Monatsarchiv für Mai 2011

Mancienne ist gelandet – Petric auch

31. Mai 2011

Mein lieber Herr Gesangsverein! Da kommt ja richtig was auf mich zu. Eine Menge Kritik, weil ich Arnesen angegriffen haben soll. Und sogar Bepöbelungen, ich würde mich vom bösartigen Vereinsgremien missbrauchen lassen. Wow!

Aber gut, vielleicht ist es auch mein Fehler gewesen. Ich hatte gehofft, mich klarer ausgedrückt zu haben. Mir ging es eben gerade nicht darum, Arnesen anzuklagen. Er muss und soll viel verändern. Dennoch braucht auch er als Neuer ein Regulativ. Jemanden, der ihn berät – und wenn‘s denn nötig wird eben auch kontrolliert. Mir ging es tatsächlich nur darum, das Gleichgewicht, das ein funktionierender Klub braucht, vorsichtig anzumahnen. Sollte das so nicht rübergekommen sein, dann aber jetzt.

Und kommt mir bitte nicht wieder mit: „Oh Mann, jetzt gibt er wieder klein bei.“ Oder auch: „Scholle, schwach! Entweder ganz oder gar nicht“. Das ist ehrlich gesagt absoluter Blödsinn! Denn ich erkläre mich nur, nachdem einige von Euch mich angeklagt haben. Dieses Recht habe ich. Und das nehme ich mir.

Bislang habe ich nie auf etwaige Bepöbelungen reagiert. Ich bin ruhig geblieben, weil ich von Anfang an wusste, worauf ich mich als Verfasser in einem anonymisierten Blog einstellen muss. Ich rege mich allerdings auch deshalb nicht darüber auf, weil ich das Niveau hier noch immer als sehr ordentlich empfinde. Egal, was einige Dauerkritiker meinen, hier wird größtenteils und deutlich mehr als in anderen Foren sachlich, fachlich, mit und ohne Hintergrundwissen sowie mit Feuereifer und Herzblut diskutiert – da gibt es immer mal Schwankungen nach oben und unten. Auch, von mir oder über mich.

So what??

Nein, bis auf die Antwort an Tom, der mir Bösartigkeit unterstellen wollte, nehme ich Eure kritischen Bemerkungen ernst, aber nicht persönlich. Wir müssen nicht einer Meinung sein. Ich kann auch mal furchtbar falsch liegen. Bei Sammer haltet Ihr mir das vor – aber das ist ein anderes Thema… Das Millionenloch, für welches Ihr mich tagelang aufs Übelste verurteilt habt, ist bestätigt. Und so oft auch gesagt wird, dass Zahlen schwarz auf weiß nicht lügen – in einer Konzernbilanz wie der des HSV durchaus Raum für Interpretationen und Variabilität. Das sollten gerade die Finanzexperten unter uns wissen. Aber der Fakt, dass der HSV rund 20 Millionen Euro in den nächsten Jahren einsparen muss, weil er zuletzt und insbesondere in den letzten zwei Jahren mehr ausgegeben als eingenommen hat, ist unbestritten. Das müsst auch ihr zugeben, so wie ich eingestehen muss, mit dem Titel (…“am Abgrund“) definitiv übers Ziel hinaus geschossen zu haben.

Insofern: wie heißt es bei Monty Pythons „Die Ritter der Kokusnuss“ so schön von dem Ritter, dem gerade Arme und Beine abgeschlagen worden waren: „Einigen wir uns auf ein Unentschieden?“

Ich bin auf jeden Fall dabei.

