Tagesarchiv für den 27. April 2011

Oenning ab nach Madrid – Petric fällt aus!

27. April 2011

Da sage noch einer, dass im Jahre 2011 der ganz große Fußball am HSV vorbei gehe. Stimmt nämlich nicht. Nicht so ganz, auf jeden Fall. Als Michael Oenning heute um kurz vor halb Zwölf das Training beendete, da sauste er in die Kabine, zog sich innerhalb von nur fünf Minuten um, raste zu seinem Auto – und weg. Ab ging es zum Flughafen, auf nach Madrid, wo am Abend Champions League gespielt wird: Real gegen Barcelona. Oenning, der wohl erst im Flugzeug geduscht hat (!?), sitzt am Abend neben Sky-Reporter Kai-Roland Dittmann und gibt den stummen Assistenten, der alle fußballerischen Feinheiten dieses Giganten-Duells aufdeckt. Wäre ja schön, wenn Michael Oenning bei der Gelegenheit gleich den eine oder anderen Star packen und mit nach Hamburg schleppen würde. Nein, nein, ist natürlich ein Scherz, denn Real oder Barca, dazu die Champions League – das alles ist ja meilenweit vom HSV entfernt. Leider, leider, leider.

Wobei, wenn ich so an Schalke denke: Dem HSV bleibt so immerhin die eine oder andere Demütigung oder kostenlose Lehrstunde erspart. Genau jene Sachen, die Schalke am Dienstag widerfuhren. Mein Gott, was war das für ein Fußball-Abend für die Deutschen? Ich gebe zu, mir tat nicht nur Schalke leid, mir taten auch die Augen weh. Und deswegen habe ich auch schon früh umgeschaltet – um hin und wieder einmal zurück zu kommen. In der Hoffnung, dass sich inzwischen etwas gebessert hätte – aber das war leider nichts. Selten ist eine deutsche Mannschaft einmal so vorgeführt worden, wie diese biedere Schalker Truppe. Die älteren Damen und Herren hier, die werden sich gewiss an das Jahr 1960 erinnern, als Real Madrid den deutschen Meister Eintracht Frankfurt im Europapokal-Endspiel mit 7:3 aus dem Stadion fegte – vor 128 000 Zuschauern in Glasgow! Dieses Spiel damals war ähnlich grausam, denn es waren auch zehn und sogar mehr Gegentore möglich. Aber diese Nummer nun auf Schalke – ein absolutes Desaster! Imponiert haben mir nur die Zuschauer. Wie die ihren Königsblauen unterstützt haben, obwohl es diesen gefühlten Sechs-Klassen-Unterschied gab, das war einfach nur klasse. Kompliment, Ihr SO4-Fans, das war vorbildlich. Und auch absolut nachahmenswert.

So ganz nebenbei habe ich bei diesem Kick auch oft an Felix Magath gedacht. Motto: Man hole sich einen Trainer, der den ganzen Laden auf den Kopf stellen soll, der den ganzen Laden dann auch tatsächlich auf den Kopf stellt, der für die Vizemeisterschaft sorgt, der für den Einzug in die Champions League sorgt, der für den deutschen Pokalsieg 2011 sorgt (steht für mich fest!)– und der dem klammen Klub noch mindestens 50 Millionen Euro in die leeren Kassen spült – und dann entlassen man ihn. Das muss den Schalkern erst einmal nachgemacht werden, das ist ein tolles Husarenstück, das so schnell ganz sicher nicht zu toppen sein wird. Auch dazu ein (nicht ganz ernst gemeintes) Kompliment.

So, nun aber zum HSV. Mladen Petric fällt definitiv für die nächsten zwei Spiele aus. Ich hatte es gestern bereits geahnt, Mladen wohl auch, denn: Er zog sich nach der Verletzung, eine Adduktorenzerrung, sein Trainingstrikot mit einer dermaßen großen Wucht und auch Wut aus, donnerte es in das Golf-Car – und ließ sich mürrisch in die Kabine fahren. Wenn nun alles gut läuft, dann können die HSV-Fans Petric noch einmal im letzten Saisonspiel sehen, im Volkspark gegen Mönchengladbach. Wenn alles gut läuft. Ob es dann das Abschiedsspiel von Mladen Petric sein wird, das bleibt dahingestellt. Ich glaube ja, dass da etwas im Busch ist, denn so mir nichts di nichts sagt Trainer Oenning nicht in Mikrofone, dass noch unklar sei, ob Petric auch nächste Saison noch für den HSV stürmen wird. Ich hatte das für mich schon als innerlich abgehakt betrachtet, ich hatte Petric für mich fest eingeplant – aber so kann es gehen.

