchow sagen und denken, was man will, aber er ist definitiv keiner, der keine Position bezieht. Im Gegenteil! Denn als wir heute einige Personalien ansprachen, war Jarchow durchweg auskunftsfreudig. So wie bei Mladen Petric, mit dem der Verein gesprochen und mit dessen Berater der HSV bereits erste Angebote ausgetauscht hat. „Wir haben uns unterhalten“, so Jarchow, der auf die Nachfrage, ob Verein und Spieler nicht zu weit auseinander lägen, antwortet: „Ich halte einen Kompromiss durchaus für möglich.“ Dass Mladen bleibt, ist für den HSV-Chef eh klar:_ „Er hat noch ein Jahr Vertrag – auch wenn er nicht verlängert, gehe ich davon aus, dass er nächste Saison bei uns auf dem Platz steht.“ Das soll der Kroate mit Paolo Guerrero im Angriff. „Wir planen mit Paolo und Mladen im Sturm“, verrät Jarchow, der die wichtigsten personellen Baustellen in der Innenverteidigung und dem Mittelfeld sieht.

Aber vor allem in der charakterlichen Eignung. „Unsere Aufgabe ist es, klare Zeichen dahingehend zu setzen, dass es anders weiter geht. Wir haben angekündigt, entscheidende Veränderungen in der Kaderzusammenstellung vorzunehmen und eine andere Struktur zu schaffen. In diesem Prozess befinden wir uns zurzeit. Auch der Auftritt gegen Freiburg wird mit in die Beurteilung einfließen“, so Jarchow, dessen Worte bedrohlich für die Leistungsverweigernden Akteure der 0:2-Pleite gegen den SC klingen müssen. Zumal Jarchow direkt hinterherschiebt: „Wir müssen schon sehen, dass wir darauf achten, welcher Spieler zu welchem Spieler passt“, sagt Jarchow und stellt der aktuellen Mannschaft diesbezüglich ein verheerendes Zeugnis aus. „Wir haben jetzt zwei Jahre lang auf große Namen gesetzt und es hat nicht wirklich gut funktioniert. Deshalb geht es uns jetzt nicht mehr darum, große Namen zu präsentieren, sondern eine gute Mannschaft zusammenzustellen.“

Wann das geschieht? Das ganze Geschäft kann man nicht bis zum Ende planen. In den nächsten 14 Tagen rechne ich nicht damit. Einige Transfers können sicherlich auch noch eine Kettenreaktion auf dem Markt auslösen. Das bedeutet, dass es vielleicht auch noch im August Situationen gibt, in denen Spieler angefragt werden. Uns ist bewusst, dass uns keine leichte Aufgabe erwartet. Wir haben einige spannende Ideen, wie wir das angehen wollen. Das Rad werden wir deshalb aber nicht neu erfinden. Wir stehen im Wettkampf mit anderen Vereinen.“

Erschwerend zu den nicht allzu üppigen finanziellen Mitteln geht es mal wieder um die diese Saison schon inflationär beim HSV zitierte „Charakterfrage“. Ob Jarchow glaubt, dass die aktuelle Mannschaft keine Mannschaft sei und die letzten sechs sowie die noch offenen zwei Bundesligaspiele seinem neuen Trainer Michael Oenning schon zu viel Kredit bei den Fans kosten könnten? „Die Probleme dieses Kaders waren uns bekannt“, sagt Jarchow und meint damit sowohl den Vorstand als auch den gerade frisch für zwei weitere Jahre inthronisierten Cheftrainer Michael Oenning. „Er wird von der Mannschaft aktuell im Stich gelassen“, so Jarchow, der die pessimistische Stimmung bei den Fans vernommen hat. „Aber wir werden uns davon nicht beirren lassen und an unserem grundsätzlichen Konzept, die Struktur der Mannschaft verändern, festhalten. Zusammen mit Michael Oenning!“