Schließlich geht unser Blick nach vorn. Sollte er auf jeden Fall. Mit Frank Arnesen als Bauherr, Michael Oenning als Architekt des sportlichen Erfolges und Carl Edgar Jarchow als Hausherr in führenden Rollen. Und einem Michael Ian Mancienne, der heute um 14.39 Uhr auf dem Flughafen Fuhlsbüttel gelandet ist und anschließend bei Dr. Siekmann seinen medizinischen Check bestanden hat. Im Moment sitzen Mancienne, sein Berater Andy Niedzwiecki sowie die HSV-Führung mit Klubboss Carl Edgar Jarchow und Frank Arnesen zusammen. Es geht dabei zwar nur noch um Details, aber auch die – wie bei Sammer gesehen – können gefährlich sein…

„Ich hoffe, dass wir alles ganz schnell über die Bühne kriegen.“, sagt Niedzwiecki, „es gibt kaum Differenzen.“ Auch deshalb äußerte sich Mancienne selbst bereits kurz nach der Landung. „Es ist eine riesige Chance für mich, für einen so großen Klub wie Hamburg spielen zu können“, so der 23-Jährige, „es ist mein Ziel, mich mit dem HSV wieder für Europa zu qualifizieren.“ Unumwunden gab er zu, dass es für ihn bei der namhaften Konkurrenz in der Innenverteidigung wenig Sinn gemacht hätte, bei Chelsea zu bleiben. „Das wäre wohl sehr schwer geworden“, so der Defensiv-Allrounder, der beim Test mit Chelsea beim HSV vor einem Jahr zum ersten und letzten Mal in Hamburg war. „Meine Gespräche habe ich fast ausschließlich mit Frank Arnesen geführt“, so Mancienne, der entsprechend auch über den HSV nicht allzu viel weiß. „Ich weiß, dass es für den Verein und für mich eine große Herausforderung ist“, sagt Mancienne und sein Berater ergänzt: „Sollte es am Saisonende für den internationalen Wettbewerb reichen, wäre es sicher eine gute Saison.“

Das stimmt wohl. Da wären wohl tatsächlich alle zufrieden. Zumal noch nicht klar ist, wer bei diesem Unternehmen helfen wird. Weder Zu- noch Abgänge sind endgültig bestimmt. Selbst der Verbleib von Mladen Petric, der heute wegen Adduktorenproblemen das Trainingscamp der kroatischen Nationalmannschaft verließ, ist noch nicht sicher. Heute oder morgen sollen weitere Verhandlungen geführt werden, um den Vertrag des Top-Torjägers des HSV vorzeitig zu verlängern. Sollte das misslingen, würde ein sofortiger Verkauf des „Magiers“ angestrebt. Und das ist nicht so unwahrscheinlich. Immerhin fordert Petric eine Gleich- oder eher Besserbehandlung gegenüber seinem Sturmpartner Paulo Guerrero, der nach den Abgängen von Van Nistelrooy und Zé Roberto mit den kolportierten knapp vier Millionen Euro Jahresgage (alles inkl.) der neue Topverdiener ist.

Zudem wurde heute ein neuer, sehr interessanter Name gehandelt: Josh McEachran. Der 18-jährige in Schottland geborene englische U-21-Nationalspieler soll angeblich für knapp fünf Millionen Euro zum HSV wechseln. Sein aktueller Klub? Natürlich der FC Chelsea. Ebenfalls gehandelt wird der Schwede Tobias Hysen. Der 29-jährige Offensivspieler des IFK Göteborg soll dem vernehmen nach für rund zwei Millionen Euro zu bekommen sein.

Egal wie, mit Mancienne, dessen Vollzug noch heute Abend auf www.hsv.de vermeldet werden soll, ist der erste Hoffnungsträger gelandet. Vier Jahre soll der 1,84-Meter-Mann unterschreiben und zusammen mit dem nächsten jungen Hoffnungsträger, Jeffrey Bruma, die Viererkette verstärken. Beide kennen sich bereits vom FC Chelsea, obgleich sie außer in Testspielen nie gemeinsam zum Einsatz gekommen sind.

Petric verlängern, bei Mancienne Vollzug melden und Bruma sowie McEachran dazu – das hätte schon was.