Nichts Genaues weiß man nicht. In diesen Tagen beim HSV. Es ist irgendwie immer noch alles denkbar und alles offen. Das betrifft Zu- und Abgänge. Und wenn ich jetzt lese, dass Ze Roberto gerne einen Zwei-Jahres-Vertrag haben möchte, dann denke ich, dass auch für den Brasilianer eher das Ende in Hamburg gekommen ist, als dass er noch zwei Jahre für den HSV kicken wird. Es sei denn, er lässt sich noch auf „nur“ ein Jahr herunterhandeln. Abwarten. Müssen eh alle. Nicht nur der große Ze.

Noch kurz zur Verletztenliste: Heute nicht trainiert hat Piotr Trochowski. Der „kleine Dribbelkünstler“ (ein letztes Mal?) hatte am Vortag einen Schlag auf das Knie bekommen, daraus resultieren Schmerzen – und Michael Oenning stellte „Troche“ vorsichtshalber für einen Tag frei. Ich aber glaube nicht, dass Trochowski bis Sonnabend wieder fit wird, ich denke vielmehr, dass es kein „Abschiedsspiel“ mehr für den nach Sevilla abwandernden Billstedter geben wird.
Ebenfalls nicht auf dem Trainingsrasen zu sehen war Marcell Jansen – Bauchmuskelzerrung. Der Nationalspieler wird wohl ausfallen. Heute gefehlt, morgen wahrscheinlich aber auch noch – so geht das bei Gojko Kacar. Der Serbe hat sein Wochen Schmerzen im (rechten?) Knöchel, er biss immer tapfer die Zähne zusammen, nun aber ging es wohl nicht mehr. Der Trainer betrachtet diese Pause als Vorsichtsmaßnahme, Kacar soll am Sonnabend gegen Freiburg spielen können. Abwarten.

Das gilt auch für die Formation im Sturm. Tunay Torun hat heute nach seiner Gesäßmuskelzerrung wieder trainiert, dürfte also fit werden. Dennoch glaube ich, dass Paolo Guerrero wohl die Nummer eins im HSV-Angriff sein wird. Aber wer stürmt neben dem Peruaner? So richtig drängelt sich in diesen Tagen ja niemand auf. Deswegen halte ich es auch für möglich, dass Heung Min Son mal wieder eine Chance erhält, denn der Südkoreaner hat in Sachen Trainingsleistung wieder zugelegt, er wirkt auf mich spritziger, frischer, williger und unternehmungslustiger als in den Wochen zuvor. Aber mal abwarten.

Es dürften keine leichten Entscheidungen sein, die Michael Oenning bezüglich dieses Sonnabends zu treffen hat. Es geht um nichts, und doch geht es um so viel. Nämlich um einen anständigen Abschied von dieser Saison – auch schon im vorletzten Heimspiel. Und es geht darum, dass die Spieler ihren Fans zeigen, dass sie es doch noch besser können. Das sind die Profis ihrem Publikum schuldig, wie ich finde. Aber nun gut, das ist auch Auslegungssache. Die einen sagen so, die anderen so.

Einer, der sich auf jeden Fall ein weiteres Mal zerreißen wird, ist David Jarolim. Der Tscheche gibt nämlich immer alles. Er ist nun seit acht Jahren beim HSV, immer noch keinen Titel – und jetzt diese verkorkste Saison. Er sagt: „Natürlich ist die Enttäuschung groß, wenn mit großen Erwartungen in die Saison gestartet ist, und dann hat man am Ende wieder nur leere Hände. Das ist nur schwer zu verkraften.“ Speziell auf das 0:3 in Stuttgart befand „Jaro“: „Ganz klar, diese Leistung war absolut enttäuschend. Wie es der Trainer schon gesagt hat: Man kann verlieren, aber dann auf eine andere Art und Weise. Wir wollten da ganz anders auftreten, wollten vorne drauf gehen, aber davon war nichts zu sehen . . .“

Die Mentalität muss eine andere werden. Beim HSV. Das sagen viele. Und das sagen sie auch in der Klubführung. Wie denkt Jarolim darüber? „Das sagt sich so leicht, dass die Mentalität eine andere werden muss. Ich glaube, dass die Mentalität bei uns stimmt, denn wir waren doch viel in den letzten Jahren in Europa unterwegs. Das hätten wir doch nicht geschafft, wenn die Mentalität nicht stimmen würde. Dass jetzt das eine oder andere bei uns geändert werden muss, das ist klar, das ist auch normal, aber direkt über die Mentalität zu sprechen, das wäre mir zu leicht. Daran liegt es nicht, meiner Meinung nach.“

