Monatsarchiv für April 2011

Video: HSV-Pressekonferenz – Oenning: “Ich habe unterschrieben”

28. April 2011

Oenning ab nach Madrid – Petric fällt aus!

27. April 2011

Da sage noch einer, dass im Jahre 2011 der ganz große Fußball am HSV vorbei gehe. Stimmt nämlich nicht. Nicht so ganz, auf jeden Fall. Als Michael Oenning heute um kurz vor halb Zwölf das Training beendete, da sauste er in die Kabine, zog sich innerhalb von nur fünf Minuten um, raste zu seinem Auto – und weg. Ab ging es zum Flughafen, auf nach Madrid, wo am Abend Champions League gespielt wird: Real gegen Barcelona. Oenning, der wohl erst im Flugzeug geduscht hat (!?), sitzt am Abend neben Sky-Reporter Kai-Roland Dittmann und gibt den stummen Assistenten, der alle fußballerischen Feinheiten dieses Giganten-Duells aufdeckt. Wäre ja schön, wenn Michael Oenning bei der Gelegenheit gleich den eine oder anderen Star packen und mit nach Hamburg schleppen würde. Nein, nein, ist natürlich ein Scherz, denn Real oder Barca, dazu die Champions League – das alles ist ja meilenweit vom HSV entfernt. Leider, leider, leider.

Wobei, wenn ich so an Schalke denke: Dem HSV bleibt so immerhin die eine oder andere Demütigung oder kostenlose Lehrstunde erspart. Genau jene Sachen, die Schalke am Dienstag widerfuhren. Mein Gott, was war das für ein Fußball-Abend für die Deutschen? Ich gebe zu, mir tat nicht nur Schalke leid, mir taten auch die Augen weh. Und deswegen habe ich auch schon früh umgeschaltet – um hin und wieder einmal zurück zu kommen. In der Hoffnung, dass sich inzwischen etwas gebessert hätte – aber das war leider nichts. Selten ist eine deutsche Mannschaft einmal so vorgeführt worden, wie diese biedere Schalker Truppe. Die älteren Damen und Herren hier, die werden sich gewiss an das Jahr 1960 erinnern, als Real Madrid den deutschen Meister Eintracht Frankfurt im Europapokal-Endspiel mit 7:3 aus dem Stadion fegte – vor 128 000 Zuschauern in Glasgow! Dieses Spiel damals war ähnlich grausam, denn es waren auch zehn und sogar mehr Gegentore möglich. Aber diese Nummer nun auf Schalke – ein absolutes Desaster! Imponiert haben mir nur die Zuschauer. Wie die ihren Königsblauen unterstützt haben, obwohl es diesen gefühlten Sechs-Klassen-Unterschied gab, das war einfach nur klasse. Kompliment, Ihr SO4-Fans, das war vorbildlich. Und auch absolut nachahmenswert.

So ganz nebenbei habe ich bei diesem Kick auch oft an Felix Magath gedacht. Motto: Man hole sich einen Trainer, der den ganzen Laden auf den Kopf stellen soll, der den ganzen Laden dann auch tatsächlich auf den Kopf stellt, der für die Vizemeisterschaft sorgt, der für den Einzug in die Champions League sorgt, der für den deutschen Pokalsieg 2011 sorgt (steht für mich fest!)– und der dem klammen Klub noch mindestens 50 Millionen Euro in die leeren Kassen spült – und dann entlassen man ihn. Das muss den Schalkern erst einmal nachgemacht werden, das ist ein tolles Husarenstück, das so schnell ganz sicher nicht zu toppen sein wird. Auch dazu ein (nicht ganz ernst gemeintes) Kompliment.

So, nun aber zum HSV. Mladen Petric fällt definitiv für die nächsten zwei Spiele aus. Ich hatte es gestern bereits geahnt, Mladen wohl auch, denn: Er zog sich nach der Verletzung, eine Adduktorenzerrung, sein Trainingstrikot mit einer dermaßen großen Wucht und auch Wut aus, donnerte es in das Golf-Car – und ließ sich mürrisch in die Kabine fahren. Wenn nun alles gut läuft, dann können die HSV-Fans Petric noch einmal im letzten Saisonspiel sehen, im Volkspark gegen Mönchengladbach. Wenn alles gut läuft. Ob es dann das Abschiedsspiel von Mladen Petric sein wird, das bleibt dahingestellt. Ich glaube ja, dass da etwas im Busch ist, denn so mir nichts di nichts sagt Trainer Oenning nicht in Mikrofone, dass noch unklar sei, ob Petric auch nächste Saison noch für den HSV stürmen wird. Ich hatte das für mich schon als innerlich abgehakt betrachtet, ich hatte Petric für mich fest eingeplant – aber so kann es gehen.