In diesem Sinne, bis morgen!

Scholle
18.15 Uhr

Es passiert endlich Nennbares ***ergänzt***

30. Mai 2011

***Ergänzung/Erklärung: Mitnichten bin ich Frank Arnesen gegenüber negativ eingestellt. Sollte es sich so für Euch lesen, täuscht der Eindruck. Vielmehr wollte ich sagen, dass es normal ist, dass ein neuer Sportchef bei Amtsantritt seinen Stempel aufdrücken will. Und das ist – zumal wenn es eine ganze zeitlang bescheiden lief im Klub – auch gut so. Dennoch muss der Verein in Person des Vorstandes bzw. des Aufsichtsrates ein Auge darauf haben, dass sich die Struktur nicht zu sehr an einer Person orientiert. Denn so könnte der Verein in eine falsche Abhängigkeit geraten und dadurch künftig bei seinen Entscheidungen nicht mehr komplett frei sein. Ich wollte lediglich präventiv darauf hinweisen, dass ein gewisses Gleichgewicht beachtet werden muss. In diesem Sinne: ich freue mich auf Arnesens Neuerungen!****

Zuallererst muss ich mich entschuldigen! Eigentlich sollte dieser Blog schon um 17.30 Uhr online stehen. Allerdings habe ich mich da mit dem wunderbaren Betriebssystem „apple“ getäuscht – denn das hat mich bitterlich im Stich gelassen, als ich dem Wetter angemessen im Freien diese Zeilen schreiben wollte….

Egal wie, es gibt ja wenigstens gute Nachrichten dieser Tage zu vermelden: „Menntschenn“, wie der Nachname von Chelsea-Profi Michael Ian Mancienne ausgesprochen wird, kommt zum HSV. Genau genommen ist er morgen kurz zum Medizincheck in Hamburg und reist anschließend wieder ab. Die englische U-21-Nationalmannschaft ruft. Zeit für uns Journalisten hat er leider nicht – insofern kann ich Euch keine persönlichen Eindrücke versprechen. Aber ich habe mich umgehört. Und was ich zu hören bekommen habe, klingt besser, als es die Vita des 23-Jährigen U-21-Nationalspielers (das schreib ich nur, weil ich diese U-21-Regelung bis heute nicht nachvollziehen kann…) zunächst vermuten lässt.

Der Defensiv-Allrounder, der alle englischen Jugendnationalmannschaften durchlaufen hat, steht bereits seit sechs Jahren bei Chelsea unter Vertrag, davon aber gerade mal 15 Monate im Kader – und das auch noch „nur“ in Etappen. Ansonsten spielte er die meiste Zeit als Leihspieler bei den Wolverhampton Wanderers, die es gerade noch geschafft haben, den Abstieg aus der Premier League zu vermeiden. 16 Einsätze konnte der junge HSV-Bald-Zugang in dieser Spielzeit in Englands höchster Liga verbuchen, 50 (davon vier für Chelsea) insgesamt. Nicht zu viel für einen rund zwei Millionen Euro teuren Spieler, der seit drei Spielzeiten auf höchstem Niveau vertreten ist.

Dennoch schwört insbesondere der neue Sportchef Frank Arnesen auf den Verteidiger. Der Rechtsfuß gilt nicht nur als talentiert sondern als Erstligaspieler, der zuletzt Verletzungspech (Patellasehnenreizung) hatte und dem lediglich zu starke Konkurrenz vorgesetzt ist. Ähnlich wie Jeffrey Bruma ist Mancienne nur übrig. Ein Opfer der Abramowitsch-Milliarden, die fertige Weltklasseleute ermöglichen und die dazu verleiten, das Risko zu meiden, ein junges Talent aufzustellen. Egal wie gut es ist. So seltsam das auch klingen mag.