Aber woran dann? Denn jetzt steht der HSV bereits vor seiner zweiten Saison ohne Europa. Für David Jarolim steht fest: „Ich ärgere mich immer dann sehr, wenn wir uns etwas vornehmen, es dann aber im Spiel überhaupt nicht umsetzen. Das kann es nicht sein.“ Die Wurzel allen Übels ist für ihn aber dennoch woanders zu suchen. Jarolim blickt zurück: „Nach dem Abgang von Didi Beiersdorfer hatten wir ein Jahr keinen Sportchef, und ein solcher Mann hat schon gefehlt. Er hat hier etwas aufgebaut, er hatte eine Philosophie, es ist mit ihm immer Schritt für Schritt nach oben gegangen – und er war vor allem auch das Bindeglied zum Vorstand. Das hat sehr gut funktioniert – und dann war er plötzlich weg . . .“ David Jarolim sagt aber auch: „In den vergangenen Jahren hatte sich ja der gesamte Verein nach oben entwickelt und verbessert, das gilt ja auch für die finanziell Seite. Deswegen ist es sehr, sehr traurig für alle, dass wir wieder nicht europäisch spielen.“

Der HSV will den Mittelfeldspieler, dessen Vertrag noch bis 2012 läuft, behalten. Der Vorstands-Vorsitzende Carl Edgar Jarchow hat bereits vor Wochen ein Gespräch mit Jarolim geführt. Und diese Unterhaltung verlief gut. „Er hat auf mich einen sehr guten Eindruck gemacht, wie er sich präsentiert hat, wie er die Gespräche geführt hat – sehr gelassen, ausgeglichen und ruhig.“ Im Mai wird „Jaro“ 32 Jahre alt, noch kein Alter, um an das Ende der Karriere zu denken: „Wenn man hier so viele schöne Jahre hatte, dann denkt man noch ans Ende. Ich fühle mich fit, der HSV ist auf jeden Fall mein erster Ansprechpartner.“ Und wenn ich dem Klub raten sollte, dann würde ich sagen, dass die Führungs-Herren recht schnell „in den Quark“ kommen sollten. Jarolim ist nicht nur einer, der immer, egal wie es läuft, 100 Prozent gibt. Und er ist einer, der die Raute tatsächlich tief verwurzelt im Herzen trägt. Das kann man sicherlich nicht von jedem HSV-Profi 2011 sagen.
Vielleicht offenbart sich das schon wieder mehr als deutlich, wenn es am Sonnabend um 15.30 Uhr gegen den SC Freiburg geht.

So, und zum Abschluss des Tages eine kleine Geschichte zum Schmunzeln. Heute war die Fußballschule des HSV (die Nummer eins in der Bundesliga) wieder einmal unterwegs. Zum Abschluss ging es für die um die sechs Jahren alten Mädchen und Jungs, alle einheitlich mit ihrem persönlichen Trikot gekleidet (sieht wirklich toll aus!), in den Presseraum der Arena. 80 Mädchen und Jungs vom HSV-Kids-Klub, von Stefan Kofahl (Liga-Coach Oststeinbeker SV) betreut. Im Presseraum saßen noch die Kollegen von „Bild“ und „Welt“, und Kofahl fragte, ob sich einer der beiden Journalisten zum HSV befragen lassen möchte. Matthias Linnenbrügger ging auf das Podium und stellte sich den Fragen der Kids. Es kamen tatsächlich einige Fragen, und es kam auch diese: „Treffen Sie hin und wieder noch HSV-Spieler von früher?“ Linnenbrügger: „Ja, natürlich. Zum Beispiel Sergej Barbarez, aber den kennen sicher schon nicht mehr alle von euch,ode?“
Weil die Mehrheit der Kids ja so um die sechs Jahre alt (oder besser jung) ist. Dann fragten Linnenbrügger und Kofahl den Nachwuchs: „Wen kennt ihr denn noch von früheren HSV-Spielern?“ Einer meldete sich spontan: „Rafael van der Vaart.“ Dann meldete sich auch Ali. Und der brachte dann einen echten Knüller raus: „Horst Bertl.“
Kofahl und Linnenbrügger kriegten sich kaum wieder ein. Das war der Hammer! Der kleine Ali! Er kannte doch tatsächlich Horst Bertl. Den hat ja kaum noch ein erwachsener HSV-Fan drauf. Mittelfeldspieler Bertl, ein Mann mit spärlichem Haarwuchs (er kämmte schon früh von links nach rechts), war1974 (!) von Dortmund nach Hamburg gewechselt und verließ den HSV 1979 Richtung Houston.
Kompliment, kleiner Ali, Du kennst Dich wirklich gut aus bei Deinem HSV.
Völlig verrückt wäre es ja geworden, wenn die kleinen Knirpse Namen wie Kremer, Dringelstein, Dieckmann, Horst oder auch Fock genannt hätten . . . Vielleicht beim nächsten Mal.

Am Donnerstag wird im Volkspark um 15 Uhr trainiert. Dann sind wieder die „Helden“ von heute am Start. Sofern sie denn fit sind.

Kurze Meldung um Mitternacht (der HSV konnte es leider nicht bestätigen, aber die Berliner taten es inzwischen):
Tunay Torun wechselt für drei Jahre (und ablösefrei) zu Erstliga-Aufsteiger Hertha BSC. Ich wünsche dem jungen Mann dort mehr Glück, wir alle werden sehen, ob er dort Stammspieler wird.

17.31 Uhr