Nichts Genaues weiß man nicht. In diesen Tagen beim HSV. Es ist irgendwie immer noch alles denkbar und alles offen. Das betrifft Zu- und Abgänge. Und wenn ich jetzt lese, dass Ze Roberto gerne einen Zwei-Jahres-Vertrag haben möchte, dann denke ich, dass auch für den Brasilianer eher das Ende in Hamburg gekommen ist, als dass er noch zwei Jahre für den HSV kicken wird. Es sei denn, er lässt sich noch auf „nur“ ein Jahr herunterhandeln. Abwarten. Müssen eh alle. Nicht nur der große Ze.

Noch kurz zur Verletztenliste: Heute nicht trainiert hat Piotr Trochowski. Der „kleine Dribbelkünstler“ (ein letztes Mal?) hatte am Vortag einen Schlag auf das Knie bekommen, daraus resultieren Schmerzen – und Michael Oenning stellte „Troche“ vorsichtshalber für einen Tag frei. Ich aber glaube nicht, dass Trochowski bis Sonnabend wieder fit wird, ich denke vielmehr, dass es kein „Abschiedsspiel“ mehr für den nach Sevilla abwandernden Billstedter geben wird.
Ebenfalls nicht auf dem Trainingsrasen zu sehen war Marcell Jansen – Bauchmuskelzerrung. Der Nationalspieler wird wohl ausfallen. Heute gefehlt, morgen wahrscheinlich aber auch noch – so geht das bei Gojko Kacar. Der Serbe hat sein Wochen Schmerzen im (rechten?) Knöchel, er biss immer tapfer die Zähne zusammen, nun aber ging es wohl nicht mehr. Der Trainer betrachtet diese Pause als Vorsichtsmaßnahme, Kacar soll am Sonnabend gegen Freiburg spielen können. Abwarten.

Das gilt auch für die Formation im Sturm. Tunay Torun hat heute nach seiner Gesäßmuskelzerrung wieder trainiert, dürfte also fit werden. Dennoch glaube ich, dass Paolo Guerrero wohl die Nummer eins im HSV-Angriff sein wird. Aber wer stürmt neben dem Peruaner? So richtig drängelt sich in diesen Tagen ja niemand auf. Deswegen halte ich es auch für möglich, dass Heung Min Son mal wieder eine Chance erhält, denn der Südkoreaner hat in Sachen Trainingsleistung wieder zugelegt, er wirkt auf mich spritziger, frischer, williger und unternehmungslustiger als in den Wochen zuvor. Aber mal abwarten.

Es dürften keine leichten Entscheidungen sein, die Michael Oenning bezüglich dieses Sonnabends zu treffen hat. Es geht um nichts, und doch geht es um so viel. Nämlich um einen anständigen Abschied von dieser Saison – auch schon im vorletzten Heimspiel. Und es geht darum, dass die Spieler ihren Fans zeigen, dass sie es doch noch besser können. Das sind die Profis ihrem Publikum schuldig, wie ich finde. Aber nun gut, das ist auch Auslegungssache. Die einen sagen so, die anderen so.

Einer, der sich auf jeden Fall ein weiteres Mal zerreißen wird, ist David Jarolim. Der Tscheche gibt nämlich immer alles. Er ist nun seit acht Jahren beim HSV, immer noch keinen Titel – und jetzt diese verkorkste Saison. Er sagt: „Natürlich ist die Enttäuschung groß, wenn mit großen Erwartungen in die Saison gestartet ist, und dann hat man am Ende wieder nur leere Hände. Das ist nur schwer zu verkraften.“ Speziell auf das 0:3 in Stuttgart befand „Jaro“: „Ganz klar, diese Leistung war absolut enttäuschend. Wie es der Trainer schon gesagt hat: Man kann verlieren, aber dann auf eine andere Art und Weise. Wir wollten da ganz anders auftreten, wollten vorne drauf gehen, aber davon war nichts zu sehen . . .“

Die Mentalität muss eine andere werden. Beim HSV. Das sagen viele. Und das sagen sie auch in der Klubführung. Wie denkt Jarolim darüber? „Das sagt sich so leicht, dass die Mentalität eine andere werden muss. Ich glaube, dass die Mentalität bei uns stimmt, denn wir waren doch viel in den letzten Jahren in Europa unterwegs. Das hätten wir doch nicht geschafft, wenn die Mentalität nicht stimmen würde. Dass jetzt das eine oder andere bei uns geändert werden muss, das ist klar, das ist auch normal, aber direkt über die Mentalität zu sprechen, das wäre mir zu leicht. Daran liegt es nicht, meiner Meinung nach.“