Aber wen stört es, solange wir beim HSV davon profitieren? Gleich für vier Jahre soll der Mann mit englischem Pass und dem Geburtsort Sychellen in Hamburg unterschreiben. Eine Investition, die schwer abzuschätzen ist, die aber alle Profilpunkte eines Umbruchs zu jungen Spielern mit Talent beinhaltet. Und eine Investition, die – die Verpflichtung von Bruma vorausgesetzt – dem HSV Spielraum in der Verteidigung verschafft. Denn wie Bruma hat auch Mancienne seine größten Stärken als Innenverteidiger, kann aber auch als defensiver Mittelfeldspieler und als Rechtsverteidiger eingesetzt werden.

Zumal dort ein Platz auf sicher frei wird: Guy Demels. Der Ivorer hat bei Trainer Michael Oenning bekanntermaßen keine Zukunft mehr und verhandelt derzeit mit französischen Klubs ebenso wie mit Vereinen in London (mehr wollte man mir nicht sagen, außer, dass es nicht Arsenal ist). Zudem steht am Mittwoch um 15 Uhr der große Gipfel mit Vorstandsboss Carl Edgar Jarchow sowie Frank Arnesen an, in dem Demel um seine möglichst kostengünstige Freigabe bitten will. Zwar ist der HSV alles andere als gewillt, für den Ivorer auf Geld zu verzichten. Aber egal wie, bei Demel wie auch beim ersten Neuzugang (und zweiten gleich hinterher?) stehen Entscheidungen an. Es passiert tatsächlich etwas Nennbares – der HSV kauft ein.

Und das mal wieder beim FC Chelsea. Nicht, dass es mich verwundert, immerhin kennt sich Arnesen dort am besten aus. Allerdings, und das Gefühl beschleicht mich langsam, wird beim HSV zu viel in Richtung Arnesen-Wunsch umgebaut. Zuerst wollte der Däne lange Zeit seinen Wunschtrainer Solbakken durchdrücken, scheiterte aber am HSV-Vorstand und den finanziellen Möglichkeiten in Hamburg. Dann wurde die medizinische Abteilung aufgelöst und durch Arnesens Leute vom FC Fulham ersetzt. Gleiches passiert jetzt – wobei das mit Sicherheit das Normalste an dieser Umgestaltung ist – auf Spielerseite. Das „System Arnesen“ wird umgesetzt. Worüber ich mich auf der einen Seite freue, weil es etwas Neues ist. Andererseits aber: was passiert, wenn die Neuerungen nicht greifen und sich der HSV von Arnesen lossagen will? Dann stünde erneut ein langwieriger, großer Umbruch an allen Ecken bevor, weil neben dem Sportchef auch viele seiner mitgebrachten und neu eingesetzten Spezis den Verein verlassen würden/müssten/wollten.

Nein, der HSV muss aufpassen, dass er sich nicht zu sehr den Vorstellungen und Wünschen einer einzelnen Person unterwerfen. Es darf nie eine Abhängigkeit von einer Person entstehen, wie sie einst beim FC Kaiserslautern vorgekommen sein soll, als mehr als die Hälfte der Mannschaft den selben Berater hatte und der angeblich Einfluss genommen haben soll auf sportliche Entscheidungen. Das Ergebnis: Abstieg in die Zweite Liga.

Aber okay, ich will nicht zu negativ denken. Im Gegenteil, bislang gibt Arnesen dazu wenig Anlass. Der Däne ist immer höflich, spricht von Teamgedanken und das nicht nur uns ggenüber sondern auch ggenüber dem Vorstand, der Mannschaft und den sonstigen Angestellten des HSV gegenüber. Am wichtigsten aber ist, Arnesen genießt fachlich einen sehr guten Ruf und – er beginnt, dem Kader neue Konturen zu verleihen. So soll er am Wochenende in London nicht nur Mancienne und Bruma verhandelt haben, sondern parallel auch den verkauf einiger Spieler forciert haben. Unter ihnen steht – kein Wunder bei den Neuverpflichtungen – Joris Mathijsen ganz oben auf dem Zettel. Intern gilt der Abgang des 31-Jährigen, der von Ajax Amsterdam und einem spanischen Klub umworben wird, als beschlossene Sache.