Allerdings ohne Guy Demel. Und wahrscheinlich auch ohne Joris Mathijsen, wie Jarchow heute andeutete: „Die Situation bei ihm ist völlig offen. Sollte uns ein Angebot vorliegen, werden wir darüber sprechen.“ Soll heißen: stimmt die Kohle, kann Joris gehen. Etwas, was auch auf Eljero Elia zutreffen dürfte. Immerhin gilt auch der Offensivspieler als „Verkaufs-Potenzial“. Wobei der Zwang, Spieler zu verkaufen, um Geld zu akquirieren, ausgerechnet durch zwei „Fehleinkäufe“ entzerrt werden könnte. So steuert der OSC Lille samt Innenverteidiger David Rozehnal auf Kurs Champions League und in Brasilien gilt Alex Silva aktuell als einer der besten Innenverteidiger. Für beide liegen dem HSV Anfragen vor, die im ersten Fall rund drei und im zweiten Fall rund fünf Millionen Euro bringen könnten/sollen. „An beiden Spieler besteht großes Interesse ihrer Klubs“, so Jarchow. Weshalb Silva nicht die Lücke in der Innenverteidigung schließen soll? „Diese Überlegung hatten wir auch, sind aber zu dem Schluss gekommen, dass Brasilien als Wohnumfeld für ihn besser geeignet ist.“ Soll heißen: der Brasilianer entspricht nicht dem charakterlichen Anforderungsprofil des „HSV 2011/2012“.

Anders Marcus Berg. Der schwedische Angreifer ist bei PSV Eindhoven nur bedingt glücklich geworden und soll im Sommer ebenso wie der zu Alemannia Aachen verliehene Tolgay Arslan sein Glück wieder in Hamburg probieren. Nachdem er am Mittwoch operiert wurde. „Er hat sehr lang mit einem Überbein am Hüftknochen gespielt“, erklärt Jarchow und führt entschuldigend für den mit elf Millionen Euro teuersten HSV-Neuzugang aller Zeiten entschuldigend hinzu: „Damit hat er sich selbst keinen Gefallen getan. Deshalb haben wir auf eine schnelle Operation gedrängt. Denn er ist ein Spieler mit Perspektive und ich gehe davon aus, dass er zu Saisonbeginn bei uns auf dem Platz steht.“ Nun denn, Berg kommt also zurück? Ich glaube, hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Ebenso wie bei Wolfgang Hesl. Der Keeper ist aktuell ausgeliehen, die Nummer eins beim SV Ried und – er will nicht nach Hamburg zurück. Zumindest nicht als Nummer zwei, die er nominell hinter Drobny in der kommenden Saison wäre. Das allerdings interessiert Jarchow nicht im Geringsten. „Der Mann hat hier einen Vertrag und muss dann einfach nur den Wettbewerb annehmen.“

Gleiches gilt für Zé Robertos immer wieder geäußerten Wunsch, einen Zweijahresvertrag zu unterschreiben. „Unsere Grundsatzentscheidung, mit ihm weiter zusammenzuarbeiten, bleibt. Wir bieten ihm einen Einjahresvertrag an.“ Trotz seines Wunsches, nach einem Zweijahresvertrag? „Ich wünsche mir auch viel“, sagt Jarchow und verleiht dem Frust über abwegige Spielerforderungen freiem Lauf: „Torun wollte ‚ne Stammplatzgarantie, Hesl will in Österreich bleiben – und ich will irgendwann mal DFB-Präsident werden. Nein, das kann es doch nicht sein. Wo kommen wir denn hin, wenn wir uns all dem unterordnen?“

Nicht gefallen lässt sich der HSV auch das Verhalten Änis Ben-Hatiras bei dessen Auswechslung (verweigerter Handschlag etc.). Am Dienstag muss der Offensivspieler deshalb bei Jarchow vorstellig werden. Aber er muss nicht allzu viel befürchten. „Ich halte nicht viel von Drohungen. Warum soll er jetzt büßen, dass früher mal Flaschen geworfen wurden? Das Verhalten von ihm war nicht akzeptabel. Das weiß er auch und hat sich dafür bei Michael Oenning und der Mannschaft entschuldigt. Er ist noch ein junger Spieler mit vielen Emotionen, den man führen muss. Das werde ich ihm morgen auch noch einmal in einem persönlichen Gespräch sagen und ihm mitteilen, was ich von ihm erwarte.“ Ergo: Ein Rüffel – Geldstrafe inklusive.