Aber woran dann? Denn jetzt steht der HSV bereits vor seiner zweiten Saison ohne Europa. Für David Jarolim steht fest: „Ich ärgere mich immer dann sehr, wenn wir uns etwas vornehmen, es dann aber im Spiel überhaupt nicht umsetzen. Das kann es nicht sein.“ Die Wurzel allen Übels ist für ihn aber dennoch woanders zu suchen. Jarolim blickt zurück: „Nach dem Abgang von Didi Beiersdorfer hatten wir ein Jahr keinen Sportchef, und ein solcher Mann hat schon gefehlt. Er hat hier etwas aufgebaut, er hatte eine Philosophie, es ist mit ihm immer Schritt für Schritt nach oben gegangen – und er war vor allem auch das Bindeglied zum Vorstand. Das hat sehr gut funktioniert – und dann war er plötzlich weg . . .“ David Jarolim sagt aber auch: „In den vergangenen Jahren hatte sich ja der gesamte Verein nach oben entwickelt und verbessert, das gilt ja auch für die finanziell Seite. Deswegen ist es sehr, sehr traurig für alle, dass wir wieder nicht europäisch spielen.“

Der HSV will den Mittelfeldspieler, dessen Vertrag noch bis 2012 läuft, behalten. Der Vorstands-Vorsitzende Carl Edgar Jarchow hat bereits vor Wochen ein Gespräch mit Jarolim geführt. Und diese Unterhaltung verlief gut. „Er hat auf mich einen sehr guten Eindruck gemacht, wie er sich präsentiert hat, wie er die Gespräche geführt hat – sehr gelassen, ausgeglichen und ruhig.“ Im Mai wird „Jaro“ 32 Jahre alt, noch kein Alter, um an das Ende der Karriere zu denken: „Wenn man hier so viele schöne Jahre hatte, dann denkt man noch ans Ende. Ich fühle mich fit, der HSV ist auf jeden Fall mein erster Ansprechpartner.“ Und wenn ich dem Klub raten sollte, dann würde ich sagen, dass die Führungs-Herren recht schnell „in den Quark“ kommen sollten. Jarolim ist nicht nur einer, der immer, egal wie es läuft, 100 Prozent gibt. Und er ist einer, der die Raute tatsächlich tief verwurzelt im Herzen trägt. Das kann man sicherlich nicht von jedem HSV-Profi 2011 sagen.
Vielleicht offenbart sich das schon wieder mehr als deutlich, wenn es am Sonnabend um 15.30 Uhr gegen den SC Freiburg geht.

So, und zum Abschluss des Tages eine kleine Geschichte zum Schmunzeln. Heute war die Fußballschule des HSV (die Nummer eins in der Bundesliga) wieder einmal unterwegs. Zum Abschluss ging es für die um die sechs Jahren alten Mädchen und Jungs, alle einheitlich mit ihrem persönlichen Trikot gekleidet (sieht wirklich toll aus!), in den Presseraum der Arena. 80 Mädchen und Jungs vom HSV-Kids-Klub, von Stefan Kofahl (Liga-Coach Oststeinbeker SV) betreut. Im Presseraum saßen noch die Kollegen von „Bild“ und „Welt“, und Kofahl fragte, ob sich einer der beiden Journalisten zum HSV befragen lassen möchte. Matthias Linnenbrügger ging auf das Podium und stellte sich den Fragen der Kids. Es kamen tatsächlich einige Fragen, und es kam auch diese: „Treffen Sie hin und wieder noch HSV-Spieler von früher?“ Linnenbrügger: „Ja, natürlich. Zum Beispiel Sergej Barbarez, aber den kennen sicher schon nicht mehr alle von euch,ode?“
Weil die Mehrheit der Kids ja so um die sechs Jahre alt (oder besser jung) ist. Dann fragten Linnenbrügger und Kofahl den Nachwuchs: „Wen kennt ihr denn noch von früheren HSV-Spielern?“ Einer meldete sich spontan: „Rafael van der Vaart.“ Dann meldete sich auch Ali. Und der brachte dann einen echten Knüller raus: „Horst Bertl.“
Kofahl und Linnenbrügger kriegten sich kaum wieder ein. Das war der Hammer! Der kleine Ali! Er kannte doch tatsächlich Horst Bertl. Den hat ja kaum noch ein erwachsener HSV-Fan drauf. Mittelfeldspieler Bertl, ein Mann mit spärlichem Haarwuchs (er kämmte schon früh von links nach rechts), war1974 (!) von Dortmund nach Hamburg gewechselt und verließ den HSV 1979 Richtung Houston.
Kompliment, kleiner Ali, Du kennst Dich wirklich gut aus bei Deinem HSV.
Völlig verrückt wäre es ja geworden, wenn die kleinen Knirpse Namen wie Kremer, Dringelstein, Dieckmann, Horst oder auch Fock genannt hätten . . . Vielleicht beim nächsten Mal.