Als offener denn je gilt indes die angedachte Verpflichtung von Eintracht Frankfurts Pirmin Schwegler. Immerhin pokern alle Seiten. Neben dem HSV und Frankfurt, die den Schweizer halten wollen ist auch der VfB Stuttgart. Und während die Hessen so tun, als seien sie nicht gewillt, den Spieler abzugeben, um so den Preis in die Höhe zu treiben, setzt der HSV darauf, keine existenziellen Nöte preis zu geben. Ebenso der VfB, der laut Trainer Bruno Labbadia im defensiven Mittelfeld keine leidet. Selbst Schwegler sagt nicht alles, was er weiß: „Ich habe einen laufenden Vertrag, der ach in der zweiten Liga Gültigkeit besitzt“, so der Umworbene am Rande des Zusammentreffens mit der Schweizer Nationalmannschaft, „und Eintracht Frankfurt hat mir mitgeteilt, dass man mit mir plant.“ Mehr konnte und wollte er aus Respekt dem aktuellen Arbeitgeber gegenüber auch nicht sagen. Denn, und das scheint klar, Schwegler selbst strebt einen Wechsel an, hat diesen Wunsch auch bei der Vereinsführung seines Noch-Arbeitgebers hinterlegt. Sein großes Ziel ist die Teilnahme an der EM im kommenden Jahr – und dafür wäre ein Jahr Zweite Liga sicher nicht die beste Empfehlung.

Empfehlen werde ich allerdings jetzt mich. Denn, und das ist das Motto an diesem schönen Tag, ich will Euch keine Sekunde länger als nötig stehlen. Im Gegenteil, genießt den schönen Tag und die durchaus guten Nachrichten vom HSV.

Bis morgen!

Scholle
19.46 Uhr

Wie es mit vielen HSV-Talenten lief

29. Mai 2011

Der HSV kommt englisch. Jedenfalls dann, wenn man den Gerüchten glauben soll. Demnach bringt Sportchef Frank Arnesen ja einige Talente von der Insel mit nach Hamburg. Da kommt doch Vorfreude auf, oder? Ich muss gestehen: nein. Ich warte nicht nur auf diese Vorfreude, ich warte auch erst einmal ab. Ich warte darauf was da kommt, wer da kommt, was derjenige schon in seiner noch kurzen Karriere erreicht hat, was über ihn gesagt wird. Zu oft wurde ich in der Vergangenheit enttäuscht. Was hat der HSV nicht schon alles an Talenten verpflichtet. Und was haben die Zeitungen, jawohl, ich gebe es zu, auch ich, nicht alles in die eine oder andere Verpflichtung hineininterpretiert. Wenn ich nur mal an den Namen Macauley Chrisantus erinnere. Dem wurden damals wahre Wunderdinge nachgesagt, der würde die Bundesliga in Grund und Boden schießen – und den HSV zur Meisterschaft. Und vieles mehr. Doch daraus ist bis heute nichts geworden. Und so recht mag ich auch nicht mehr daran glauben, dass das noch eines Tages mal etwas wird.

Um noch einmal vom Thema abzuschweifen: Wenn man so vorm Fernseher sitzt und sih Barcelona gegen Manchester United ansieht, dann denkt man ja auch ab und an mal an den HSV. Man vergleicht beide Mannschaften natürlich nicht mit dem HSV, aber man denkt schon daran, warum der HSV nicht wenigstens mal einen Hauch von Champions League spielt? Nicht einmal den kleinsten Hauch davon sehen wir doch über das ganze Jahr gesehen, und das ist schon jammerschade.

