Tagesarchiv für den 1. Mai 2011

Diese Mannschaft ist keine Mannschaft

1. Mai 2011

Meine Güte, das fällt schwer. Was genau? Alles! Wirklich alles. Die Analyse des gestrigen Spiels zum einen. Zum anderen fällt es mir schwer, die Reaktionen der Spieler nachzuvollziehen. Oder besser, es fällt mir schwer, dieser Mannschaft noch eine positive Reaktion in den letzten beiden Spielen zuzutrauen. Und so sehr ihr hier darauf hofft und mich immer wieder dazu auffordert, dass hier Mut gemacht wird, damit ist jetzt Schluss. Ich hatte es in den letzten Wochen schon häufiger geschrieben, dass ich dem gemeinsamen Wunsch auf Erfolg bis zu dem Zeitpunkt, wo auch die letzte theoretische Chance vergeben ist, alles unterordne. An der einen oder anderen Stelle auch meine persönlichen Ansichten. Aber eine derart lustlose und ideenlose Darbietung wie gegen den SC Freiburg allein ist ja schon schlimm genug. Noch schlimmer ist für mich jedoch, dass so etwas einer Mannschaft passiert, die eine gesamte Saison über so enttäuscht hat, dass sie gerade jetzt, wo der tabellarische Druck nicht mehr vorhanden ist, den Fans mehr als nur etwas schuldig ist. Für mich ist das eine Einstellungssache, eine Charakterfrage. Und für mich hat die Mannschaft gestern ihren wahren Charakter gezeigt und damit auch das bewiesen, was unterschwellig die gesamte Saison mitschwingt: diese Mannschaft ist keine Mannschaft, es ist lediglich eine Ansammlung verschiedener individuell guter Fußballer. Dass in dieser Saison das niemals ruhige Umfeld seinen Teil dazu beigetragen hat, will ich nicht bezweifeln.

Das Schlimmste an der ganzen Geschichte ist, der HSV hat teilweise sogar sehr guter Fußballer. Das beste Beispiel dafür ist für mich Zé Roberto. Ich gebe zu, dass ich ein riesiger Fans des Brasilianers bin. Seine Art Fußball zu spielen, seine Ballbehandlung und die Fähigkeit, ein Spiel allein gestalten zu können haben ihn in meiner Rangliste ganz nach oben katapultiert. Die Phase in der Vorsaison, in der sich Zé dauerhaft mit irgendwelchen Wehwehchen rausnahm oder auf dem Platz schwache Leistungen bot, habe ich dem verbockten Verhältnis zu Trainer Bruno Labbadia zugeschrieben. Wobei ich Labbadias Beratungsresistenz als ausschlaggebend für den Ärger zwische den beiden nahm und somit weiter die Hoffnung hatte, dass sich Zé bei einem etwas diplomatischeren Trainer wieder fangen und den HSV führen würde.

Womit ich ja auch anfangs recht hatte. Umso schmerzhafter ist für mich jetzt die Einsicht, zu naiv gewesen zu sein. Meine Hoffnung an das Gute im abgezockten Fußballprofitum wurde einmal mehr widerlegt. Es ist bei Zé weniger die Frage nach dem Können, denn die nach dem Wollen. Denn die gestrige fünfte gelbe Karte nehme ich Zé nicht als „Unfall“ ab. Auch wenn er selbst sagt, dass er sich selbst am meisten ärgern würde und er ja eigentlich immer spielen wolle – für mich sah es so aus, als wollte er die Pause. Zumindest nahm er sie billigend in Kauf und schwächte die Mannschaft fahrlässig. Obwohl es das für ihn wahrscheinlich vorletzte Spiel für den HSV sein. Denn auf die Frage, ob er sich trotz allem einen Verbleib in Hamburg vorstellen könnte, antwortete er heute kryptisch: „Das ist schwer zu beantworten.“

Wirklich? Ich finde nicht.