Am Donnerstag wird im Volkspark um 15 Uhr trainiert. Dann sind wieder die „Helden“ von heute am Start. Sofern sie denn fit sind.

Kurze Meldung um Mitternacht (der HSV konnte es leider nicht bestätigen, aber die Berliner taten es inzwischen):
Tunay Torun wechselt für drei Jahre (und ablösefrei) zu Erstliga-Aufsteiger Hertha BSC. Ich wünsche dem jungen Mann dort mehr Glück, wir alle werden sehen, ob er dort Stammspieler wird.

17.31 Uhr

Oenning und das zweite Gesicht des HSV

26. April 2011

Na bitte, es gibt doch noch erfreuliche Nachrichten rund um den HSV. Wer sagt es denn? Die Agenturen vermelden heute:

Der HSV hat positive Nachrichten von der Deutschen Fußball Liga (DFL) erhalten. Die DFL-Geschäftsführung hat den „Rothosen“ im Lizenzierungsverfahren die Spielberechtigung für die Saison 2011/2012 erteilt, gab der norddeutsche Bundesliga-Klub am Dienstag auf seiner Homepage bekannt. Der HSV, der die Ausgaben für seinen Bundesliga-Kader zur kommenden Spielzeit von derzeit 48 auf rund 35 Millionen Euro senken will, erhält die Lizenz damit bereits zum sechsten Mal nacheinander ohne Auflagen.

So, und weil ich gestern mit ihm begonnen habe, so muss ich das auch heute tun. Es ging und geht um Michael Oenning. Ich hatte ihn kritisiert, dass er uns am Freitag nichts über die Laufzeit seines Vertrages verraten hatte (verraten wollte), hatte den HSV-Trainer dann aber angekreidet, dass er es sehr wohl (am Sonntag!) beim Pay-TV-Sender Sky gesagt hatte. Ich habe Michael Oenning heute bei unserem Gespräch gesagt, dass ich so (nämlich kritisch) über ihn berichtet habe, und er stellte es gerade. Die vertraglichen Details seines Vertrages mit dem HSV wurden erst am Abend vor dem Spiel (!) in Stuttgart besprochen – im Mannschaftshotel. Er konnte also mir (und uns) am Freitag in den Mittagsstunden noch gar nichts über die Laufzeit verraten. Deshalb sage ich nun: „Sorry, Herr Oenning, ich nehme alles zurück und entschuldige mich in aller Form.“ Diese Entschuldigung hat Michael Oenning auch schon angenommen – und er empfand es auch als gut, dass wir sofort an diesem Dienstag darüber gesprochen haben.
So soll es bleiben.

Apropos Trainer-Vertrag: Der sollte heute eigentlich unterschrieben werden, unterschrieben sein, aber das wird nun auch heute noch nicht passieren, weil sich erst der Aufsichtsrat ein wenig intensiver mit dem Stückchen Papier beschäftigen möchte.

Und nun zum Fußball. Den gab es heute tatsächlich wieder, denn im Volkspark wurde trainiert. Aber hallo! Erst die hohe Laufschule von Günter Kern, dann ein Spiel ohne Tore (aber Mann gegen Mann), und zum Abschluss ein kleines Turnier (halber Platz) von drei Mannschaften. Es ging zur Sache! Ich weiß, ich weiß, es kann keiner von Euch mehr lesen und mehr hören, aber so war es tatsächlich. Wenn Ihr das Stuttgart-Spiel noch in Erinnerung habt, dann sah das ja eher ein wenig nach Beamten-Mikado aus, aber wer diese Einheit heute gesehen hat, der wird sich fragen: „Warum bewegt sich diese Truppe an diesem Dienstag so, als wolle sie Weltmeister werden, und warum stellt dieselbe Truppe am Sonnabend bereits nach 90 Sekunden die Arbeit ein?“ Es ist und bleibt ein riesiges Rätsel. Dass Ihr es nicht mehr hören könnt, das kann ich sehr, sehr gut verstehen – aber es ist wieder einmal Tatsache.