Um mal direkt auf diesen Abend zu kommen: Erst waren Frau M. und ich bei Lotto King Karl, dann habe ich mir die Aufzeichnung von Barca gegen ManU angesehen. Und geschwärmt. Mein Freund Bert sagt ja, dass war das beste Fußballspiel, das er je gesehen hat. Man ist mit solchen Superlativen ja manchmal recht unvorsichtig, aber er mag richtig liegen. Für sich – und für mich. Ihr habt ja schon alles gesagt dazu, aber ich möchte noch einmal den kleinen Messi hervorheben. Unglaublich, was ist das nur für ein Über-Fußballer! Wenn ich es nicht schon vor Wochen geschrieben hätte, dass dieser Argentinier noch besser ist als die bislang beiden Größten, nämlich Pele und Maradona, dann müsste ich es spätestens jetzt machen. Unfassbar! Gigantisch, dieser Mann, einfach gigantisch. Und mit dem darf sich nun bald unser Piotr Trochowski messen . . . Nein, nein, nicht gleich aufstöhnen oder aufschreien, das war nur ein kleiner Scherz am Rande.

Beim FC Barcelona frage ich mich, wer diese Mannschaft schlagen soll? Weit und breit ist keine zu sehen. Und wenn ich daran denke, dass ManU so deutlich unterlegen war, zuvor aber Schalke in Gelsenkirchen aus dem Stadion gefegt hatte, dann kann man schon nachdenklich werden. Schalke erhielt ja in Deutschland eine Vorführung, die noch schlimmer war, als die ManU nun von Barca erteilt bekam. Quervergleiche sollte man im Fußball zwar nie anstellen, aber Zufall sind solche Spiele und solche Unterschiede ganz sicherlich nicht. Noch einmal zurück, wer Barca schlagen sollte? Das dachten die Experten und die Fans weltweit ja auch damals, in den 60er-Jahren, von Real Madrid (mit Puskas, Di Stefano, Santamaria, Gento). Und dann kam Benfica Lissabon mit den überragenden Leuten wie Eusebio, Coluna, Aguas und Simoes. Doch alles hat seine Zeit, irgendwann, Jahre, Jahre später, mischten auch die Bayern mit. Und ein, zwei Mal auch der HSV.

Wobei ich wieder beim deutschen Fußball bin. Wie sieht es eigentlich in den letzten Jahrzehnten mit den deutschen Erfolgen im Welt-Fußball aus? Die Deutsche Presse-Agentur hat dazu folgende Aufstellung veröffentlich, die zum Nachdenken anregt. Irgendwie passen, so habe ich bei mir gedacht, als ich das so komprimiert vor die Augen bekam, die überragenden Zuschauerzahlen, die die Bundesliga gegenüber den anderen Ländern hat, nicht so recht mit den Leistungen zusammen. Hier könnt Ihr es nachvollziehen:

Deutsche Titel-Durststrecke im Fußball

Bundestrainer Joachim Löw sehnt ein Ende der titellosen Jahre im deutschen Fußball herbei. Die Nationalelf wartet seit dem EM-Triumph 1996 auf einen Turniersieg. Zwei Endspiele wurden seitdem bei großen Turnieren erreicht und verloren, das letzte unter Löw bei der Europameisterschaft 2008 gegen Spanien. Auch im Klub-Fußball liegt der letzte Erfolg einer Bundesliga-Mannschaft im Europapokal inzwischen ein Jahrzehnt zurück: 2001 gewann der FC Bayern München die Champions League.

Letzter Titelgewinn der deutschen Nationalmannschaft:
EM 1996: Deutschland – Tschechien 2:1 i. V. (Golden Goal)

Verlorene Turnier-Endspiele seit dem letzten Titel:
WM 2002: Deutschland – Brasilien 0:2
EM 2008: Deutschland – Spanien 0:1

Letzter Titelgewinn eines deutschen Klubs im Europapokal:
Champions League 2001: Bayern München – FC Valencia 1:1 – 5:4 i. E.