Nicht gefallen hat Jarchow im Übrigen neben der Gesamtleistung im Spiel das Verhalten der Spieler im Anschluss. Da waren große Teile der Mannschaft ohne Gruß in die Fankurve gen Kabine entschwunden, während Frank Rost samt Tochter eine Abschiedsrunde drehte. „Ich fand das alles etwas unpassend“, so Jarchow, der mit den grußlosen Spielern ebenso ein ernstes Wort sprechen will wie mit Frank Rost. „Ich fand, zu feiern hatten wir nichts.“ Dass Rost immer solche Runde dreht, egal ob Sieg oder Niederlage, wollte Jarchow nur bedingt als Erklärung hinnehmen. „Dass er seine Tochter dazuholt und so eine Runde dreht, war unpassend. Das macht man, wenn man etwas zu feiern hat. Und das war nicht der Fall.“

Leider nicht. Schon lange nicht mehr. Vielmehr droht das erste Mal seit Jahren die Situation, dass über die Sommerpause hinweg eine Frustatmosphäre bei Verein, Spielern und Fans herrscht.

Zumal, wenn wie zuletzt befürchtet, solche Transfers wie der angedachte von Nürnbergs Ilkay Gündogan nicht klappen. Ob auch Jarchow eine Frustatmosphäre fürchtet? „Wenn es nicht deutlich besser wird, ist die se Gefahr da.“ Ob Gündogan wirklich schon beim neuen Deutschen Meister Borussia Dortmund (nachträglich meinen allerherzlichsten Glückwunsch!!!) zu- und entsprechend beim HSV abgesagt hat? Jarchow: „Nein, das ist mir nicht bekannt.“ Dennoch scheint sich Jarchow keine großen Hoffnungen mehr zu machen, den hoch gelobten Mittelfeldspieler an die Elbe lotsen zu können. Anders ist die folgende Aussage jedenfalls für mich absolut nicht nachvollziehbar. Jarchow: „Er steht bei uns nicht ganz oben auf der Prioritätenliste.“ Worte, die bei Gündogan wahrscheinlich auch letzte Zweifel, ob Hamburg nicht doch besser für ihn wäre, wahrscheinlich wegwischen. Worte, die den HSV ein großes Talent kosten könnten.

Na gut – oder auch nicht – aber mit einer solchen Aussage schraubt Jarchow natürlich auch die Erwartungen der Außenstehenden an sich und sein Team beim HSV in die Höhe. Immerhin zählt Gündogan zu den absoluten Toptalenten der Liga. Und das, obwohl er, wie Jarchow anmerkt, „zuletzt nicht mehr allzu oft von Beginn an“ aufgeboten wurde.

Auf jeden Fall bin ich gespannt, ob es der Vorstand im Gegensatz zur Mannschaft schafft, den eigenen Worten auch entsprechende Taten folgen zu lassen.

In diesem Sinne, im Abspann noch ein paar letzte, interessante und kurz zusammengefasste Infos.

Bis morgen!

Scholle
(19.23 Uhr)

P.S.: Der HSV erwägt, Romeo Castelen einen stark leistungsbezogenen Einjahresvertrag anzubieten, sofern die medizinische Abteilung Grünes Licht gibt. „Seine medizinische Prognose ist sehr schwierig“, schränkt Jarchow ein, „aber ich tendiere dazu, den Leuten zu helfen. Und dabei haben wir wie in diesem Fall auch eine gewisse Sorgfaltspflicht.“

P.P.S.: Sören Bertram wird aller Voraussicht nach noch ein weiteres Jahr an den FC Augsburg ausgeliehen.

P.P.P.S.: Frank Arnesen wird aller Wahrscheinlichkeit nach erst Mitte Mai beim HSV auch vor Ort anfangen zu arbeiten, nachdem der FC Chelsea seit diesem Wochenende (ManU patzte) wieder berechtigt auf die Meisterschaft – und Arnesen dementsprechend auf ein schönes Erinnerungsfoto hoffen dürfen…

P.P.P.P.S.: Die oft zitierte Kooperation mit dem FC Chelsea wird es nicht geben. „Frank Arnesen kennt sicherlich einige tolle Talente“, so Jarchow, „zumindest setzen wir darauf. Aber eine vertragliche Zusammenarbeit der beiden Klubs spielt in unseren Gedanken keine Rolle.“

P.P.P.P.P.S.: Während für Bastian Reinhardt eine Funktion als Bindeglied zwischen der HSV-Profiabteilung und Ochsenzoll geplant ist, ist die Zukunft vom jetzigen Oenning-Assistenten Rodolfo Cardoso völligf offen. “Das entscheiden Oenning und Arnesen in den nächsten Wochen”, so Jarchow.