Schon bei den Lauf-Übungen waren die meisten hundertprozentig bei der Sache. Mir gefielen, wenn ich das einmal sagen darf, besonders Heung Min Son, Piotr Trochowski, David Jarolim und Mladen Petric – beim Laufen! Jawoll, sehr wohl beim Laufen. Später dann, bei den Spielchen, überzeugten mich Frank Rost, Dennis Diekmeier, Paolo Guerrero Tomas Rincon (!), teilweise auch Guy Demel – vor allen Dingen aber Piotr Trochowski. Kay, 50 Prozent des Blogs werden nun in di Luft gehen, aber es ist so, wie es ist. Und wenn „Troche“ gut und sogar auffällig trainiert, dann werde ich es auch immer nennen – so lange es noch geht. Übrigens: Die beiden schönsten Tore des Vormittags schossen zwei – ich nenne sie mal „Exoten“: Zuerst traf Collin „Collo“ Benjamin mit links in den oberen Torwinkel (gegen Frank Rost), dann auch noch Romeo Castelen, ebenfalls ein „Tor des Monats“. Ihr habt richtig gelesen: Romeo Castelen. Es geht langsam bergauf mit ihm, aber ich will es nicht heraufbeschwören . . .

Zur Verletztenfront: Mladen Petric zog sich genau um 11.48 Uhr bei einem Pressschlag eine Adduktorenverletzung zu, er musste vom Golf-Car (und Fahrer Uwe Eplinius) in Richtung Kabine gefahren werden – das sah nicht gut aus, da droht dem HSV der nächste Ausfall für das Freiburg-Spiel am Sonnabend. Auf dem Rasen „nebenan“ trainierte Marcell Jansen mit Reha-Coach Markus Günther, später gesellte sich auch Eric-Maxim Choupo-Moting dazu, der bis zu den Spielen das volle Programm mitgemacht hatte. Es fehlte diesmal Tunay Torun, der in Stuttgart eine Gesäßmuskelzerrung erlitten hat.

Ganz kurz noch zur Intensität des Trainings. Michael Oenning bezeichnete es später als „Steinzeit-Übung“, was er im Mittelteil der Einheit veranstalten ließ. Es hieß Mann gegen Mann ohne Tore, teilweise mit Aufgaben (zweimal berühren). Es waren Mann gegen Mann fest eingeteilt. Zum Beispiel spielten Guerrero gegen Rincon, Jarolim gegen Trochowski. Warum „Steinzeit-Übung“? Weil sie tatsächlich uralt ist. Mit dieser Übung hielt der damalige Meister-Trainer Günther Mahlmann seine Mannschaft von 1960 fit. Es wurde damals mehrfach die Woche stets über den gesamten Platz (!) am Rothenbaum gelaufen, und zwar Mann gegen Mann. Und jeder sah, nicht nur der Trainer und die Kollegen, sondern auch die Trainingskiebitze, wer etwas drauf hatte (läuferisch), und wer nicht. Stand nämlich ein Spieler oft allein, war sein eingeteilter Gegenspieler ganz offensichtlich nicht in der Lage, ihm zu folgen – also hatte derjenige auch nichts drauf! Bei der heutigen Übung fiel in meinen Augen mindestens einer krass ab: Jonathan Pitroipa. Aber das nur am Rande.

Die erste Frage, die ich Michael Oenning heute gestellt habe, war die: „Kann sich eigentlich noch ein Spieler, der eigentlich für die kommende Saison gesetzt war, noch in den letzten vier Spielen, also inklusive Stuttgart, aus dem Kader spielen?“ Der Trainer sagt: „Davon muss man sich frei machen. Mein großer Vorteil ist ja, dass ich diese Mannschaft nun schon seit einem Jahr kenne, ich kann Dinge bewerten, und ich nehme sie als Grundlage für meine Bewertung. Ich setze sie auch immer in Bezug darauf, was wir für Möglichkeiten haben. Für mich ist doch klar: Ich will die best mögliche wettbewerbsfähige Mannschaft zusammenbauen. Ich unterliege da auch Sachzwängen, wie auch der Verein – das wird man sehen Es kann Spieler geben, die ich gerne, die mir aber sagen, dass sie nicht bleiben wollen. Und es gibt die finanziellen Dinge, wenn ich jemanden haben möchte, den wir aber nicht bekommen, weil das Geld nicht reicht. Das ist normal.“ Oenning sagt aber auch: „Das ist in diesem Jahr aber insgesamt ei wenig schwieriger, weil wir klar gesagt haben, dass wir ein wenig kleiner, werden ein wenig jünger werden und wir werden auch anders. Weil sich die Truppe verändert. Und wenn es nach mir geht, dann muss das alles nun in Fahrt kommen, dann müssen wir jetzt ganz schnell Tempo aufnehmen.“ Meine Frage beantwortete Oenning aber auch noch: „Manchmal runden sich auch Bilder ab. Und dann kann es natürlich sein, dass man sich sagt: Hm, hm, hm, jetzt, wo sich der Spieler eigentlich zeigen müsste, da kommt dann zu wenig. Dann mag diese Bewertung eventuell noch mit einfließen – aber wir sind eigentlich schon relativ klar, wie wir es machen wollen. Aber, das sage ich auch, auszuschließen ist nichts.“