Verlorene Endspiele seit dem letzten Titel:
Champions League 2002: Bayer Leverkusen – Real Madrid 1:2
Uefa-Cup 2002: Borussia Dortmund – Feyenoord Rotterdam 2:3
Uefa-Cup 2009: Werder Bremen – Schachtjor Donezk 1:2 n. V.
Champions League 2010: Bayern München – Inter Mailand 0:2.

So, und nun zurück zum HSV. Und zu den Talenten. Nicht jene, die nun kommen sollen, sondern die, die sich hier in Hamburg vergeblich versuchten. Oder sich gar nicht erst versuchen durften. Weil ihnen nie eine richtige Cahnce eingeräumt wurde. Wenn ich so im Jahre 2000 beginne, dann sind da Namen dabei, die klangvoll und vielversprechend waren. Marcel Ketelaer kam damals, und ich schrieb im Abendblatt, dass der Flügelflitzer der nächste Nationalspieler des HSV werden würde. Denkste! Ein Jahr später war ein Stürmer namens Kim Christensen dabei. Für mich endlich einmal Talent, das seinen Weg machen würde. Denkste! Vier Einsätze in der ersten Saison, acht in der zweiten – Abgang nach Holland (Twente). Heute kickt dieser Christensen bei Hellerup IK in der Zweiten Liga Dänemarks, sein Marktwert: 50 000 Euro. Ein Schnäppchen.

Ein Verteidiger namens Stephan Kling kam 2002 von den Bayern-Amateuren. Galt als großes Talent. Er spielt heute für die Sportfreunde Lotte, Marktwert: 100 000 Euro – immerhin noch. 2003 dann die große Nachwuchs-Revolution beim HSV, denn mit Bröcker, Laas, Dogan, Sen und Leschinski stießen gleich fünf Talente zum Profi-Kader. Wo sind sie geblieben? Mustafa Kucukovic kam 2004 vom VfL Bochum, mit ihm Oliver Hampel (Hertha BSC). Beides Jugend-Nationalspieler. 2005 kam Rouwen Hennings (heute St. Pauli) nach oben, kam dort aber nie richtig an. Dazu noch Benny Feilhaber. Dem eilte fast schon ein ganz hervorragender Ruf voraus, er galt als „Welt-Talent“, dennoch setzte er sich in Hamburg nie durch. Später wurde er Stammspieler in der amerikanischen Nationalmannschaft, spielte bei der WM 2002 auch gegen Deutschland. So kann es gehen. Oder Reto Ziegler. Der Schweizer, längst Nationalspieler, wurde aus England (Tottenham) geholt, schaffte gerade mal acht Einsätze – und verschwand wieder. Später kickte er in vielen Spitzenklubs, zuletzt bei Sampdoria Genua, nun wechselt er zu Juventus Turin. In Hamburg aber: durchgefallen!

2006 kam Sidney Sam von den eigenen Amateuren, schaffte aber in seinem ersten Jahr keinen Bundesliga-Einsatz. Heute stürmt er für Bayer Leverkusen und sorgt für viel Verdruss bei den HSV-Fans. Ein Jahr später kam Jerome Boateng – endlich einmal ein Kracher (!), der Berliner wurde Stamm- und dann Nationalspieler. Jetzt allerdings spielt er schon lange nicht mehr für den HSV. Mit Boateng kam damals Anton Putsilo, der heute unter seinem richtigen Namen Putsila beim SC Freiburg Stammspieler ist. In Hamburg brachte der Mittelfeldspieler kein Bein vor das andere, obwohl er Nationalspieler Weißrusslands war und ist. Dass er hier durchfiel – ich kann es bis heute nicht nachvollziehen. Ähnlich ging es mit Vadis Odjidja-Ofoe. Der belgische U-21-Nationalspieler war nicht einmal ein Mitläufer in Hamburg, spielt heute, im Alter von erst 22 Jahren (!), in der A-Nationalmannschaft und für den FC Brügge, sein Marktwert inzwischen: 4,5 Millionen Euro. Beim HSV aber war er chancenlos, obwohl er einst mit einem großen Tam-tam geholt worden war.