Ich finde, gerade ein Spieler wie Zé Roberto ist in der Pflicht, die Fehler der Saison auszumerzen. Er ist einer der Top-Verdiener – was sicher keine Leistung garantieren kann. Aber er ist immerhin deshalb einer der Top-Verdiener, weil ihm mehr zugetraut und eben auch mehr von ihm gefordert werden darf. Diesen Deal ist er eingegangen. Und das ist er schuldig. Immer noch. Deshalb wäre meine klare Antwort gewesen: Na klar, ich habe hier noch eine Aufgabe zu erfüllen.

Aber gut, damit bin ich allein auf weiter Flur. Soetwas gibt es heute ja schon kaum mehr im Amateurfußball. Und auch die Wahrscheinlichkeit, dass Zé einen neuen Vertrag unterschreibt, ist gesunken. Gesunken in eine hohe Unwahrscheinlichkeit. In dieser Woche hat Zés Berater einen Termin beim HSV, aber von einer Einigung ist nicht auszugehen. Zum einen, weil der HSV das mit rund vier Millionen Euro teure Gehalt nicht mehr zahlen will, zum anderen, weil Zé dem Vernehmen nach nicht mehr will. Und ganz ehrlich: ich glaube auch, es hätte wenig Sinn, wie die letzten zwei Jahre unterm Strich gezeigt haben.

Apropos unterm Strich: da wird sich, so wie ich ihn kennengelernt habe, auch Michael Oenning hinterfragen. Sechs Spiele, sechs Punkte – auf 34 Spieltage hochgerechnet wären das 34 Punkte – und damit Abstiegskampf. Aber gut, eine solche Hochrechnung ist unzulässig, weil höchst theoretisch. Und ich möchte auch klarstellen, dass ich ihm eine echte, eine faire Chance wünsche. Denn die hat er bislang nicht bekommen. Wenn ich bedenke, dass es gestern schon erste „Oenning raus“-Rufe gegeben haben soll – ich habe sie nicht gehört! -, ahne ich Böses. Dann scheinen einige (viele?) es noch immer nicht verstanden zu haben. Denn bei aller Liebe, wer glaubt, diese sechs Spiele könnten repräsentativ sein für die kommende Saison, der ist tatsächlich noch naiver als ich es bei Zé war.

Womit ich bei der nächsten Personalie bin: Mladen Petric. Der Kroate ist zwar verletzt, sorgt intern aber für Gesprächsstoff. Erste Gespräche mit dem HSV sind ebenso erfolglos gelaufen wie die Partie gegen Freiburg. Schlimmer noch: es wird gesagt, der HSV und sein Top-Torjäger lägen finanziell so weit auseinander wie der FC St. Pauli und der Klassenerhalt.

Meine letzte Personalie für heute ist eine – zumindest heute – etwas erfreulichere: Änis Ben-Hatira. Denn der Deutsch-Tunesier zeigte sich heute reumütig. Er selbst habe seinen Emotionen freien Lauf gelassen. Und ganz ehrlich, dem einst schwierigen Jungstar nehme ich das ab. Er soll heute auch völlig am Boden gewesen sein. In den nächsten Tagen folgt noch ein Gespräch mit Klubboss Carl Edgar Jarchow, der dem Offensivspieler für dessen Fehlverhalten (verweigerte Trainer und Einwechselspieler Jonathan Pitroipa den Handschlag) eine Geldstrafe aufdrücken wird. Womit die Sache beendet sein sollte. Zumindest diese, so lange wie sich Änis fortan schadlos hält. Oder wie sagte schon mein Geschichtslehrer Herr Pischke früher: „Einmal ist kein Mal – zweimal ist immer…“

Womit ich den heutigen Blog beschließen will. Morgen melde ich mich nach dem Gespräch mit Clubchef Jarchow wieder.

Mal sehen, vielleicht hat der Interims-Boss ja endlich mal positive Neuigkeiten.

In diesem Sinne, bis morgen!

Scholle

P.S.: Am Montag ist trainingsfrei.