Um noch einmal auf Stuttgart und den Kontrast zu heute zurück zu kommen: Das muss einen Trainer doch maßlos ärgern, dass die Truppe heute Bäume ausgerissen, sich im Ländle aber nur „verpieselt“ hat – oder? Oenning: „Und wie. Deswegen haben wir das Spiel heute noch einmal ganz genau analysiert – und diese Problematik auch zur Diskussion gestellt. Es kann doch nicht sein, dass man fünf, sechs Tage den Eindruck hat, dass alle ganz genau wissen, um was es geht, und dann, im entscheidenden Moment, dann sind sie wie ausgewechselt. Und dass sie dann wieder anfangen – wie heute. Da wird hart trainiert, und das wird hingenommen, es wird akzeptiert, und es wird sich bemüht. Nur: Wenn nur ein bisschen von dem Bemühen, was heute gezeigt wurde, am Sonnabend mit eingebracht worden wäre, dann hätten wir das Problem gar nicht gehabt.“

Oenning sagt – oder rätselt – auch noch weiter: „Dann muss man sich fragen, woran das liegt? Wollten sie nicht, konnten sie nicht? Das ist genau das Spannende, das herauszufinden. Warum fällt es uns so schwer, diese Widerstände zu überwinden? Und warum schaffen sie es nicht, sich als Gruppe zu helfen? Das ist für mich die spannendste Frage überhaupt.“ Michael Oenning gibt dann noch zu: „Natürlich bin ich sauer, ich bin nach wie vor sogar sehr sauer. Und dazu kommt, dass auch noch einige Spieler sauer auf sich selbst sind – was ja eigentlich ein gutes Zeichen ist. Trotz allem müssen wir Lösungen finden. Es nützt uns nichts, sie zu verdammen und ihnen zu sagen, dass sie nicht mehr mitspielen dürfen. Wir müssen sie ja weiterentwickeln. Wenn wir aber zu dem Schluss kommen, dass sie sich nicht weiterentwickeln lassen, ja dann muss man sich eben trennen.“

Im Moment stehen die Zeichen deshalb auf Trennung. Hört man die Trainingskiebitze, zieht man alle Stimmen unter einem Strich zusammen, dann haben die meisten von dieser HSV-Mannschaft die Nase gestrichen (!) voll – und wollen ein total runderneuertes Team. 80 bis 90 Prozent des jetzigen Kaders auswechseln, dann auf neue Leute setzen – und hoffen.

Michael Oenning hat heute von einem zweiten Gesicht seiner Mannschaft gesprochen. Und er sagt: „Das kommt immer an bestimmten Stellen wieder. Wenn Druck entsteht, wenn sich die Spieler selber Druck machen, oder wenn ein Stück Unbekümmertheit mit im Spiel ist. Aber das herauszufinden, und dann herauszufiltern, wer in der Lage ist, in solchen Situationen doch das Heft in die Hand zu nehmen – das fehlt uns ja. Ist es vielleicht auch diese Frage, dass wir eine gewisse Unausgewogenheit im Kader haben? Es passiert ja oft so: Man gerät in Rückstand, und dann rennt alles nach vorne, um das zu reparieren. Plötzlich rennt alles nach vorne. Und dann passiert genau das Gegenteil von dem, was erreicht werden soll, man rennt in Konter und sieht sehr dumm aus.“ Der Coach weiter: „Es sind ja alles gute Fußballer, die wir bei uns haben, aber speziell in diesen schwierigen Situationen musst du stehen und gerade sein. Und das ist schon meine Aufgabe, das zu sehen, ob einer das kann oder auch nicht. Und das unterscheidet dann letztlich auch einen guten von einem sehr guten Spieler, und einen sehr guten Spieler zu einem Weltklassemann. Für mich ist ein guter Fußballer einer, der einen gravierenden Fehler begeht und trotzdem auf einem guten Niveau weiter spielen kann.“