Eric-Maxim Choupo-Moting kam und wurde gleich gefeiert, bekam aber nie so richtig einen Fuß in die Mannschaft – was ich aber durchaus nachvollziehen kann. Namen wie Mario Fillinger, Timo Kunert, Kai-Fabian Schulz, Christian Groß, Hanno Behrens, Miroslav Stepanek, Maximilian Beister, Tunay Torun, Tolgay Arslan, Muhamed Besic und Lennard Sowah und andere wurden im Zusammenhang mit den „Begriffen“ Talent und Bundesliga gebracht, konnten oder durften aber bis heute nicht beweisen, dass sie es auch auf Dauer in der Ersten Liga „bringen“. Fortsetzung folgt. Hoffentlich aber nicht mit jenen Namen, die nun Frank Arnesen mit von der Insel an die Elbe bringen wird. Hoffentlich.

Die Frage, die sich mir bei all diesen Namen stellt, ist die: „Wieso?“ Einige sind dramatisch kläglich gescheitert, einige haben es woanders bewiesen, dass sie doch etwas können – aber es waren doch nicht nur Nichtskönner, die sich hier mit der Raute auf der Brust versuchten. Also muss es andere Gründe für dieses kollektive Scheitern geben. Ein Grund (für ich, nur für mich) ist ja der, dass viele junge Spieler hierher geholt werden, sich dann aber zu oft allein überlassen sind. Solche Jungs vereinsamen dann in der tat in der Großstadt Hamburg. Obwohl ich zugeben muss, dass der HSV in Sachen Betreuung in den letzten Jahren deutlich besser geworden ist. Allerdings weiß ich nicht, ob es ausreichend genug geworden ist.

Und ein zweiter Grund ist auch, dass sich die meisten Stammspieler natürlich nicht freuen, wenn ihnen junge Kräfte ihre Plätze abspenstig machen wollen. Da wird im Training schon mal kräftig gegen ein Talent zugelangt, und oft sind die jungen Spieler auch nur eine unwesentliche Randerscheinung, die von den älteren Semestern nicht für „voll“ genommen werden. Und solche zu „Mauerblümchen“ abgestempelten Jungs haben es dann doppelt schwer. Beispiel Heung Min Son. Der wurde von Ruud van Nistelrooy in der vergangenen Saison wie ein Sohn „gepflegt“, aber das ist wirklich die absolute Ausnahme. Im Grunde genommen gilt für einen jungen Spieler im Profi-Bereich: „Friss, Tiger, oder stirb.“ Und die meisten „sterben“ eben beim HSV. Aber vielleicht wird das jetzt unter Michael Oenning und Frank Arnesen ja (endlich) einmal anders.

So, schon wieder zu lang geworden, aber einen Satz zu Marcell Jansen noch kurz. Die Bild berichtete, dass er die schonungslose Wahrheit über seine sportliche Zukunft von Bundestrainer Joachim Löw gehört hätte. Jansen begrüßte diese offenen „Jogi“-Sätze – natürlich. Was soll er auch anderes sagen? Für mich wäre es aber auch wichtig gewesen, wenn ein Hamburger, nur ein einziger Hamburger, auch einmal ähnliche Sätze mit Jansen gesprochen hätte. Hier wäre es auch längst einmal angebracht gewesen. Aber vielleicht kommt das ja noch. Jetzt, wo der „Jogi“ vorgelegt hat.

Ein schönes Rest-Wochenende noch für Euch, und auch einen guten Start in die neue Woche. Am Montag übernimmt „Scholle“ für einige Tage, die mir freigegeben wurden (ganz normal frei).

16.06 Uhr

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