Aber hat der HSV solche Spieler? Die auch voller Selbstbewusstsein stecken und jeden noch so harten Rückschlag verarbeiten? Ich meine, dass es davon herzlich wenige gibt, viel zu wenige. Und sieht man die jetzt noch in den drei verbliebenen Spielen? Oder wird da nur noch Dienst nach Vorschrift gespielt? Oenning: „Wenn man jetzt abschenkt, wenn man es jetzt nur so laufen lässt, dann offenbart man sich ja auch. Jetzt ist es doch noch viel schwieriger, finde ich. Wenn man seinen ganz konkreten Zielen nicht mehr nachhängen kann, dann musst du trotz allem schon zeigen, dass du es begriffen hast um was es geht. Ich glaube, dass sind nicht zuerst jene Spieler, die schon begriffen haben, dass die Reise beendet ist. Wenn ich sehe, wie Piotr Trochowski trainiert, wie er sich anbietet – er trainiert seit zwei Wochen überragend. Normal muss ich sagen, ich lasse ihn laufen, aber dann kommt sofort berechtigt die Frage, dass er ja gar nicht mehr da ist, und ob ein solcher Einsatz denn noch sinnvoll ist? Und da muss ich eine Lösung finden. Ich muss sehen, ob er diese Leistung dann auch im Spiel umsetzen und abrufen kann.“

Vor dieser Frage wird Michael Oenning an diesem Sonnabend stehen. Trochowski trainiert, wie der Coach sagt, überragend, also müsste er eigentlich spielen. Eigentlich. Aber wer spielt den „eigentlich“ derzeit überragend? Eigentlich doch niemand. Also muss sich Oenning doch vor die Frage stellen, was er falsch machen kann, wenn er einen Spieler bringt, der im Training sehr gut ist, der am Saisonende aber weg sein wird? Ich bin gespannt, wie sich Oenning entscheiden wird – eine schwere Aufgabe. Der Trainer sagt aber auch klar: „Eindeutig, es geht hier nicht um irgendwelche Abschiedstourneen. Eigentlich gilt das Leistungsprinzip. Wobei ich das einschränkende Wort eigentlich eigentlich gar nicht benutzen dürfte. Aber wenn es dann so kommt, dann werde ich das auch zu kommunizieren wissen.“

Was noch hinzukommt: Die Spieler sehen doch alle, wer im Training seine Leistung bringt, wer sich reinhängt, wer sich gehen lässt. „Warum habe ich denn heute diese Steinzeit-Übung machen lassen? Weil ich etwas sehen will“, sagt der Trainer. Klar. Er will Leistung sehen, und er will sehen, wer sich engagiert, wer noch alles für den HSV und diese Mannschaft gibt. Und, sagt er: „Die Gruppe muss es ja auch sehen. Die Spieler haben schon ein feines Gespür dafür, wer hier was zeigt.“ Und wer nicht. Oenning: „Wir müssen diese Mentalität ausbilden, wir dürfen uns nichts mehr wegnehmen lassen, wir müssen mehr machen als andere. Wir müssen das auch wollen. Und das müssen alle auch spüren, das muss man auch bei jedem, der auf der Bank sitzt, spüren. Da darf keiner leblos sitzen. Du musst dir Begeisterung erarbeiten und sie dann auch ausleben, sonst geht das nicht.“

Jetzt aber ist es ohnehin zu spät. Diese Saison ist faktisch beendet. Aber für die nächste Spielzeit klingt das echt gut. Es sind Oenningsche Vorhaben und Vorsätze, die Hoffnung machen. Wenn sie dann tatsächlich in die Tat umgesetzt werden. Gespannt sind wir nur darauf, wer von der jetzigen Mannschaft dann noch dabei ist.

Einer ist es auf jeden Fall: Dennis Aogo. Auch mit ihm haben wir heute wieder einmal gesprochen. Und, um auch das noch einmal zu sagen: Es gibt längst HSV-Profis, die sich diesen Gesprächen nicht mehr stellen, nicht mehr stellen wollen. Dennis Aogo aber stellt sich immer, und darauf möchte ich einmal verweisen. Er kommt, wenn er gefordert wird, er drängt sich aber keineswegs auf. Zu loben aber ist diese (seine) Einstellung auf jeden Fall, denn er könnte es sich auch leicht machen – und gar nichts mehr sagen. Er sagt aber, weil er dabei an die Fans denkt. Und zwar in erster Linie. Und deswegen soll bitte keiner von Euch nun auf Dennis Aogo einhauen, wenn er wieder einmal etwas sagt.

Der Nationalspieler auf die Frage, was sich nun ändern sollte, was sich ändern muss? „Wie oft standen wir schon vor dieser Frage? Das ist wirklich schwierig. Langsam kommt man sich schon dumm vor, denn es ist doch immer wieder dasselbe. Ich will auch gar nicht mehr auf das Stuttgart-Spiel eingehen, denn das wäre in meinen Augen Schwachsinn. Jeder hat gesehen, was wir falsch gemacht haben – das war einiges. Wir müssen gegen Freiburg vieles besser machen, und wir sollten uns vielleicht an die letzten Heimspiele orientieren, die waren doch gar nicht so schlecht. Hannover war nicht so schlecht, Dortmund auch, daran sollten wir denken.“

Ich habe den Nationalspieler dann gefragt, ob er nachvollziehen könne, dass den Fans solche Vorhaben, solche Lippenbekenntnisse schon seit einiger Zeit zum Hals heraushängen? Aogo: „Natürlich, das kann ich, das weiß ich, klar habe ich auch dafür Verständnis. Ich habe doch gerade gesagt, dass ich mir schon dumm dabei vorkomme. Weil ich weiß, dass die Fans es schon so oft gehört haben. Deswegen sage ich das ja, aber was sollen wir machen? Ich könnte hier nichts mehr sagen, klar, aber das wäre auch Schwachsinn. Ich könnte sagen, dass schon alles gesagt worden ist, aber was hilft das? Wir müssen doch etwas versuchen, wir müssen etwas rüberbringen zu den Fans . . .“ Wenn es schon im Spiel nicht gelingt. Dann ergänzt der Abwehrspieler noch: „Es gibt aber sicher auch für uns Situation, in denen wir uns fragen, warum dies oder das passiert ist – und für finden darauf keine Antwort mehr. Einiges ist für mich, für uns auch einiges unerklärlich, wie etwas zustande kommt, aber irgendwann ist man da auch als Spieler überfragt. Ganz besonders dann, wenn man schon so oft dieselben Fragen gestellt bekommen hat. Irgendwann wird man dann auch unglaubwürdig, ganz klar.“ Und: „Eigentlich wäre es das Beste, nichts mehr zu sagen. Aber das ist ja auch nicht Sinn der Sache . . .“

Natürlich nicht. Und da denke ich nicht an mich, an die Journaille – ich denke an das Zusammenspiel Spieler – Fans.

Dennis Aogo weiß, dass der HSV hinter den Erwartungen geblieben ist. Natürlich weiß er es. Seine Erklärung: „Man spricht ja von einer Mannschaft. Es geht ja nicht um Einzelspieler, es geht auch nicht um die individuelle Qualität einzelner Spieler, es geht vielmehr um die Qualität, die man als Mannschaft rüber bringt. Und diese Qualität spiegelt sich dann wider in der Tabelle. Eine Qualität ist ja nicht nur die individuelle Qualität eines Spielers, sondern wie man diese individuelle Qualität in die Qualität der Mannschaft einbringt.“ Und in diesem Punkt, genau in diesem Punkt, ist der HSV eben weit, weit zurückgeblieben. Aogo: „So etwas kann man nicht künstlich herstellen, das muss ich ergeben.“

Und beim HSV ergibt es sich schon seit Jahren nicht. „Wir hoffen es, dass wir es in den nächsten Jahren hinbekommen werden“, sagt Aogo. Und hofft dabei wohl auch auf einen Umbruch, denn er befindet: „Ich glaube, dass nun der richtige Schritt gemacht wird. Es ist der richtige und auch der logische Schritt des Vereins, denn in den letzten Jahren sind wir ein bisschen auf der Stelle getappt. Etwas anderes konnte man jetzt nicht machen, es musste etwas passieren – und die vertragliche Situationen einiger Spieler lassen es ja auch jetzt zu.“
So ist es. Bleibt nur die Frage, inwieweit der Klub davon auch Gebrauch machen wird.

Vielleicht trennt sich ja schon am Sonnabend weiter die Spreu vom Weizen, wenn es gegen Freiburg um die „goldene Ananas“ geht. Man wird sehen . . .

PS: Training um 10 Uhr (Mittwoch) im Volkspark.

18.21 Uhr

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